Der Tages-Anzeiger rüstet sich für die Zukunft

Seit auf persönlich.com die Zukunftspläne des Tages-Anzeigers publik wurden, wird in der Blogosphäre eifrig diskutiert.

Schauen wir der Realität doch mal ins Auge: Für simple News des vergangenen Tages zahlt heute niemand mehr etwas. Diese gibt es in den Gratiszeitungen und im Web umsonst und schneller denn je. Diese müssen durch Werbung finanziert, und weil Werbeeinnahmen knapp sind, rationell produziert werden. Deshalb sind Newsroom-Strategien, wo eine Redaktion (oder eher Newsfabrik?) diese für verschiedene Medien aufbereitet, wohl eine zukunftsträchtige Lösung. Es macht keinen Sinn, die gleiche Story in verschiedenen Worten zu schreiben – jedenfalls nicht, wenn man für ungefähr die gleiche Zielgruppe, das breite Massenpublikum, schreibt.

Eine Bezahlzeitung muss natürlich einen klaren Mehrwert bieten, um eine Zukunft zu haben. Diesen Mehrwert erhält sie nicht, indem sie einen zusätzlichen Reporter an eine Pressekonferenz schickt, der dann die selben Fragen etwas anders stellt. Mehrwert gibt es durch…

  • Primeurs, also eigene, recherchierte Storys, die die anderen Zeitungen noch nicht haben.
  • Analysen und Meinungen, damit man sich in ein Thema vertiefen, die Zusammenhänge verstehen und das Thema von verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann.
  • Lokalgeschichten aus dem Dorf oder Quartier.
  • Vollständigkeit der News und Auffindbarkeit spezifischer Themen. (Wobei das auch ein Angebot der Gratismedien sein sollte. Aber vielleicht kann man in Bezahlmedien mehr dafür investieren.)
  • Ansprechende Gestaltung und Illustration.

Dem Leser vorzuschreiben, was er für wichtig halten soll, gehört nicht dazu. Es gibt meines Erachtens sowieso keinen funktionierenden rationalen Ansatz zur Gewichtung von Themen. Ein interessanter Ansatz fände ich hingegen, den Leser auwählen zu lassen, ob er sich zum Beispiel mehr für Kultur und Feuilleton oder mehr für People-Geschichten, mehr für Technik und Wissenschaft oder mehr für Weltpolitik interessiert und entsprechend ein individuelleres Produkt erhält (wie es ja mit den Lokalausgaben des TA bereits geschieht) – aber vermutlich stellen sich da einige Probleme in Produktion und Vertrieb.

Die Projekte des TA scheinen in die richtige Richtung zu gehen. Zumindest ist es ein prüfenswerter Ansatz. Dass er handeln muss, bestreitet wohl niemand – es geht ums Überleben des Recherchenjournalismus. Dass die Themengewichtung vom Newsnetz übernommen und damit dem durchschnittlichen Leserinteresse angepasst wird, bedeutet nicht, dass die Qualität auf Gratismedien-Niveau sinkt.

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