Kein Internet unter 9 Jahren?

Ich bin ohne TV zu Hause (und bis 14 ohne Computer) aufgewachsen. Ich betrachte das als keine gute Erfahrung. Der TV bot meinen Klassenkameraden reichlich Diskussionsstoff in den Pausen, aber nicht nur: Der TV war Teil ihrer Alltagskultur, und ich war von dieser ausgeschlossen. Heutige 2.-Klässler tanzen Gangnam Style – die Netzkultur hat längst die Primarschule erobert. Wer seinem 8-jährigen Kind das Internet verwehrt, schliesst es aus von der Kultur seiner Kameraden. Genau das aber empfiehlt «Jugend und Medien», das nationale Programm zur Förderung von Medienkompetenzen. Eine ihrer 10 «goldenen Regeln» lautet:

3-6-9-12-Faustregel: Kein Bildschirm unter 3 Jahren, keine eigene Spielkonsole vor 6, kein Internet vor 9 und kein unbeaufsichtigtes Internet vor 12.

Das alles ist spätestens mit den Smartphones und Tablets unrealistisch geworden. Wer als Eltern eine solche Regel durchsetzen will, braucht sich nicht zu wundern, wenn das Kind dann bei Freunden ins Internet geht – ohne die Begleitung seiner Eltern. Und auch nicht, wenn das Kind dann zu Hause nichts davon erzählt und sich daran gewöhnt, in Sachen Medienkonsum ein Geheimnis zu machen. So bleiben die offenen Gespräche aus, und das Kind kann dann nicht einmal von den Erfahrungen der Eltern profitieren. Daher halte ich die Faustregel und jegliche Altersbegrenzungen kontraproduktiv. Sie steht im Widerspruch zu den anderen «goldenen Regeln» wie zum Beispiel «Begleitung ist besser als Verbote», «Kinder brauchen medienkompetente Vorbilder» und «Offene Gespräche sind besser als Filtersoftware».

Mein Vorschlag für eine goldene Regel als Ersatz der 3-6-9-12-Faustregel:

Nutzen Sie die Neugier Ihres Kindes! Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, das zu entdecken, wofür es sich interessiert, und helfen Sie ihm, jene Dinge zu umschiffen, für die es sich (noch) nicht interessiert.

Dass ich mit meiner Einschätzung nicht alleine bin, zeigt meine Umfrage auf Twitter:

3 Gedanken zu „Kein Internet unter 9 Jahren?“

  1. Als Vater von vier Kids stehe ich immer wieder im Konflikt wie viel ‚Bildschirm‘-Konsum angebracht ist.

    Den TV-Konsum handhaben wir relativ streng (schränken stark ein) und sind bis anhin gut damit gefahren. Bei vier Kindern ist es jedoch fast nicht zu vermeiden, dass auch einmal das Jüngste vor der Flimmerkiste hockt 😉

    Bzgl. Nutzung des PCs bzw. Internets würde ich eine etwas stärkere Nutzung durch die beiden Älteren sehr unterstützen (und begleiten), doch das Interesse seitens der Kinder hält sich (bisher?) sehr in Grenzen.

    Mein Fazit: Generelle Regeln aufzustellen ist nicht sinnvoll und eher kontraproduktiv, da nicht auf die Entwicklungsschritte und die Bedürfnisse der Kinder eingegangen wird. Unsere Vier wachsen im selben Umfeld auf, sind jedoch komplett verschiedene Menschen mit individuellen Bedürfnissen auf welche auch individuell eingegangen werden muss!

    Deinen Vorschlag für eine goldene Regel als Ersatz der 3-6-9-12-Faustregel kann ich zu 100% unterstützen!

  2. Internet und Fernsehen sind keine Babysitter, und Kinder müssen die Welt in erster Linie und Priorität in 3D kennen lernen; in Bewegung. 

    Ansonsten kann ich nichts Böses dran sehen, wenn Papa mit dreijährigem Knirps auf dem Schoss gemeinsam ein email an die Oma verfasst, um sie zur Geburtstagsparty einzuladen und Junior dann auch schon gross genug ist, um auf „senden“ zu klicken.Es ist gut, wenn digitale Medien früh zu einem selbstverständlichen Teil des Alltags werden.

    grüsse, barbara

  3. Die Realität ist halt eine Andere, erst vor wenigen Tagen sass ich im Restaurant, einige Tische weiter eine Mutter und ihr gegenüber ihr etwa 10/11-jähriger Sohn. Sie hielt ihr Smartphone fest umklammert, und er spielte Games mit einem Tablet PC. Kein Gespräch, praktisch null Unterhaltung, fast 20 Minuten lang, bis ihre wohl erwarteten Freundinnen kamen. Der Knabe spielte, davon unbeeindruckt, immer noch wortlos weiter, als ich etwas später das Lokal verliess…

    Das ist (vielfach) schon heutige Realität. Die zukünftige Kommunikation zwischen Müttern und Kindern wird drahtlos sein, Worte und Gesten kommen per Display und Speaker, nicht länger direkt, die ‚Selbstkontrolle‘ funktioniert offensichtlich besser, wenn man weiss, das ‚Gegenüber‘ im Notfall per Knopfdruck ‚ausblenden‘ zu können, etwas, was im ‚Direktverkehr‘ nicht möglich ist. Mit allen Konsequenzen, die halt ‚direkte‘ Konfrontationen auch haben können.

    Rund die Hälfte der Kinder mit Schweizer Nationalität wird dazu gezwungen, einen Teil oder gar die ganze Kindheit mit nur einem Elternteil aufwachsen zu müssen. In den meisten Fällen sind es Mütter, die ihren Kindern durch diese Zeit als Erwachsenen-Vorbild dienen müssen. Eingebunden in ein Beziehungs-Chaos einer Mutter, deren Lebenszweck eigentlich nur darin besteht, sich über die ‚verpfuschte‘ eigene Vergangenheit zu grämen, zu fressen oder zu hungern, einen neuen Partner zu finden, und irgendwie, mit den doch meistens sehr begrenzten Mitteln und Möglichkeiten, durchs Leben zu kommen, versuchen deren Kinder, sich halt irgendwie ihren eigenen Weg durch dieses komplizierte Leben zu bahnen. 

    Mütter, vor Allem alleinstehende Mütter, finden lange schon keine Zeit mehr, sich um die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern, allein schon der Anspruch, jederzeit ‚online‘ zu sein, verunmöglicht es den armen Frauen, auch noch Zeit und Aufmerksamkeit für den Nachwuchs zu finden. Vielleicht mit Ausnahme des Sonntag-Mittags beim BigMac, dem einzigen Ereignis, das man regelmässig gemeinsam feiert.

    Es liegt mir fern, alle Mütter in den gleichen Topf zu schmeissen, aber selbst dann, wenn das von mir geschilderte Szenario auch nur auf einen ‚ganz kleinen‘ Teil der der Schweizer Haushalte zutreffen würde, wäre es, längerfristig gesehen, eine Katastrophe. Wir bewegen uns in die Richtung einer Art ‚anerlernten‘ gesellschaftlichem Autismus, die zunehmende ‚individuelle‘ Abkapselung von der ‚realen‘ Welt aber wird Folgen auf die Menschheit und die Gesellschaft haben, die heute noch nicht einmal im Ansatz absehbar sind.

    Das Internet bietet alles, was das Herz begehrt, auch Dinge, die sich die Allermeisten wohl nicht einmal im allerschlimmsten Traum vorstellen können. Drei Schlüsselworte auf Google und Co. genügen, um sich Zutritt zu Bühnen zu verschaffen, die schlimmste KZ- Szenarien, schon weil in Farbe,  in xx-facher Form übertreffen. Dinge, die selbst abgehärteste Erwachsene einige Tage und gar Wochen, zutiefst ‚verfolgen‘ können, vielleicht gar eine ‚echte‘ Krise auszulösen imstande sind.

    Sich aber auszudenken, was mit Knaben ünd Mädchen geschieht, die ohne weiteres und völlig kostenlos, ganz zufällig, auf ’solche‘ Websites gelangen könnten, ist etwas, was auch den Liberalsten gewaltig zu denken geben muss…

    Irgendwann wird wohl irgend jemand dafür sorgen müssen, dass etwas geschieht. Denn wenn nichts geschieht, wird man das Internet wohl irgendwann ganz einfach wieder ausschalten müssen. Ich persönlich neige dazu, das letztere vorhherzusehen…

    Wir haben wohl noch einen sehr langen Weg vor uns. Aber eigentlich haben wir ja eben erst damit begonnen, uns ’selber‘ zu emanzpieren. Und der Weg in die Erwachsenenwelt ist halt lang und steinig, wen wundert es denn, dass unsere Kinder schon vielfach ‚erwachsener‘ sind als wir selbst. Vor Allem wir, die wir uns zwar alle Mühe gegeben haben, die ehemals ‚relevanten‘ Gesellschafts-Modelle ‚aufzuweichen‘ und zu ersetzen, allerdings ohne zumindest ein ‚Modell‘ zur Hand zu haben, das dazu fähig gewesen wäre, als besseres ‚Modell‘ zu funktionieren.

    Wir können Regeln aufstellen so viel wir wollen, solange wir, wie die SP es schon eimal vorschlug, nicht generell die Kinder den Müttern tagsüber wegnehmen und gemeinsam aufziehen und bilden lassen, wird es keine Regeln geben, die in der Realität funktionieren.

    Wir können aber auch alles schönreden, verheimlichen, oder gar nicht darüber reden, wir können Leute, wie mich, die klare Worte darbüer unverhüllt aussprechen, deshalb verunglimpfen, ändern tut sich nur etwas, wenn man etwas ändert.

    Aber da kommt halt auch die Politik mit ins Spiel. Und auch wieder der ganze ’soziale‘ Aspekt, schliesslich leben Miriaden ‚geschulter‘ Leute und ganze Industrien äusserst gut vom ‚kranken‘ Kuchen, der immer grösser wird. Und damit wären wir dort, wo es heikel wird, denn ein einziger Name reicht in unserem Land ja bekanntlich, um ALLES andere, quasi auf Klickdruck, vergessen zu machen.

    Alle Anderen jedenfalls werden nicht in der Lage sein, die auf uns zukommenden Probleme, insbesondere auch dem und durch das Medium ‚Kommunikation‘, auch nur ansatzweise zu lösen. Manchmal braucht es halt einen Churchill, das hat schon der zweite Weltkrieg bewiesen. Und als dieser vorüber war, musste er einfach wieder gehen. So einfach wäre das eigentlich in einer Demokratie…

    PS. Ich bin kein SVP-Fan. Nur Realist. Kein Anspruch auf Vollständigkeit, eher nur Gedankengänge eines alternden Jugendtlichen…

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