Freiheiten für Unangepasste

Gewähren wir die freiheitlichen Grundrechte auch jenen Menschen, die unseren Zielen komplett zuwiderlaufen?

Das ist eigentlich eine einfache und eine sehr grundlegende Frage. Interessant und erstaunlich ist, dass in einer so grundsätzlichen Frage praktisch alle Parteien intern uneinig sind – was die «Burkadebatte» nun schonungslos aufgedeckt hat. Es gibt in allen Parteien Exponenten, die unsere freiheitliche Ordnung durch fundamentalistische Muslime bedroht sehen und sie durch Beschränkung der freiheitlichen Grundrechte verteidigen möchten, und andere, die unsere freiheitliche Ordnung gerade durch diese Bestrebungen, die freiheitlichen Grundrechte einzuschränken, in Gefahr sehen.

Ich habe den Eindruck, dass es auch eine Vertrauensfrage ist: Vertraue ich darauf, dass der Wille zur persönlichen Freiheit stärker sein wird als der Wille zur Unter- und Einordnung in ein streng definiertes System?

Ich finde: Es kann dem Weiterkommen einer Gesellschaft nur gut tun, wenn sie auch Unangepassten jeglicher Couleur alle freiheitlichen Grundrechte gibt. Eine konformistische Gesellschaft ist viel anfälliger für extreme Entwicklungen als eine pluralistische, die den Unangepassten einen Platz innerhalb der Gesellschaft gibt und sie nicht marginalisiert. Wir sollten auf die geistige Durchsetzungskraft der freiheitlichen Idee vertrauen.

9 Gedanken zu „Freiheiten für Unangepasste“

  1. Es gibt in der Schweiz kein Hakenkreuzverbot, und ich sehe keinen Zweck für ein solches Verbot. Ich glaube nicht daran, dass durch ein solches Verbot die Ideologie bekämpft werden kann.
    Als einziges Argument für ein Hakenkreuzverbot sehe ich Pietätsgründe, daher kann ich das Verbot in Deutschland verstehen.

  2. im prinzip völlig einverstanden. allerdings kann es kein fehler sein, extremistische tendenzen genau im auge zu behalten, egal aus welcher ecke sie kommen.

    die gewährung freiheitlicher grundrechte setzt auch die durchsetzung derselben voraus und da wirds nun mal sehr schwierig. ich kenne z.b. einen jungen türkisch/kurdischen studenten, der sich verliebt hat und jetzt von seiner familie vor die wahl gestellt wird, sofort zu heiraten oder die beziehung aufzugeben. er will aber nicht heiraten, sondern erstmal seine erste beziehung ausprobieren und geniessen, wie das alle tun (dürfen). das ist nur einer von hundertausenden von fällen in der schweiz, wo die freiheitlichen grundrechte zur makulatur werden.

    mit diesem phänomen müssen wir als gesellschaft irgendwie umgehen. wenn wir die freiheitlichen grundrechte wirklich durchsetzen wollen, müssten wir mit den einwanderern gerade in diesen fragen härter umgehen als bisher – also z.b. eltern bestrafen, die die freiheitlichen grundrechte ihrer kinder einschränken.

  3. Im Auge behalten: Ja. Aber wenn es potenziell gefährliche Gruppen gibt, dann sind es nicht die, die sich öffentlich exponieren.

    Das Problem mit den strengen, bevormundenden Sitten gibt es ebenso bei konservativen Christen. Dagegen muss man arbeiten, aber ich denke nicht, dass Bestrafungen etwas nützen. Wenn der Student in deinem Beispiel 18 ist, haben sie Eltern ja gar keine Rechte, sich in seine Angelegenheiten einzumischen. Das Problem sind die sozialen Bindungen, ein Loyalitätskonflikt, und der wird bei drohenden Strafen eher noch verschärft als gemindert.

    Die Bestrebungen müssen dahin gehen, dem Studenten möglichst viel Unabhängigkeit zu bieten, sowie die Eltern aufzuklären. Mit Härte werden die Eltern kaum zur Einsicht gelangen. Und der Sohn wird sich dadurch kaum emanzipieren können. Frag doch den Studenten mal, ob ihm eine Bestrafung der Eltern etwas nützen würde in seiner Situation.

  4. @David: Es gibt kein explizites Hakenkreuzverbot, aber eines für ethnisch diskriminierende Propaganda, und da fällt das zur Schau stellen des Hakenkreuzes darunter. Klar kann die innere Ideologie nicht verboten werden, aber deren äussere Propagierung zu verbieten ist zum Teil sinnvoll. Es gibt starke Parallelen zwischen der Bedeutung des Hakenkreuzes und der Burka, von diesem Standpunkt wäre ich sofort für ein Burkaverbot. Bin schlussendlich aber unentschlossen, weil ein solches Verbot den Betroffenen nicht viel nützen wird, wie auch in deinem Beispiel des Studenten.

  5. @david: die, die sich öff. exponieren, bereiten ja ein gewisses terrain vor für die hinter der bühne. oder für pubertierende konvertiten. ich halte alle gruppen für potentiell gefährlich, die extreme positionen vertreten.

    der vergleich mit den konservativen christen hinkt. die sind bei uns die ausnahme, bei türkischen immigranten dürfte diese knallhart konservative schiene die regel sein.
    „mein“ student ist über 20 und vermutlich würde er nicht wollen, dass seine eltern bestraft werden. aber das beispiel zeigt das dilemma, in dem wir stecken. dein vorschlag (die eltern aufklären) dauert jahrzehnte, für „meinen“ studi müsste aber doch eigentlich sofort eine lösung her.

  6. @Sina: In der Schweiz gibt es die Rassismus-Strafnorm, die keine Symbole verbietet. Symbole zu verbieten finde ich sehr problematisch, weil niemand die Deutungshoheit über deren Symbolik hat. Ich kann auch in das christliche Kreuz, das Minarett oder das Satanszeichen etwas „Böses“ hineininterpretieren und dies als Grund für ein Verbot angeben. Da ist Willkür Tür und Tor geöffnet.

    @bugsierer: Wie definierst du „extrem“? Bitte bedenke, dass die ersten Aufklärer, die ersten Christen, die ersten Liberalen usw. „extrem“ waren, indem sie unkonventionelle Ideen vertraten. Wenn du „extrem“ als „sehr unkonventionell“ definierst, möchte ich dir vehement widersprechen. Die Gesellschaft braucht diese „Extremisten“, um sich weiterentwickeln zu können. Gefährlich sind Menschen, die Gewalt legitimieren zur Durchsetzung ihrer Ideen, und dazu gibt es bei Blancho und Co keine Anzeichen. Und ich finde es nicht statthaft, einen Vorwurf auf „Terrainvorbereitung“ zu konstruieren. Diesen Vorwurf könnte man den Bischöfen genausogut machen.
    Dein Bild von den türkischen Immigranten ist ziemlich falsch. Die praktizierenden Muslime sind unter den türkischen Immigranten klar in der Minderheit, eine knallhart konservative Schiene ist alles andere als die Regel. Unter den Albanern sind die Katholiken genauso konservativ wie die Muslime. Ich finde den Vergleich mit den konservativen Christen nicht nur passend, sondern zwingend, um der Thematik gerecht zu werden.
    Es kann für „deinen“ Student keine sofortige Lösung geben, weil die Lösung einen Umdenkprozess bei seinen Eltern bedingt. Vermutlich wird der Umdenkprozess der Eltern am ehesten in Gang gesetzt, indem der Student mit seinen Eltern bricht und seinen eigenen Weg geht. Oftmals ist später eine Versöhnung möglich. Ich sehe die einzige Lösung darin, den Studenten bei diesem Ansinnen nach Kräften zu unterstützen und darin zu bestärken sowie gegen die Eltern vorzugehen, falls sie ihren Sohn bedrohen.

  7. @david:

    nun ja, ich glaube die türkische community relativ gut zu kennen. ich bin seit 20 jahren+ quasi dauerkunde in etlichen türkischen imbissbuden und mit etlichen deren chefs gut bekannt, ich hatte mein atelier 2 jahre in sehr freundschaftlicher nachbarschaft zu einem aleviten verein, ich hatte in soziokulturellen events immer mal wieder mit der türkischen gemeinde gemeinsame sache gemacht, ich hatte sogar schon türkische kunden und auch sonst laufen einem immer mal wieder nette türken über den weg. in diesen begegnungen war es mein eindruck, dass da in vielen aspekten eine extrem konservative schiene gefahren wird.

    das ist kein vergleich zu „unseren“ konservativen hier, die ich auch gut kenne, es gibt im emmental sehr viele von diesen glarigen freikirchen, die man auch gut im auge haben sollte. aber für einen emmentaler studi, der in der gleichen situation wäre wie „mein“ türkischer studi, wäre das weitaus einfacher zu handeln. der würde seine familie einfach verlassen, sich in zürich ein zimmer nehmen und sein leben leben. für einen türken ist dieser weg ein no go.

    der aspekt mit der terrainvorbereitung ist kein konstruierter vorwurf, sondern eine strategische realität in der durchsetzung von extrempositionen. die extremposition der minarettinitiative hat das terrain vorbereitet für einen härteren ton gegenüber den muslimen, zuerst in der schweiz und nach der annahme europaweit. der gleiche effekt wird mit blancho & co. zum tragen kommen – wir werden in zukunft mehr radikale konvertiten in kohlensäcken rumlaufen sehen.

    du sagst es richtig, es kann keine schnelle lösung geben, aber eigentlich bräuchte es eine.

  8. Tja, leider gibt es keine Statistik über die Anzahl der Konservativen. Darum lass ich das einfach mal so stehen.

    Vielleicht noch ein Einordnungsversuch: Als meine Eltern über die Konfessionsgrenze heirateten, war das für meine katholischen Grosseltern auch eine ziemliche Katastrophe. Auch da gab es erheblichen familiären Druck. Solche Dinge hat unsere Gesellschaft auch erst kürzlich überwunden.

    Das mit der „Terrainvorbereitung“ kann man so sehen. Jedoch geht es auch hier genau um das Thema meines Blogbeitrages. Wenn wir diese „Terrainvorbereitung“ irgendwie unterbinden möchten, schränken wir damit unsere freiheitlichen Grundrechte, namentlich die Meinungsäusserungsfreiheit, ein. Wenn wir das nicht wollen, müssen wir darauf vertrauen, dass wir diese Kräfte mit Argumenten schlagen.

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