Die parlamentarische Games-Geschmackpolizei

Ja, ich finds verstörend, wenn Kinder Ballergames spielen. Ich finde es mindestens ebenso verstörend, wenn 8-Jährigen der Umgang mit Gewehr beigebracht wird. Auch die Spielzeugpistolen finde ich daneben. Ich würde sie meinen eigenen Kindern (wenn ich denn welche hätte) nicht kaufen. Ich habe grosses Verständnis für jeden, der all dies abstossend findet.

Trotzdem muss man sehen, dass die Menschen die Gene von Kämpfern haben. Die Mehrheit der Spiele sind zivilisierte Varianten von Kriegen – von den Tannzapfenschlacht in der Pfadi über das Alle-gegen-Alle bis zum Schach – im Grunde sind es alles Kriegssimulationen. Die Tötung (oder «Eliminierung») des Gegners ist das einfachste Spielprinzip überhaupt.

Der Nationalrat will «Killergames», «in denen grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen und menschenähnliche Wesen zum Spielerfolg beitragen», komplett verbieten, selbst für Erwachsene (Motion Allemann). Der Ständerat wird kommende Woche wohl nachziehen und den Bundesrat beauftragen, eine Gesetzesvorlage dazu auszuarbeiten.

pro-jugendkultur«Killergames» stehen im Verdacht, bei Jugendlichen die Hemmschwelle für Gewalttaten in der realen Welt herabzusetzen. Jedoch ist die wissenschaftlich nicht erhärtet, auch wenn Politiker und Medien oft ein anderes Bild vermitteln – im Gegenteil: Namhafte Wissenschaftler sehen keinen Zusammenhang zwischen Gamern von solchen Spielen und Gewalttaten. Auch der Bundesrat teilt diese Ansicht weitgehend. Ausserdem weist er darauf hin, dass mit Artikel 135 des Strafgesetzbuches (StGB) bereits ein absolutes Verbot von Gewaltdarstellungen, die grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder Tiere beinhalten und die eine gewisse Eindringlichkeit aufweisen, existiert.

Das hielt den Nationalrat aber nicht davon ab, der Motion Allemann mit 139:39 Stimmen zuzustimmen. (Nur die FDP war mehrheitlich dagegen.) Damit verhindert er keine Gewalttaten, sondern betätigt sich als Geschmackpolizei: Er meint, dass die Tatsache, dass die Darstellungen in seinen Augen geschmacklos sind, rechtfertige ein Verbot – auch von Games, die gemäss Gerichtsurteil keine «gewisse Eindringlichkeit» aufweisen.

Da bin ich ganz anderer Meinung und habe deshalb die Petition des Bündnisses für eine selbstbestimmte Jugendkultur unterzeichnet. Wenn überhaupt braucht es statt einem Totalverbot höchstens ein Verkaufsverbot an Kinder und Jugendliche – jedoch halten sich die Händler schon heute an den brancheninternen Code of Conduct, der Verkäufe nur gemäss der PEGI-Klassifizierung erlaubt.

4 Gedanken zu „Die parlamentarische Games-Geschmackpolizei“

  1. Von Fall zu Fall (wenn nicht gerade wirtschaftliche Interessen dagegen sprechen) gibts ein paar, ja. In diesem Fall zwei Drittel der FDP – auch nicht gerade sehr überzeugende Quote.

  2. Ich bekomme bei solchen Entscheiden Zustände. Als ob Killergames der Schlüssel zur Jugendgewalt wäre! Himmel noch mal!

    Aber das ist halt mal wieder so ein Popularitätszug, auf dem jeder Parlamentarier gefahrlos aufhüpfen kann, ohne auch nur die Spur einer Ahnung zu haben.

    Es ist – trotz vielen Studien – NICHT bewiesen, dass Killergames die Ursache von Amokläufen und anderen Gewalttaten sind. Sie können EINER VON VIELEN Auslösern sein.

    Und das mit dem Blick ins Kinderzimmer nervt. Ich weiss als Mutter, was mein Sohn spielt – unter anderem auch Ballerspiele. Im wirlichen Leben ist er ein netter, friedlicher, freundlicher, engagierter Kerl, der keiner Fliege etwas zuleide tut.

    Ich gehe jetzt die Petition unterschreiben – falls es nicht die gleiche wie die der Jusos ist. Die habe ich nämlich schon unterschrieben. Und ich wünsche den Parlamentariern ein paar zusätzliche Hirnzellen für einen differenzierten Blick.

  3. Es ist für mich zwar auch rätselhaft, warum der Mensch dieses „Killer-Gen“ hat,aber es ist nicht zu verleugnen,dass es exisitert. Ich als Kind habe auch mit selbstgebauten „Waffen“ aus Holz mit meinen Freunden damals gespielt – es war etwas völlig normales und wenn ich mir das heute so ansehe ist es jetzt immernoch. Wenn man allein schon die Filmindustrie betrachtet – viele „gute“ Filme (ich weiß,das liegt im Auge des Betrachters) haben etwas mit „Krieg“ zutun (wenn auch in abgewandelter Form z.B. Star Wars). Das ist aber an sich nichts verwerfliches – wenn man es dramatisieren will, kann man sagen, dass „Krieg und Tod“ ein Bestandteil des menschlichen Lebens sind – aber das ist doch gut,dass es Wege gibt, diese „Bedürfnisse“ virtuell und schadlos, zu kompensieren. Auch wenn es zunächt den Anschein hat, so sollte man sich vorher mit solchen Spielen auseinander setzten,denn das „Töten“ ist dort auch nur ein Mittel zum Zweck und nicht das Ziel an sich.
    Es wird ja schließlich auch nicht verlangt, den Gegner so qualvoll wie möglich zu „exekutieren“…da sehe ich persönlich Filme als viel schlimmer an. Wenn ich z.B. die SAW Reihe betrachte (Vor allem die letzten Teile,die scheinbar kaum noch Storyelemente aufweisen), wird dort nur noch gezeigt, wie Menschen auf die qualvollste Weise hingerichtet werden, was ich einfach nur abartig und geschmacklos finde.
    Über das Thema kann man mit Sicherheit streiten, aber von Seiten der Regierung zu sagen „Die Medien werden verboten um euch zu schützen“ ,halte ich für sehr fragwürdig. Ich finde,dass auch die Altersgrenzen mittlerweile gut gesetzt sind und auch gut überprüft werden. Früher in meiner Jugend, war es kein Problem als Minderjähriger ein Video ohne Jugendfreigabe zu kaufen, es hat wirklich niemanden gestört. Mittlerweile werde ich (schon etwas länger die Volljährigkeit erreicht) fast immer bei Medien ab 18 nach einem Ausweis gefragt, was ich auch sehr gut finde.

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