Albanien will dazugehören

Albanien ist das letzte Entwicklungsland Europas. Bis 1990 komplett abgeschottet und verarmt durch das kommunistische System von Diktator Enver Hoxha und danach oft vom Chaos und von den alten Gewohnheitsrechten (Kanun) mit der Blutrache eingeholt, hat der demokratische Staat nun Wurzeln geschlagen. Es ist noch ein zartes, verletzliches Pflänzchen, aber des Boden ist von besonderer Fruchtbarkeit, und das Pflänzchen beginnt prächtig zu gedeihen.

Albanien in dieser Transformationszeit zu bereisen, ist ein wunderbares Erlebnis. Die traurigen Zeugnisse der Hoxha-Zeit, hunderttausende Bunker überall, Plattenbauten und Industrieruinen, und auch die Bluttürme prägen vielerorts das Bild. Doch man spürt es überall: Das albanische Volk will diese alten Geschichten abschliessen und ein völlig neues Kapitel beginnen. Change is in the air. Überall wird gebaut: Strassen, Häuser, Hotelanlagen. Viele Exilalbaner kehren aus Westeuropa zurück, mit Visionen für ihr Land. Die Kinder lernen in der Schule nun Englisch, um bereit zu sein für die neue Welt. Die beiden grossen politischen Blöcke nennen sich «Allianz für Wandel» und «Union für Wandel». Bei den kommenden Wahlen am 28. Juni wird der Wandel also bestimmt gewinnen.

flaggen-albanien-euAm erstaunlichsten war für mich die völlige Offenheit gegenüber kulturellen Einflüssen von aussen. Die Albaner standen über Jahrhunderte unter dem Einfluss der Griechen, Römer, Venezier und Türken. Sie haben gelernt, dass Einflüsse von aussen die Kultur bereichern und nicht bedrohen. Das albanische Volk hat eine starke eigene Identität und keine Angst, diese zu verlieren. Angst vor Europäisierung, Islamisierung, Globalisierung? Die Albaner hätten dafür mehr Gründe als manch anderes Land, aber nehmen das alles ganz gelassen. Seit langem stehen in Albanien katholische und orthodoxe Kirchen und sunnitische und Bektaschi-Moscheen friedlich nebeneinander. In Tirana sieht man weniger islamische Kopftücher als in Zürich. Geheiratet wird quer durch die Religionen. S’ka problem! Und so werden sich demnächst die ersten McDonalds-Filialen neben die Byreke-Buden gesellen, Bowling-Bahnen werden die Billard-Keller ergänzen. In den Strassen Albaniens wehen mehr EU-Flaggen als in jedem EU-Land. Und nun während dem Wahlkampf wohl mehr als in allen EU-Ländern zusammen. Albanien ruft: «Wir wollen dazugehören!» Ob der Ruf wohl gehört wird?

Es ist wohl die schweizerische Mentalität, die zum Vorschein kommt, wenn ich mir nun Sorgen mache: Werden die schönen Traditionen des Landes den Prozess überstehen? Wird sich in fünf oder zehn Jahren immer noch ein Ismail finden, der die fremden Gäste spontan zu sich einlädt und sie im eigenen Bett (!) schlafen lässt? Wird der Kellner vom Restaurant nebenan den Picknickern im Park immer noch ein Tischtuch bringen? Werden die Busfahrer immer noch anhalten und die Radfahrer fragen, ob er sie mitnehmen darf? Es ist zu hoffen, dass die Albaner ihre schönen Traditionen beibehalten. Und es ist zu hoffen, dass die Westeuropäer diese entdecken und sich ein Stück davon abschneiden. (Letztere Hoffung ist aber leider verschwindend klein.)

4 Gedanken zu „Albanien will dazugehören“

  1. Hallo,
    ich besuche nun Albanien schon seit 14 Jahren mehrmals pro Jahr.
    Sehr viel Positives hat sich seit dem unsäglichen Kosovokrieg vor 10 Jahren getan.
    Die Herzenswärme der Bevölkerung besonders gegenüber Fremden ist in Europa einzigartig. In keinem anderen Land fühlte ich mich als Besucher so wohl wie in Albanien. Das Land bietet neben diesen lieben Menschen eine wunderbare teilweise atemberaubende Natur und wunderschöne gemütliche pittoreske Dörfer und Städte. Obst, Gemüse und Früchte haben noch einen Geschmack wie wir ihn in Europa durch unsere Massenproduktion nicht mehr kennen.
    Ich wünsche das die EU möglichst bald die erniedrigende und beschwerliche Visaregelung für das albanische Volk aufhebt.
    Mögen die Wahlen am 28.06.09 dem Volk eine gute friedliche Regierung bringen.

  2. Herzlichen Dank für Ihren Beitrag und Ihr Engagement für Albanien. Ich teile Ihre Ansicht, dass Albanien in den Medien und somit in der Öffentlichkeit nicht jenes Interesse erhält, das es eigentlich verdient. Ich bereise dieses Land seit 1992. Dabei wohnte ich sogar einige Monate dort und lernte die Eigenheiten kennen. Albanien ist nicht leicht zu verstehen. In die Schlagzeilen kommt es kaum. Einzig wenn es dort Unruhen gibt. Jene von 1997 habe ich hautnah miterlebt, vom ersten bis zum letzten Tag. Die Gastfreundschaft der Albaner habe ich besonders in jener Zeit kennen gelernt. Es sind Mittelmeerbewohner, mit den bekannten, mediteranen Eigenheiten. Hoffen wir, dass die Wahlen vom nächsten Sonntag einigermassen friedlich ausgehen. Auch wenn ich einmal zum „Freundeskreis“ von Sali Berisha gehörte, würde ich einem Regimewechseln nicht negativ gegenüberstehen. Sollte es wirklich gelingen, dass das Skipetarenland in die EU gelang, wird sich Einiges zum Positiven wenden. Uns bleibt die Hoffnung!

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