7 gute Gründe, wieso «Bio» zurecht Unwort des Jahres ist

Es gab eine Zeit, da war ich uneingeschränkter Unterstützer des Bio-Landbaus. Damals waren die Gewässer und das Trinkwasser in schlechter Qualität wegen der Überdüngung, die Artenvielfalt nahm rapide ab, und die Tiere wurden unter erbärmlichen Umständen gehalten. Das wollte ich nicht mitverantworten und kaufte deshalb Bio – als mein Beitrag für Umwelt- und Tierschutz.

Letzte Woche wurde «Bio» zum Unwort des Jahres 2012 gekürt – und ich muss sagen: Nicht zu Unrecht. Im Gegenteil: Die Begründung durch die Jury ist viel zu lahm ausgefallen. Hier sind sieben gute Gründe, wieso «Bio» die Negativauszeichnung redlich verdient hat:

  1. Die marketingtechnische Positionierung als Lifestyle-Marke.
    Die Marketing-Leute machen mit Bio, was sie mit jeder anderen Marke auch machen: Sie blähen die Marke zu einem den ganzen Alltag durchdringenden Lebensgefühl auf, mit dem man sich dann identifizieren soll. Wer Bio kauft, soll nicht nur ein Produkt kaufen, sondern eine Identität. Ich will meine Identität aber nicht von den Marketing-Fuzzis abhängig machen und wende mich angewidert ab.
  2. Der Gesundheits-Mythos.
    Bio-Produkte seien gesund, heisst es. Glauben die Leute. Wie wenn die Ernährung mit gezuckerten Cornflakes und in irgendeiner Weise ausgewogener wäre, wenn der Zucker und das Getreide beim Anbau weniger stark gedüngt wurden. Herkömmlich hergestellte Produkte sind genauso unbedenklich wie Bioprodukte, und eine ausgewogene Ernährung hängt nicht von der Anbaumethode ab. Von Bio-Produkten lebt man keinen Tag länger.
  3. Der Geschmacks-Mythos.
    Bio-Produkte seien besser im Geschmack, lässt Bio Suisse die Leute glauben. Jedoch geht der Geschmack von Gemüsen und Früchten eher dadurch verloren, dass Sorten gewählt werden, die sich schadenfrei transportieren und lagern lassen und bei der Präsentation im Laden gut aussehen, statt Sorten, die gut schmecken. Das gilt für Bio genauso wie für herkömmliche Produktion. Und nur weil bei der Verarbeitung auf einzelne Tricks der Verarbeitungsindustrie verzichtet wird, heisst das noch lange nicht, dass ein Bio-Produkt besser schmeckt als ein herkömmliches Konkurrenz-Produkt.
  4. Die Überwindung der Preissensibilität.
    Obwohl Bio-Produkte stärker subventioniert werden als herkömmlich produzierte, und in Zukunft noch stärker, müssen Bio-Produkte im Laden zwingend teurer sein als die Konkurrenzprodukte. Das ist Teil der Markenidentität und ausserdem ein Ablasshandel: Wer Bio kauft, will selbst etwas beigetragen haben, und das kann er nur über den Preis. Damit wird die Preissensibilität der Konsumentinnen und Konsumenten gebrochen, überhöhte Preise werden möglich.
  5. Die dogmatische Ablehnung von Biotechnologie.
    Wieso engagierte sich Bio Suisse für ein Nein zum Tierseuchengesetz (nachdem es von der Biobauern im Parlament noch befürwortet wurde)? Wieso sind gentechnisch veränderte Organismen sowie Nanotechnologie in der Bio-Landwirtschaft kategorisch verboten? Ich kann mir das nur so erklären, dass eine generelle, irrationale Biotechnologie-Feindlichkeit vorhanden ist, die wohl aus einer romantisierten Vorstellung von Landwirtschaft hervorgeht. Dass mit dieser kategorischen Ablehnung auch sinnvolle Fortschritte verhindert werden, nimmt man anscheinend in Kauf.
  6. Swissness und Marktabschottung statt Umweltschutzüberlegungen.
    Bio Suisse betreibt aktive Marktabschottungspolitik. Bio-Produkte aus dem Ausland werden nur anerkannt, wenn die Schweizer Landwirtschaft diese Produkte nicht (in genügender Menge) produzieren kann. Da Bio Suisse weiss, dass Produkte aus dem Ausland oft eine genauso gute oder bessere CO2-Bilanz haben, wird so argumentiert: «Und nicht zuletzt erwarten die Konsumenten auch aus ökologischen Gründen Regionalität.» Statt die Konsumenten aufzuklären, dass Regionalität nur sehr bedingt etwas mit Ökologie zu tun hat, benutzt man das Unwissen der Konsumenten als Argument für die Marktabschottung im Eigeninteresse. Bio Suisse schreckt nicht einmal davor zurück, Zucker aus Zuckerrüben als Bio zu verkaufen, obwohl die hiesige Zuckerproduktion der grösste Ökounsinn ist.
  7. Damit sind wir beim grundsätzlichen Punkt angelangt: die generelle Verlogenheit.
    Bio Suisse erzeugt Marketing-Mythen und erweckt den Eindruck, es ginge nur um das Wohl von Mensch und Tier. Dass aber im Zweifelsfall die Wahrung einer romantisierten «authentischen» Fassade und das eigene Portmonee wichtiger ist, darüber werden die Konsumenten im Unklaren gelassen. Bio Suisse hat sich offensichtlich gegen eine ehrliche Aufklärung entschieden. Damit wird die längerfristige Glaubwürdigkeit untergraben und der ursprünglichen Sache geschadet.

Inzwischen habe ich beim Einkauf von Bio-Produkten mindestens ein so schlechtes Gefühl wie beim Einkauf von konventionell hergestellten Produkten. Schade, denn Umwelt- und Tierschutz sind mir ein echtes Anliegen. Den ganzen verlogenen Quark namens Bio Suisse gurkt mich aber an. Wenn ich wirksam etwas für Ökologie und Tierschutz tun will, dann reduziere ich meinen Fleischkonsum.

Lex Google

Die Schweizer Verleger und Chefredaktoren haben Blut geleckt. Wenn deutsche Verlage ein Leistungsschutzrecht erhalten, dann wollen sie dies auch. Wenn es um die eigene Profitmaximierung geht, lassen sie sich von der Wahrheit nicht aufhalten und wechseln in einen Modus der geistigen Landesverteidigung. So zum Beispiel Martin Spieler, Chefredaktor der SonntagsZeitung:

Freiheit ist ein wertvolles Gut. Auch die Freiheit im Internet. Diese gilt es zu verteidigen, denn sie ist in unserer modernen Welt Garantin für die Freiheit des Wortes und der Gedanken. Eine andere Bedeutung bekommt Freiheit im Netz allerdings, wenn Konzerne wie Google diese für sich in Anspruch nehmen, um damit auf Kosten anderer Milliarden zu verdienen.

Google verdient nicht auf Kosten anderer Milliarden. Im Gegenteil: Google bringt den Newsportalen Millionen von Lesern, ohne dafür etwas zu verlangen. Selbst macht Google mit der Suche nach News kaum Geld. Geld macht Google dann, wenn Menschen nicht nach News, sondern nach Konsumgütern suchen.

Freiheit darf nicht bedeuten, dass sich jeder einfach stiehlt, was andere mit Geist, Kreativität und Fleiss erarbeiten.

Google stiehlt überhaupt nichts. Im Gegenteil: Die Newsportale tun alles dafür, dass sie bei Google möglichst gut verzeichnet sind und weit oben in den Suchresultaten erscheinen. Es gäbe für sie nichts einfacheres, als ihre Arbeit vor Google zu schützen. Sie müssten bloss eine Zeile Code in ihre Sites einbauen, die Google auffordert, die Seite nicht zu indexieren, und Google würde sich freiwillig daran halten. Die Verleger bevorzugen bisher aber, ihre Arbeit zu «verschenken» – wohlwissend, dass sie eine gute Gegenleistung dafür erhalten.

Ein verstärktes Leistungsschutzrecht für Presseerzeugnisse, wie es in Deutschland wohl bald eingeführt und nun auch in der Schweiz gefordert wird, richtet sich nicht gegen private Internetnutzer, Blogger oder KMU. Sie sollen auch künftig einzelne Texte oder Links frei veröffentlichen können. Auch Suchmaschinen wie Google könnten weiterhin journalistische Inhalte verbreiten, benötigen aber eine Lizenz. Denn es muss klar sein, dass Firmen, die Inhalte gewerblich nutzen, dafür bezahlen.

Ein «verstärktes Leistungsschutzrecht»? Wie wenn es bereits ein Leistungsschutzrecht gäbe und es nur ein wenig verstärkt werden müsste. Und den Widerspruch zwischen «nicht gegen KMU» und «gewerblich nutzen» sieht ihr ja auch, oder?

Wer ein verstärktes Leistungsschutzrecht für Presseerzeugnisse ablehnt, nimmt in Kauf, dass es immer weniger Zeitungen gibt. Und stärkt wie im Falle von Google einem US-Giganten den Rücken, der sich gerne locker und jugendlich gibt, aber dank cleverer Geschäftsmodelle Milliarden an Dollars kassiert.

Das ist die geistige Landesverteidigung. Der böse böse US-Gigant gegen die armen Verleger, die sich doch nur in den Dienst des Landes stellen wollen. Dass die Verlage (bestenfalls) selbst auch bloss profitorientierte Unternehmen sind, wird besser verschwiegen. (Im schlechteren Fall haben sie eine klare politische Agenda.) Und dass es für die Verlage ohne Google noch viel düsterer aussehen würde (siehe oben), ebenfalls.

Viele Skandale in Politik, Wirtschaft, Justiz oder Armee wären ohne kritische Medien nie aufgedeckt worden. Qualität in den Medien, Vielfalt, Innovation und aufwendige Recherche haben aber ihren Preis. Mit der Ausweitung des Leistungsschutzrechtes müsste die Auflage verbunden werden, dass Verlage vermehrt in publizistische Qualität und Weiterbildung von Journalistinnen und Journalisten investieren. So profitiert die ganze Gesellschaft.

Es gibt bereits eine staatliche Presseförderung. Ob diese wirklich einen positiven Effekt auf die publizistische Qualität hat, wage ich schwer zu bezweifeln. Auf jeden Fall braucht es für dieses Anliegen keine Lex Google.

Indem Suchdienste wie Google sich bei journalistischen Texten einfach bedienen und ohne Gegenleistung gewerblich nutzen, missbrauchen sie die Freiheit und schwächen die Medien als bellende, zuweilen gehasste, aber dringend nötige Wachhunde der Demokratie.

Mit solchen Lügen sind es die Verleger und Chefredaktoren, die ihre Freiheit missbrauchen, ihre Glaubwürdigkeit zunichte und sich selbst überflüssig machen, weil sie ihre Aufgabe in der Demokratie nicht wahrnehmen.

Die gleichen Lügen darf in der SonntagsZeitung auch Ringier-CEO Marc Walder verbreiten:

Die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage müssen gegen die unlautere Ausbeutung ihrer geistigen Inhalte durch Suchmaschinen wie Google geschützt werden. Google verdient auf unsere Kosten viel Geld, ohne uns Medien auch nur einen Teil davon abzugeben. Wir können doch nicht zusehen, wie wir für viel Geld Inhalte produzieren und Aggregatoren diese von uns klauen. Google fördert indirekt das Zeitungssterben und schadet so unserer Demokratie. (…) Was Suchmaschinenbetreiber und Aggregatoren im Netz machen, ist eine moderne Art des Diebstahls in digitaler Form. Medienunternehmen der ganzen Welt wehren sich vehement dagegen.

Natürlich plaudern die nicht einfach so dahin. Auf Newsnet kündigt Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument einen politischen Vorstoss an – natürlich nicht über das Parlament. Wenn es um geistige Landesverteidigung geht, hat sich natürlich sofort die Regierung damit zu befassen:

 Wenn wir keinen stärkeren Schutz bekommen, sehe ich schwarz für die Schweizer Zeitungen. Wir werden unsere Forderungen in Kürze direkt beim Bundesrat einbringen.

Kein Zweifel, dass das bloss die Vorboten einer grossen Desinformations– und Diffamierungskampagne nach deutschem Vorbild sind.

«Sind die Daten auf dem E-Pass sicher?»

Kindlich naiv und absolut unwissenschaftlich beantwortet das Bundesamt für Polizei obige Frage so:

Ja.

Ist eine solche Antwort geeignet, Vertrauen zu schaffen? Anscheinend gibt es ältere Generationen, die noch nicht gemerkt haben, dass solch absolute Aussagen nie zutreffen. Von Menschen erschaffene Lösungen sind nie «sicher». Nicht einmal Atomkraftwerke, für deren Sicherheit Milliarden investiert wurden.

Weiter heisst es:

Werden alle Normen bei der Produktion und der Kontrolle von Ausweisen angewendet, treten keine Sicherheitsmängel auf, von denen die Medien verschiedentlich berichteten.»

Es ist kaum verwunderlich, wurde der neue Schweizer Pass inzwischen bereits geknackt. Das ist aber kein Grund für das Bundesamt, die Aussagen anzupassen.

Rauchverbot vs. Cannabislegalisierung

Sie ist ja wieder einmal amüsant, die Politik. In Zürich wird im September über die Lungenliga-Initiative für ein Rauchverbot in Gaststätten abgestimmt, und im November kommt dann die Hanflegalisierungsinitiative vors Volk.

Lustig ist, dass die einen das Rauchen nicht einschränken, Cannabis aber verboten lassen wollen, und die anderen umgekehrt das Rauchen einschränken und im Gegenzug Cannabis legalisieren wollen – und beide wähnen sich auf der «liberalen» Seite. So zum Beispiel SVP-Zanetti.

Beide sind unehrlich. Die Lungenliga gibt vor, es gehe ihr einzig um den konsequenten Schutz vor Passivrauchen. Ich glaube aber nicht, dass das die ganze Wahrheit ist. Es geht ihr auch darum, das Rauchen und das Mit-Rauchen-Beginnen weniger attraktiv zu machen. Auch das ist ein legitimes Anliegen, wird aber ausgeblendet, da es nicht so liberal ist.

Den Rauchverbotsgegnern geht es um die Freiheit der Raucher, (fast) überall Rauchen zu dürfen. Weil sie aber nicht zu den Kiffern gehören, ist ihnen jene Freiheit egal. Auch egal ist ihnen die Freiheit der Nichtraucher, die Nichtraucherrestaurants schätzen würden. Eine sehr egozentrische Liberalität.

Botellón vs. Grümpi-Festzelt

Am 29. August ist in Zürich nicht nur ein Wettlaufen, sondern auch ein Wettsaufen geplant (danke an Felix Schaad für das Wortspiel). Die Polizeivorsteherin will das verhindern.

Die Frage lautet: Wieso soll ein Massenbesäufnis, das als solches deklariert ist, verboten werden, aber ein Massenbesäufnis, das als etwas anderes deklariert ist, nicht?

Sehr problematisch finde ich Massenbesäufnisse, die unter dem Deckmäntelchen des Sports betrieben werden: Turnfeste, Grümpis, usw. Da wird der Anschein erweckt, man tue etwas für die Gesundheit, lädt die Jugend ein, und bringt ihr dann das Saufen bei.

Ein Botellón (sprich: Boteijon) ist hingegen etwas Ehrliches: Man stellt von Anfang an klar, worum es geht. Da weiss man, was man hat. Da ist die Gefahr auch kleiner, dass Leute hineingezogen werden, die das nicht wollen. Was soll daran schlimm sein? Wenn man Besaufen im Allgemeinen erlaubt, muss man auch ein Botellón tolerieren.

Nachtrag: Theddy ist anderer Meinung.

Nachtrag2: Absurd: Das Blaue Kreuz teilt meine Meinung, die Wir-Liberalen wollen das Botellón verbieten.

Echte Vorbilder sind nicht perfekt

Der Tipp, den ich meinen Cevi-Leitern auf den Weg gebe, gilt auch für Politiker:

Die landläufige Meinung, das beste Vorbild sei jemand, der keine Fehler macht, ist komplett falsch. Wir alle machen Fehler. Ein echtes Vorbild ist jemand, der die Grösse hat, seine Fehler einzugestehen, sich dafür entschuldigt und versucht, sie wieder gut zu machen, oder zumindest, sie das nächste Mal nicht wieder zu machen.

Unsere Bundesräte sind keine guten Vorbilder.

  • In der Mengele-Affaire hätte Couchepin hinstehen sollen, ehrlich sagen, dass ihm ein wirklich dummer Spruch über die Lippen gegangen ist, um sich dann mit einer wirklich versöhnenden Geste bei Mörgeli zu entschuldigen.
  • Auch Schmid hätte in der Affäre Näf sofort hinstehen sollen, seinen Fehler eingestehen und sich entschuldigen sollen. Er hat bis heute kein «Sorry» über die Lippen gebracht.

Ich möchte echte Vorbilder als Bundesräte, und keine, die versuchen Superman zu sein, einen Anschein von Perfektion und Fehlerlosigkeit zu erwecken.