Schwieriges Thema, einfach gelöst

Ist doch toll, jetzt kann man wieder einmal auf alle liebgewonnenen Feindbilder einschiessen: Die katholische Kirche, die 68er, die Reformpädagogik, die linken Schriftsteller: Sie vertuschen, sie wiegeln ab, sie verharmlosen, sie nehmen die Täter in Schutz.

Indem man mit dem Finger auf die anderen und sich selbst «schockiert» zeigt, kann man sich ganz einfach davon ablenken, dass man selber vielleicht auch schon unsicher war im Umgang mit Kindern, dass Übergriffe jedem passieren können und in jeder Organisation vorkommen können, handelt sie noch so konsequent und professionell. Man kann sich ganz einfach als Anwalt der Opfer aufspielen und lückenlose Aufklärung, Verfolgung und harte Strafen fordern.

Betroffene Ernst zu nehmen und zu schützen, hat damit aber nichts zu tun.

11 Gedanken zu „Schwieriges Thema, einfach gelöst“

  1. sexueller missbrauch gibt es und gab es zu allen zeiten, in allen institutionen, familien etc. es ist wohl eines der traurigesten kapitel der menschheitsgeschichte. in diesem moment werden millionen kinder in familien, als sexsklaven gerade missbraucht. es ist ein machtproblem. ob sexueller missbrauch mord ist? auf jeden fall ist es mord auf raten. nein, 68ig hat damit nichts zu tun. vielleicht nur insofern, dass es heute, aufgrund von 68 möglich wird, diese traurige realität zur sprache zu bringen. ob es richtig und zielführend ist, dass schriftsteller und andere gerade in dieser situtation philosophische apologien (eros) veröffetlichen müssen, finde auch ich voll daneben. man hat fast den eindruck, dass gewisse leute es nicht ertragen, dass endlich die opfer eine stimme erhalten. dass sie sich wehren und „gerechtigkeit“ fordern. wie auch immer. warum können all die „nichtbetroffenen“ nicht für einmal einfach schweigen? warum können sie nicht für einmal ihre ideologischen welt und menschenbilder von der realität überprüfen lassen. seien sie einfach froh, dass sie nicht wissen wovon sie sprechen. aber schweigen sie!

  2. Egal ob man annehmen kann ob von Sexualität zu sexuellem Missbrauch ein fliessender Übergang ist, wie zwei Artikel im tagesanzeiger sugerrieren –

    Aggressivität steckt auch in jedem Menschen drin, aber deswegen würde niemand auf den Gedanken kommen bei Gewalt auf der Strasse von einem Hyp oder von einer Übertreibung zu reden bzw.eine philosophische Betrachtung über körperliche Gewalt an Kinder anstellen.

  3. @David
    Das diese Art von Relativierung und scheinbarer Abwägung eine subtile Schuldfreisprechung der Täter ist. Hier wird unterstellt damit wäre die Handlung in erster Linie triebgesteuert und damit nicht sebstverantwortlich, im Sinne „denn sie wissen nicht was sie tun“. – Obwohl in vielen andere Gebieten diese Art von Freisprechung in keinster Weise toleriert wird sollen wir hier die Mär Schlucken, das die Täter nicht mehr hätte frei entscheiden können bzw. ja eigentlich nur im Sinne des Zeitgeistes gehandelt hätten (wessen Zeitgeist? – auch vor 30 Jahren war sexueller Missbrauch strafbar).

    Jede Körperverletzung ist auf der Frontseite – wenn eine Zeitung Boulevardjournalismus betreibt dann scheint die erste Seite Empörung über Gewalt inzwischen dazuzugehören, warum also wird jetzt hier moralisch damit argumentiert sexueller Missbrauch, eine Verletzung des Körpers und der Seele, gehöre da nicht hin? Wenn ein Opfer nicht auf die erste Seite gehört, dann gehört kein Opfer von Gewalt auf die erste Seite. Wenn man hier plötzlich eine Unterscheidung trifft, sagt das mehr über die Befindlichkeit gegenüber den Opfern von sexueller Gewalt aus als jeder niedergeschriebener Kommentar. Muss man diese Opfer nicht doch ein wenig verschämt verstecken?

  4. Ich habe absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Opfer auf die Frontseite will. Man muss die Opfer zu 100 % Ernst nehmen und darf sie keinesfalls verstecken. Aber: Hier spielen sich Leute aus eigennützigen Gründen zu Anwälten der Opfer auf. Wenn gefordert wird, dass alle Fälle zur Anzeige gebracht werden müssen, dann dient dies nicht den Opfern, sondern der Selbstprofilierung gewisser Politiker. (Bei der Beratungsstelle Castagna werden die Opfer wirklich Ernst genommen. Dort werden 23 % der Fälle zur Anzeige gebracht.)
    Es gibt sachliche, fundierte Kritik an der Kirche und ihrem Umgang mit sexuellem Missbrauch, die absolut angebracht ist. Jedoch muss man dabei auf die Opfer Rücksicht nehmen – und auch auf die Täter. Hetzjagden sind populär, aber sie dienen höchstens der Befriedigung der Öffentlichkeit. Damit will ich keinesfalls Täter freisprechen. Aber auch Täter haben Rechte. Auch Täter haben sich schon das Leben genommen. Soll das das Ziel sein?

    Bezüglich Grenze: Wenn ein Vater mit der Tochter in der Badewanne sitzt ist das ok, solange er dabei keine sexuelle Befriedigung sucht. Sitzt ein Lehrer mit einer Schülerin in der Badewanne, wird das in jedem Fall als sexueller Missbrauch gewertet. Natürlich zurecht, denn die Aufgebe des Lehrers ist nicht, mit Schülerinnen zu baden. Aber: Trägt das Kind bei letzterer Situation einen Schaden davon, bei ersterer aber nicht?
    Ob eine Handlung ein sexueller Übergriff ist, kann man nicht mit Gesetzesbuchstaben entscheiden. Entscheidend ist die Empfindung des Opfers. Weil aber die Gerichte nicht nach dem Empfinden der Opfer urteilen können, sondern nach begangenen Taten urteilen müssen, enden sehr viele Prozesse in diesem Bereich unbefriedigend.

    Ebenfalls keine gute Entwicklung finde ich, dass Lehrer zu ihrem eigenen Schutz Kinder kaum mehr anfassen und keinen Einzelunterricht mehr geben. Körperliche Zuneigung nicht-sexueller Art ist aber wichtig für die Entwicklung der Kinder. Wenn wir diese ermöglichen wollen, müssen wir aufhören mit der populistischen Skandalisierung von Übergriffen und «Vermonsterisierung» von Tätern und uns unaufgeregt aber bestimmt der Prävention und Aufklärung widmen.

  5. @David

    So ganz is mir nicht klar welchen Kritiker du hier meinst – insbesondere von welcher Hetzjagd die Rede sein soll. Wenn man SPON, SZ, Zeit etc nimmt kann von einer Vorverurteilung bzw. davon, dass auch den Täter nicht genügend Privatspähre gelassen wird keine Rede sein – namentlich ist doch immer nur Becker genannte worden, und dass mehr aus systematischen Gründen (schliesslich trägt er auch die Verantwortung für alles geschehen und nicht nur sein eigenes Verhalten bzw. stand sein Name dazu schon 99 in der Presse). Die Beschuldigtenrechte sehe ich insofern durchaus gewahrt – keine Namen/keine Bilder. Abgesehen davon geht es doch vermehrt um eine systematische Diskussion, die meisten Taten sind längst verjährt und es geht um die Frage inwieweit es für die Zukunft verhindert werden kann, dass weiterhin Taten sprichwörtlich „unter der Decke“ bleiben.
    Der Skandal sind nicht nur die Taten an sich, sondern die systematische Verleugnung der Kinderrechte durch Institutionen die eigentlich auch ihren Schutz und ihrer Entwicklung dienen.

    Bei den straffprozesslichen Beurteilung on sexuellen Missbräuchen kommt es sehr wohl auch auf das objektive Geschehen an – und ich wüsste nicht, wie es dazu kommen sollte, dass ein Kind mit dem Lehrer in der Badewanne sitzen sollte. Schon mal das Schamgefühl von 12-jährigen erlebt?- freiwillig setz sich keiner dazu.

    Zu letzerem kann ich nur sagen, dass ich aus persönlicher Erfahrung dass so in keinster Weise bestätigen kann – vielleicht gibt es da Verunsicherung und angesichts dessen auch eher einen Rückzug, aber Diskussiionen sind dazu da aus Verunsicherungen klare Grenzen zu ziehen – von daher wird sich das auch irgendwann beruhigen.

    PS: Das Wort Monster für die Täter wird sehr häufig von den Opfern selbst verwendet.

  6. In der Schweiz richtet sich die Empörung der Medien seit Freitag vor allem auf Fälle in der katholischen Kirche in der Schweiz. Die Odenwaldschule haben sie bereits wieder vergessen. Es gibt schon ausgewogene Berichterstattung, aber es gibt auch die skandalgeilen Medien, die einzelne Aussagen aus dem Zusammenhang reissen, und die Politiker, die gerne auf einer solchen Welle reiten. Die Leute empören sich dann über die katholische Kirche, aber dass in eigenen Sportverein solche Dinge vielleicht auch vorkommen, daran verschwenden sie keinen Gedanken.

    Die wirklich erschütternden Zahlen werden hingegen in Agenturmeldungen abgehandelt – meines Erachtens mangels Feindbild.

  7. Nachdem ich praktisch keinen Bezug zur katholischen Kirche habe, lese ich die Berichte dazu nur sehr sporadisch – und wenn ich es recht sehe findet man dazu in der NZZ praktisch kaum was, und den tagi weigere ich mich zu allen emotional empfindlichen Themen zu lesen (mehr als Keulenschwingen erwarte ich da selten).

    Aber im Gegensatz zu einem Sportverein nimmt die katholische Kirche für sich in Anspruch eine moralische Institution zu haben – und an diesen eigenen Ansprüchen sollte sie sich auch messen lassen.

    Und Agenturmeldungen über Zahlen sind mir allemal lieber als aufgebauschte Kitschmeldungen mit wenig Hintergrundwissen und tränentriefende Einzelfallbeschreibung. Im übrigen kamen in den letzten Tage auch die Statistikzahlen zu den sonstigen Straftaten raus. Aber dass Kriminalität männlich und zwischen 20-24 ist will wohl auch niemand hören. Passt gerade nicht in die Antifeminismustendenz hinein.

  8. Klar, die katholische Kirche kann und konnte ihrem Anspruch, moralisch besser zu sein als andere, nie gerecht werden. Menschen bleiben Menschen.

    Hier noch ein Zitat von Bodo Kirchhoff zur Ergänzung: «Lieber behält man intimen Schmutz für sich, als ihn einer schmutzgierigen Welt auszusetzen, die sich nur respektlos erschüttert zeigt.»

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