Werteprogressivismus

Es ist klar, dass die Annahme der Antiminarettinitiative auch viel zu tun hat mit der Orientierungslosigkeit und Identitätskrise unserer Bevölkerung. Gemeinsame Werte geben Halt, ein gemeinsames Feindbild verleiht einer Gesellschaft Identität. Das Problem ist, dass Leute, die nach Orientierung suchen, diese meist in konservativen Werten finden. Alternativen dazu sind bisher schwer zu vermitteln. Das sollten wir versuchen zu ändern, findet Robert Misik:

„Werte“ werden im saloppen Sprachgebrauch beinahe automatisch mit „konservativen Werten“ gleichgesetzt. „Wertekonservativismus“ ist ein gebräuchlicher Begriff, von einem „Werteprogressismus“ oder „Werteprogressivismus“ hat noch nie jemand gehört, es fällt einem schon schwer, das Wort überhaupt auszusprechen.

Wird im besinnlichen Ton eine „Renaissance der Werte“ herbeigesehnt, oder in einem eher alarmistischen Ton der „Verfall der Werte“ beklagt, dann entstehen wie von selbst Assoziationsreihen im Kopf. Wer von „Werten“ spricht hält meist die traditionelle Familie hoch und ein hergebrachtes Frauenbild. Sehr oft kommt dann schnell die Rede auf „maskulinisierte Emanzen“, auf die Werte des „christlichen Europa“ und wie von selbst fügt sich dann, beispielsweise, die Ablehnung der Homo-Ehe ein, weil die ja die Verbindlichkeit der Ehe zwischen Mann und Frau relativiere. „Relativismus“, „Werterelativismus“ – die Lieblingsvokabel von Papst Benedikt XVI. -, machte in den vergangenen Jahren regelrecht Karriere. Dabei behauptet die These vom Werterelativismus nicht einmal ein Wachstum der Unmoral, sondern nur einen Verlust allgemein verbindlicher Werte. Diese These behauptet zunächst ja nicht mehr als: die einen haben diese, die anderen haben jene Werte, und es gibt keine Instanz mehr, die eine Hierarchie an Werten gewissermaßen verordnen könnte. Dennoch ist das Wort auch eine Schmähvokabel, denn sie insinuiert gleichzeitig: Die Moral von uns ist moralisch, die Moral der anderen ist relativ.

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Ein Gedanke zu „Werteprogressivismus“

  1. Guter Artikel. Stimmt, vermutlich sind nur (sekbst-)sichere Leute von allgemeinen freien Werten überzeugt. Wahrscheinlich, weil jede progressive Strömung eine grosse Unsicherheit in sich hat, anders zu dem was man kennt, auch wenn es nicht perfekt oder gut ist.

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