Jedem sein Trash – der personalisierte Newsfluss

Wo bezog Otto Normalverbraucher früher die News? Es gab es die abonnierte Tageszeitung sowie die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender – und fertig. Man war auf ganz wenige Quellen angewiesen. Medienvielfalt? Niente. Na klar, es gab ganz viele verschiedene Tageszeitungen, die vielleicht noch weniger einander abschrieben als heute. Aber diese konnte man ja nicht alle abonnieren. Man abonnierte genau eine Zeitung – vielleicht das ganze Leben lang die gleiche. Die Medienvielfalt gab es zwar auf dem Markt, aber beim Konsumenten kam sie nicht an.

Diese wenigen Produkte mussten sich dem Mainstream anpassen. Denn es gab für alle das gleiche Produkt. Und der Platz war beschränkt. Die Redaktion entschied, was relevant war und wofür kein Platz vorhanden war. Sie hatte die unangefochtene Hoheit über die Themenauswahl und -gewichtung.

Mit der Zeit wuchs die Auswahl. Zeitschriften, Wochenzeitungen und Privatsender komplettierten den Medienkonsum. Diese ermöglichten ein spontanes Wechseln, aber ihr Themenspektrum und ihre Präsentationsart waren noch immer auf ein sehr breites Publikum zugeschnitten. Wer nur an einer oder zwei Kolumnen der Weltwoche interessiert ist, bezahlt entweder die ganze – oder lässt es halt bleiben.

Heute bezieht Otto Normalabweichler, ein mündiger Medienkonsument, seine News aus vielen verschiedenen Kanälen. Der RSS-Reader ist das Gefäss, in dem alles zusammenkommt. Ganz nach eigenem Geschmack stellt man sich seine Informationsquellen zusammen, die laufend wechseln. Mit Hilfe von Aggregatoren wie Rivva oder Google News kann man zudem herausfinden, welche Themen im Moment gerade heiss diskutiert werden.

Die Medienvielfalt hat also, gemessen an dem, was beim Konsumenten ankommt, enorm zugenommen – entgegen den oft gehörten Klageliedern. Der Medienkonsum hat sich von Mainstream zum hochpersonalisierten Informationsfluss entwickelt.

Und die klassischen Medien? Sie haben diese Entwicklung verschlafen. Sie wollen noch immer Mainstreamprodukte verkaufen. Die Newsportale verkaufen allen Benutzern das gleiche. Sie entscheiden zwar nicht mehr selber, was prominent erscheint, sondern lassen die Klickraten (mit-)bestimmen. Statt einer Personalisierung findet also eine verstärkte Ausrichtung auf den Mainstream statt. Mit der Folge, dass eigentlich niemand richtig zufrieden ist. Was interessiert mich der Trash, für den sich andere interessieren? Ich will meinen eigenen, auf meine Interessen und mein Wissen zugeschnittenen Trash! Ich will ein personalisiertes Surferlebnis.

Und ich will auf mich zugeschnittene Abos. Die heute angebotenen RSS-Feeds sind jämmerlich. Die Anschnitte sind so knapp, dass man kaum entscheiden kann, ob der Text lesenswert ist. Und die Auswahl an Feeds ist sehr beschränkt. Ich möchte einzelne Autoren, einzelne Themendossiers und einzelne Rubriken wie z.B. NZZ Votum abonnieren können. Das Newsnetz müllt die Feeds zudem mit dauernden Artikelrevisionen zu.

Die Werbung ist in den Newsportalen für alle gleich, obwohl man doch in der Werbebranche schon seit Jahrzehnten von Personalisierung und Minimierung von Streuverlusten redet. Wenn man schon von Google als Konkurrent spricht, sollte man wenigstens dessen grundlegenste Mechanismen studieren – und kopieren, denn so dumm sind die nicht.

Wenn die Verleger den Kampf im Onlinegeschäft nicht verlieren wollen, müssen sie sich dringend über die Personalisierung und Diversifizierung Gedanken machen. Vermutlich müssen sie sich dann auch von der One-Brand-Strategie verabschieden. Denn mit einer konsequent umgesetzten Personalisierungsstrategie wird ein Newsportal zu einem komplett anderen Produkt, das sich kaum mit einer «seriösen Tageszeitung» unter einen Hut bringen lässt. (Schon jetzt werden die Newsportale beträchtlich eingeschränkt, weil sie auf die Marke Rücksicht nehmen müssen.)

Und wer weiss, vielleicht schafft die Personalisierung irgendwann sogar den Weg zurück zum Print. Erste Ansätze dazu gibt es bei der Post und bei Niiu.

5 Gedanken zu „Jedem sein Trash – der personalisierte Newsfluss“

  1. ja, „wir“ traditionellen medien haben den zug etwas verschlafen. aber: individuelle news-beglückung ist nicht ganz ohne, etwa mit blick auf vertiefung, einordnung, hintergrund. denn wenn tatsächlich klickraten überall den journalisten-ton angeben sollten, dann, ja dann wird’s halt schon echli schwiirig mit informationsauftrag, unabhängigkeit etc.

  2. Ja, im Bereich der gebührenfinanzierten Medien gebe ich dir recht, da bin ich auch absolut dagegen, dass diese sich nach Klickraten richten.

    Im Weiteren bin ich aber überzeugt, dass das, was beim Konsumenten ankommt, nicht schlechter wird, wenn es sich nach den individuellen Bedürfnissen des einzelnen richtet. Eher kann man viel mehr Leute erreichen. Du bist ja das beste Beispiel dafür. Dank deinem Blog (und anderen) kann ich mir ein besseres Bild machen vom Nahostkonflikt. Ich kann mich gemäss meinen Interessen in ein Thema vertiefen und wenn ich will auch alle deine Artikel des letzten halben Jahres lesen. Die traditionellen Medien sagen mir, was mich interessieren soll, und das geht schlicht nicht.

    Ich habe überhaupt keine Angst, dass dadurch, dass man den Leuten das gibt, was sie interessiert, die wichtigen, für die Menschheit relevanten Nachrichten untergehen. Vielmehr ist es eine Chance, die relevanten Themen an die Leute zu bringen, die bisher nur den Sportteil gelesen haben.

  3. Das sehe ich ziemlich ähnlich: Individuelle News müssen nicht minder tiefgründig sein wie News „nach dem Giesskannenprinzip“. Sie könnten sogar gefragter sein als wenn ich nur das „Pauschal-Angebot“ zugestellt bekomme.

    Ich orte eher ein anderes Problem: Die Mehrheit der Konsumenten mag gar nicht individuell beliefert werden. Das zeigt sich schön an den Gratis-Blättern. Die werden gelesen, ohne dass die Mehrheit der Leser wirklich über den Informationsgehalt nachzudenkt…

  4. Ich denke eher, die werden gelesen, weil sie eine tote Zeit überbrücken und dort kein attraktiveres Medium vorhanden ist. Für viele wäre die Alternative, gar nichts zu lesen.

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