Wie misst man journalistische Qualität?

Die Journalistenzunft befürchtet den Untergang der Qualitätszeitung – und hat auch allen Grund dazu. Internet und Gratiszeitungen sorgen für schrumpfende Abonnementszahlen und Werbeeinnahmen und führen damit zu schrumpfenden Redaktionen. Die Wirtschaftskrise beschleunigt den Prozess zusätzlich. Gibt es einen Ausweg?

Die Probleme mit der Qualität

Um den Kaufpreis, die mangende Aktualität und Interaktivität und die Hochschwelligkeit wettzumachen, gibt es nur ein Argument – wie der Name schon sagt: Qualität. Dabei gibt es zwei Probleme:

  • Die offene Definitionsfrage: Was sind Qualitätsmerkmale? Verleger und Redaktionen scheinen sich noch nicht im Klaren darüber zu sein, was eine Qualitätszeitung ausmacht und auszeichnet.
  • Kommunikation: Weil die Definitionsfrage ungelöst ist, kann man Qualität auch schlecht messen und darum auch nur schlecht kommunizieren. Wer seine einzige Existenzberechtigung schlecht kommunizieren kann, der ist tatsächlich – verloren. Denn die Leute wissen gar nicht, wieso sie dieses Produkt kaufen sollen.

Die Kriterien

Versuchen wir doch, der Definitionsfrage auf den Grund zu gehen: Was ist der Mehrwert, den eine Qualitätszeitung gegenüber der Gratiszeitung und den Webangeboten bieten kann? Was sind die Kriterien, nach denen dieser Mehrwert sichtbar wird? Es gibt universelle und zielgruppenspezifische Qualitätsmerkmale. Universelle Qualitätsmerkmale können im Gegensatz zu zielgruppenspezifischen mit einem einheitlichen Massstab gemessen werden.

  • Objektivität: Eine Berichterstattung, die sich an Fakten orientiert, sich von der vorherrschenden Meinung abgrenzen kann und Berichte klar von Meinungen und Emotionen trennt.
  • Korrektheit der Informationen: Fehlerlose, genaue und überprüfte Berichterstattung.
  • Werbefreiheit: Eine klar ersichtliche Trennung zwischen Werbung und redaktionellem Teil.
  • Unabhängigkeit: Mächtige und Besitzende können keinen Einfluss auf die Berichterstattung nehmen.
  • Primeurs: Exklusive, recherchierte Storys mit Newswert.
  • Aufwändige journalistische Darstellungformen: Von der Reportage über Analysen und Datenvisualisierungen bis zu Karikaturen.
  • Meinungspektrum: Breites, ausgewogenes Spektrum an Meinungen – oder alternativ auf Zielgruppe bezogenes Meinungsspektrum.
  • Verständlichkeit: Zielgruppengerechte Anpassung des Schwierigkeitsgrades, damit die Leserschaft die Texte versteht, aber nicht gelangweilt wird.
  • Themenauswahl und Gewichtung des Inhalts nach objektiven, aber der Zielgruppe angepassten Relevanzkriterien.
  • Stilfragen: Der Zielgruppe entsprechender Stil bezüglich Personalisierung, Darstellungsformen, Sprache usw.
  • Präsentation: Zielgruppengerechtes Layout, Format und Bebilderung. Orientierungsmöglichkeiten und Übersichtlichkeit.
  • Konstanz: Dauerhaft gleich bleibende Qualität über die gesamte Zeitung.

Boulevard ist tot

Ich stelle fest, dass die Qualitätszeitungen traditionellerweise zielgruppenspezifische Kriterien für universelle Kriterien halten. Sie glauben, einen einheitlichen Massstab für Relevanz und Stil zu haben. Ich hingegen glaube nicht, dass es eine allgemeingültige Relevanzmessung geben kann. Wieso soll Sport relevant sein und eine blaublütige Hochzeit nicht? Relevanz hängt immer vom Lebensumfeld und vom Interesse des Individuums ab.

Boulevard war noch nie eine schlüssige Kategorie. Nun wird der Begriff je länger je unbrauchbarer. Eine Zeitung, die sich an «tiefere» soziale Schichten richtet, kann genausogut ein Qualitätsprodukt sein wie eine, die sich an die «Elite» richtet. Bezahlzeitungen, die überleben wollen, müssen alle nach Qualität streben, um ihre Existenzberechtigung nicht zu verlieren.

Es lebe das Premiumangebot

Die einzige sinnvolle Trennung ist jene in Gratis- und Premiumangebote. Premiumangebote müssen sich über die Qualitäten, die sie anbieten wollen, im Klaren sein, diese auch für die Kunden überprüfbar machen und kommunizieren. Slogans wie «Dranbleiben» wären für Gratisangebote angebracht, scheitern aber, wenn es darum geht, Premiumqualität zu kommunizieren. Auch die Strategie, Gratis- und Premiumangebote unter der gleichen Marke anzubieten, halte ich für verfehlt. Eine Premiumangebot kann sich nicht von Gratisangeboten abheben, wenn es unter der gleichen Marke online alles gratis gibt.

Dafür versuchen sich Qualitätszeitungen mit traditionellem Layout abzuheben. Diese Strategie halte ich ebenfalls für verfehlt. Traditionelles Erscheinungsbild ist kein Qualitätsmerkmal, sondern hat deutliche qualitative Nachteile. Das Erscheinungsbild sollte praktisch und zielgruppengerecht sein. Nicht mehr und nicht weniger.

Gibt es also einen Ausweg aus der Misere? Ja. Es fragt sich nur, ob die Zeitungen diesen auch finden.

2 Gedanken zu „Wie misst man journalistische Qualität?“

  1. Hallo,
    sehr schöner Artikel! Kann mir Jemand konkrete Quellen in der Literatur nennen, in denen z.B. die genannten Kriterien nochmal genauer behandelt werden? Würde mich sehr freuen.

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