Carunglück: Wo sind die Grenzen der Berichterstattung?

Unter Journalisten ist eine rege Diskussion im Gange über die Berichterstattung des Carunglücks im Wallis. Die meisten empören sich über das Abdrucken von Fotos der Kinder aus ihren glücklichen Tagen. Der Informationswert sei nicht vorhanden, der Abdruck quäle die Angehörigen zusätzlich und diene bloss voyeuristischen Zwecken und der Auflagesteigerung.

Ich kann diese Empörung nicht ganz teilen. Was belastet die Angehörigen wirklich?

Ich habe letzten Sommer als Medienverantwortlicher eines grossen Sommerlagers Erfahrungen in einer ähnlichen Situation gemacht. In der Nacht vor Lagerbeginn geschah das Familiendrama in Beringen. Die Täterin, die ihren Vater erstach, war Leiterin im Ortsverein des Jugendverbandes, der ebenfalls an unserem Lager teilnahm. Es gab also zahlreiche Lagerteilnehmer (Kinder und Jugendliche), die die Täterin und ihren Bruder gut kannten. Noch bevor die Teilnehmer auf dem Lagerplatz angekommen waren und informiert werden konnten, schlich sich eine 20-Minuten-online-Reporterin auf das Lagergelände und versuchte, Zitate von nahestehenden Personen zu ergattern. Gleichzeitig wurden die Leiter der betroffenen Abteilung telefonisch mit Journalistenanfragen bombardiert. Den TeleZüri-Reporter konnten wir zum Glück am Eingang zum Lagergelände abwimmeln.
Man stelle sich die Belastung der knapp volljährigen Leiterinnen und Leiter vor: Betroffene Kinder informieren und betreuen, den Lageraufbau managen, selber den tiefen Schock verarbeiten, und gleichzeitig wird man noch von Journalisten-Anfragen bombardiert.
Der Blick verhielt sich im Vergleich zu den Tamedia-Medien in der Recherche im Freundeskreis zurückhaltend – nicht jedoch in der Aufmacher-Schlagzeile am 2. Tag danach («Cevi-Leiterin ist Satanistin!») und in der Bebilderung.

Was war nun die grössere Belastung für die Angehörigen und das Umfeld? Nach meiner Erfahrung eindeutig die aufsässige Recherchetätigkeit. Die Anfragen waren eine enorme Belastung und erschwerten die Bewältigung des auch sonst vielleicht schwierigsten Tages im Leben der betroffenen Leiter. Die Blick-Schlagzeile und die Bilder hingegen wurden kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen und dann abgehakt.

Ähnlich, aber viel extremer, wird es den Angehörigen im Wallis ergangen sein. Ein internationaler Tross von Journalisten ist ins Wallis eingefallen. Manche Journalisten hätten gar versucht, in das Krankenhaus mit den verletzten Kindern einzudringen, und vor dem Leichenschauhaus wurde gefilmt. Die Angehörigen werden in ihren schlimmsten Stunden dauernd unter Beobachtung gestanden sein. Was rechtfertigt dieses Eindringen in die Privatsphäre?

Im Vergleich dazu sind abgedruckte Fotos der Kinder aus glücklichen Tagen nach meiner Einschätzung harmlos. Sie belasten die betroffenen Familien kaum. Eine Zeitung muss man nicht anschauen. Recherchejournalisten wegschicken funktioniert hingegen kaum.

Ich würde mir wünschen, die Journalisten würden nicht nur das kritisch beurteilen, was letztlich in der Zeitung erscheint, sondern auch ihr Verhalten während der Recherchetätigkeit. Das könnte in der Konsequenz auch heissen: aus Respekt niemanden hinschicken. Diese Forderung habe ich aber noch von keinem Journalisten gehört.

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