Staatskinder vs. elterliche Verantwortung

Es gibt Probleme in der Kindererziehung – grosse Probleme. In der Schweiz werden Kinder zu Hunderten misshandelt, vernachlässigt, umhergeschoben, entwurzelt. Muss man das einfach so als unabänderliche Tatache akzeptieren? Nein, natürlich nicht. Trotzdem schafft es die Politik bisher nicht, die Situation zu verbessern, denn: Ebenso heilig wie das Wohl der Kinder ist den Schweizern die Eigenverantwortung der Eltern. Dass der Staat sagt, wie die Kinder erzogen werden sollen, kommt für sie (wie auch für mich) nicht in Frage. Abgesehen davon kann auch der Staat das Wohl der Kinder unter seiner Obhut nicht garantieren.

Was also macht die Politik in diesem Zielkonflikt? Der damals zuständige Bundesrat Blocher hat das Thema einfach auf die lange Bank geschoben. Die jetzt zuständige Bundesrätin Widmer-Schlumpf hat sich der Sache angenommen und jetzt eine Verordnung in die Vernehmlassung geschickt, die für ziemlichen Wirbel sorgte. Sie will eine staatliche Ausbildung und Kontrolle aller Betreuungspersonen (auch der ehrenamtlichen), die Kinder mehr als 20 Stunden pro Woche beaufsichtigen – ausser der Eltern, Partner der Eltern und Grosseltern. Im Falle von richtigen Pflegeeltern, die die elterliche Sorge voll übernehmen, ist dies wohl ziemlich unbestritten.

Die staatliche Ausbildung und Kontrolle von Tageseltern ist hingegen der falsche Ansatz. Ein solcher Kontrollstaat kostet viel, setzt die falschen Anreize (Beaufsichtigung wird auf mehr Personen verteilt, um die 20 Stunden nicht zu überschreiten), und kann viele der Probleme nicht oder nur bedingt lösen. Dass Jacqueline Fehr die Ausbildungs- und Kontrollpflicht für Verwandte damit begründet, dass sexuelle Ausbeutung vorwiegend im Verwandtenkreis geschieht, hätte einen Artikel in der Serie «Zitate ohne Substanz» verdient – es ist reiner Populismus. Der Staat wird keinen einzigen sexuellen Missbrauch verhindern können. Ich wüsste nicht, wie das funktioneren sollte. Andere Formen von Misshandlung, die auf Überforderung der Betreuungspersonen zurückzuführen sind, könnte man mit einer Ausbildung hingegen eindämmen. Es leuchtet aber nicht ein, wieso ausgerechnet die Eltern, die häufigste Tätergruppe, davon ausgenommen sein sollte.

Wenn Ausbildung, dann sollte man beim anspruchs- und verantwortungsvollsten Job beginnen: bei den Eltern. Und weil die Eltern nicht akzeptieren werden, dass der Staat ihnen vorschreibt, wie sie ihre Kinder erziehen sollen, sollte man nicht versuchen, diese Elternausbildung von oben herab zu verordnen.

Erfolgsversprechender wäre eine lokal geregelte Elternunterstützung. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man Eltern dazu verpflichtet, sich mit anderen Eltern zu einer kleinen Gruppe zusammenzuschliessen, die sich regelmässig austauscht, gegenseitig unterstützt, berät, auch ein wenig kontrolliert, und bei Schwierigkeiten oder von Zeit zu Zeit einer Fachperson davon berichtet? Solche institutionalisierten Elterngruppen wären auch ein Ort der Integration. Wenn man einen kleinen Teil der riesigen Verantwortung, die auf elterlichen Schultern lastet, auf andere Eltern verteilt, ist die Chance gross, dass einer Misshandlung oder Vernachlässigung von Kindern vorgebeugt werden kann. Ausserdem könnte die Fachperson auf passende Ausbildungsangebote aufmerksam machen.

Kindererziehung ist keine Staatsaufgabe, aber auch keine Privatsache. Jedes Kind hat Anrecht, nicht vom Fernseher erzogen zu werden. Jedes Kind hat Anrecht auf altersgerechte Förderung und soziale Kontakte. Das Problem sollte dringend angegangen werden – aber nicht mit einer staatlichen Kontrollmentalität.

Ein Gedanke zu „Staatskinder vs. elterliche Verantwortung“

  1. letztlich kommst wohl immer darauf an, ob die erziehenden, schützenden und fördernden selber charakter haben oder eben nicht.

    eine passende illustration zum thema:

    nachzulesen in bernerzeitung online.

    rolf maurer, rektor der gimis neufeld scheint es in jeder beziehung an charakter zu mangeln. dass maturanden, inklusive und insbesondere sein söhnchen, trotz reifeprüfung nicht wissen, ob rassistische, antisemitische und sexsitische nun „lustig“ sind oder eben nicht erstaunt wohl kaum. der rektor selber begründet sein verhalten (keine sanktionen) damit, dass er mit der klasse (inkl. seinem söhnchen) stillschweigen vereinbart habe. stillschweigen, damit keiner irgendwelche konsequenzen fürchten muss. was ist schon ein bisschen rassismus, antisemitismus, sexismus bei maturanden?
    staatskinder versus elterliche verantwortung? das recht auf bildung und förderung? eben..

    der rektor und sein söhnchen. alles ich eine charakterfrage. auch die konsequenz?

    abberufen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.