Betrachtungen zu Wikileaks und der Rolle der traditionellen Medien

Wikileaks führt die Probleme der traditionellen Medien deutlich vor Augen. Ein Teil ist unverschuldet, bedingt durch die Entwicklung des Internets. Ein Teil ist aber selbstverschuldet – sie haben schlicht versagt. Als Pirat, der sich eines Freitags inmitten eines Hypes wiederfand, möchte ich ein paar Betrachtungen mit euch teilen.

  • Sehr viele Journalisten haben sehr wenig Ahnung von der grundlegenden Funktionsweise des Internets. Sie können die Domain nicht von der Website unterscheiden. Wenn Wikileaks «plötzlich» von wikileaks.ch aus erreichbar ist, meinen sie, die Website sei nun in der Schweiz gehostet. Und schreiben das so in die Zeitung. Die Berichte waren insbesondere zu Beginn schlicht unbrauchbar. Für korrekte aktuelle Information musste man auf deutsche oder gar englischsprachige Fachmedien ausweichen. Ausserdem waren die traditionellen Medien viel zu langsam. Die Domain wikileaks.ch funktionierte an jenem Freitag um 20.30 Uhr wieder, aber bei Newsnetz prangte noch am nächsten Morgen auf der Frontseite «Wikileaks.ch bereits wieder Vergangenheit». (Übrigens ist es eine Unsitte, die Artikel dann plötzlich umzuschreiben, ohne dass man nachvollziehen kann, was geändert wurde. Wie soll man dann drauf verlinken?)
  • Aus diesen Gründen scheitern die Zeitungen auch, wenn es um die Wertung der Geschichte und ihrer einzelnen Aspekte geht. Wikileaks erscheint plötzlich eine Woche lang täglich auf der Print-Frontseite, aber oftmals mit Nebenschauplätzen. Sie stürzen sie auf Klatsch in den Depeschen, Julian Assange und Schweizbezüge (namentlich die Piratenpartei, die eine Gratis-PR-Kampagne daraus zu machen wusste) und verpassen das Wesentliche.
  • Entsprechend gehen auch die Kommentare daneben. Statt die USA für ihre Verantwortungslosigkeit, vertrauliche Informationen 2 Millionen Amerikanern zugänglich zu machen, zu geisseln, schreibt Walter Niederberger: «Wenn die USA derzeit keine gute Handhabe gegen Wikileaks haben, wie es scheint, müssen sie dies rasch klarstellen und präzisere Gesetze ausarbeiten.» Da fordert ein Journalist doch allen Ernstes die Einschränkung der Pressefreiheit! Und (der sonst geschätzte) Philipp Löpfe findet das Thema nebensächlich, schliesslich sei die Waschmaschine eine wichtigere Erfindung gewesen als Wikileaks. Nur schon die Tatsache, dass statt das Thema selbst auf einer Metaebene dessen Relevanz diskutiert wird, stellt kein gutes Zeugnis aus. Dass dann aber noch so hanebüchen argumentiert wird, zeugt von kompletter Orientierungslosigkeit. Da können wir ja nur noch froh sein, rufen Schweizer Journalisten nicht zur Ermordung von Assange auf, so wie das manche in den USA tun.
  • Den einzigen vernünftigen Kommentar (ausser von der Piratenpartei), den ich lesen konnte, schrieb IT-Unternehmer und FDP-Nationalrat Ruedi Noser: «Medienschaffende veröffentlichen nun mal Dokumente, die ihnen zugespielt werden. Es ist auch ihre Aufgabe, dies zu tun.»
  • Dass das, was Wikileaks macht, eigentlich Aufgabe der traditionellen Medien wäre, und wieso Wikileaks ihnen diese Aufgabe wegnehmen konnte, darüber verlieren die Journalisten anscheinend keinen Gedanken. Die Gründe für den Siegeszug von Wikileaks sind:
    • Die Medien überlegen sich viel zu wenig, wie sie das Internet für ihre Zwecke nutzen könnten. Sie kamen schlicht nicht auf die Idee, selbst eine sichere Whistleblower-Plattform einzurichten.
    • Die traditionellen Medien sind an ein Land gebunden und dadurch unter staatlichem Druck. Eine New York Times kann es sich nicht leisten, eine Sperrung ihrer Domain und ihrer Finanzströme zu riskieren. Daher würden die meisten Informationen nicht an die Öffentlichkeit gelangen, wenn ein traditionelles Medium solche Depeschen zugespielt bekommen würden. In der Schweiz kommt dazu noch der unsägliche Artikel 293 des Strafgesetzbuches, der das «zur Öffentlichkeit bringen» von geheimen amtlichen Informationen und «Gehilfenschaft» dazu unter Strafe stellt. Wikileaks hingegen kann nicht daran gehindert werden, die Informationen zu veröffentlichen.
    • Ausserdem gehören die Medien Konzernen, deren Versprechen nach redaktioneller Unabhängigkeit und Quellenschutz die Whistleblower anscheinend weniger vertrauen als einer anonymen Internet-Organisation. Das sollte ihnen zu denken geben.
  • Das Wesentliche, dem in den Berichten der traditionellen Medien zu wenig Bedeutung zugemessen wird, ist:
    • Die USA geht höchst fahrlässig mit vertraulichen Informationen um. Verräter sind die Botschafter, die vertrauliche Gespräche in eine Datenbank mit zwei Millionen Nutzern schrieben, nicht Wikileaks.
    • Dank Wikileaks wird die Presse- bzw. Informationsfreiheit gestärkt, da es staatlich kaum unter Druck gesetzt werden kann. Wenn dies versucht wird, hat das einen Streisand-Effekt zur Folge. In Windeseile verstreuen sich die Kopien über das ganze Netz, und unzählige Domains verweisen darauf.
    • Die Obama-Administration greift die Informationsfreiheit frontal an, in bester chinesischer Manier. Ohne gesetzliche Grundlagen werden Domains gelöscht und Finanzdienstleistungen eingefroren – bis dahin war das für mich undenkbar. Wikileaks ist für die USA anscheinend viel gefährlicher als rassistische Organisationen wie der Ku-Klux-Klan.
    • Von den Depeschen selbst ist erst ein Bruchteil veröffentlicht worden. Wenn die Veröffentlichungen weiter so schleppend vorangehen, wird es bis ins Jahre 2018 dauern, bis alle Depeschen veröffentlicht sind. Es ist also gar nicht möglich, eine Einschätzung der Relevanz der Inhalte der Depeschen vorzunehmen.
    • Wenn es um staatliche Überwachung der Bürger (z.B. Vorratsdatenspeicherung) geht, sagen Politiker oft: «Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.» Mit Wikileaks wird der Spiess nun umgedreht: «Der Staat, der nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.» Die Behörden werden gezwungen, ehrlicher und transparenter zu werden. Sie müssen sich das Vertrauen ihrer Bürger gewinnen. Das geht nicht durch Geheimhaltung.
  • Wenn Informanten Wikileaks den traditionellen Medien gegenüber bevorzugen, wenn unbekannte Blogger in kürzester Zeit ein Millionenpublikum erreichen, wenn die traditionellen Medien bei der Informationswiedergabe, Wertung und Einordnung scheitern – na, wozu sind sie dann noch da, die Medienhäuser? Das wertvollste, dass sie noch haben, scheint mir ihre etablierte Marke zu sein. Diese sorgt für Reichweite. Doch auch mit ihren Marken gehen sie fahrlässig um. Wer ist glaubwürdiger, der Tages-Anzeiger oder Wikileaks? Ich denke, Wikileaks hat den Tages-Anzeiger in dieser Hinsicht bereits überholt.
  • Weiterhin wird es Medienschaffende brauchen: Experten, Reporter, Rechercheure, Texter, Interviewer, Filmer, Fotografen. Aber werden diese weiterhin auf ein Medienhaus angewiesen sein? Glaubwürdigkeit, Reichweite und Quellenschutz können auch ohne Medienhäuser realisiert werden. Welche Aufgaben bleiben übrig? Rechtsbeistand für die Journalisten? Zielgruppengerechte Aufbereitung der Informationen? Werbeflächenvermarktung? Da müssen sie sich jedenfalls etwas einfallen lassen. Und ihrer Marke mehr Sorge tragen.

6 Gedanken zu „Betrachtungen zu Wikileaks und der Rolle der traditionellen Medien“

  1. Es geht weiter, wieder verliert wikileaks eine Bankverbindung. Visa, Mastercard, Paypal und jetzt die Bank of America: Die Großbank reiht sich bei den Unternehmen ein, die Zahlungen an WikiLeaks sperren. Vielleicht liegt es daran, dass wikileaks als nächstes Ziel eine amerikanische Grossbank anvisierte. Auf der anderen Seite wird man an diesem Beispiel sehen, ob es auch auf Seiten der Banken monopolistische Strukturen gibt. Das wäre wirklich nicht gut.

  2. Gute Betrachtung!

    Eine Detailfrage zur Art. 293 StGB: Ist es richtig, dass dieser Artikel nur dann gilt, wenn man davon Kenntnis hat, dass etwas geheim ist?

    Im Zeitalter digitaler Daten prangert da ja in einer Excel-Datei nicht mehr wie in früheren Zeiten ein „Top Secret“ auf dem Dossier-Deckel. Wenn einem also etwas anonym zugestellt wird, auf dem jegliche Information über die Klassierung fehlt und man dies veröffentlicht, macht man sich dann strafbar?

  3. Warum ist es nicht möglich, über Wikileaks zu reden, ohne gleich in die sattsam bekannte Medienschelte zu verfallen? Wikileaks ist wirklich ein denkbar schlechtes Beispiel für die «New-Media-versus-Old-Media»-Debatte. Denn ohne Spiegel, Guardian oder New York Times hätte Wikileaks sein Material niemals so effizient unter die Leute bringen können. Es ist eine Symbiose, und wer daraus einen Gegensatz zwischen Internet und Zeitungen basteln will, ist auf dem Holzweg. Und wenn dann auch noch der x-te Internet-Fan den Medien Versagen vorwirft, ist das nur noch zum Gähnen. Wenn ihr besser wisst als die Journalisten, wie man über Wikileaks schreiben muss – warum macht ihr es dann nicht selber? Wahrscheinlich deshalb, weil ihr keine Woche in einer Redaktion überstehen würdet.

    Du, David machst zwei Denkfehler: Erstens blähst Du die Verdienste von Wikileaks auf mythische Grösse auf. Und zweitens verfährst Du genau gleich mit den angeblich so schlimmen Fehlern der Presse, die nur für eine Handvoll Assange-Fanboys wichtig sind. Und glaubst Du im Ernst, die Journalisten müssten Deine Duchstreich-Marotte übernehmen, um Änderungen zu kennzeichnen? «Wie soll man dann drauf verlinken», fragst Du Dich. Big Deal. Der Rest der Welt hat Wichtigeres zu tun, um sich über solche Pseudoprobleme den Kopf zu zerbrechen.

    Undsoweiter im Text… Zeitungen scheitern… Kommentare gehen daneben… kein gutes Zeugnis… hanebüchen argumentiert… wie gesagt: Machs selber besser, wenn Du weisst, wie das geht.

    Wikileaks mache die Arbeit, die die Journalisten erledigen müssten, schreibst Du. Ach so. Was bitteschön hat denn Wikileaks so wahnsinnig Spannendes zu Tage gefördert? Dass die Schweiz eine nervende Alpendemokratie ist, wusste die Welt schon vorher, dafür braucht es kein Wikileaks-Tamtam. Fazit: viel warme Luft, die von den Internet-Fans gnadenlos zu heldenhaften Enthüllungen heraufstilisiert wird.

    Mit dem Rest Deines ellenlangen Ergusses mag ich mich nicht mehr eingehend beschäftigen. «Glaubwürdigkeit, Reichweite und Quellenschutz können auch ohne Medienhäuser realisiert werden»: Was für ein Quatsch. Wenn Du im Ernst glaubst, ein Hobby-Blog könne die Arbeit von professionellen Medien ersetzen, tust Du mir leid. Träum weiter süss von Deiner schönen, neuen Internet-Welt. Die sehr wenig mit der realen Welt zu tun hat. «Wenn unbekannte Blogger in kürzester Zeit ein Millionenpublikum erreichen» – träum schön von Deinem Millionenpublikum. «Na, wozu sind sie dann noch da, die Medienhäuser»: Natürlich, damit David auf ihnen rumhacken kann. Wenn Du sonst nichts zu tun hast.

  4. „Denn ohne Spiegel, Guardian oder New York Times hätte Wikileaks sein Material niemals so effizient unter die Leute bringen können.“
    Korrekt, ich behaupte nichts anderes. Es geht mir gar nicht um «New Media versus Old Media». Trotzdem war die Rolle der hiesigen Medien keine gute. Eben gerade weil sie, nicht ich, einem Hype verfallen sind. Nicht ich, die «Old Media» wertet die Wikileaks-Geschichte so wahnsinnig relevant ein. Ich steh nur daneben und staune. Assange ist unwichtig. Aber «Old Media» findet ihn anscheinend extrem wichtig. Das Gebahren der USA finde ich hingegen sehr relevant.

    „Machs selber besser, wenn Du weisst, wie das geht.“
    Im Moment begnüge ich mich mit ein paar Tipps und Richtigstellungen. Habe im Moment anderes zu tun.

    „Fazit: viel warme Luft“
    Ich denke nicht, dass es warme Luft ist, wenn Saudi-Arabien die USA auffordert, den Iran anzugreifen. Es geht da um Menschenleben, und das würde ich niemals als warme Luft abtun. Und ja, Bradley Manning gebührt Hochachtung für seine Tat.

    „«Wenn unbekannte Blogger in kürzester Zeit ein Millionenpublikum erreichen» – träum schön von Deinem Millionenpublikum.“
    Sorry, ich hab den Satz vergessen zu verlinken. Nun hat er den Link, der die Aussage untermauert.

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