Minelli, die Kinder und der Tod

Ludwig A. Minelli bezeichnet die Debatte um Dignitas und die Sterbehilfe als «komplett falsch». Wie recht er hat! Es gibt in der Schweiz jedes Jahr über 1300 Selbsttötungen und bis zu 67’000 Suizidversuche. Das sind ganz viele Dramen, die sich fern der Öffentlichkeit abspielen. Niemand interessiert sich dafür – wir ärgern uns höchstens darüber, wenn die SBB wegen «Personenunfalls» Verspätungen haben.
Ludwig A. Minelli ist (leider) einer der wenigen, die sich dem Problem auf unvoreingenommene Weise annehmen. Wenn man den Menschen in schwierigen Lebenssituationen wirklich helfen will, kann man die Möglichkeit des Suizids, immerhin ein Menschenrecht, nicht tabuisieren. Zu wissen, dass dieser letzte Weg bei Bedarf offensteht, kann einem Menschen auch Mut geben, schwierige Zeiten auszuhalten. Minelli: «70 Prozent der Leute, die bei uns grünes Licht von einem Schweizer Arzt bekommen haben, melden sich anschliessend nie mehr. Sie sind beruhigt, weil sie wissen, dass sie sterben könnten, wenn es für sie zu schwer würde.»

Die Debatte in der Öffentlichkeit dreht sich hingegen hauptsächlich um die Räumlichkeiten für die Sterbebegleitung. Wo immer Dignitas die Sterbebegleitung durchführen will, stösst sie auf Widerstand. Dabei wird fast immer mit den Kindern argumentiert. Zum Beispiel Hanspeter Thoma, Gemeindeschreiber Pfäffikon ZH, in Schweiz Aktuell: «Es ist hier eine ganz andere Situation, wenn das irgendwie fast gewerbsmässig gemacht wird. Dann ist es auch für Kinder und Jugendliche nicht einfach so hinnehmbar.» Es wird argumentiert, man könne Kindern der Anblick von Leichenwagen nicht zumuten, die Kinder würden dann Fragen stellen, und dann müsse man erklären, welch grausiges Geschäft hier betrieben werde.

Das ist alles nur vorgeschoben. Das Problem sind nicht die Kinder. Das Problem ist das Tabu bei den Erwachsenen. Diese sind mit der Situation überfordert, nicht die Kinder. Wenn man sich selbst unvoreingenommen mit dem Thema befasst hat, kann man das sehr gut mit Kindern besprechen, und die Kinder werden sehr gut damit leben können.

(Ich möchte anmerken, dass es auch berechtigte Kritik an Dignitas gibt, insbesondere was die intransparenten Finanzen anbelangt. Das ist vielleicht mal Thema für einen weiteren Artikel. Mit den Kindern hat das jedenfalls nichts zu tun.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.