Kopieren ist alles

Wir sind alles nur Kopien. Unser Genom besteht aus der Neukombination des Genoms unserer Eltern. Die Natur kopiert, kombiniert, selektiert, kopiert, kombiniert, selektiert, … immer weiter. In seltenen Fällen kommt es zu «Fehlern» im Kopiervorgang: Mutationen. Aber in erster Linie sind unsere Körperzellen Kopiermaschinen für Gene.

Die über die Jahrtausenden entstandene menschliche Kultur evolviert ähnlich: Wissen, Ideen, Vorstellungen, Sprache und Stile werden von Person zu Person weitergegeben, also kopiert. Wir erhalten permanent von allen Seiten kulturelle Inputs, kombinieren diese neu und geben sie weiter. In seltenen Fällen haben wir eine Idee, die noch niemand vorher hatte. Aber in erster Linie sind wir Kopiermaschinen für Meme.

Kopie und Rekombination sind also quasi Naturgesetze und grundlegende Kulturtechniken. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte war das Kopieren keinen Gesetzen unterworfen. Goethe und Mozart konnten sich noch fleissig bei Werken anderer bedienen. Erst ab dem späten 18. Jahrhundert begann sich die Vorstellung eines «geistigen Eigentums» langsam durchzusetzen. Seit 1886 (Berner Übereinkunft) bis zum Siegeszug den Internets war das Urheberrecht in der westlichen Welt praktisch unbestritten.

Unsere Computer sind Kopiermaschinen. Um ein Programm auszuführen muß es von einem Medium in den Speicher, vom Speicher in den Prozessor kopiert werden, ebenso alle Daten. Ergebnisse werden zurück kopiert. Der Befehlssatz eines jeden Rechners hat circa zehn Mal mehr Kopier- als Rechenbefehle.

Unsere Netze sind Kopiermaschinen. Wir sagen wir ’senden eine Nachricht‘, aber das Wort ist falsch. ‚Senden‘ impliziert, daß die Nachricht sich bewegt und für den „Ab“-Sender nicht mehr da ist. Das ist in der realen Welt so, aber nicht im Netz: Wir kopieren eine Nachricht an die Empfänger.

Das Wesen aller IT ist die Kopie. (Quelle)

Mit der Digitalisierung (fast kostenlose Erstellung von exakten Kopien) und dem Internet (fast kostenlose Verbreitung der Kopien) kommt das Urheberrecht stark unter Druck. Es wird als Behinderung der kulturellen Entwicklung wahrgenommen. Eine gute Dokumentation über die aktuelle Lage beim Urheberrecht ist «Good Copy Bad Copy»:

Aktuell geschehen absurde Dinge. Deutsche Verlage fordern ein diffuses Leistungsschutzrecht, mit dem sie Google dazu zwingen wollen, sie für Textanrisse zu vergüten. Springermedien verstecken ihren Inhalt vor ihren regelmässigen Kunden hinter einer Bezahlschranke – nicht aber vor jenen, die über Google auf die Seiten kommen. Helene Hegemann bedient sich bei Werken anderer, ohne diese Quellen anzugeben oder gar die Rechte einzuholen, und wird damit zum Literatur-Wunderkind erhoben. Plötzlich finden dies zahlreiche Verlage und Kommentatoren in Ordnung.

Zum Glück gibt es noch Leute, die verstehen, worum es geht. Zum Beispiel Peter Sunde, Mitbegründer von The Pirate Bay. Mit Flattr hat er ein Projekt gestartet, mit dem man mit einem Klick Autoren und Künstlern freiwillig etwas bezahlen können soll. Schaut selbst:

Denn: Das Kopieren wird nicht aufzuhalten sein. Das heisst aber nicht, dass Künstler und Autoren nicht vergütet werden sollen oder die Bereitschaft dazu fehlt. Und schon gar nicht, dass die wirklichen Urheber verschwiegen werden sollen.

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