Gaza-Krieg in der Schweiz

Eigentlich könnte man ja denken, Gaza sei weit weg, die Schweizer gehe das nichts an. Die Schweizer könnten den Krieg kühl und distanziert zur Kenntnis nehmen, wie sie es bei Kriegen in Sri Lanka oder Kongo machen. Der Nahe Osten aber ist anders: Er weckt Gefühle, die wir selten empfinden bei Nachrichten aus der Welt: Sympathie, Unverständnis, Bestürzung, Ablehnung, Trauer, Wut und sogar Hass. Leserbrief- und Kommentarspalten füllen sich, die Parteien (quer durch die politischen Parteien) stehen sich unversöhnlich gegenüber, die Journalisten geraten zwischen die Fronten ihrer eigenen Leser-/Hörer-/Zuschauerschaft. Im Nahen Osten scheint es keine Neutralität/Objektivität zu geben. (Vielleicht ist Neutralität sowieso eine Illusion, und der Nahe Osten ist der Beweis dafür.)

Wieso denn? Politische und religiöse Überzeugungen vermischen sich mit uralten Vorurteilen und mit der europäischen Geschichte. Verschafft die propalestinensische Seite ihrer Wut Luft und begibt sich auf die Strasse, mischt sich in die Wut über die israelische Politik auch Hass gegenüber dem jüdischen Volk, wodurch sich die proisraelische Seite über antisemitische Grosskundgebungen schockiert zeigt, wodurch sich die andere Seite wiederum unverstanden fühlt. Politische, religöse, ideologische und rassistische Argumente sind so ineinander verwoben, dass eine rationale Auseinandersetzung kaum möglich erscheint – nicht nur für Juden und Araber, sondern auch für «normale» Schweizer. Da dachte man, die Schweizer könnten alles nüchtern und neutral betrachten und in jeder Frage einen Kompromiss finden – weit gefehlt! Der Gaza-Krieg herrscht auch in der Schweiz.

So betrachtet finde ich es eigentlich sehr erstaunlich, dass innenpolitisch in der schweizerischen Gesellschaft keine solch tiefe Gräben mehr vorhanden sind. Eidgenössische Konsenspolitik – was für eine Leistung!

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