Die Parabel von der gelesenen Zeitung

In einem gut besetzten Zug sitzen eines Morgens Herr Gut und Frau Gieringer im gleichen Zugabteil. Während Frau Gieringer noch etwas vor sich hin döst, liest Herr Gut seine Regionalzeitung. Als er auch noch den Sportteil durchgeblättert hat, legt er die Zeitung auf das freie Tischchen im Abteil. Frau Gieringer ist inzwischen richtig wach und munter geworden. Sie schaut den Herrn so freundlich an wie sie es am Morgen hinkriegt, zeigt auf die Zeitung und frägt: «Ist es gestattet?»

Herr Gut verfinstert schlagartig die Stirn und erwidert empört: «Wie bitte? Sie wollen hier einfach gratis Journalismus konsumieren? Wissen Sie überhaupt, wie viel Aufwand für so eine Zeitung erforderlich ist? Da arbeiten dutzende, wenn die hunderte Journalisten, Korrektoren, Gestalter, Drucker und Verteiler daran, und die haben Familie und Kinder und müssen selbst auch irgendwie über die Runden kommen. Und Sie meinen, Sie können hier da sitzen und gierig die ganze Zeitung lesen ohne einen müden Rappen dafür zu bezahlen? Glauben Sie, die Journalisten wollen sich einfach so ans Bein pinkeln lassen? Es kann doch nicht sein, dass Sie einfach das geistige Eigentum all dieser Journalisten stehlen! Oder haben Sie ihr Brötchen da etwa auch bei Bäcker geklaut? Leute wie Sie zerstören den ganzen Journalismus! Wenn Sie auch nur ein kleines Restchen Anstand haben, kaufen Sie sich Ihre eigene Zeitung! Meine Zeitung bekommen Sie ganz bestimmt nicht zum Raublesen.»

Verdattert sitzt Frau Gieringer da und stammelt etwas von «War ja nur eine Frage». Die Mitreisenden im Abteil legen sich leise kopfschüttelnd die Hand quer vor das Gesicht.

12 Gedanken zu „Die Parabel von der gelesenen Zeitung“

  1. Das kommt aufs Gleiche heraus. Falls die «Parabel» zeigen soll, dass das Raubkopieren im Internet genau so wenig eine kriminelle Handlung sei wie das Zweitlesen einer Zeitung im Zug, trifft das nicht zu. Das massenhafte Raubkopieren im Internet ist ein grosses Problem für uns Journalisten, das Zweitlesen einer Zeitung im Zug ist hingegen kein Problem. Wenn ein Zeitungskäufer einer anderen Person ein Exemplar einer Zeitung ausleiht, tut mir das als Urheber nicht weh – aber wenn ein Raubkopierer zehntausenden von Leuten im Internet einen Link gibt, trägt er dazu bei, die wirtschaftlichen Grundlagen des Journalismus zu zerstören. Die Masse macht den Unterschied. Um den gleichen Schaden anzurichten wie die Raubkopierer im Internet, müsste Herr Gut die Zeitung allen Zugpassagieren gleichzeitig zur Verfügung stellen, was gar nicht möglich ist.

  2. Ugugu, das müsstest du den Autor der «Parabel» fragen, nicht mich. Der Autor hat das Thema Zeitungen gewählt und kennt sich in der Raubkopierer-Szene besser aus als ich. Es ist dir aber sicher bekannt, dass zB @kueddeR massenhaft raubkopierte Links zu Zeitungsartikeln vertwittert. Der hat etwa 500 Follower, nicht wahnsinnig viel, aber so kann man schon wesentlich mehr Schaden anrichten als mit einer Zeitung im Zug.

  3. Nein, der Blog wurde auf einen anderen Server migriert, und dabei fielen die neuesten Kommentare zwischen Stuhl und Bank. Ich versuche sie wieder herzustellen.

    Edit: Es sind wieder alle da.

  4. @agossweiler:
    Abgesehen davon, dass @kueddeR bloss die Funktionalität nutzt, die Newsnet freiwillig eingebaut hat, und dass „Zweitleser“ im Internet sicher das kleinere „Problem“ sind als Zweitleser von gedruckten Zeitungen, spielt das hier gar keine Rolle.

    Ich verrate jetzt nämlich die Moral der Geschicht, die da lautet: Dass es kriminell sein soll, ein geistiges Werk weiterzugeben (bzw. nicht aktiv zu verhindern, dass andere darauf zugreifen), widerspricht grundlegendsten Normen unseres Anstandes und dem Gemeinschaftsgefühl (wenn nicht gar der menschlichen Natur). Daher werden solche gesetzliche Regeln nie gesellschaftliche Legitimität erlangen – egal wie viele Menschen auf das entsprechende Werk zugreifen können.

  5. @kueddeR Streut vor allem Links auf interessante Artikel diverser CH-Medien, darunter auch Links auf die Tablet-Version des “Tages-Anzeigers”. Wogegen ganz offensichtlich niemand etwas einzuwenden hat. Im Gegenteil, jeder Verlag sollte sich über begeisterte Leser und Gratismitarbeiter freuen. Wenn du dich hier als Weltwoche-Anwalt profilieren möchtest, nur weil @Kuedder auch mal einen WeWo-Artikel getwitpictet hat, sei dir dies unbenommen, aber vergiss das Hirngespinst “massenhaft raubkopiert” im Zusammenhang mit Zeitungsartikeln von Schweizer Verlagen im Netz.

  6. Wenn David Herzog uns erzählt, das Raubkopieren von geistigen Werken sei weniger kriminell als das Klauen einer Hose oder einer Pizza, widerspricht das jeder Logik. Diebstahl ist Diebstahl, egal ob es um materielle oder immaterielle Güter geht. Denn auch für die Produktion geistiger Güter ist harte Arbeit nötig, und auch die Produzenten geistiger Güter brauchen Geld, um ihre Wohnung zu zahlen. Muss man das wirklich ein ums andere Mal erklären? Ist das so schwierig zu verstehen?

    Mir ist bekannt, dass diverse Verlage zur Zeit (noch) wenig gegen das Raubkopieren von Zeitungsartikeln unternehmen. Doch das wird sich ändern.

    Ich finde es aber nicht besonders witzig, wenn Ugugu fordert, Verlage sollten sich über Raubkopierer freuen. Es braucht wenig Intelligenz, um einzusehen, dass das Gratislesen im Internet die Existenz der professionellen Medien bedroht. Dass die Piraten das ums Verrecken nicht einsehen wollen, betrübt mich.

    Es geht nicht um «Anstand» oder ums «Gemeinschaftsgefühl» oder gar um die «menschliche Natur» (was immer David Herzog darunter versteht) – gefragt ist nur ein rudimentäres Verständnis für die Mechanismen der Medienproduktion: Wenn die Einkünfte ausbleiben, dann wird die Produktion schwierig. Und dann gibts auch nichts mehr zu klauen.

  7. @agossweiler Hey, alter Wortverdreher. Nochmals im Klartext und ganz ohne ironiehastag persönlich für dich: De facto ist Raubkopie journalistischer Texte, soweit ich das im Internet überblicke, weder in gröberem Ausmass existent, noch existenziell bedrohlich für Schweizer Verleger und Journalisten. Wer etwas anderes Behauptet betreibt Spiegelfechterei. Kann der brav Zeitungwebsites verlinkende @Kuedder etwas dafür, dass Inseratemärkte anderswohin wandern?

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