Politik der Paranoia – heute: Islamisierung

Konservative brauchen eine Bedrohung von aussen, einen Feind. Konservative Männer sehen es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben an, ihre Familie und ihr Land vor jeglicher Bedrohung zu schützen und verteidigen. Das ist Teil ihres Weltbildes. Ohne Feind wäre nicht nur die Armee, sondern der Mann an sich überflüssig geworden, oder zumindest weniger wichtig. Beim Ende des Kalten Krieges ist den Konservativen der gemeinsame Feind verloren gegangen. Zum «Glück» haben sie rasch einen Ersatz gefunden.

Hegten frühere Konservative noch Ressentiments gegenüber der westlichen Moderne, Amerika und den Juden, haben sich die Neukonservativen nun der bedingungslosen Solidarität mit Israel und den republikanischen USA verschrieben. Nun gilt es, das «christlich-jüdische Abendland» gegenüber dem Islamismus – oder besser: «Islamofaschismus» – zu verteidigen.

Ein gemeinsamer Feind dient zur Einigung in den eigenen Reihen (in schweren Zeiten muss man «zusammenstehen») und zur Ausgrenzung von Abweichlern. Der Feind wird über lange Zeit aufgebaut, je grösser und furchterregender, desto besser. Sie ziehen auf der Seite des Guten in den Kampf gegen das Böse – und bezeichnen Leute, die dieses Schwarz-weiss-Denken ablehnen, als «Gutmenschen». Oder sie werfen ihnen gar «Appeasment» vor, Beschwichtigungspolitik wie die Engländer damals, als sie das Naziregime auf diplomatischem Weg in die Schranken weisen wollten.

So wird also die «islamische Gefahr» tagtäglich beschworen. Jasmin Hutter sieht uns «täglich aufs Neue islamisiert». Walter Wobmann kommt aus einem «minarettgeschädigten Kanton». Die Neukonservativen fordern, dass die Muslime «unsere Spielregeln lernen», reden von der Verteidigung der Freiheit, möchten aber gleichzeitig nicht nur alle muslimischen Symbole aus der Öffentlichkeit verbannen, sondern den Muslimen in der Schule noch christliche Weihnachten aufzwingen. Alles andere wäre für Lukas Reimann eine «Perversion der Toleranz». Eine kinderreiche christliche Familie ist für sie ein Glück, eine kinderreiche türkische Familie hingegen ein Clan, eine Gefahr. Wenn es darum geht, den bösen Feind zu diskreditieren, spielen sie sich ungeniert auch als Anwälte für Homosexuelle und Frauen auf, deren Gleichberechtigung sie selbst so lange verhindert haben und weiter verhindern. Sie zeichnen die Aufklärung als aus dem Christentum hervorgegangene Errungenschaft, und verkehren damit die historische Realität, dass sich die Aufklärung nämlich trótz dem Christentum und gégen deren Vertreter durchsetzen konnte.

Wenn es darum geht, den Wehrmännern das Gewehr und die Munition nicht mehr nach Hause zu geben, sprechen sie von «Generalverdacht». Man könne nicht aus einigen wenigen [hunderten] Fällen auf die Gesamtheit schliessen. Wenn es um Muslime geht, argumentieren und handeln sie aber genau nach diesem Prinzip: Generalverdacht.

Wer sich im Kampf gegen das Böse befindet, kann locker über die grössten Widersprüchen hinweg sehen. Anschauungsmaterial gefällig? Voilà:

In einer losen Serie thematisiere ich Thesen des (empfehlenswerten!) Buches «Politik der Paranoia» von Robert Misik – adaptiert auf die politische Situation in der Schweiz.

Ein Gedanke zu „Politik der Paranoia – heute: Islamisierung“

  1. Die „zunehmene Islamisierung“ verschwindet nicht, indem man Minarette verbietet. Das sollte auch ein Lukas Reimann wissen…

    …und tut er vermutlich auch. Nur hat er wie viele seiner Parteigenossen ein Problem damit, einen Mehrheitsentscheid zu akzeptieren. So eben jener von Stadt Wil und Kanton SG, dass dieses Minarette gebaut werden darf.

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