Valzeina–Syrien einfach

Im Mai berichtete die SF Rundschau von der syrischen Familie im Ausreisezentrum Flüeli in Valzeina, wo die Frau mit den vier Kindern in prekären Umständen lebte. Der Mann sass in Ausschaffungshaft. Obwohl man die Familie in unmenschlichen Verhältnissen leben liess, kam für diese eine Ausreise nicht in Frage:

Rundschau vom 26.05.2010

Der Chef des Bundesamtes für Migration, Alard du Bois-Reymond, sagte dazu auf dem Rundschau-Stuhl (Zweites Video ab 4:30):

Diese könnten morgen zurück und haben kein wirkliches Problem in Syrien. Dieser Familie muss ich sagen: Du musst zurück. Ich kann verstehen, dass es in Syrien nicht so gut ist wie in der Schweiz, aber es ist kein Flüchtlingsgrund. Diese Familie ist nun auf dem Weg zu merken, dass das [der Aufenthalt in der Schweiz] nicht die Lösung ist. Meine Prognose ist, dass diese Familie in ein paar Wochen oder Monaten zurück in Syrien sein wird.

Rundschau vom 26.05.2010

Der letzte Teil der Prognose trifft nun anscheinend zu. Jedoch nicht, weil die Familie sich doch für eine Rückkehr entschieden hätte. Denn der Verein Miteinander Valzeina berichtet von der brutalen Ausschaffung der Familie:

Ein Strafgefangener des Gefängnisses Sennhof Chur berichtet: «(…) Kurz darauf hörte ich Schreie und Lärm. Da sah ich einen Mann mit Gesichtsmaske, Handschellen und Fussfesseln, eine Frau mit Gesichtsmaske, Handschellen und Fussfesseln und vier kleine Kinder. Die Gesichtsmasken waren von der Art, die im Mund-Nasenbereich Luftlöcher haben und auch Augenlöcher, den Rest des Gesichtes aber verdecken. Der Mann schrie fortwährend: ‚Lasst mich frei, lass mich frei!’ Die Frau schrie nur, ohne dabei etwas zu sagen. Alle vier Kinder weinten. (…) Die gefesselte Frau hielt den Kopf mit der Gesichtsmaske gegen oben gewandt, wiegte ihn die ganze Zeit hin und her und schrie. Die Kinder weinten in Panik. Dann hob ein Polizeibeamter die Frau hoch und warf sie wie ein Spielzeug in den Bus. Die Frepo-Beamtin packte die Kinder von hinten und warf sie hinterher. Einfach so, wie Puppen, warfen die beiden Beamten die Frau und die Kinder in den Bus – sie haben sie sicher verletzt dabei. (…) Wir konnten nicht glauben, was wir da gesehen hatten. Er war wie in einem Horrorfilm und ich sehe diesen Film in Gedanken nach wie vor immer wieder. In dieser Nacht hat sicher niemand von uns geschlafen. (…)»

Ich sag nur: Arme reiche Schweiz.

(via)

8 Gedanken zu „Valzeina–Syrien einfach“

  1. Der Ort ist leider sehr clever gewählt, denn wer glaubt schon Strafgefangenen? Und dass diese dann noch eingeschüchtert werden, daran glaubt ja auch niemand…

    Beschämend, einfach nur beschämend. Ich hoffe sehr, dass dieser Vorfall genaustens untersucht wird. Die Schuldigen sollte man dann auch gleich in einen Bus werfen, damit sie lernen nachzufühlen…

  2. @Titus: Das Problem ist in meinen Augen politisch. Das Volk heisst anscheinend eine solche Behandlung gut. Es ist auch nicht ein Einzelfall, sondern nur ein journalistisch einigermassen dokumentierter, im Gegensatz zu den unzähligen anderen Fällen. Es müsste hauptsächlich darum gehen, in der Gesellschaft einen Umdenkprozess zu bewirken, und nicht, jemanden dafür schuldig zu machen.

    @Zynikus: Wenn schon Syrien–Valzeina retour, oder? Ich denke nicht, dass sie jemals wieder nach Valzeina werden zurückkehren können.

  3. @ David
    Wie kommst Du darauf, dass «das Volk» diese Behandlungsform gutheisst? Die Ausschaffungspolitik an sich ist eines, aber die Art und Weise, wie ausgeschafft wird ist etwas anderes.

    Dass eine Mehrheit der hiesigen Bevölkerung die heutige Ausschaffungspolitik begrüsst, kann ich mir gut vorstellen. Aber dass man Menschen (darunter auch Kinder) wie Säcke behandelt und dies von einer Mehrheit gutgeheissen wird, kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen…

  4. @Titus: OK, das eine ist die Polizeigewalt. Vielleicht wäre eine «Zwangsausschaffung Level IV» auch mit weniger körperlicher Gewalt durchführbar gewesen. Schlimm finde ich aber, dass man überhaupt auf die Idee kommt, eine psychisch angeschlagene Familie mit vier kleinen Kindern nach Level IV auszuschaffen, mit Überfallkommando-mässiger Festnahme aus heiterem Himmel. Selbst wenn das nach polizeilichen Massstäben korrekt abläuft, nimmt man die Traumatisierung der Kinder in Kauf. Diese sind völlig unvorbereitet und können das Erlebte nicht einordnen. So etwas wird auf politischer Ebene entschieden, nicht auf polizeilicher.

  5. Das eine ist die Polizeigewalt und das andere ist die restriktive Migrationspolitik. Klar jedoch ist, dass letztere die Polizeigewalt toleriert und deckt. augenauf hat schon mehrfach darauf hingewiesen. Immer wenn Polizisten wegen Verstössen angeklagt wurden, wurden sie entweder freigesprochen oder die Verfahren wurden eingestellt.

    Es ist Zeit sich dagegen zu wehren.

    Der Tod von Menschen wird offenbar in Kauf genommen – denn es gab bei diesen menschenverachtenden Ausschaffungsmethoden auch schon Tote. Man fesselt die Auszuschaffenden in gebeugter Haltung auf einen Rollstuhl während des gesamten Fluges. Die Masken nimmt man ihnen auch nicht ab. Das atmen wird ihnen somit erschwert.

    Das unterscheidet sich kaum noch von einer Folter! Das die Kinder der syrischen Familie ihre Eltern in diesen Masken sehen mussten ist ungeheuerlich und sicherlich äusserst traumatisierend für die Kleinen.

    Hat die Bündner Regierungsrätin eigentlich auch Kinder – oder sind diese etwas besseres? Nun wollte sie auch noch Denise Graf, Amnesty International Schweiz das Wort verbieten, unfassbar.

    Sie soll lieber mal das Video zeigen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.