Der Kampf um den Bundesratssitz – eine Gegenüberstellung

Es gibt zwei Bewegungen, die in den letzten 25 Jahren mit Vehemenz eine Vertretung im Bundesrat forderten: Die SP-Frauen und der Zürcher Flügel der SVP. Beide wurden vehement bekämpft. Eine Gegenüberstellung:

SVP, Zürcher Flügel
 
1999: Einerkandidatur (Reizfigur) für besetzten Sitz, auf den eine andere Partei Anspruch hat. Fehlgeschlagen.
Blocher gegen Leuenberger und Dreifuss. Leuenberger und Dreifuss werden wiedergewählt.
 
2000: Zweierkandidatur (zwei Kompromisskandidaten) auf unbestrittenen freien Parteisitz. Fehlgeschlagen.
Eberle und Fuhrer für freien Sitz. Sprengkandidat Schmid wird gewählt.

Sprengkandidat nimmt Wahl an.

2002: Einerkandidatur (nicht valabel) auf freien Sitz, auf den eine andere Partei Anspruch hat. Fehlgeschlagen.
Bortoluzzi gegen Calmy-Rey und Ruth Lüthi. Calmy-Rey wird gewählt.

2003: Einerkandidatur (Reizfigur) auf besetzten, aber umstrittenen Sitz. Drohung mit Opposition. Erfolgreich.
Blocher gegen Metzler und Deiss. Blocher wird gewählt, Metzler wird abgewählt.

2007: Reizfigur steht zur Wiederwahl.
Sprengkandidatin Widmer-Schlumpf gegen Blocher. Widmer-Schlumpf wird gewählt, Blocher wird abgewählt.

Sprengkandidatin nimmt Wahl an.

2008: Zweierkandidatur (Reizfigur und Kompromiss-Zwillig) auf unbestrittenen freien Parteisitz. Drohung mit Opposition. Zwilling erfolgreich.
Blocher und Maurer für freien Sitz. Maurer wird gewählt.

SP-Frauen
 
1983: Einerkandidatur (Reizfigur?) für unbestrittenen freien Parteisitz. Fehlgeschlagen.
Uchtenhagen für freien Sitz. Sprengkandidat Stich wird gewählt.

Sprengkandidat nimmt Wahl an.

1984-1993: Geduldiges Warten auf nächste Chance.

1993 (1. Wahl): Einerkandidatur (Reizfigur) für unbestrittenen freien Parteisitz. Fehlgeschlagen.
Brunner für freien Sitz. Sprengkandidat Matthey wird gewählt.

Sprengkandidat lehnt Wahl ab.

1993 (2. Wahl): Zweierkandidatur (Reizfigur und Kompromiss-Zwillig) für unbestrittenen freien Parteisitz. Drohung mit Opposition. Zwilling erfolgreich.
Brunner und Dreifuss für freien Sitz. Dreifuss wird gewählt.

 
Resultat: 9 Jahre nach erstem Anlauf am Ziel. Jedoch zweiten Sitz verloren (ausgeschlossen).

Fazit: Die SVP wählte immer die offensive Variante. Sie griff die Konkordanz an. Sie wartete nicht auf einen Rücktritt von einem CVP-Bundesrat. Dadurch konnte sie die Reizfigur zwischenzeitlich in den Bundesrat bringen. Ausserdem kam das bei ihrer Wählerschaft an. Jedoch entstand innerhalb und ausserhalb der Partei viel Kollateralschaden (Parteispaltung, verlorener zweiter Sitz, zwei abgewählte Bundesräte). Loyalität in der Partei ging verloren.

 
Resultat: 10 Jahre nach erstem Anlauf am Ziel.

Fazit: Die SP-Frauen zeigten viel Geduld. Sie unternahmen keinen Angriff auf die Konkordanz. Dafür haben sie ihr Ziel auf lange Zeit hinaus gesichert. Keine Parteispaltung. Loyalität in der Partei konnte aufrecht erhalten bleiben. Es konnten damit aber keine aussergewöhnlichen Erfolge bei Wahlen errungen werden.

Gesamtfazit: Beide Bewegungen standen vor ähnlichen Problemen. Sie entschieden sich jedoch für unterschiedliche Strategien, die beide ihre Vorteile und Nachteile hatten. Beide haben berechtigte Forderungen gestellt, bei den Gegnern solche berechtigte Forderungen aber ignoriert (Wahl von Schmid und Stich). Beide forderten von den Gegnern also ein Verhalten, das sie selber nicht einhielten.

2 Gedanken zu „Der Kampf um den Bundesratssitz – eine Gegenüberstellung“

  1. Interessante Analyse. Trotz dieser Hau-Ruck-Methode hat die SVP während diesen neun Jahren immer noch Stimmen zugelegt. Vielleicht auch gerade darum. Ich denke, die Strategie sollte ja auch immer ein wenig auf die Wähler und Parteimitglieder angepasst sein.

  2. Wirklich eine schöne Zusammenstellung!

    @flöschen: Klar, die SVP hat wohl bei Bundesratswahlen hauptsächlich zum Angriff geblasen, um Wähler hinter sich zu scharen. Aber genau dies dürfte ihr nun zum Problem geworden sein. Sie hat alles, was rechts von ihr war aufgesogen und etliche weitere Unzufriedene abgeholt, ihre alte Wählerbasis hat sie aber zunehmend entzweit. In der Stadt Bern musste sie bei den vergangenen Wahlen erstmals gegen die BDP antreten – und büsste prompt 27% ein.

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