Kopftuchstreit: die absurdesten Argumente

Da die St. Galler Rheintaler sowieso schon seit Wochen mein Blog stürmen, kann es nicht schaden, mich auch noch in den Rheintaler Kopftuchstreit einzumischen. Dort wird nämlich über einen Fall an der Oberstufeschule Mittelrheintal in Heerbrugg gestritten, bei dem einer 15-jährigen Schülerin verboten wird, mit dem Kopftuch zur Schule zu gehen. Ich könnte jetzt wieder ein Voting machen, welches denn das absurdeste Argument für ein Kopftuchverbot sind, aber ich sehe diesmal davon ab, da es der Diskussion nicht dient. Absurd oder zumindest unüberlegt sind die Argumente in meinen Augen aber gleichwohl:

  • Unsere Regeln (wie dieses Verbot von Kopfbedeckungen im Unterricht) gelten für alle!
    Ich bin sicher, dass in anderen Fällen Ausnahmen gemacht würden. Käme ein Kind von einer Chemotherapie und wünschte sich eine Kopfbedeckung, um die Glatze zu kaschieren – der Schulleiter wäre ganz bestimmt nicht vor der Schulzimmertür gestanden und hätte den Eintritt verweigert. Es stimmt also nicht, dass eine solche Regel für alle gilt. Die Frage ist, ob sie für Mädchen mit Kopftüchern gilt (obwohl sie ursprünglich für Jungs mit Baseballcaps gemacht wurde).
  • Die Muslime müssen den Rechtstaat anerkennen!
    Ja, das müssen sie. Eine Schulordnung ist aber nicht der Rechtsstaat, und dieser hängt auch nicht von einer Schulordnung ab. In einem Rechtsstaat gibt es auch die Möglichkeit, Regeln, die nicht mehr für sinnvoll erachtet werden, in Frage zu stellen und zu ändern. Mit einer Schulordnung in Konflikt zu geraten, kann auch einer urschweizerischen Familie passieren – dahinein eine Ablehnung des Rechtsstaates zu interpretieren, ist völlig unverhältnismässig.
  • Muslime haben sich uns anzupassen (nicht wir uns ihnen)!
    Wir haben in der Schweiz schon seit jeher eine kulturelle und religiöse Vielfalt. Das Land verträgt auch eine noch stärkere Vielfalt. Solange sich Muslime sich an die demokratischen und rechtsstaatlichen Regeln halten, haben sie die rechtsstaatlich zugesicherte individuelle Freiheit, ihre Kultur so zu leben, wie es ihnen passt – so wie wir unsere Kultur so leben dürfen, wie es uns passt. Wir brauchen keine Assimilierung/Verbünzlisierung/Mainstreamisierung/Gleichmacherei.
  • Muslime müssen sich integrieren!
    Oftmals wird Integration mit Assimilation verwechselt. Eine kulturelle Andersartigkeit erschwert wohl manchmal Integration, ist aber eine leichte Hürde – vorausgesetzt, es ist auf beiden Seiten die Bereitschaft vorhanden, diese Andersartigkeit zu akzeptieren und tolerieren. Oftmals erschwert oder verhindert die Mehrheitsgesellschaft eine erfolgreiche Integration, weil sie der kulturelle Andersartigkeit mit Ablehnung und Ausgrenzung begegnet. So wie ein Hippie-Junge mit langen Haaren in eine Klasse integriert werden kann, kann auch ein Mädchen mit Kopftuch integriert werden.
  • Es muss verhindert werden, dass Mädchen unterdrückt werden!
    Ja, es soll für Gleichbereichtigung gekämpft werden. Gleichberechtigung findet aber im Kopf und nicht auf dem Kopf statt. Jungs werden auch Hosen aufgezwungen, obwohl sie vielleicht lieber Röcke tragen würden, wenn sie eine echte Wahl hätten. Unser Leben ist voller Zwänge. Man kann nicht jemand von einem Zwang befreien, indem man ihn einem anderen Zwang unterwirft. Freiheitliche, aufklärerische, humanistische Vorstellungen können wir nicht mit Regeln aufzwingen, wir müssen sie mit Argumenten vermitteln. Dies könnte am einfachsten in der Schule geschehen, jedoch werden Bemühungen für entsprechende Lehrinhalte bisher oftmals erfolgreich von genau jenen Leuten bekämpft, die bei einem Kopftuch am lautesten aufschreien: der konservativ-christlichen Mehrheit. Ausserdem sollten wir ein Mädchen, das zur Erkenntnis gelangt ist, dass es kein Kopftuch tragen möchte, kräftig unterstützen, dass ihr das Kopftuch nicht trotzdem aufgezwungen wird.

7 Gedanken zu „Kopftuchstreit: die absurdesten Argumente“

  1. Ich hab noch eins: „Im Iran werde ich gleich umgebracht wenn ich mit Mini-Rock rumlaufe!“ als Argument für das Kopftuch-Verbot.
    Also wäre einen Mini-Rock zu tragen eine Religions-Frage;
    Alle Frauen , die bei uns Kopftuch tragen, Iranerinen, die beim Anblick eines mini-Rocks Mord-Gedanken haben; Wir müssen uns am Iran rächen bei allen Kopftuch-tragenden Muslima, ganz egal woher sie kommen, weil man Iran keinen Mini-Rock tragen darf (obwohl die Leute, die dieses Argument vorbringen,noch nie im Iran waren, und auch nie vorhaben, jemals dorthin zu fahren.)
    Mir graut es, wenn ich mir vorstelle, wohin unser ach so freies Europa hinsteuert.
    Und wo bleibt denn der Inter-Kulturelle Dialog ? Oder ist es ein Dialog zwischen Taub-Stummen?

  2. Noch eine Ergänzung: es würde mich ehrlich interessieren, wo dieser ganze Streit herkommt.
    Entsteht so etwas aus reiner Xeno-Phobie oder Ignoranz oder gibt es auch ernstzunehmende Argumente? denn auf direkte Nachfrage bekomme ich tatsächlich immer nur diese absurden Argumente zur Antwort.
    (Wieso ist dieser Streit erst nach dem 11. September aufgekommen? )
    Und was wird konkret unternommen ,um der erschreckenden Ignoranz beizukommen?

    Ach ja, noch ein anderes absurde Argument:
    „Die wollen uns doch nur Ihre Religion aufzwingen.“
    Dieses Argument kommt bevorzugt von Leuten, die selbst überhaupt keine Religion praktizieren.
    Frage: Wollen Nonnen, die mit Kopfbedeckung rumlaufen, uns auch Ihre Religion aufzwingen ?
    Zu meiner 1. Mail, dass man im Iran beim Tragen von Mini-Rock erschossen wird: versuchen Sie mal, in eine Kirche mit Mini-Rock und/oder Dekolltee reinzukommen, auch in jene die Sie nur besichtigen wollen.

  3. Vielleicht solltet ihr einmal mit Mädchen reden, denen das Kopftuch zu Hause aufgezwungen wird. Vielleicht solltet ihr die Mädchen fragen, wie sie sich dabei fühlen. Vielleicht solltet ihr fragen, ob sie sich von uns im Stich gelassen fühlen, weil wir uns nicht auf ihre Seite stellen.

    Frauen können (theoretisch) wählen, ob sie ein Kopftuch tragen wollen oder nicht. Kinder nicht. Nicht, wenn es die Eltern befehlen. Und so trägt Kind im schlimmsten Falle ein Kopftuch als Ausdruck der Lebensweise der Eltern. Von uns wohlwollend im Sinne des friedlichen Zusammenlebens der Kulturen gebilligt.

  4. Fühlt sich ein Mädchen, das in der Schule das Kopftuch ablegen, aber in der Freizeit trotzdem anziehen muss, weniger im Stich gelassen?

    Was ist, wenn das Mädchen lieber nicht in die Moschee gehen würde, aber von den Eltern gezwungen wird? Verbieten wir allen Kindern Moschee- und Kichenbesuche?

    Was ist, wenn das Mädchen gerne Schweinefleisch essen würde, dies aber von den Eltern verboten wird? Zwingen wir alle Kinder zu Schweinefleischkonsum?

    Gute Lösungen werden nicht durch Verbote erreicht, sondern durch Gespräche und Integration. Ohne Einsicht der Eltern wird es keine gute Lösung für das Mädchen geben. Wenn die psychische Gesundheit des Mädchens durch das Verhalten der Eltern wirklich in Gefahr ist, muss die Vormundschaftsbehörde eingreifen. Aber wegen einem Kopftuch braucht es keine Zwangsregeln, sondern Überzeugungsarbeit.

  5. Den mir wichtigsten Satz in deinem Kommentar möchte ich gerne zitieren: „Ohne Einsicht der Eltern wird es keine gute Lösung für das Mädchen geben.“

    Ich habe auch keine Lösung. Dazu ist das Problem viel zu komplex. Wichtige Ansätze: Obligatorische Elterngespräche / Elternabende an Schulen (wird vielerorts mittlerweile so gemacht) // obligatorische Sprachkurse, die gleichzeitg auch Einblick in unsere Kultur geben – also nicht nur Sprache vermitteln, sondern auch ein Erklären unserer gesellschaftlichen Werte usw.

    Wer sich für die Kopftuchkontroverse interessiert:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Kopftuchstreit

  6. Da bin ich mit dir wieder einig. Bloss haben wir beim „Erklären unserer gesellschaftlichen Werte“ das Problem, dass wir selber keine Übereinkunft haben, was unsere gemeinsamen gesellschaftlichen Werte sind. (Genau dies sehe ich auch als Hauptursache dafür, dass die Islamdebatte so verläuft. Würden wir wissen, welche Werte für uns noch Gültidkeit haben, könnten wir die Sache viel gelassener angehen.)

  7. Schon wieder einig: Wenn wir uns unserer Werte sicher wären, könnten wir die Sache wirklich gelassener angehen.

    Ich suche zurzeit für mich eine Linie, an der ich entlanggehen kann, und merke, wie schwierig das ist. Ich versuche, zu versehen und verstehe nicht. Was mich irritiert: Dass muslimische Frauen zum Teil vehement gegen das Kopftuch kämpfen und westeuropäische Frauen dem Kopftuch die Stange halten. Weiter irritiert mich: In der Türkei herrscht ein Kopftuchverbot (wenn ich den Artikel richtig gelesen habe; es sollte aufgehoben werden, wurde auch aufgehoben und dann doch wieder erlassen). Weiter irritiert mich: Viele unserer Imigranten leben ihre Religion hier bei uns im Westen viel konservativer, strickter, intoleranter aus als die meisten Leute in ihren Heimatländern.

    Sich in diesem ganzen Dschungel zurechtzufinden, ist gar nicht so einfach. Noch einmal: Ich glaube auch nicht, dass es einfache Lösungen gibt. Trotzdem wäre für mich ein Kopftuchverbot auf der Primar- und Oberstufe ein möglicher Weg. Das Problem wird sein, dass man mit solchen Ideen glatt auf der SVP-Seite landet (wo ich nun wirklich nicht hin will).

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