Freidenker vs. Freisinnige

Es war an der Konfirmation. Die Konfirmanden setzten sich mit ihrem Glauben und ihrer Weltanschauung auseinander und präsentierten das Resultat der Gemeinde – als Theäterchen oder kurze Reden. Und wie es so ist, wenn man sich kritisch damit beschäftigt: Manche fühlten sich in ihrem Glauben bekräftigt und sagten das auch. Und manche kamen zum Schluss, dass die Vorstellung eines Schöpfers für sie nicht glaubhaft ist – und sie sagten das auch: «Für mich gibt es wahrscheinlich keinen Gott.» Sie wurden trotzdem konfirmiert. Und es wandte auch niemand etwas dagegen ein.

Wenn nun die Freidenker-Vereinigung eine solche Aussage auf Bussen anbringen will, geschieht Erstaunliches. Die St. Galler Verkehrsbetriebe lehnen das Plakat ab. Der St. Galler FDP-Stadtrat Fredy Brunner erläutert:

Der Stadtrat macht sich tatsächlich auch Sorgen, dass sich die Werte in unserer Gesellschaft verändern in eine Richtung, die es nicht einfacher machen zusammenzuleben. Auch oft eine gewisse Tendenz zur Entsolidarisierung.»

Da bin ich wirklich sehr erstaunt. Er meint also, dass der Staat die Leute von gewissen Weltanschauungen schützen und für sie entscheiden muss, welcher Glauben der bessere ist, und dass mit einem Glaubensverlust ein Wertezerfall einhergehe. Ich dachte, der Staat hätte diese Denkweise überwunden. Ich dachte, der Staat würde sich nicht mehr in private Angelegenheiten einmischen.

Wenn der Staat in religiösen Angelegenheiten eine Aufgabe hat, dann die: Die Leute zum kritischen Denken anregen, zum dauernden Hinterfragen der eigenen «Wahrheit», und zur Toleranz gegenüber andersdenkenden. Der Spruch der Freidenkerbewegung macht genau das. Er verkündet keine Wahrheit. Er regt zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben, den eigenen Weltanschauungen an.

Eine Gefahr für das Abendland besteht dann, wenn die Leute blind einem Heilsversprecher welcher Couleur auch immer folgen, und nicht zum kritischen Denken fähig sind. Oft sind kirchliche Vertreter in dieser Sache viel aufgeschlossener als… – ja zum Beispiel als Stadträte, die einer sogenannt freisinnigen Partei angehören.


(Link Rundschau)

5 Gedanken zu „Freidenker vs. Freisinnige“

  1. Ich teile Deine Einschätzung. Es ist schon etwas albern, wenn sich die Politik in die Werbeplattform-Verteilung der Verkehrsbetriebe einmischt und dazu gesamtgesellschaftliche Solidaritätsüberlegungen anstrengen muss. Die Ostschweiz tickt aber nun mal christlich-konservativ. Sonst würden hier ja nicht soviele CVP wählen…

  2. Bizarr an der St. Galler Geschichte war ja, dass es in erster Linie ein Pfarrer war, der dem (Schein-?)liberalen Stadtrat während der Parlamentsdebatte die Leviten las.

    Glaubt man dem St. Galler Tagblatt ist er inzwischen von seiner Zensurhaltung abgekommen. Der Rundschau-Beitrag lässt daran allerdings zweifeln. Welche seiner Haltungen nun wirklich gilt, bleibt irgendwie unklar.

    @Michael: Hast Du evt die Printausgabe gelesen? Da stand ja auf S. 35 noch mehr zum Thema.

  3. Erinnert Ihr Euch noch an die Plakate mit den Bibel-Sprüchen, welche man vor einigenMonaten (zum wiederholten Male) sehen konnte? Falls nicht, hier eine kleine Erinnerungshilfe:
    http://www.agentur-c.ch/cards/d/

    Auch wenn diese nicht auf Bussen angebracht wurden, konnte so doch mindestens von öffentlichem Grund her gesehen resp. gelesen werden (das haben Plakate in der Regel so an sich).

    Wo waren da die gleichen Politiker, die heute gegen die Frei-Denker-Kampagne Partei ergreifen?

  4. Der Siebenjahresplan der Agentur C (s.a. hier) soll ab Herbst 2010 in die dritte und letzte Phase gehen.

    «Gottes Gebote» sollen dann im Vordergrund stehen. Ein Beispielplakat zeigt die Agentur gleich schon auf ihrer Website: «Gott spricht: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.»

    Wetten, dass all die Berufssichempörer, welche die Freidenkerkampagne als verletzend kritisieren, dannzumal keinen Pieps von geben werden.

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