Es ist nicht Aufgabe der Politik, Geschäftsmodelle zu retten

[Crosspost von «Future of Music»]

Die Musikbranche hatte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine aussergewöhnliche Situation: Durch technische Begebenheiten war sie in der Lage, riesige Stückzahlen an Kopien anzufertigen, und deren ganze Wertschöpfungsreihe bis zum jugendlichen Musikfan zu kontrollieren. Die Jugend sparte und jobbte, um sich die neueste Platte leisten zu können. Später kauften die Leute die gleiche Musik nochmals auf CD, und vielleicht noch auf mehreren Compilations. Die Labels hatten alles unter Kontrolle, von den Reportagen in der «Bravo» bis zu den (verhinderten Parallel-)Importen. Sie bestimmten den Preis und optimierten den Profit. Keine andere Kultursparte, mit Ausnahme von Hollywood, konnte jemals wirtschaftlich so florieren. Weder Theater noch Literatur, weder Artistik noch bildende Kunst hatten je das Glück, mit einem so einträglichen Massengeschäftsmodell gesegnet zu werden. Die meisten Kultursparten sind hochgradig abhängig von Förderungen von Staat und Stiftungen. Dass es der Musikbranche anders erging, war ihr zu gönnen.

Das Geschäftsmodell ist passé. So einfach, so schmerzhaft. Die Verbreitung von Musik ist nicht mehr zu kontrollieren. Das Angebot lässt sich nicht mehr verknappen, die Preise sind nicht mehr hochzuhalten. Eine Scheibe mit Musik ist kein Statussymbol mehr, wie Johnny Gruber hier festgestellt hat. Selbst für Klingeltöne lassen sich die Jugendlichen nicht mehr das Geld aus der Tasche ziehen. Das ist schmerzhaft, gewiss, und hat ernsthafte persönliche Konsequenzen für unzählige Musiker, die nun nicht mehr von ihrer Leidenschaft und ihrem grössten Talent leben können. Mein Verständnis für den Missmut dieser Musiker ist gross. Natürlich ist diese Entwicklung für sie ein Jammer. Für die Jugendlichen ist sie hingegen ein Segen. Sie jobben jetzt für einen iPod touch und kopieren sich dann die geilste Musiksammlung zusammen. Auch ihnen mag ich es gönnen.

Ja, damit ziehe ich die Aussage des Bundesrates in Zweifel, wonach die Gelder, die früher für CDs ausgegeben wurden, weiterhin in gleicher Menge in kulturelle Angebote fliessen. Ich selbst gebe zwar mehr Geld für Musik aus, seit ich das Internet habe, aber ich bin nicht repräsentativ; für mich war Musik schon damals kein Statussymbol. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es nicht Aufgabe des Staates sein kann, ein vergangenes Geschäftsmodell versuchen zu retten. Erstens ist es zwecklos, wie die scheiternden Versuche in Deutschland (Abmahnwahnsinn), Frankreich (Hadopi «Three Strikes») und den USA (ruinöse Schauprozesse) zeigen. Zweitens macht sich die Musikbranche damit zu den Gegnern ihrer Kunden und zerstört damit die Basis für künftige Geschäftsmodelle. Drittens ist nicht erklärlich, wieso die Musikbranche eine so andere Behandlung verdient hätte als andere Kultursparten. Der Staat kann die Rolle des Förderers übernehmen, aber nicht des Konservators eines profitablen Geschäftsmodells. Viertens, und das ist der wichtigste Punkt, hat die Menschheit ein Anrecht auf ein überwachungs- und zensurfreies Internet. Sei das Anliegen noch so berechtigt und wichtig – eine Überwachung der Inhalte und Benutzer im Internet kommt nicht in Frage. Wenn wir die Informationsfreiheit im Internet nicht verteidigen können, dann werden wir keine Informationsfreiheit mehr haben, denn das Internet ist das Medium der Zukunft. Ihr wisst ja: Der Weg zur Hölle ist gespflastert mit guten Absichten. Die Absicht, talentierten Musikern ein Auskommen zu ermöglichen, ist eine gute. Zu diesem Zweck die Netzfreiheit einzuschränken, wäre eine Katastrophe.

Was nun? Die Musikbranche dahinserbeln lassen? Mein Eindruck ist, dass sich neue Chancen auftun. Das Statussymbol der Zukunft werden noch mehr als heute Live-Events sein. Heute ist nicht mehr der Besitzer der angesagtesten Platte der Chef auf dem Pausenplatz, sondern derjenige, der einen Livemitschnitt eines epischen Auftritts auf Facebook posten kann. Die Ticketpreise steigen und steigen. Die erfolgreichsten Live-Musiker und DJs können bezüglich Einkommen locker mit den erfolgreichsten Sportlern mithalten, wie diese Forbes-Liste zeigt. Auch die Finanzierung durch Crowdfunding wird in Zukunft für viele Musikschaffende eine Möglichkeit sein, die ernsthaft in Betracht zu ziehen ist. Aber das ist noch lange nicht alles. Wie Amanda Palmer schon im Januar 2010 in diesem bemerkenswerten Interview sagte: «I don’t think there’s gonna be ONE way. It’s gonna be infinite possibilities. And it’s gonna be up to the artists in question to decide how they want to exchange their goods for money. There’s gonna be an infinite variety of ways that you can have music, experience, profit, connection… There’s so many things you can do as an artist! There’s so many ways you can choose to do it.»

Kein Staat kann diese Entscheidungen abnehmen. Kein Staat kann neue Modelle ausprobieren. Die Kreativen seid ihr, liebe Musikschaffende. Je mehr sich der Staat zurückhält, desto schneller können die Musikschaffenden neue Geschäftsmodelle entwickeln. Tun sie es, werden sie auch auf das Wohlwollen von Politik, Piraten und Publikum zählen können und werden nicht mehr über eine angebliche «Gratismentalität» klagen müssen. Vielleicht können sie dann sogar an die wirtschaftlich erfolgreichsten Zeiten anknüpfen.

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