Das Problemjugendproblem – eine Fehlersuche

Für den Fall, dass wir uns dafür entscheiden, nach dem Abstecher in die Symbolpolitik uns wieder mit lösungsortientierter Politik um die wirklichen Probleme zu kümmern, mach ich hier mal einen Anfang – angeregt durch eine tolle Diskussion bei Frau Zappadong.

Eines der vielen Probleme, das in die Minarettinitiative hineingespielt hat, ist die Kriminalität, Gewaltbereitschaft und generelle Unangepasstheit von Jugendlichen. Diese Probleme sind bei gewissen Einwanderungsgruppen höher als bei Schweizern, es ist aber überhaupt nicht so, dass sich die Probleme auf einzelne Gruppen beschränken. Wie könnten vernünftige Lösungsansätze aussehen?

  • Kein vernünftiger Lösungsansatz ist, keine solche Leute mehr in die Schweiz zu lassen. Die Leute kommen, um hier jene Arbeiten zu machen, die die Schweizer nicht machen wollen. Zudem sind viele als Kriegsflüchtlinge in die Schweiz gekommen. Ein Rückgängigmachen ist ethisch auch nicht vertretbar. Die Wirtschaft soll zurückhaltend sein mit der Anstellung von Personen aus dem Ausland, aber wenn sie sich dafür entscheidet, dann mit allen Konsequenzen.
  • Die Fehler sind auch nicht in der Kultur der Herkunftsländer zu finden. Die Kriminalitätsrate auf dem Balkan ist laut UN-Studie heute tiefer als in Westeuropa.

Es liegt auf der Hand, dass das Umfeld der Jugendlichen hier in der Schweiz den grössten Einfluss darauf hat, ob sie auf die gerade oder die krumme Bahn gelangen. Der einzig vernünftige Ansatz ist es, hier bei uns nach Fehlern zu suchen.

  • Indem wir das Jugendkriminalität an der Nationalität oder der Religion aufhängen (z.B. auch, indem in den Zeitungen die Nationalität der Täter publiziert wird), machen wir den ersten grossen Fehler. Wir müssen die Problemjugendlichen als Individuen ernst nehmen. Indem wir das Problem der Nation oder Religion anlasten, geben wir den Jugendlichen gar keine Chance, an sich selber zu arbeiten. An ihrer Nationalität oder Religion können sie ja nichts ändern. Indem wir den Jugendlichen als Individuum mit individuellen Stärken und Schwächen betrachten und ihnen das vermitteln, nehmen wir sie ernst und geben ihnen eine Chance, sich als Individuum zu entwickeln. „Ich mag keine Schubladen und wäre einfach gerne ein Mensch“ (Zitat Zappadong) gilt auch für sie.
  • Den zweiten grossen Fehler machen wir, indem wir wegschauen. Wir zeigen zu wenig Zivilcourage. Manche haben durch die Schauergeschichten Angst bekommen, fremdländisch aussehende Jugendliche nur schon anzuschauen. Viele sind aber einfach zu bequem, mitzuhelfen beim Erziehen. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Statt das Gespräch mit störenden Jugendlichen zu suchen, werden heutzutage einfach eine Skate-, Fahr- oder Was-auch-immer-Verbotstafel und Überwachungskameras aufgestellt. Meint man wirklich, man könne mit Verbotstafeln und Videoüberwachung die schwierige Dorfjugend erziehen?
  • Den Problemjugendlichen mangelt es meistens an starken Bezugspersonen. Sie bräuchten eine Ersatzvaterfigur, weil der eigene Vater mit der Situation überfordert ist. Indem wir Klassenlehrer durch Fachlehrer ersetzen (diese Problem hat auch die politische Linke noch nicht verstanden), im Lehrerberuf die Männer fehlen, und wir es nicht schaffen, die Jugendlichen in verbindliche Freizeitangebote einzubinden, machen wir den dritten grossen Fehler.
  • Es gäbe Modelle, mit aufsuchender Jugendarbeit an die Jugendichen heranzukommen. Es gäbe Schulsozialarbeiter, Vorschulangebote, frühe Einschulung, Krippen und Mittagstische. Leider fehlt in den bürgerlichen Kantonen und Gemeinden meist das Verständnis dafür, wie wichtig solche Angebote sind, und sie fallen der Sparwut zum Opfer. Gerade gestern beispielsweise hat sich die SVP im Gemeinderat von Adliswil durchgesetzt und die Einrichtung der Schulsozialarbeit verhindert. Ein anderes Beispiel für blinde Sparwut ist die Jugendanwaltschaft im Kanton Zürich, die mangels genügender Stellenausstattung jahrelang renitente Jugendliche nicht mehr vorladen konnte, sondern sie einfach nach ein paar Monaten (!) schriftlich verwarnte. Die Lösungen müssen wir nicht erfinden, sie wären schon lange vorhanden. Allein der Wille fehlt. Indem die bürgerlichen Parteien am falschen Ort sparen, machen sie den vierten grossen Fehler.
  • Und der fünfte grosse Fehler ist, dass wir dann genau diese Politiker wählen, die der Lösung der Probleme im Weg stehen.

Ich habe keine Illusionen, dass wir diese fünf Fehler in kurzer Zeit ausmerzen können. Ausserdem wird es dann, wenn es einmal soweit sein wird, noch ein paar weitere Jahre gehen, bis Resultate sichtbar sind. Darum wird die SVP-Ausschaffungsinitiative wohl ebenfalls angenommen werden, obwohl sie keines dieser Probleme angeht, sondern genau den Fehler 1 macht, zu einer weiteren Diskriminierung führt und damit die Probleme noch verschärfen wird.

16 Gedanken zu „Das Problemjugendproblem – eine Fehlersuche“

  1. Herzlichen Dank für diese Plattform zu einer Diskussion über die Probleme der Jugendgewalt.

    Zu Punkt 1:
    Ich mag tatsächlich keine Schubladen und hirne seit gestern daran herum, warum ich das Problem der Jugendgewalt trotzdem gerne auch unter dem Aspekt der Herkunft anschauene möchte. Dazu einige Antworten:
    – Das Elternhaus prägt. Die Erziehung prägt. Und so denke ich, wir können die Problematik nicht anschauen, ohne das Elternhaus und die Erziehung mit einzubeziehen – sowohl bei Schweizern auch bei Ausländern.
    – Wer in einem fremden Land mit zum Teil anderen Wertevorstellungen lebt, lebt in einem ständigen Spagat, der zu einer Zerreissprobe werden kann, für Eltern und Kinder und auch zwischen Eltern und Kindern. Sich da zu orientieren, ohne sich zu verlieren, stelle ich mir extrem schwierig vor.
    Zitat David: „Indem wir den Jugendlichen als Individuum mit individuellen Stärken und Schwächen betrachten und ihnen das vermitteln, nehmen wir sie ernst und geben ihnen eine Chance, sich als Individuum zu entwickeln.“ Mein Wunsch ist genau derselbe, ich denke aber, um einen Jugendlichen als Invdividdum wahrnehmen zu können und ihm gerecht zu werden, muss man seine Herkunft (sprich: sein Elternhaus, seine Erziehung, sein Umfeld) mit einbeziehen. Nur dann kann man ihn wirklich verstehen lernen. Nur dann sind die Voraussetzungen gegeben, sich als Individuum verwirklichen zu können.

    Zu Punkt 2:
    Völlig einverstanden. Und hier gestehe ich: Ich habe ganz konkret ganz heftig versagt. Nach einer meiner Lesungen wurde ich von einer Gruppe Jugendlicher total respektlos angemacht (konkret: verhöhnt und ausgelacht). Ich bin ihnen zwar entgegengetreten, habe ihnen in die Augen geschaut, mit ihnen gesprochen, aber ich hatte weder den Mut, noch die Kraft, noch die Energie, ihnen zu sagen, wie respektlos ich ihr Verhalten finde. Erst war ich extrem wütend über mein feiges Verhalten, mittlerweile denke ich, dass auch so ein Entgegentreten Übung braucht. Ich werde es bei einem nächsten Mal anders machen.
    Und gleich noch ein Erlebnis: Gestern, am Bahnhof einer grösseren Schweizer Stadt: Polizisten reden am Bahnhof mit einer Gruppe Jugendlicher, die offensichtlich etwas angestellt haben (keine Ahnung was). Und ich staune über den respektvollen Umgang der Polizisten mit den Jugendlichen und denke, dass auch das ein sehr guter Ansatz ist (und die Polizei zu häufig einfach als Feindbild herhalten muss).

    Die Punkte 3 und 4 möchte ich zusammennehmen:
    Es muss nicht an Vorbildern fehlen. Vorbilder müssen auch nicht nur die Lehrer sein. Gestern habe ich an einer Schule im Kanton Zürich gelesen und dabei einen „Seniorenschüler“ getroffen, einen sehr netten Herrn im dritten Lebensabschnitt. Ich habe ihn gefragt, was er macht. Kurz zusammengefasst: Er abeitet 2 1/2 Tage in der Schule, sitzt in Klassen, hilft Schülern bei individuellen Problemen. Mir hat das total Eindruck gemacht.
    Ich habe auch erfahren, dass es im Kanton Zürich Elternräte gibt, und habe gestaunt darüber, was hier alles möglich ist. So hat zum Beispiel der Elternrat dieser Schule ein Beziehungsnetz zur Wirtschaft geknüpft, das den Jugendlichen bei der Lehrstellensuche hilft. Ganz konkret konnte auch jeder Jugendliche mit einem Personalleiter ein Probe-Bewerbungsgespräch führen.
    Meine Schlüsse daraus: Wir könnten an einem Anfang zu etwas wirklich Gutem stehen. Nämlich dann, wenn wir uns aktiv einbringen. Wenn wir fragen, was wir tun können.
    In diesen Zusammenhang passen auch die jüngsten Schlagzeilen zu Lehrkräften, die am Anschlag sind. Lassen wir sie nicht allein. Stützen wir sie. Werden wir Mitglied im Elternrat, werden wir „Seniorenschüler“, werden wir „Bahnhofspaten“ (ein Projekt in Zappadong-Hausen, das einiges zu einer entspannteren Situation am Bahnhof beiträgt).
    All diese Projekte haben eines gemeinsam: Es sind keine „Bürgerwehrprojekte“, die auf der Basis von Einigelung und Abschreckung funktionieren, sondern Projekte, in denen man offen aufeinander zugeht.

    Mein Wunsch: Es gibt viele solche Projekte – wie wäre es, wenn die Presse sie regelmässig aufgreifen würde, statt immer den ewig gleichen Schlagzeilen hinterherzuhechten?

    Mein Vorsatz: In meinem Blog regelmässig über solche Projekte zu berichten.

  2. @Titus: Danke für die Verlinkung zu deinem guten Artikel. Unabhängig davon, ob es eine Zunahme von Jugendgewalt gibt, und wie stark sie ist, finde ich Massnahmen nicht falsch. Es kommt drauf an, welcher Art diese Massnahmen sind.

    @Zappadong: (Zu 1.) Guter Einwand. Ja, es gibt diese Zerrissenheit zwischen den Kulturen. Das Problem tritt aber auch nur bei einem kleinen Teil der Gruppe Jugendlichen aus einem bestimmten Land ein. Der Grossteil der Jugendlichen aus dem gleichen Land, mit der gleichen Religion haben dieses Problem überhaupt nicht. Auch wenn ein Problem in einer bestimmten Gruppe häufiger auftritt, trägt es nicht zur Lösung bei, es zu generalisieren. Aber ich gebe dir Recht, dass das Elternhaus bei der Eruierung und Lösung der individuellen Probleme eine grosse Rolle spielen muss.
    (Zu 2.) Wir müssen uns keine Vorwürfe machen, wenn wir mal nicht optimal reagiert haben. Wir müssen uns Vorwürfe machen, wenn wir uns gar nicht die Mühe geben, zu reagieren.
    (Zu 3.+4.) Ja, das sind weitere gute Beispiele (die leider viel zu wenig Anwendung finden). Die Elternräte funktionieren nicht an allen Schulen gleich gut, vielerorts sind sie aber wirklich ein gutes MIttel, um die Eltern einzubinden.

  3. @ David
    Der Bericht des EJPD mit der Befragung der Polizeikorps geht in Richtung Deines ersten und vierten Punktes, also individuelle Betreuung durch eine Fachkraft.

    Dieser Bericht spricht jedoch nur von den 500 Wiederholungstätern, welche «nur» 50 % der Straftaten verüben. Wie verhindert man die anderen 50 % durch Einmaltäter?

    Zentral scheint mir, nicht in einen Aktivismus zu verfallen, ohne die genauen Ursachen zu kennen und zugleich auch die Verhältnismässigkeit nicht aus den Augen zu verlieren (ringen auf dem Pausenplatz ist nicht zwangsläufig «Jugendgewalt»). Insgesamt scheint es mir jedoch, dass man selbst in einem EJPD noch realtiv wenig weiss bzw. eben erst daran ist, nach Antworten bzw. den Ursachen zu suchen.

  4. Was verstehst du unter «Aktivismus»? Wenn du damit repressive Massnahmen meinst, bin ich mit dir einig. Kinder und Jugendliche als Individuen ernst zu nehmen, den Kontakt zu ihnen zu suchen und ihnen starke Bezugspersonen zu bieten, würde ich aber nicht als Aktivismus bezeichnen.

    Ich denke nicht, dass man generelle Ursachen finden kann. Es gibt ein paar Risikofaktoren, wie z.B. tiefe Bildung der Eltern, trotzdem werden die meisten Jugendlichen mit solchen Risikofaktoren nicht kriminell. Schlussendlich sind es individuelle Lebensgeschichten, für die es nur individuelle Lösungen gibt.

  5. Häufig unter medialem Druck re-agieren unsere Politiker relativ unreflektiert. Sofort werden aufgrund irgendeines Ereignisses irgendwelche Massnahmen gefordert und auch dann auch beschlossen – ohne sich wirklich nach den tatsächlichen Hintergründen erkundigt zu haben. Dies führt oft zu einer Symptom- statt einer Ursachenbekämpfung.

    Dieses Verhalten bezeichne ich als «Aktivismus, ohne die genauen Ursachen zu kennen».

    Pauschale bzw. allgemeingültige Ursachen und entsprechende Rezepte dazu gibt es auch meiner Meinung nach nicht, denn wie Du schreibst, hat jedes Schiksal seinen eigenen Hintergrund. Aber es gibt gewisse gemeinsame Grundzüge, die eine präventive Verhaltensweise zulassen.

    Wie ich schon bei Frau Zappadong erwähnte, verlangt beispielsweise die Integration von Menschen aus einem Kriegsgebiet eine andere Unterstützung als von Menschen, welche aus wirtschaftlichen Gründen in die Schweiz kommen.

    Nur schon bei Menschen, welche aus wirtschaftlichen Gründen in die Schweiz gelangen, sind je nach Herkunft andere Bemühungen erforderlich. Ein Arbeiter aus Spanien kennt die Schweiz und ihr System eher und ihm ist dieses Land vertrauter als einem Arbeiter aus einem afrikanischen Land. Wenn ich nur schon daran denke, dass es hierzulande für fast alles irgendeine Bewilligung braucht, bevor man etwas machen darf, währenddem in manchen afrikanischen Ländern für die gleiche Sache kein Hahn kräht…

    Schliesslich gibt es auch Unterschiede in der Mentalität. Wir stören uns ja manchmal nur schon an der Mentalität gewisser Deutscher. Wenn beispielsweise ein Nordeutscher in einer Bäckerei sagt «ich bekomm ein Brötchen», dann klingt das für Schweizer Ohren ziemlich fordern – ungewöhnlich fordern. Schon dieses banale Beispiel kann dazu führen, dass wir Deutsche missverstehen, obschon es gar nicht so fordern gemeint war.

    Wenn wir schon unsere nördlichen Nachbarn in ihrer verbalen Ausdrucksweise nicht richtig verstehen, wie wollen wir dann Zuzüger aus anderen Ländern richtig verstehen, um sodann auch die angemessene Unterstützung für deren Integration anbieten zu können?

  6. In der Beiz2.0 hatten wir uns vor Kurzem auch auf die Suche nach möglichen Ursachen von Jugendgewalt begeben:
    http://beizzweinull.wordpress.com/2009/11/04/minarettinitiative-jugendgewalt/

    Und noch eine Sache, dei vielleicht interessant sein könnte in dem Zusammenhang: Es gab vor ein paar Jahren in den Medien eine heftige Diskussion, die sich an den Zuständen an der Rütli-Schule entzündete. Die liegt nicht in der Schweiz sondern in Berlin-Neukölln, einem sogenannten sozialen Brennpunkt und hat einen Ausländeranteil von 80 Prozent aufzuweisen.
    Dass es an dieser Schule erhebliche Gewalt- und Disziplinprobleme gab, wurde bekannt, als ein Lehrer dieser Schule sich mit einem Brandbrief an Politik und Öffentlichkeit wandte: Lehrer hätten sich nur noch mit Handy in bestimmte Klassen gewagt aus Angst vor gewalttätigen Angriffen, die Aussicht für Abgänger dieser Schule, einen Ausbildungsplatz zu ergattern sei gleich null gewesen, auf dem Schulhof seien offen Drogen gedealt worden, der Eingang zum Pausenplatz musste von der Polizei bewacht werden. So ging es vor ein paar Jahren durch die deutschen Medien.
    Inzwischen wurde aus der Problemschule durch ein neues Konzept mit umfassenden Bildungs- und Freizeitangeboten und unter Einbeziehung des sozialen Umfeldes ein erfolgreiches Modellprojekt: http://www.morgenpost.de/bezirke/neukoelln/article540247/Verrufene_Ruetli_Schule_wird_Modellprojekt.html
    und:
    http://www.campusruetli.de/

  7. Schöne Diskussion!
    @flashfrog
    Immer wieder ist nur erschreckend, was es braucht, bis etwas in die Gänge kommt:
    Eine öffentliche Brandrede in den Medien. Genau da müssen wir ansetzen:
    Es darf nicht nötig sein, dass jemand sensationsgeile Medien bedienen muss, bevor sich etwas bewegt. Ich mag mir nicht ausdenken, was dieser Lehrer auszuhalten hatte, bevor man seine Kritik ernst nahm. Genau dieser „Phlegmatismus“ muss verhindert werden: Unsere Kinder aller Herkunft müssen uns so wichtig werden, dass wir sofort hellhörig werden, wenn wir von solchen Zuständen hören. Die Achtsamkeit ist das Riesenproblem. Und, by the way, warum ist eigentlich diese unsägliche Handyporno-Werbung, die sich bewusst an Schüler richtet, auf den Privatkanälen im Fernsehen erlaubt? Aber vor Zigarettenwerbung sollen sie geschützt werden? (ist hier nicht das Thema, aber die Bewusstwerdung unserer queren Einstellungen und des Larifari, das den Schwächsten schadet, muss auf breiter Front einsetzen).

  8. @Thinkabout: Da bin ich mit dir einig. Aus der Nichtbeachtung entsteht insbesondere ein finanzielles Problem. Man kürzt so lange Gelder, bis mal jemand gehörig aufschreit. Das ist bürgerliche Finanzpolitik – «schlanker Staat».
    (Ob die Jugend von den Pornos einen Schaden davonzieht und ein Werbeverbot die Jugend von Pornokonsum abhalten kann, würde ich hingegen beides bezweifeln.)

  9. Zur Polizei: Im Rahmen meiner Recherchen für meine Krimis bin ich öfters bei der Polizei. Und da wurde klar und deutlich: Die Polizei sieht bestimmte Entwicklungen kommen (aufgrund von Untersuchungen / Erfahrungen anderer Länder) und macht darauf aufmerksam. Aber solange es nicht brennt, reagiert kein Politiker. Der lakonische, frustrierte Kommentar meiner Kontaktperson bei der Polizei: „Prävention schlägt sich auf keine Statistik nieder – Bei der Repression kann man jeden einzelnen Verurteilten zählen.“

    Ich orte die Möglickeiten am gleichen Ort wie titus:

    – starke Kontaktpersonen. Beispiel Schulhäuser: Dort, wo Schulleitung und Lehrer nicht wegsehen, sondern klar, deutlich und fair present sind, werden die Probleme viel früher angegangen.

    – Ursachen nicht ausser Acht lassen. Soziale und gesellschaftliche Hintergründe kennen. Über das Herkunftsland Bescheid wissen. Zum Beispiel: Wer aus einem Kriegsgebiet geflüchtet ist, hat wahrscheinlich einen starken Überlebenstrieb, gepaart mit Misstrauen – und nimmt sich sicherheitshalber so viel, wie er nur bekommen kann, denn wer weiss, wie lange die Sicherheit anhält. Das soll nichts entschuldigen, ist aber eine Basis, auf der man arbeiten könnte.

    – Eltern miteinbeziehen. Unbedingt. Deshalb sind für mich obligatorische Deutschkurse enorm wichtig, in denen gleichzeitig unsere Kultur vermittelt (nicht aufgedrückt) wird. Man muss die Welt / das Land verstehen, in dem man lebt. Das ist für mich ein zentraler Punkt. Wer in der Schweiz von 2010 seine Kinder nach den Wertevorstellungen des Hinterlandes eines konservativ ausgerichteten Landes erzieht, bringt sie in unmenschliche innere Konflikte, die entweder explodieren oder implodieren.

    – sachlichere, informativere Pressearbeit. Das bedeutet: unspektakulärere Artikel, kann aber enorm wichtige Aufkärungsarbeit sein. Es darf nicht sein, dass erst Mordio geschrien wird, wenn mal wieder etwas passiert ist.

    – Und dann, zu guter Letzt, wenn alles nichts hilft, und Jugendliche straffällig geworden sind, bin ich für eine klare Linie. Selbst wenn man sämtliche Beweggründe versteht, warum jemand gewalttätig geworden ist, braucht es Konsequenzen.

    Die bürgerliche Finanzpolitik, bestehend aus vielen hehren Lippenbekenntnissen, denen keine finanziellen Massnahmen folgen, ist auch für mich ein Grund, warum wir immer und immer wieder scheitern.

    Und dann müssen wir uns einmal fragen, was für ein Vorbild wir der jungen Generation sind ….

  10. Wo ist die Problemjugend?
    Wir (Erwachsene, Politik, Presse) sehen in der Jugend ein Problem.
    Sie scheinen nur noch als Störefriede/Ärgernis zur Kenntnis genommen zu werden.
    In der verööffentlichten Mienung kommen die Jugendlichen nur noch als Säufer, Kiffer, Vandalen und Krawallmacher vor.
    In Zürich haben Jugendliche Post-it an Billetautomaten u.ä. geklebt um aus die Misere aufmerksam zu machen.
    Ergebnis: Verzeigung und Busse

    SO gehen wir mit der Jugend um

  11. Ja, die Jugend hat gewissermassen das gleiche Schubladendenken-Image-Problem wie die Muslime. Die Jugend steht aber immerhin ein wenig besser da. Sie kann nicht so leicht stigmatisiert werden, schliesslich waren alle mal jung.

    Nichtsdestotrotz gibt es natürlich Problemjugendliche. Und die muss man schon thematisieren.

  12. Es gibt eine sehr, sehr grosse Anzahl Problemlos-Jugendliche. Nicht, dass sie keine Probleme haben, aber sie verursachen keine. Über die reden / schreiben wir hier auch nicht. Leider gibt es aber auch eine Minderheit von Problemjugendlichen. Es scheint, dass die Jugendgewalt rein statistisch gesehen nicht zunimmt, aber die ausgeführten Taten zum Teil viel härter und brutaler ausfallen.

    Hier sind Lösungen gefragt. Am besten präventive. Damit es gar nicht so weit kommt. Nach all meinen Recherchen und Nachfragen komme ich zu folgendem Schluss: Diese Prävention muss sehr früh anfangen (Vorschulalter) und vor allem müssen die Eltern miteinbezogen werden. Unterstützende, begleitende Projekte sind gefragt. Es wird Familien geben, die diese Angebote annehmen – und es wird Familien geben, die man wohl zu einer Teilnahme an solchen Projekten verpflichten muss.

    Letzten Sonntag in der Presse: Die Verhaltensauffälligkeiten in Kindergärten nehmen zu. Wenn man dort ansetzen könnte, könnte man wohl viele Spätfolgen vermeiden.

    Aber eben: Prävention kostet. Und das darf es ja heute nicht mehr.

    Für die Jungen unter euch: ich bin ein älteres Semester mit Kindern im Teenageralter. Ich habe – vor allem als die Kinder klein waren – erlebt, wie überfordert man bei der Erziehung sein kann. Zum Glück hatte ich ein super gutes Umfeld, das mich aufgefangen hat. Nicht alle Menschen haben das. Viele Eltern sind total alleine mit ihren Problemen. Dazu kommen dann finanzielle Probleme, Integrationsprobleme, Beziehungsprobleme usw., jedes einzelne erschwert eine für das Kind gute Erziehung.

    Gefragt sind also gute Angebote für Eltern aller Nationalitäten.

  13. @Zappadong: ganz meine Meinung (auch ohne eigene Kinder – immerhin hatte ich 12 Jahre lang das Vergnügen, solche einen Nachmittag pro Woche und etwa zwei Lagerwochen pro Jahr zu beaufsichtigen – zum Glück auch nicht alleine).

  14. „Problemjugend“ ist aber auch eine Frage der Definition.
    Wahrscheinlich stimmen noch alle überein, wenn es um Gewalt gegen Menschen geht – ja diese Jugendlichen haben ein Problem.

    Sobald es aber um Jugendprotest geht, der sich auch in Gewalt gegen Sachen auswirkt hört es schon auf – Plakate von Rechtsradikalen abreissen, verbotene Demos besuchen, Hausbesetzungen….

    Von Schulseite wird auf beides oft mit denselben Mitteln reagiert, je nach eigener politischen Anschauung der Verantwortlichen. Kein Wunder dass sich als Resultat keiner der Jugendlichen ernst genommen fühlt.

    Jugendgewalt ist nunmal nicht gleich Jugendgewalt – sondern es gibt wahrscheinlich genausoviel Gründe dafür, wie es gewalttätige Jugendliche gibt. Das Netz, dass alle diese Gründe auffangen kann, müsste damit auch wohl entsprechend engmaschig sein. Hilft wohl nur ein wachsames Auge der Zuständigen – und damit garantiert entsprechende kleine Gruppen in der KITA/Schulen.
    (Gerade auch weil Verhaltensauffälligkeiten von Kindergarten/Grundschulkindern auch vielfach von zu grossen Gruppen mitverursacht werden..)

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