Liebe Frau Keller-Messahli

Ich bewundere Ihre Bereitschaft, sich zu exponieren. Das Land braucht Leute, die in der Öffentlichkeit zu schwierigen Themen intelligent und verständlich Stellung beziehen und nicht einfach im Mainstream schwimmen. Dafür gebührt Ihnen Dank.

Jedoch scheint mir, dass Sie sich in der «Burka-» und Kopftuchdebatte etwas in die Nesseln gesetzt haben. Grundsätzlich verstehe ich die Argumentation für ein Kopftuchverbot an Schulen aus einem laizistischen Standpunkt heraus. Ich teile Ihr Anliegen, dass Kinder nicht in religiöse, sexuelle oder andere Schemen gepresst werden sollen. Sie sagen: «Kinder sollen möglichst frei sein von religiöser Programmierung.» Damit bin ich absolut einverstanden. Jedoch liegen Sie meines Erachtens in vier Punkten daneben:

  1. Sie definieren Kinder als Unter-18-Jährige und sprechen ihnen praktisch jegliche Mündigkeit ab. Sie übersehen, dass Jugendliche in vielen Bereichen schon früh viel Verantwortung für sich und andere übernehmen. Ab 10 sind sie strafmündig, können also von Richtern für ihre Handlungen verantwortlich gemacht werden. Mit 14 lässt man sie mit einem Traktor auf die Strasse. Mit 16 können sie Sex haben mit wem sie wollen, sogar gegen Geld. Einige werden Gruppenleiter im Jugendverband, babysitten oder übernehmen anderswo Verantwortung für Jüngere. Und Sie behaupten: «Kein Kind trägt die Kopfbedeckung freiwillig», und beziehen das auf Unter-18-Jährige. Und weiter: «Sie möchten Teil einer Gemeinschaft von Gleichen sein.» Sie irren. Jugendliche in der Pubertät wollen zwar nicht ausgegrenzt werden, aber sich abgrenzen und zu einer eigenen Identität finden wollen sie sehr wohl. Manche finden Identität in der Hip-Hop-Kultur und kleiden sich entsprechend. Andere finden Identität in einer Religion und kleiden sich entsprechend. Beides ist ihr gutes Recht und findet sicher nicht nur unter Zwang statt. Klar, man kann sich auf den laizistischen Standpunkt stellen, dass Hiphopper wie Religiöse ihre Insignien nicht in die Schule mitnehmen sollen. Aber: Ihre Begründung ist falsch.
  2. Sie sagen: «Kinder möchten so wie die andern Kinder sein» und verweisen auf den gruppendynamischen Druck auf Anpassung. Damit akzeptieren und legitimisieren Sie diesen Gruppendruck. Müssten wir die Kinder nicht vielmehr zu Toleranz erziehen und ihnen beibringen, dass man Andersartige nicht ausschliesst? Dunkelhäutige, übergewichtige, behinderte oder anders von der «Norm» abweichende Kinder können sich auch nicht einfach anpassen. Es ist nicht ok, wenn Kinder wegen ihrer Andersartigkeit ausgegrenzt werden. Und es ist noch weniger ok, wenn Erwachsene diesen Anpassungsdruck noch verstärken, so wie Sie das tun.
  3. Sie stärken Stefan Kölliker und anderen konservativen (bis fundamentalistischen) Politikern den Rücken. Diese argumentieren aber nicht laizistisch wie Sie, sondern sind getrieben von der Angst vor der Islamisierung. Ihr Ziel ist nicht ein laizistischer Staat, sondern ein christlicher Staat. Sie wollen die Tradition bewahren und nicht die Kinder entscheiden lassen. Wenn sie von Integration reden, meinen sie komplette Assimilation. Klar, man könnte argumentieren, Sie könnten nichts dafür, wenn andere aus anderer Motivation die gleiche Forderung stellen. Aber: Sie setzen sich absichtlich mit solchen Leuten ins Boot. Sie grenzen sich nicht von Ihnen ab.
  4. Wäre es Ihnen ernst mit dem laizistischen Standpunkt, müssten Sie sich gleichermassen auch gegen die Einflussnahme von anderen Religionen und Traditionen wehren. Unsere Gesellschaft, und auch die Schule, ist weit davon entfernt, die Kinder nicht religiös zu beeinflussen. Sie befürworten «eine Massnahme gegen den immer sichtbarer werdenden Islam in der Schweiz», aber das omnipräsente Christentum scheint Sie anscheinend nicht zu stören. Auch nicht, dass mit dieser Argumentation auch das Minarettverbot gerechtfertigt werden kann, das Sie doch so engagiert bekämpften. Die Glaubwürdigkeit Ihres Anliegens leidet darunter, dass Sie die Forderungen einseitig gegen muslimische Konservative richten und die christlichen Konservativen, die jüdischen Konservativen, die tamilischen Konservativen und alle anderen Konservativen unerwähnt lassen.

So bleibe ich leider mit dem Eindruck zurück, dass es Ihnen nicht wirklich um Laizismus und um die Rechte von Kindern und Jugendlichen geht, sondern einzig um die Bekämpfung von konservativen islamischen Vorstellungen. Schade.

13 Gedanken zu „Liebe Frau Keller-Messahli“

  1. 18 mag als Altersgrenze zu hoch angesetzt sein – aber auch ich bin für ein Kopftuchverot in der Primar- und Sekundarschulstufe. Aus genau den Gründen, die Frau Keller-Messahli anfügt.

    Zu Punkt 1: Viele Schulen haben Kleiderordnungen (frag mal meine Tochter!!!). Für mich haben sie – wenn sie begründet sind – ihre Berechtigung. Ein paar Beispiele: Armyhosen (es gibt genug Krieg auf der Welt), bauchnabelfrei, Kopfbedeckung (Die Hopper ziehen ihre Mützen aus – ist eine Respektfrage), kratzige Ketten / Gürtel (wegen der Stühle) usw. Jugendliche können ihre Individualität trotzdem leben – ausserhalb der Schule. Da ziehen die Hopper ihre Mützen wieder an, Tochter hängt zwei Kilo Eisen an ihren Körper, die Klassenkameradin schiebt das Oberteil über den Bauchnabel usw.

    Zu Punkt 2: Deine Argumentation tauscht nur den einen Gruppendruck gegen den anderen aus. Den in der Schule gegen den von zu Hause. In der Schule lernt man, Gruppendruck standzuhalten – sie schafft aber mit ihren Regeln auch Voraussetzungen, das zu lernen. Zu Hause ist das ungleich schwieriger, weil die Eltern und Verwandten Respektspersonen sind, denen man nur sehr viel schwerer widersprechen kann. Indem du für das Kopftuch in den Schulen votierst, nimmst du einem Kind / einer Jugendlichen die Möglichkeit, in dem geschützten Raum Schule das Anderssein zu lernen, nämlich das Sein ohne Kopftuch. Jedem Kind, das sich danach sehnt, sich starren Religionsformen entgegenzustellen, nimmst du mit deiner Argumentation die Chance, einen Rahmen zu finden, in dem das geht (weil es „muss“ und diesesn „müssen“ zuhause begründen kann). Natürlich gebe ich dir recht: Die Schule ist ein Ort, an dem man u.a. lernen kann, Gruppendruck standzuhalten. Nur: Es gibt diesen Druck eben nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause.

    3. Nur um nicht mit der SVP ins gleiche Boot gesetzt zu werden, kann man doch nicht einfach entgegen seiner ureigenen Meinung eine andere annehmen – das ist (mit Verlaub) auch eine Art Gruppendruck. Und weil ich gelernt habe, mich JEDEM Gruppendruck zu widersetzen, widersetze ich mich auch dem. Das galt übrigens auch damals bei der Minarettinitiative. Wer ein „guter“ Mensch sein wollte, DURFTE EINFACH NICHT so stimmen, wie die SVP das wollte. Ja, Himmel noch mal, wo leben wir denn? Noch ein PS zur Minarettinitiative: Es hat auch Muslime gegeben, die dafür waren, aber das wird – weil es nicht ins Gefüge passt – unter den Tisch gewischt.

    4. Ominirpäsentes Christentum? Ähm … leben wir in der gleichen Schweiz? Wo ist denn hier das Christentum ominipräsent? Im Weihnachtsspiel an der Schule? Noch nie haben mehr Menschen den christlichen Kirchen den Rücken gekehrt als heute, noch nie wurde Religonsunterricht aufmerksamer beobachtet als heute, noch nie waren die Diskussionen um das Christentum so heftig wie heute. Während wir all diese Diskussionen beherzt, kritisch und unterschrocken führen (auch mit dem Kratzen an Tabus), werden unter der Flagge der Toleranz Diskussionen um den Islam ganz früh abgeklemmt – und andere, wie jene um die anderen extrem Konservativen (Juden, Tamilen) schon gar nicht erst geführt. Was mich nicht wundert, wenn ich sehe, wie man schon verbal in die SVP-Ecke gestellt wird, wenn man es wagt, sich für ein Kopftuchverbot an Schulen stark zu machen.

  2. Herzlichen Dank für die gut durchdachte und strukturell starke Kritik an Kellers Votum. Zum ersten Punkt müsste mit Bezug zur aktuellen Schweizer Situation auch noch die Religions- und Kultusfreiheit miteinbezogen werden. Damit wäre denn auch die Differenz zwischen religiös begründeter Handlung (Tragen eines Hegabs) und blosser Gruppensymbolik hergestellt. Sowohl die islamische Kulturgeschichte der vergangenen 1400 Jahre, wie auch die religiösen Quellen des Islams lassen die Negation einer – ob subjektiv empfundenen oder objektiv vorhandenen – Kultus- (nicht Kultur!) Pflicht nicht zu. Auch die zeitegnössische Theologie (Frau Keller ist übrigens Germanistin nicht Theologin!) hat eine affirmative Meinung zum Tuch gefasst – übrigens meinst defensiv-affirmativ, weil es bis ins 19. Jh. nie jemand in Frage gestellt hatte.

    Auch der zweite Punkt ist Ihnen gut gelungen. Gruppendruck oder gesellschaftliche Imperative sind omnipräsent. Man denke an das Rauchen, Trinken oder sexuelle Handlungen. Dass in Schulen grössere Freiheit zur individuellen Entfaltung herrsche, kann muss aber nicht stimmen. Es kommt wohl stark auf das infragestehende Subjekt und die Dynamik seines Umfeldes an. Kommt ein Kind bspw. in eine neue Schule (Umschulung), wird es als Aussenseiter zuerst einmal einen Integrationsprozess durchlaufen müssen. Ist das Subjekt schwach, kann es zu einer systematischen Unterordnung desselben kommen…
    Unabhängig von den soziologisch möglichen Ausgängen kann die Referenz auf einen negativen Freiheitsbegriff kaum die Möglichkeit einer positiven Anwendung desselben begründen. Wenn also der Freiheit von etwas das Lob geredet wird, muss auch die Freiheit zu etwas zugestanden werden, sofern das Etwas nicht mit der herrschenden Rechtsordnung konfligiert. Gerade die bekannten Fälle zeigen, dass es ein Wunsch der jeweiligen Mädchen ist, das Tuch zu tragen und dass sie dies auch mit der Religion begründen können. Nur weil sich viele hiesige Zeitgenoss/innen religiöse Motive bei der Gestaltung der individuellen Innerweltlichkeit nicht mehr vorstellen können, darf das nicht zu einer totalitären Haltung gegenüber dem Religiösen per se führen.

    Der Artikel hat m.E. gut erfasst, dass es Frau Keller-Messalih keineswegs um einen humanistischen oder meinetwegen absolut-laizistischen Standpunkt geht. Vielmehr projiziert sie eigene, möglicherweise negative Erfahrungen auf eine ganze Gruppe. In der Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang auch von einem negativen Chauvinismus. Sie selbst hat offensichtlich mit ihrer Religion oder dem was hinlänglich unter jener verstanden wird ein Problem. Sie versucht sich ostentativ von ihr abzugrenzen und dürfte damit im innerislamischen Diskurs eine marginale bis keine Rolle spielen. Sie profitiert zurzeit von einer überproportionalen Aufmerksamkeit durch die Medien, die ihr im Verhältnis zur realen Relevanz kaum gebühren dürfte.

  3. Hier habe ich etwas falsch ausgedrückt…

    Unabhängig von den soziologisch möglichen Ausgängen kann die Referenz auf einen negativen Freiheitsbegriff kaum die Negation einer positiven Anwendung desselben begründen.

  4. @Nusaybah b. Abdel Aziiz: Die einfachste Methode, jemanden klein- und bedeutungslos zu reden, ist der Person zu unterstellen, sie projiziere oder verarbeite eigene Erfahrungen auf dem Buckel von andern. Deshalb keine Erwiderung auf den Rest Ihrer Punkte. Ich kann Sie nicht ernst nehmen, wenn Sie andere so wenig ernst nehmen.

    @David: Mir ist zum Gruppendruck noch etwas eingefallen. Ich bin aus verschiedenen Gründen NICHT Mitglied des AdS (Autoren der Schweiz); ein Hauptgrund ist jedoch die allgemeine Denkrichtung, die meiner Meinung nach von den Mitgliedern fast als gegeben angenommen wird. Bezeichnend: Jeder und jede, der / die etwas zwischen zwei Buchdeckeln mit dem Segen irgendeines Verlags veröffentlicht hat, darf Mitglied beim AdS werden. Ausser Herr Freysinger von der SVP. Seine Schreibe sei zu primitiv. Aha. Als ob alle anderen Texte zwischen Buchdeckeln über jeden Zweifel erhaben wären. Ich denke, dem AdS hat schlicht und einfach die politische Ausrichtung und das Sich-Nicht-Kleinmachen von Herrn Freyinger nicht gepasst. Grösseren Gruppendruck gibt es wohl kaum – und das bei Leuten, die sich für tolerant und weltoffen halten. Vielleicht sollte man auch über solche Mechanismen mal nachdenken.

  5. Weil’s mich grad beschäftigt: Ich stärke also Stefan Kölliker mit seinen haarsträubenden Ansichten den Rücken? Und umgekehrt? Stärkst du mit deiner Ansicht den islamischen Zentralrat mit seinen nicht weniger haarsträubenden Ansichten? Siehst du, wie trügerisch solche Vergleiche sind?

  6. @Alice:

    1. Ja, ich finde auch, dass es an Schulen (geschriebene oder ungeschriebene) Kleiderordnungen geben muss. Diese kann unter Umständen ein Kopftuchverbot beinhalten (obwohl ich es unnötig finde). Aber die Begründung, das sei keine Einschränkung der Freiheit, weil kein Kind ein Kopftuch tragen wolle, ist völlig falsch. Manche Jugendliche wollen ein Kopftuch tragen, und ein Verbot ist eine Einschränkung. Eine solche Einschränkung finde ich nur akzeptabel, wenn sie sich nicht einseitig gegen muslimische Kopftücher gerichtet ist, sondern auch andere auffällige/aufreizende/provozierende/religiöse/… Kleidung betrifft.

    2. Und ein Kopftuchverbot tauscht den allfälligen elterlichen Druck gegen einen staatlichen Druck. Und wenn du denkst, nur muslimische Kinder hätten Druck aus der Familie, irrst du gewaltig. Tamilische Mädchen müssen zum Beispiel lange Haare haben. Das finde ich genausowenig ok wie ein Kopftuchzwang. Sollen wir nun staatlich verordnen, dass Mädchen nur noch mit höchstens schulterlangen Haaren in die Schule kommen dürfen, um ihnen «die Möglichkeit, in dem geschützten Raum Schule das Anderssein zu lernen» zu geben? Sorry, aber ich finde es absurd, mit Verboten versuchen zu wollen, Selbstbestimmung zu fördern.

    3. Das habe ich nicht so gemeint. Natürlich darf man die gleiche Forderung wie die SVP aufstellen. Frau Keller-Messahli schaltet sich aber in die laufende Debatte ein, übernimmt die Forderungen aus der konservativen Ecke und distanziert sich mit keinem Wort von dieser. Würde sie sich von den konservativen Begründungen distanzieren, hätte ich kein Problem damit. So aber wird sie zum Alibi für die Konservativen. Damit ist sie keine progressive Stimme mehr, die sie eigentlich zu sein vorgibt. Und ja, falls der Verdacht entstehen würde, ich würde die Ansichten des Islamischen Zentralrats teilen, müsste ich mich auch stärker distanzieren.

    4. Das Christentum ist omnipräsent mit Kirchen, Glockengeläut, Wegkreuzen, Gipfelkreuzen, Bibelsprüchen auf Plakaten und in Werbebotschaften, in der Nationalhymne, im Liedergut, in der Literatur, an Halsketten, bei den Feiertagen, mit dem Papst in den Medien, und und und… Beim Islam sind höchstens Splittergruppen in den Medien präsent. Der gemässigte Islam ist praktisch unsichtbar.

    (An Nusaybah schreib ich dann auch noch eine Replik, sobald ich Zeit habe.)

  7. @Nusaybah b. Abdel Aziiz: Ich würde Frau Keller-Messahli nicht als «negative Chauvinistin» bezeichnen. Ich fand sie in anderen Debatten eigentlich sehr gemässigt, fundiert und überzeugend. Und ich denke schon, dass sie einen grossen Teil der gemässigten, progressiven Muslime grundsätzlich relativ gut vertritt.
    Wie sie zu ihrem Standpunkt in der Kopftuchfrage gekommen ist, darüber möchte ich eigentlich nicht spekulieren. Anscheinend vertritt sie aber quasi die gleiche Position wie die Regierung in ihrem Herkunftsland Tunesien, wo das Kopftuch im öffentlichen Raum verboten ist. So unbedeutend kann die Position im Islam also nun auch wieder nicht sein. Ich interpretiere das eher als eine relativ radikale Form von Reformislam, der halt ein wenig über das Ziel hinausschiesst. So wie manche christliche Reformatoren alle religiösen Bilder verbannt haben, wollen islamische Reformatoren das Kopftuch verbannen. Dies wäre jedenfalls eine Erklärung, die mir einigermassen einleuchten würde. Aber vielleicht liege ich mit dieser Interpretation auch völlig daneben.

  8. @David: Als Frau Tocher nach Hause kam und sagte, sie müsse wegen Kleidervorschriften ihren Stil anpassen, war meine erste Frage: Nur du – oder ist auch das Tragen von Armyhosen verboten? (Ich bin allergisch auf die Dinger.). Armyhosen (plus Käppi plus ein paar andere Sachen) waren auch verboten, womit für mich klar war, dass sich Frau Tochter an die Vorschriften zu halten hat (wäre sie die Einzige gewesen, hätte ich reklamiert). Kopftücher waren – wir leben im Kanton SG – nie verboten.

    Selbstbestimmung kann man nur fördern, wenn man tabulos über Themen sprechen kann – oder sie überhaupt aufgreift. Mir scheint das heute sehr schwierig, denn wenn es um Integration und Religion geht, stürzt sich jeder gleich in seinen Graben – und weil man nicht im „falschen“ Graben landen will, fehlt häufig die differenzierte Auseinandersetzung. In diesem Sinne bin ich sehr dankbar um deinen Blog, in dem du immer wieder Themen aufgreifst, von denen andere Blogger (auch ich) mit der Zeit die Finger lassen. Ich bin auch froh um Stefan Köllikers Verbot. Es facht eine Diskussion an, die wir führen sollen und müssen. Wenn nun andere Wege aufzeigt werden, wie Mädchen, die kein Kopftuch tragen wollen, das selbstbestimmt tun können, dann brauchen wir kein Verbot. Womit ich nicht leben kann: Unter dem Deckmantel der Toleranz alles so lassen, wie es ist. Denn Tatsache ist: Nicht jedes Mädchen trägt das Kopftuch freiwillig. Und diesen Mädchen muss geholfen werden.

    Auch andere Diskussionen sind nötig. Wenn du die tamilische Bevölkerung ansprichst: Ich weiss aus Erfahrung, dass manche Kinder von ihren Eltern massiv unter Schuldruck gesetzt werden (wahrscheinlich in der Absicht, dass sie es „besser“ haben sollen). Ich weiss von den Zwangsheiraten. Aber weil sich das alles unter einer scheinbar normalen, arbeitsamen, unauffälligen Oberfläche abspielt, redet niemand davon. Dann ist vielleicht die heftige Kleiderdebatte um den Islam doch noch besser.

    Zum omnipräsenten Christentum: So, wie du es aufzeigst, ist es da. Aber ich habe als Christin alles Recht der Erde, diese Symbole zu ignorieren, abzulehnen, Witze über sie zu reissen, meiner Kirche (folgenlos) den Rücken zuzukehren usw. Das ist für mich schon ein Unterschied zum Islam, den man nicht einmal in Karrikaturen auf die Schippe nehmen darf. Oder Kleidervorschriften hinterfragen wie Frau Keller-Messahli, ohne gleich in die Ecke der SVP-Verbündeten oder frustrierten Hennen, die aus persönlichen Motiven so reden, gestellt zu werden.

  9. @Alice: Ich begrüsse solche Diskussionen ausdrücklich. Ich will überhaupt keine Tabus. Aber ich vermisse jeweils die humanistische Position in der Debatte, und richtig nerve tue ich mich, wenn die humanistische Argumentation nur vorgeschoben wird um die wahren, bewahrerischen Absichten zu verdecken. Oder wenn diesen unabsichtlich Vorschub geleistet wird. Und ich nerve mich, dass man bei Muslimen mit ganz andere Ellen misst als bei z.B. Tamilen (ich habe darüber den vorletzten Post geschrieben). Ich behaupte: Wer gegen die öffentliche Sichtbarkeit wettert, dem geht es nicht um die Opfer (Mädchen), sondern um sich selber – er will einfach in Ruhe gelassen werden. Aus den Augen, aus dem Sinn.

    Wir brauchen keine einseitige Kopftuchdebatte, sondern eine Debatte darüber, wie die Selbstbestimmung der Kinder und Jugendlichen generell verbessert werden kann. Denn das Kopftuch ist nur ein ganz kleiner Teil der gesamten Thematik, quasi die Spitze des Eisbergs. Wir reden über diese Spitze und meinen, wenn man diese abgetragen hat, sei das Problem gelöst. Dabei ist es dann nur einfach weniger sichtbar.

    Selbstbestimmung zu erlangen ist ein langer Prozess, den man in der Schule fördern kann. Insbesondere dadurch, dass man sie nicht wie unmündige Menschen behandelt, sondern ihre Meinung ernst nimmt. In einem Ethik/Philosophie/Lebenskunde-Unterricht könnte man solche Themen auf grundsätzliche Weise angehen. Oder anhand von Literatur im Deutschunterricht. Aber: Selbstbestimmung kommt letztlich von innen, und kann nicht von aussen verordnet werden.

  10. Ich besuche im Rahmen meiner Lesungen sehr, sehr viele Schulen und treffe häufig auf engagierte Lehrkräfte und aufgeweckte Jugendliche. Vor allem durfte ich das bei meinen beiden Kindern hautnah erleben und behaupte daher einmal: Es wird in der Schule sehr viel für den Selbstbestimmungsprozess getan.

    Einen noch wichtigeren Platz nimmt dabei das Elternhaus ein – womit wir wohl bei einem unserer beiden Lieblingsthemen wären: Integratios- und Aufklärungsmassnahmen müssen unbedingt die Eltern miteinbeziehen. Nicht in Form eines erhobenen Zeigefingers, sondern in einem gesunden Miteinander.

  11. Was mich kritisch denken lässt gegenüber einem Verbot: Nebst den Bussen, was geschieht mit den Mädchen, kommen sie einfach nicht mehr zur Schule, greift die Polizei physisch ein, gründen Eltern Privatschulen, wo die Mädchen zu 100% abgeschottet werden? Nebst eher theoretisch-ethischen Fragen, stellen sich auch pragmatische. Ich persönliche bevorzuge auch Muslimeltern, die ihre Töchter machen lassen, sie darauf aufmerksam machen, dass sie selbst ausprobieren und entscheiden dürfen, solche kenne ich. Aber mit Konservativen habe ich privat kaum Kontakt.

  12. In dem Fall in Bad Ragaz lässt laut der Zeitung Sonntag der Vater auch die Tochter entscheiden:

    «Ich habe sie gebeten, zu warten, bis sie 18 ist», sagt der Vater, ein kleiner, drahtiger Mann, der in einer Hotelküche in Bad Ragaz arbeitet. «Wir fühlen uns sehr wohl hier in der Schweiz», sagt er, «wir wollen keine Probleme.» Das habe er auch Enisa gesagt, und dass sie erst die Schule beenden solle, eine Lehre beginnen. «Dann kann sie das Kopftuch immer noch aufsetzen.»

    In dem Fall in Heerbrugg geht das Mädchen nun mit einer Perrücke in die Schule, nachdem sie ein halbes Jahr zu Hause blieb, weil die Schulleitung sie gehindert hat, mit Kopftuch das Schulzimmer zu betreten. Finde ich ziemlich lächerlich.

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