Urheberrecht – jetzt mal ganz pragmatisch

Die zuständige Bundesrätin Simonetta Sommaruga beruft eine Arbeitsgruppe ein, die Vorschläge machen soll für eine Überarbeitung des Urheberrechts. Was kann eine solche Arbeitsgruppe erreichen? Was ist ihr Spielraum? Es ist Zeit für eine ganz nüchterne Betrachtung.

In der Urheberrechtsdabatte werden allenthalben allerlei Dinge gefordert. Selten haben die Vorschläge Hand und Fuss, noch seltener haben sie das Potenzial, eine politische Mehrheit zu finden. Oder sie widersprechen internationalem Recht. Es ist zwar interessant, über solche Ideen zu diskutieren, aber umsetzbar sind sie nur auf internationaler Ebene und mit einem längeren Zeithorizont. Für die Arbeitsgruppe fallen sie deshalb nicht ernsthaft in Betracht. Dazu gehören:

  • Legalisierung von nicht-kommerziellem Filesharing (Uploads): Eine Legalisierung des unautorisierten Anbietens von urheberrechtlich geschützten Werken widerspräche internationalen Abkommen wie der Berner Übereinkunft, die von allen WTO-Staaten eingehalten werden muss. Deren Kündigung würde die Schweiz wirtschaftlich isolieren. Ausserdem hat keine Partei ausser den Piraten ein Interesse, sich derart mit der Unterhaltungsindustrie anzulegen, die Angst hat, die Schweiz würde zu einem internationalen «Pirate Haven». Also ist auch in diese Richtung keine Bewegung zu erwarten. Vielleicht dann, wenn die nächste Generation an der Macht ist.
  • Kultur-/Musikflatrate: Zuletzt wurde ein solches Modell vom grünen Nationalrat Balthasar Glättli sowie vom Futurist Gerd Leonhard vorgeschlagen. Solche Zwangs-Pauschalabgaben kommen bei all jenen Personen nicht gut an, die sonst nicht so viel Geld für Musik oder Kultur ausgeben würden, und schmälert die Bereitschaft für Mehrausgaben bei jenen Menschen, die bis anhin einen höheren Betrag für Musik bzw. Kultur ausgegeben haben. Ausserdem schränkt sie die Innovation bei den Geschäftsmodellen ein und macht die Künstler extrem abhängig vom Verteilschlüssel der Verwertungsgesellschaft. Wirklich zufrieden ist mit einem solchen Modell niemand, weder Urheber, noch Verwerter, noch Konsumenten. Letztere höchstens, wenn gleichzeitig der Upload legalisiert würde, was aber unrealistisch ist (siehe oben). Ich sehe deshalb nicht, wie sich die Idee durchsetzen sollte.
  • Kriminalisierung von Downloadern: Dies wird unter anderem von den Musikschaffenden gefordert, angeblich ohne die privaten Downloader dann juristisch verfolgen zu wollen. Argumentiert wird dabei rein moralisch. Jedoch ist ein solcher Schritt für niemanden ein Gewinn. Ein Gesetz, das nicht durchgesetzt wird, würde bloss die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaates unterminieren. Ein Referendum gegen ein solches Gesetz wäre sicher. Es wäre ein sicheres Mittel, um die Piratenpartei gross werden zu lassen. Ausser den Piraten hat daran kaum eine Partei ein Interesse. Dies könnte sich höchstens ändern, wenn die Schweiz international stark unter Druck gesetzt würde. Die Schweizer Bevölkerung lässt sich aber sehr ungern vom Ausland unter Druck setzen.
  • Verfolgung von unkommerziellen Uploadern: Hier sieht man, wie unnütz ein Verbot sein kann, wenn es zu mühsam ist, es wirklich durchzusetzen. Ein solches haben wir nämlich bereits. Die Polizei hat nun wirklich besseres zu tun, als in mühsamer Kleinarbeit einzelne Filesharer zu überführen. Allenfalls könnte man mit Showprozessen ein paar Exempel zu statuieren versuchen, aber deren Wirkung würde schnell verpuffen. Meines Wissens gab es darum in der Schweiz bisher keine einzige Verurteilung. Eine Ausforschung von IP-Adressen durch Privatunternehmen wird durch Datenschutzgesetz und Bundesgerichtsurteil verunmöglicht. Eine entsprechende Aufweichung des Datenschutzgesetzes wäre ebenfalls äusserst unpopulär. Zu gross ist die Angst vor den Datenkraken im Internet.
  • Three-Strikes-Modelle: Das HADOPI-Experiment in Frankreich zeigt gerade, dass die Musikindustrie damit auch nicht gerettet wird. Deren messbaren Zusatzeinnahmen beim Tonträgerverkauf übertreffen gerade mal knapp die hohen Verwaltungskosten. Das wird die Nachahmegelüste schnell vergehen lassen. Und zuerst müssten ja die Downloader kriminalisiert werden, was ja für sich allein schon unrealistisch ist.
  • Abmahnsystem à la Deutschland: Auch hier ist das Vorbild viel eher ein abschreckendes Beispiel. Das Abmahnsystem ist einer der Gründe für die Stärke der deutschen Piratenpartei. Ausser für Anwaltskanzleien ist das System nicht gerade ein Standortvorteil unseres nördlichen Nachbarn. Niemand will das kopieren.
  • Netzsperren für Filehoster, Torrent-Tracker, illegale Streaming- und Download-Plattformen: Ehrlich gesagt, würde ich einer solchen Massnahme politisch die grössten Chancen von allen Verschärfungsvorschlägen zurechnen. Das Verständnis dafür, welche ungeheuerliche Einschränkung der Informationsfreiheit dies wäre, fehlt weitgehend in der Politik und der Bevölkerung. Mehr als eine symbolische Wirkung hätten die Netzsperren aber nicht, da sie jeder umgehen kann, der will. Ausserdem wäre eine solche Sperrliste höchst willkürlich. Trotz der verbreiteten Bereitschaft zu Symbolpolitik werden sich auch hier wohl die guten Argumente durchsetzen.
  • Abschaffung des Urheberrechts: Mehr als ein Gedankenexperiment in einzelnen Köpfen ist das nicht.

Fazit: Den energischen Debatten zum Trotz ist keine grosse Reform des bereits im Jahr 2008 teilrevidierten Schweizer Urheberrechts zu erwarten. Diese Erkenntnis würde eigentlich erlauben, die Debatte etwas gelassener zu führen und das Augenmerk mehr auf die vermeintlich kleineren Aspekte zu richten. Es gibt nämlich viele Ideen für Verbesserungen im Kleinen:

  • Stärkung der Urheberrechte gegenüber den Verwertern: Heute verkaufen Urheber mit Buy-out-Verträgen oft die gesamten Verwertungsrechte an ihren Werken an Konzerne und verlieren so komplett die Kontrolle darüber. Wenn der Rechteinhaber beispielsweise kein Interesse an einer Neuauflage hat, bleibt es vergriffen, obwohl der Urheber das Werk neu auflegen oder freigeben wollte. Oder der Rechteinhaben kann durch eine neue Technologie das Werk plötzlich ein zweites Mal vermarkten, obwohl dies gar nicht vorhersehbar war.
  • Urheberrechtsschranken für Sampling/Remixing/Mashups: In einer Zeit, in der sich jeder Jugendliche eine Filmkamera und Schnittprogramme leisten und das Ergebnis auf Youtube veröffentlichen kann, wird das europäische Urheberrecht immer mehr als Kreativitäts- und Innovationskiller erlebt. Erweiterte Urheberrechtsschranken (solche gibt es bereits für Satire, Lehrveranstaltungen, Zitate usw.) könnten hier Abhilfe schaffen. So könnte dann zum Beispiel Tele Schwamendingen ihre Beiträge mit zeitgenössischer Musik untermalen, was ihnen heute nicht möglich ist.
  • Urheberrechtsschranken für verwaiste Werke und für Archivierung: Werke, von denen niemand genau weiss, wer die Urheber sind, und die Abklärungen zu schwierig wären, oder Werke, deren Rechteinhaber uninteressiert an Neuauflagen sind, sterben oft unnötigerweise einen einsamen Tod. Deshalb klafft im 20. Jahrhundert eine riesige Lücke, verursacht durch verwaiste Werke. Dies ist ein riesiger kultureller Verlust. Selbst der Digitalisierung zu Archivierungszwecken steht oftmals das Recht im Weg – was zur Folge hat, dass Kulturgut unwiederbringlich verloren geht. Entsprechende Schrankenregelungen könnten also den kulturellen Reichtum retten.
  • Leerträgerabgabe: Von einer Abschaffung bis zu einer Erhöhung und Erweiterung auf alle Festplatten ist alles denkbar. Meines Erachtens sollte man untersuchen, ob die Leerträgerabgabe in einer Gesamtrechnung den Kulturschaffenden wirklich etwas bringt, oder ob sie nicht vielmehr die Bereitschaft, Kulturschaffende freiwillig zu unterstützen, schwinden lässt, da sie viele Ungerechtigkeiten schafft.
  • Freie Lizenzen für SUISA-Mitglieder: Wer als Urheber heute Mitglied einer Verwertungsgesellschaft wie z.B. der Suisa ist, muss alle seine Werke von dieser Gesellschaft verwerten lassen (es sei denn, er tut sich ein geheimes Pseudonym zu). Man könnte die Rechte der Urheber stärken, indem man ihnen erlaubt, einen Teil der Werke selbst zu verwerten oder unter eine freie Lizenz zu stellen (z.B. Creative Commons). Dies würde ihnen neue Geschäftsmodelle eröffnen und ebenfalls das Remixen und Mashupen vereinfachen.
  • Bibliothekswesen: Von Austrocknung der Bibliotheken im Digitalbereich bis zu einer nationalen Online-Streaming-Bibliothek, die Spotify und Co. Konkurrenz macht, ist alles denkbar. Es wäre sehr schade, wenn das Bibliothekswesen in der analogen Welt verhaftet bliebe.
  • Kürzung der Schutzfristen: Auch die Schutzfristen des Urheberrechts sind in internationalen Abkommen festgeschrieben. Allerdings wächst der Unmut über die überlangen Schutzfristen (bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers) in der ganzen westlichen Welt, auch bei Autoren und Künstlern. Es wächst die Einsicht, dass so lange Schutzfristen einer lebendigen Kultur grossen Schaden zufügen. Mittelfristig besteht deshalb eine Chance, dass sie auf internationaler Ebene zum Beispiel auf die Lebensdauer des Urhebers beschränkt wird, oder auf 50 Jahre nach Erschaffung des Werks, so wie dies bereits für Aufführungen/Aufnahmen der Fall ist. Die Arbeitsgruppe könnte vorschlagen, dass sich der Bundesrat international für eine Kürzung der Schutzfristen einsetzt.

Dies sind die Themen, bei denen hier und heute politischer Spielraum besteht. Die Arbeitsgruppe sollte sie nutzen. Es ist schade, dass solche Vorschläge bisher in der Öffentlichkeit viel weniger diskutiert werden als die unrealistischen bis extremistischen Vorschläge. Denn die Auswirkungen von solchen Änderungen sind nicht zu unterschätzen. Sie können zu einer beträchtlichen Deeskalierung des Verhältnisses zwischen Urhebern und Nutzern, zu einer Förderung der kulturellen Vielfalt und zur Verbesserung der Glaubwürdigkeit des Rechtsstaates führen. In vielen der erwähnten Bereiche sind Allianzen von Kulturschaffenden und Piraten gut möglich. Hoffen wir, das der Pragmatismus gewinnt gegen die Ideologien!

 

Urheberrecht: Umdenken oder untergehen

Amanda Palmer sammelt im Internet innert einem Tag 250’000 und innert eines Monats über eine Million US-Dollar – für ein Musikalbum, das noch gar nicht existiert, sondern erst im September ausgeliefert werden soll. Das erstaunt selbst mich ein wenig, der schon immer wusste, dass die behauptete «Gratiskultur im Internet» ein Mythos ist. Spätestens jetzt sollten es alle ahnen können: Das Internet erfordert von allen Teilnehmern am Musikmarkt ein radikales Umdenken – oder sie werden untergehen wie einst die Kutscher, die sich gegen das Aufkommen des Automobils wehrten. Wer es aber schafft, die Veränderungen zu antizipieren, kann weiterhin mit seiner Musik reich werden.

Leider ist die Schweizer Musikszene auch dem falschen Pfad, wie das aktuelle Statement des Vereins Musikschaffende Schweiz eindrücklich zeigt. Sie pochen auf ihrem «geistigen Eigentum» (obwohl es so etwas im Schweizer Recht gar nicht gibt) und argumentieren moralisch und aus einer Position der Angst heraus. So menschlich und nachvollziehbar das auch ist – es wird nicht gut enden, wenn sie so weitermachen. Das fände ich aber sehr schade. Darum hier ein paar Denkanstösse. Die Hoffnung, dass diese angenommen werden, statt sie als naiv, arrogant und besserwisserisch abzutun, ist zwar nicht allzu gross – aber mein Glauben in die Menschen ist beinahe unerschütterlich. Also…

Ich schlage vor, dass wir uns von den folgenden Vorstellungen verabschieden, statt uns an ihnen festzuhalten:

  • Besitz: In der vergangenen Ära ging es um Besitz von Musik. Konsumenten kauften Musik, liehen sie aus, oder stahlen sie gar. Wer die Musik hören wollte, die ihm beliebte, musste sie besitzen. Heute ist der Besitz egal. Was heute zählt, ist die Sicherstellung des Zugangs, und zwar jederzeit und ubiquitär, also mit allerlei Geräten und wo immer man gerade ist. Ob die Musik nun lokal oder irgendwo im Netz bereitsteht, ist unerheblich.
  • DatenträgerIn der vergangenen Ära war die Musik mit einem Datenträger verbunden. Heute ist sie flüchtig, Teil einer privaten oder öffentlichen Cloud, sie wechselt dauernd das Trägermedium. Daher ist eine Abgabe auf Datenträger ein Anachronismus.
  • Vorgesehene VerwendungIn der vergangenen Ära wurde vorgegeben, wie das Werk verwendet wird: Es wird im privaten Rahmen abgespielt. Heute haben wir viel mehr Verwendungsmöglichkeiten – Youtube ist voll von Beispielen, wie Musikstücke weiterverarbeitet werden. Es ist völlig unpraktikabel, dass für jede Weiterverwendung zuerst ein Gesuch bei der SUISA eingereicht werden muss, eines für eine öffentliche Aufführung, für ein Streaming oder ein Download-Angebot – und was ist, wenn eine öffentliche Aufführung gestreamt und zum Download angeboten wird? Wie sollen Jugendliche verstehen, was zu tun ist?
  • Trennung zwischen Urheber und RezipientIn der vergangenen Ära war klar ersichtlich, wer Kulturschaffender und wer Kulturkonsument war. Mit heutigen Geräten, Software und Publikationsmöglichkeiten ist jeder ein potenzieller Kulturschaffender, und Unzählige nutzen diese Möglichkeiten auch aktiv. Es wird geschrieben, gefilmt, fotografiert, programmiert, musiziert und kombiniert und alles veröffentlicht. Die Grenze verwischt, die Menschen begegnen sich auf Augenhöhe. Manche finden ein grösseres Publikum, andere nicht – aber wo soll da eine Grenze gezogen werden?
  • EinzelstückverkaufIn der vergangenen Ära wurde Musik in Einzelstücken verkauft. Heute wird zu einem grossen Teil noch ein Kaufprozess imitiert. In Wahrheit handelt es sich aber um Spenden, denn das Werk ist umsonst oder zu einem Spottpreis aus Russland downloadbar. Wer «kauft», der will die Musiker unterstützen, damit sie kommende Projekte finanzieren können. Musik macht Freude, und wenn man etwas dafür spenden kann, dann umso mehr. Die Imitation eines Kaufprozesses ist ein Übergangsphänomen (so wie das Trittbrett bei den frühen Automobilen), das eigentlich nicht nötig wäre. Wichtig ist eine niederschwellige, bedienungsfreudliche Spendenmöglichkeit.
  • Kontrolle der VerbreitungIn der vergangenen Ära hatten die Urheber bzw. die Verwerter die Kontrolle über die gesamte Verbreitung. Sie konnten zum Beispiel ein Werk in den einen Ländern früher als in anderen Ländern anbieten. Sie konnten gar mit Kartellen Hochpreisinseln bilden. Heute ist ihnen diese Kontrolle abhanden gekommen. An ihrer Stelle muss Vertrauen kommen – Vertrauen in die Musikliebhaber, dass diese die Arbeit honorieren werden. Vertrauen kann aber nicht installiert werden, sondern muss wachsen, in einem gegenseitigen Prozess. Amanda Palmer und viele andere haben dieses Vertrauen bereits gefunden.
  • Geldfluss über Detailhandel und Verwerter zum UrheberIn der vergangenen Ära zahlte der Konsument dem Detailhändler, dieser dem Verwerter, und dieser entlöhnte die Urheber. Heute wollen die Musikliebhaber die Urheber möglichst ohne Umwege unterstützen. Über einen Bezahldienst fliesst das Geld im Idealfall direkt zu den Urhebern. Dieses Geld verwenden diese nicht nur für sich, sondern bezahlen damit auch die Produktion, das Marketing usw. – der Geldfluss hat sich umgedreht.
  • Die Macht des VerwertersIn der vergangenen Ära hatte der Verwerter viel Macht. Er passte Künstler auf Zielgruppen an, bestimmte über Produktion und Marketing. Die volle Hoheit über ihr Werk zu haben konnten sich nicht viele Künstler leisten. Durch die Umdrehung der Geldflüsse gewinnt der Urheber die Macht über sein Werk zurück. Natürlich lässt er sich weiterhin von vielen Leuten unterstützen – aber im Zweifelsfall hat er die Möglichkeit, sein eigenes Ding durchzuziehen. Die bisherigen Verwerter werden zu Dienstleistungsanbietern für die Urheber.

Geschätzte Musikschaffende: Ihr habt die Wahl. Entweder führt ihr euren Kampf gegen den Wandel weiter. Dann solltet ihr euch aber nicht wundern, wenn euch eure Kunden abhanden kommen oder ihr sie gar gegen euch aufbringt. Oder ihr denkt darüber nach, wo euer Platz in dieser neuen Ära sein könnte. Das hättet ihr zwar schon vor zehn Jahren machen können, aber noch ist es nicht zu spät. Ich verstehe, dass dieser radikale Schritt ein sehr schwieriger ist. Ich wünsche euch von Herzen, dass er euch gelingt.

Diese Kommentare wollen die «Musikschaffenden Schweiz» lieber nicht auf ihrer Website

Der Verein Musikschaffende Schweiz hat ein «gemeinsames Statement» veröffentlicht. Man konnte darunter in einem Facebook-Plugin kommentieren. Jedoch ist ihnen die Diskussion etwas aus dem Ruder gelaufen, weshalb sie die Kommentare entfernt haben. Aber ihr wisst ja: Das Internet vergisst nicht, insbesondere Facebook nicht. Hier sind sie wieder – die Diskussion kann fortgesetzt werden:

Die Parabel von der gelesenen Zeitung

In einem gut besetzten Zug sitzen eines Morgens Herr Gut und Frau Gieringer im gleichen Zugabteil. Während Frau Gieringer noch etwas vor sich hin döst, liest Herr Gut seine Regionalzeitung. Als er auch noch den Sportteil durchgeblättert hat, legt er die Zeitung auf das freie Tischchen im Abteil. Frau Gieringer ist inzwischen richtig wach und munter geworden. Sie schaut den Herrn so freundlich an wie sie es am Morgen hinkriegt, zeigt auf die Zeitung und frägt: «Ist es gestattet?»

Herr Gut verfinstert schlagartig die Stirn und erwidert empört: «Wie bitte? Sie wollen hier einfach gratis Journalismus konsumieren? Wissen Sie überhaupt, wie viel Aufwand für so eine Zeitung erforderlich ist? Da arbeiten dutzende, wenn die hunderte Journalisten, Korrektoren, Gestalter, Drucker und Verteiler daran, und die haben Familie und Kinder und müssen selbst auch irgendwie über die Runden kommen. Und Sie meinen, Sie können hier da sitzen und gierig die ganze Zeitung lesen ohne einen müden Rappen dafür zu bezahlen? Glauben Sie, die Journalisten wollen sich einfach so ans Bein pinkeln lassen? Es kann doch nicht sein, dass Sie einfach das geistige Eigentum all dieser Journalisten stehlen! Oder haben Sie ihr Brötchen da etwa auch bei Bäcker geklaut? Leute wie Sie zerstören den ganzen Journalismus! Wenn Sie auch nur ein kleines Restchen Anstand haben, kaufen Sie sich Ihre eigene Zeitung! Meine Zeitung bekommen Sie ganz bestimmt nicht zum Raublesen.»

Verdattert sitzt Frau Gieringer da und stammelt etwas von «War ja nur eine Frage». Die Mitreisenden im Abteil legen sich leise kopfschüttelnd die Hand quer vor das Gesicht.

Vorsicht, Musikschaffende! (Fortsetzung)

Ich finds interessant, wenn so gegensätzliche Vorstellungen aufeinander prallen. Weniger toll finde ich, wenn der Gegenseite dauernd unlautere Absichten unterstellt werden. Ich würde begrüssen, wenn wir uns fortan an das Wikipedia-Grundprinzip «Geh von guten Absichten aus» halten. Das macht die Diskussion meistens fruchtbarer.

Ich danke Ivo für die engagierte Replik. Gerne entgegne ich dir folgendermassen:

David – nur weil Du und ihr einfach mal so aus dem Nichts daher behauptet, ihr würdet nur kopieren und das sei kein Diebstahl, heisst das noch lange nicht, dass dem auch wirklich so ist.

Das behaupte ich nicht aus dem nichts. Diebstahl ist ein Begriff aus dem Sachenrecht und kommt im Immaterialgüterrecht nicht vor. Da kannst du jeden Juristen fragen oder das Urheberrechtsgesetz und das Strafgesetz selber durchlesen. Wirklich ist das, was Gesetz ist, und nicht das, was nach deiner Vorstellung Gesetz sein müsste. Verstösse gegen das Urheberrecht nennt man ganz einfach Urheberrechtsverstösse. Solche gibt es, aber Diebstahl gibt es hier nicht, auch wenn die Labels diese Behauptung mit viel Geld in die Welt gesetzt haben.

Veröffentlichung heisst nicht, dass damit automatisch irgend jemand die Lizenz zum Gratis-Konsum erworben hätte. Wär ja noch schöner!
Ich weiss schon, ihr hättet das nur zu gern. Aber ihr habt nun mal kein Recht darauf. Weder auf Gratis-Original-Content noch auf eine Gratis-Kopie. Es gibt kein Menschenrecht auf Gratis-Musik.

Ich will kein Menschenrecht auf Gratis-Musik. Aber ja, ich hätte gerne das Recht, Musik frei zu kopieren. Im Freundeskreis habe ich dieses Recht (das du mir hoffentlich nicht absprechen möchtest?), ansonsten habe ich dieses Recht bisher nicht, ich fände es aber sinnvoll, da es sowieso fast jeder macht.

Da könnt’ ihr euer Sprüchli, von wegen, das sei jetzt heutzutage nun mal gottgegebene Realität und Musikschaffende hätten sich dem doch bitte zu beugen, noch Millionen Mal runter leiern – dieses Recht werdet ihr nie kriegen.

Als Atheist halte ich nichts für gottgegeben, und ich halte es auch nicht für naturgegeben. Wir glauben, dass wir Menschen die Dinge gestalten können. Darum sind wir ja auch eine Partei. Was aber nicht geht, ist, verdachtsunabhängig Kommunikation überwachen und gleichzeitig Grundrechte wahren. Und wenn es keine flächendeckende, verdachtsunabhängige Kommunikationsüberwachung und massive Sanktionen gibt, dann weiss ich nicht, wie ein Kopierverbot durchgesetzt werden soll. Kennst du ein erfolgreiches Modell? Ich freue mich auf konkrete Vorschläge!

Zudem – zu eurem Leidwesen wird ja schon jetzt tonnenweise Zeugs im Netz kontrolliert und das sehr wohl zu Recht! Warum unterschlägt ihr das geflissentlich?
Wir können ja mal bei der Kinderpornografie anfangen – seid ihr da denn auch so generös? Fordert ihr da auch freie Entfaltung? Wollt ihr da auch keine Kontrolle? Nähm’ mich mal Wunder?
Beharrt ihr da auch auf dem Recht, dass jeder tun und lassen kann, was er will?
Na, komm schon, ist doch kein Problem? Da zieht sich doch auch jeder nur eine Kopie? Denen wollt’ ihr doch bestimmt auch nicht das Recht auf unkontrollierten Freiraum im Netz absprechen??
Und erzählt ihr den betroffenen Kindern oder deren Eltern dann auch, dass das Internet frei und unkontrolliert bleiben soll? Sie hätten halt den Wandel der Zeit verschlafen und sollen sich doch jetzt bitteschön damit abfinden… und halt ein bisschen besser auf ihre Kids aufpassen… oder “ein anderes Geschäftsmodell“ suchen??
Falls ich richtig liegen sollte, nehmt’s wenigstens auch gleich in euer Parteiprogramm auf und steht öffentlich dazu. Falls nicht, steht eure Argumentation aber auf ziemlich wackligen Beinen.

Wir sind gegen jegliche Netzsperren und gegen jegliche verdachtsunabhängige Überwachung. Kinderpornographie kann man sehr gut ohne diese Mittel bekämpfen, indem Meldungen nachgegangen wird und das einschlägige Material vom Server gelöscht wird. Diese Postition hat (nach massiven Protesten der Piratenpartei) auch die deutsche Bundesregierung übernommen. Die Schweiz sucht sein Heil leider immer noch in unwirksamen Kinderpornosperren.

Es ist ok, wenn auch bei Urheberrechtsverstössen entsprechend vorgegangen wird: Wenn die Polizei von einem Verstoss erfährt, fordert sie die Serverbetreiber auf, die entsprechenden Inhalte zu löschen. Falls diese der Aufforderung nicht nachkommen, können die Server beschlagnahmt werden. Das ist Status quo, das geschieht täglich. Wir erachten es zwar nicht wirklich als sinnvoll, aber es ist akzeptabel: Keine Netzsperren, keine verdachtsunabhängige Überwachung, keine Kriminalisierung von normalen Nutzern.

Weisst Du, ich bin auch nicht mit allem in unserer Gesellschaft einverstanden und ich find’ ebenfalls, das eine oder andere gehört überdacht.
Und ich kann mich sogar mit einigen eurer Ideen (die ja auch nicht alle die euren sind, apropos “bedingungsloses Grundeinkommen“) da und dort anfreunden.

Eigentlich sind alle „unsere“ Ideen älter als die Partei. Lawrence Lessigs Buch „Free Culture“ wurde 2004 publiziert, zwei Jahre vor der Gründung der schwedischen Piratenpartei, und auch seine Ideen waren nicht total neu.

Was ihr euch aber in dieser Sache an Aussetzern leistet, ist unterste Schublade und an Respektlosigkeit und Arroganz nicht zu überbieten.
Selbst Du hältst Dich, sogar in Deinen eigen vier Wänden und zu Deinem eigenen Wohlbefinden, an gewisse Regeln und „Übereinkünfte“, um Dir und Deinen „Mitmenschen“ ein einigermassen friedliches Miteinander in dieser Gesellschaft zu gewährleisten und selbst Du wirst darüber hinaus auch bis in Deine eigenen vier Wände kontrolliert. Auch dies letztlich zu Deiner eigenen Zufriedenheit.
Ob euch das nun passt oder nicht: Es ist – zumindest bis heute – ein Jahrhunderte alter und unverzichtbarer Teil des Kulturverständisses und entspricht einer gemeinsamen Überzeugung dieser Gesellschaft, dass auch kreative Arbeit bezahlt werden soll. Offenbar wollt’ ihr das einfach nicht wahr haben.

Nochmals deutsch und deutlich: Ich begrüsse es, wenn kreative Arbeit bezahlt wird. Ich bin selbst als Webdesigner kreativ tätig. Ich gebe Geld aus für Musik. Ich ermutige auch Leute, etwas für Musik zu bezahlen. Aber: Ein Polizeistaat ist nicht das richtige Mittel für diesen Zweck. Und: Der Einzelstückverkauf von Musiktiteln ist nicht Jahrhunderte alt, sondern funktionierte gerade mal ein Jahrhundert lang. Vorher war das nicht möglich, und nachher ist es halt auch nicht mehr möglich (weil die Gesellschaft den Preis dafür, nämlich die Zerstörung des freien Internets, nicht bereit ist zu bezahlen).

Darüber hinaus hat die Zivilgesellschaft ja noch so einige Errungenschaften mehr vorzuweisen, die sie sich zum Wohle aller erarbeitet hat. Unter anderem zum Beispiel die Freiheit, dass auch Du sagen kannst, was Du denkst. Dagegen ist nichts einzuwenden.
Es ist aber sehr wohl etwas dagegen einzuwenden, wenn Du und ihr meint, dank dieser Freiheit euer eigenes “Wohl“ (das offenbar einzig darin besteht, ein bisschen zu schmarotzen und nichts für die Arbeit anderer bezahlen zu müssen) über jenes anderer stellen zu können.
Und es ist ganz bestimmt etwas dagegen einzuwenden, wenn ihr meint, von eurem bequemen Sessel aus die Arbeit anderer als Allgemeingut deklarieren zu können und ihnen darüber hinaus auch gleich noch auf höchst selbstgefällige Art vorschreibt, sie hätten sich doch bitte nach einem anderen Geschäftsmodell umzuschauen – einfach mal so, weil’s euch grad so schön in den Kram passt.

Diese Unterstellungen sind unhaltbar. Wie gesagt: Geh von guten Absichten aus. Es geht uns nicht darum, unser Wohl über dasjenige von euch zu stellen. Wenn du das nicht glauben willst – nicht unser Problem.

Wer oder was hat euch eigentlich dazu berufen, zu dieser höheren Einsicht, dass ihr euch anmasst, die Arbeit anderer zu verschenken?

Niemand, und wir haben auch keine höhere Einsicht, bloss eine andere Ansicht.

Eure Freiheit trampelt auf der Freiheit anderer rum.
Ein bisschen mehr Bescheidenheit stünde euch deshalb mehr als gut an.

Hm, ich würde das eher von euch behaupten, falls ihr mit euren Ideen durchkommen würdet.

Nun denn.. alleine die Tatsache, dass ihr alle jetzt so eifrig eure Blogs schreibt und notgedrungen auf jene paar Exponierten eindrischt, die sich getrauen, für ihre Rechte einzustehen, zeigt, dass ihr offenbar endlich ein bisschen Gegenwind spürt. Wurde aber auch langsam Zeit!
Drum, wir werden ja sehen, ob’s daran was zu ändern gibt.

Ja, wurde Zeit. Wir sind sehr debattenfreudig und freuen uns auf die Auseinandersetzungen.

Und bevor Du uns noch in dieselbe Tüte zu stecken versuchst, von wegen weder Musikschaffende noch ihr könntet das ändern: Im Gegensatz zu euch selbsternannten Piraten versuchen wir’s.
Das ist doch immerhin schon mal ein gewichtiger Unterschied.

Wie kommst du drauf, wir würden nicht versuchen, die Dinge zu ändern?

Und noch zu deinem Kommentar auf Infamy:

Knackeboul kann gut einen auf grosse Klappe machen, schliesslich hat er während 18 Monaten fette Präsenz auf dem von euch so verhassten Schweizer Staatsfernsehen erhalten, welches wiederum von den von euch so verhassten Billag-Gebühren finanziert wird.

Soviel ich weiss und in Erfahrung bringen kann moderiert Knackboul nur auf Joiz, und Joiz bekommt keinerlei Empfangsgebühren. Deine Argumente schiessen ins Leere. Ausserdem ist ist auch SF kein Staatsfernsehen und ich hasse es nicht und finde es nicht einmal schlecht. Meine Kritik an der SRG und dem Gebührensystem ist viel differenzierter.

Und was Deine Frage angeht, verweis’ ich Dich auf Deinen eigenen Blog.

Meine Frage war, wie du ein Kopierverbot konkret durchsetzen willst. Ich habe bisher keinen Ansatz einer Antwort auf diese Frage gefunden.

Auf Wunsch von Daniel Menna entgegne ich auch Andreas Gossweiler (obwohl er es nicht verdient hätte):

Erstens ist «die Infrastruktur namens Internet» in ihrer heutigen Form nichts Gottgegebenes. Man kann das Internet gestalten und seine Strukturen nach Belieben verändern.

Ich habe nie Gegenteiliges behauptet. Die Frage ist bloss, ob man dem dann noch «Internet» sagen kann.

Wenn jetzt Leute wie David Herzog sich in der sogenannten «Piratenpartei» organisieren, um sich auf der politischen Ebene dafür einzusetzen, dass im Internet geistige Werke gratis verfügbar sind, so trifft diese Leute durchaus eine Mitschuld daran, dass die Urheber immer weniger Geld verdienen.

Diese moralische Einordnung kann man so vornehmen, wenn man das will. Ich sehe keine Opfer, daher auch keine Täter und keine Schuldigen. Um diese Beurteilung zu bewerten, müsstest du erst erklären, wer Opfer ist und wieso.
Zudem setzen wir uns nicht dafür ein, «dass im Internet geistige Werke gratis verfügbar sind», sondern gegen die verdachtsunabhängige Überwachung von Kommunikation ganz generell. Jemand, der sich für das Briefgeheimnis einsetzt und der Meinung ist, dass die Post nicht jeden Brief öffnen und auf kriminelle Handlungen überprüfen müssen soll, ist meines Erachtens nicht mitschuldig an den Taten, die per Briefpost begangen werden. Das Gleiche gilt hier.

Es gibt keine sachlichen Gründe für Herzogs pathetische Warnung, Gesetze gegen das Raubkopieren würden das Internet «töten». Schliesslich können wir längst im Internet Pizzas bestellen und Reisen buchen, gegen gutes Geld natürlich, ohne dass jemand deshalb den «Tod» des Internets beklagen würde.

Meine Aussage war, dass Massnahmen zur Durchsetzung von geforderten Verboten das Internet töten würden, nicht die Verbote selbst, und schon gar nicht irgendwelche Bezahlmöglichkeiten. Kein Staat hat es bisher geschafft, Urheberrechtsverletzungen zu unterbinden, selbst mit massivsten Eingriffen in die Grundrechte nicht. Ich bin aber jederzeit bereit, meine Einschätzung zu revidieren, wenn ein konkreter Umsetzungsvorschlag für die Durchsetzung eines solchen Verbotes präsentiert wird.

Schwer erträglich ist auch Herzogs Attitüde, sich als derjenige darzustellen, der als einziger kapiert hat, wie das Internet funktioniert, und Sina und Sven Regener vorzuwerfen, sie hätten selbiges «nicht realisiert». Wie wenn die Mechanismen des Internets so schwierig zu verstehen wären.

Ich würde schon gar nicht behaupten, ich hätte «die Mechanismen des Internets» verstanden, und schon gar nicht als einziger. Es gibt Künstler, die die Mechanismen wohl schon viel besser verstanden haben als ich. Aber wenn Sina und Sven Regener weiterhin glauben, Einzelstücke verkaufen zu können, haben sie etwas Fundamentales nicht verstanden, das viele andere verstanden haben.

Hingegen scheint Herzog die Kritik der Musiker an der Gratis-Mentalität nicht verstehen zu wollen: «Wieso soll Freude am musikalischen Reichtum – und die Ablehnung des freiwilligen Verzichts darauf – Gier sein?» Es sagt ja gar niemand, Freude an Musik sei Gier. So ein Blödsinn.

Von Gier hat Sina gesprochen und jene gemeint, die ihren iPod mit Musik füllen. Ich behaupte, sie machen es nicht aus Gier, sondern aus Freude an der Musik. Ich finde, Sina hat die Musikfans nicht verstanden, wenn sie ihnen Gier vorwirft. Inwiefern ich die Kritik der Musiker nicht verstanden haben soll, ist mir schleierhaft.

Vorsicht, Musikschaffende!

Die Urheberrechtsdebatte ist neu lanciert. In der Schweiz macht der neu gegründete Verein «Musikschaffende Schweiz» auf sich aufmerksam, und in Deutschland hat Sven Regener mit einem spontanen Pamphlet aufgerüttelt. Die Debatte ist wichtig und nötig. Insbesondere auch die Position der Piratenpartei ist offensichtlich sehr erklärungsbedürftig. Dem versuche ich hier abzuhelfen.

Die Sängerin Sina hat sich diese Woche in der Basler Zeitung zu Wort gemeldet. Sie schreibt:

Wir wollen auch in Zukunft nicht, dass der Steuerzahler uns subventionieren muss. Im Gegenteil. Wir wollen einfach weiterhin das machen können, was uns auszeichnet: Musik, die begeistert und berührt.

Ja, Sina, das will ich auch, dass du das kannst! Ich finde es auch ganz richtig, dass du an die Hörer deiner Musik appellierst, dich mit Geld zu unterstützen. Denn irgendwoher muss das Geld kommen, damit du den Freiraum hast, Musik zu schaffen (solange es noch kein bedingungsloses Grundeinkommen gibt). Ich weiss, dass viel Arbeit in einem Album steckt, ich schätze diese Arbeit und unterstütze sie auch gerne weiterhin mit Geld, indem ich Songs von dir auf iTunes «kaufe». Aber weisst du was? Das, was ich da über iTunes mache, ist nicht kaufen, sondern spenden. Deine Musik kriege ich gratis, die möglichen Bezugsquellen sind gross. iTunes hat vielleicht einen gewissen Mehrwert in Sachen Convenience. Aber wenn ich Musik über iTunes kaufe, dann nur, weil ich spenden will. iTunes ist nicht der Plattenladen, den er vorgibt zu sein, sondern viel eher der Hut des Strassenmusikers.

Sven Regener sagt:

Ich möchte kein Strassenmusiker sein. Das ist eine Frage des Respekts und des Anstands.

Sowohl Sina wie Regener möchten Einzelstücke verkaufen, so wie ein Bäcker Brötchen verkauft. Diese Idee funktionierte einigermassen, als der Vertrieb an physische Trägermedien gebunden war. Anscheinend habt ihr es noch nicht realisiert: Diese Idee, dieses Geschäftsmodell ist tot, mausetot, und wird nie mehr wiederkommen. Nicht die «Piraten» haben es getötet, sondern die Infrastruktur namens Internet. Kein Gesetz kann daran etwas ändern, ausser, das Gesetz tötet das Internet. Klar, die Schweiz könnte ein Download-Verbot wie im Rest von Europa beschliessen, wie das Sina fordert. Aber damit wären wir nicht weiter, Sina, frag mal Sven Regener. Wenn das Gesetz nicht toter Buchstabe sein soll, muss das Gesetz auch durchgesetzt werden, die dies würde nichts weniger als eine totalitäre Internet-Kontrolle erfordern. Ich bin sicher, dass ihr ein solches Gesetz auch nicht wollen würdet.

Also, liebe Musikschaffende: Sagt der Einzelstückverkauf-Idee adieu, für immer. Trauert nur über diesen Verlust, ich kann das gut verstehen, denn sie war eine gute Sache für euch, für diese Art von Populärmusik. Aber wollt ihr jetzt den Rest eures Künstlerlebens diesem Geschäftsmodell nachtrauern? Das wird euch nicht gut tun. Mein gut gemeinter Gratis-Tipp: Schaut nach vorne! Findet heraus, welche Chancen sich für euch auftun, wenn ihr euren Stolz als Einzelstückverkäufer niederlegt.

Sina glaubt, dass sie mit der Moralkeule etwas bewirken kann:

Da stört der Umstand natürlich umso mehr, dass jeder Dritte der Über-15-Jährigen seinen iPod volllädt, so begierig, als ob die Toren des World Wide Web dichtgemacht würden.

Wieso soll Freude am musikalischen Reichtum – und die Ablehnung des freiwilligen Verzichts darauf – Gier sein? Sind wir denn im Kloster? Sorry, Sina, die letzten Klöster sind am Aussterben, und diese Haltung wird genauso wenig erfolgreich sein. Eine künstliche Verknappung der Kulturgüter macht aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive überhaupt keinen Sinn. Niemanden wirst du überzeugen können, dass es besser ist, einen leeren iPod zu haben, als ihn mit (schwarz-)kopierten Songs zu füllen. Ein leerer iPod bringt niemandem etwas – auch dir nicht. (Kommt hinzu, dass ein Teil des Kaufpreises des iPods in deine Kasse fliesst, selbst wenn er leer bleibt.)

Das Bild des gierigen, egoistischen, kriminellen Piraten trifft nicht zu, auch nicht, wenn ihr es tausendmal wiederholt. Diejenigen, die am meisten Musik schwarzkopieren, sind auch diejenigen, die am meisten Geld für Musik ausgeben. Indem ihr eure eigenen Fans und Kunden zum Feindbild stilisiert, bringt ihr sie garantiert nicht dazu, euch stärker zu unterstützen.

Wenn also das Geschäftsmodell des Einzelstückverkaufs weder durch Gesetze noch durch Moralreden zu retten ist, welche alternativen Optionen bieten sich dann?

  • Diejenige des Staatsangestellten oder Staatssubventionierten. Dann würde dein Wunsch in Erfüllung gehen, dass «jeder, der arbeitet, auch seinen Lohn erhalten» soll. Modelle gibt es verschiedene, von Fördergeldern bis Kulturflatrate.
  • Diejenige des Gebühreneintreibers. Bei einer begrenzten Anzahl Radios, Clubs und Streaminganbieter scheint es weiterhin zu funktionieren, Gebühren einzutreiben für das öffentliche Abspielen eurer Songs. Auch über die Leerträger-Abgabe scheint ein wenig Geld reinzukommen.
  • Diejenige des «Strassenmusikers». Ihr lebt von den Zuwendungen eurer Fans. Dies kann durch Spenden, durch imitierte «Verkäufe» oder durch Crowdfunding geschehen.
  • Diejenige des Dienstleisters. Ihr bietet Konzerte oder andere Dienstleistungen persönlich an ein beschränktes Publikum oder für Werbung an.

Jetzt seid ihr dran, liebe Musikschaffende, denn es liegt nicht an uns Piraten, eure Geschäftsmodelle zu entwickeln. Macht konkrete Vorschläge! Oder macht es wie Knackeboul und viele andere, versteht euch als Unternehmer und sucht euer Geschäftsmodell in dem Markt, der sich euch bietet. Dann könnt ihr aber genauso wenig wie jeder andere Unternehmer erwarten, dass jeder, der arbeitet, auch einen Lohn erhält. Hingegen könnt ihr erwarten, dass man es euch gönnt, falls ihr in diesem Markt finanziell erfolgreich seid (was bei Staatssubventionierten und Gebühreneintreibern schwieriger wird).

Wir Piraten sind offen für Vorschläge. Solange die Vorschläge nicht in Richtung Zerstörung des Internets, Abschaffung der Grundrechte und Kriminalisierung von Musikfans gehen, könnt ihr davon ausgehen, dass wir grundsätzlich auf eurer Seite sind! Ihr seid nicht unsere Feinde, wir sind eure Unterstützer!

Die Meinungs- und Informationsfreiheit für Bezahlmedien ist gewährleistet.

Aus der schweizerischen Bundesverfassung, Artikel 16:

  1. Die Meinungs- und Informationsfreiheit ist gewährleistet.
  2. Jede Person hat das Recht, ihre Meinung frei zu bilden und sie ungehindert zu äussern und zu verbreiten.
  3. Jede Person hat das Recht, Informationen frei zu empfangen, aus allgemein zugänglichen Quellen zu beschaffen und zu verbreiten.

Dass Journalisten angesichts des Abflusses der Anzeigenkunden ins Internet und der Gratisangebote als Pendlerzeitungen und im Internet Angst um ihren Job haben, ist verständlich. Dass sie sich Sorgen um die Demokratie machen, wenn Qualitätsjournalismus aus den bisherigen Geldquellen kaum mehr finanziert werden kann, ist ebenfalls keine Überraschung. Dass es aber Journalisten und Soziologen gibt, die glauben, zur Rettung der Demokratie (oder bloss ihrer Arbeitsstelle?) müsse man «die Gratis-Angebote auf Holz und Online eliminieren», das ist an Absurdität kaum zu überbieten. Denn damit machen sie die verfassungsmässige Meinungs- und Informationsfreiheit zur verhandelbaren Masse. Sie glauben bestimmen zu können, wie diese Informationsfreiheit genutzt wird, und wie nicht. Sie meinen, die Informationsfreiheit beinhalte das Recht, ein durch staatliche Subventionen (für kooperative Verlage) oder Strafzahlungen (für nicht kooperative Verlage) gestütztes Informationskartell zu errichten.

Aus den Diskussionen mit einem SonntagsZeitungs-Journalisten mit dem Pseudonym Bobby California und mit Soziologe Kurt Imhof kann man folgendes Fazit ziehen (das in Bobbys Blog leider unerwünscht ist und aus den Kommentaren gelöscht wird):

Wer von Artikel 16.2 der Bundesverfassung Gebrauch macht, betreibt mitunter «Bewirtschaftung von Emotionen und Desinformation», die «massive Parlamentsmehrheiten einfach umkehrt», er «bedroht die Meinungsfreiheit», verachtet die geistige Arbeit, betreibt «Selbstkannibalisierung», ist «schädlich» wie die Atomkraft, und führt «in die katastrophal falsche Richtung», nämlich zum Ende der aufgeklärten Gesellschaft mündiger Staatsbürger, ergo zum Ende der Demokratie.

Wer von Artikel 16.3 der Bundesverfassung Gebrauch macht, ist ein «Content-Dieb», der Arbeitsplätze, den Journalismus insgesamt und mit ihm die Gesellschaft zerstört, und dies einzig und allein um ein paar Franken zu sparen, weil er dem «stumpfsinnigen Steinzeit-Materialismus» verfallen ist. Sonst hat er vom Gebrauch dieses Verfassungsartikels ja keinen Vorteil.

Und wer das anders sieht, macht einen «Denkfehler».

Warum das «Anti-Piraterie-Abkommen» ad acta gelegt werden muss

Werden Kriminelle schon bald so aussehen?:

Wenn Unterhaltungskonzerne westlichen Regierungen einflüstern, wie sie die Gesetze machen sollen, dann kommt ein internationales Abkommen heraus, das Urheberrechtsverstösse (wie zu Beispiel der obige) zu kriminellen Taten machen will.

Mit dem Internet haben Kulturtechniken wie Remixing und Sharing einen grossen Stellenwert erhalten. Unterhaltungskonzernen ist dies ein Dorn im Auge, denn sie drohen überflüssig zu werden. Um dies zu verhindern, verhandeln die USA, die EU, die Schweiz und 10 weitere Staaten über ein Abkommen namens Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA), das noch dieses Jahr abgeschlossen werden soll. Nachdem jahrelang im Geheimen verhandelt wurde, wurde im April erstmals ein Entwurf veröffentlicht.

stopp-actaNGOs, Schwellenländer, Internetprovider, Auktionshändler, Bürgerrechtler und Netzaktivisten kritisieren den Abkommensentwurf scharf:

  • Mit der Verschiebung auf die internationale Ebene wird versucht, nationale Gesetzgebungsprozesse und Debatten zu umgehen. Auf nationaler Ebene wird dann argumentiert, das sei ein internationales Abkommen, bei dem man nicht aussen vor stehen könne. Die Regierungen geben die Verantwortung nach «oben» ab. Die Zivilgesellschaft hat fast keine Chance, eine öffentliche Debatte anzustossen – bei so trockenen Themen wie ACTA erst recht nicht. Solch undemokratisches Vorgehen nennt man neudeutsch «policy laundering».
  • Nichtkommerzielle Aktivitäten, die für den Zugang zu Wissen und Kultur, für Innovation und Meinungsfreiheit wichtig sind, werden in einen Topf geworfen mit kommerzieller Produktefälscherei und auch entsprechend verfolgt. So sollen am Zoll Laptops und andere digitale Geräte auf Vermutung hin nach urheberrechtlich geschütztem Material durchsucht und diese Geräte beschlagnahmt werden können. Die Umgehung von DRM (zum Beispiel, wenn ich einen gekauften Film auf das iPad kopieren will) soll verfolgt werden. Internet-Anbieter sollen in die Verantwortung genommen werden für das, was ihre Kunden tun. Sie werden zu Hilfspolizisten des Staates, die ihre Kunden überwachen und bei mehrmaligem Verstoss ihnen gar das Internet abstellen müssen. Ruinös hohe Entschädigungszahlungen sollen durchgesetzt werden und den Konzernen so neue Einkünfte bringen.
  • Es soll ein neuer Straftatbestand Beihilfe oder Anstiftung zu Urheberrechtsverletzungen geschaffen werden. Damit könnten im Extremfall sogar Verlinkungen bestraft werden.
  • Der ACTA-Entwurf sieht Sanktionen für Patentverletzungen vor, die den Handel von Generikamedikamenten in Entwicklungs- und Schwellenländern (und damit den Zugang zu Medikamenten für ihre Bevölkerung) einschränken können. Darum versucht Indien nun, eine Allianz von Staaten zu bilden, die gegen das ACTA-Abkommen sind.
  • Mit den ACTA-Verhandlungen werden die UN-Institution WIPO und die WTO absichtlich umgangen, weil die Vorschläge dort nicht mehrheitsfähig sind. Später sollen die Regelungen dann schrittweise weiteren Staaten aufgedrängt werden. Damit wollen die westlichen Staaten ihre Vorstellungen weltweit durchsetzen.

Die nächste ACTA-Verhandlungsrunde findet ab dem 28. Juni 2010 in Luzern statt. Darum plant die Piratenpartei an diesem Tag eine Kundgebung auf dem Bahnhofplatz Luzern (sowie am Tag zuvor in anderen europäischen Städten). Dort wird dann auch die Petition übergeben, die hier unterzeichnet werden kann. Wer hilft mit, ein Zeichen zu setzen?

Links zum Thema

Kopieren ist alles

Wir sind alles nur Kopien. Unser Genom besteht aus der Neukombination des Genoms unserer Eltern. Die Natur kopiert, kombiniert, selektiert, kopiert, kombiniert, selektiert, … immer weiter. In seltenen Fällen kommt es zu «Fehlern» im Kopiervorgang: Mutationen. Aber in erster Linie sind unsere Körperzellen Kopiermaschinen für Gene.

Die über die Jahrtausenden entstandene menschliche Kultur evolviert ähnlich: Wissen, Ideen, Vorstellungen, Sprache und Stile werden von Person zu Person weitergegeben, also kopiert. Wir erhalten permanent von allen Seiten kulturelle Inputs, kombinieren diese neu und geben sie weiter. In seltenen Fällen haben wir eine Idee, die noch niemand vorher hatte. Aber in erster Linie sind wir Kopiermaschinen für Meme.

Kopie und Rekombination sind also quasi Naturgesetze und grundlegende Kulturtechniken. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte war das Kopieren keinen Gesetzen unterworfen. Goethe und Mozart konnten sich noch fleissig bei Werken anderer bedienen. Erst ab dem späten 18. Jahrhundert begann sich die Vorstellung eines «geistigen Eigentums» langsam durchzusetzen. Seit 1886 (Berner Übereinkunft) bis zum Siegeszug den Internets war das Urheberrecht in der westlichen Welt praktisch unbestritten.

Unsere Computer sind Kopiermaschinen. Um ein Programm auszuführen muß es von einem Medium in den Speicher, vom Speicher in den Prozessor kopiert werden, ebenso alle Daten. Ergebnisse werden zurück kopiert. Der Befehlssatz eines jeden Rechners hat circa zehn Mal mehr Kopier- als Rechenbefehle.

Unsere Netze sind Kopiermaschinen. Wir sagen wir ’senden eine Nachricht‘, aber das Wort ist falsch. ‚Senden‘ impliziert, daß die Nachricht sich bewegt und für den „Ab“-Sender nicht mehr da ist. Das ist in der realen Welt so, aber nicht im Netz: Wir kopieren eine Nachricht an die Empfänger.

Das Wesen aller IT ist die Kopie. (Quelle)

Mit der Digitalisierung (fast kostenlose Erstellung von exakten Kopien) und dem Internet (fast kostenlose Verbreitung der Kopien) kommt das Urheberrecht stark unter Druck. Es wird als Behinderung der kulturellen Entwicklung wahrgenommen. Eine gute Dokumentation über die aktuelle Lage beim Urheberrecht ist «Good Copy Bad Copy»:

Aktuell geschehen absurde Dinge. Deutsche Verlage fordern ein diffuses Leistungsschutzrecht, mit dem sie Google dazu zwingen wollen, sie für Textanrisse zu vergüten. Springermedien verstecken ihren Inhalt vor ihren regelmässigen Kunden hinter einer Bezahlschranke – nicht aber vor jenen, die über Google auf die Seiten kommen. Helene Hegemann bedient sich bei Werken anderer, ohne diese Quellen anzugeben oder gar die Rechte einzuholen, und wird damit zum Literatur-Wunderkind erhoben. Plötzlich finden dies zahlreiche Verlage und Kommentatoren in Ordnung.

Zum Glück gibt es noch Leute, die verstehen, worum es geht. Zum Beispiel Peter Sunde, Mitbegründer von The Pirate Bay. Mit Flattr hat er ein Projekt gestartet, mit dem man mit einem Klick Autoren und Künstlern freiwillig etwas bezahlen können soll. Schaut selbst:

Denn: Das Kopieren wird nicht aufzuhalten sein. Das heisst aber nicht, dass Künstler und Autoren nicht vergütet werden sollen oder die Bereitschaft dazu fehlt. Und schon gar nicht, dass die wirklichen Urheber verschwiegen werden sollen.

Meme ohne Substanz – heute: Gratiskultur des Internets

Es gibt Vorstellungen, die werden so inflationär rezipiert, dass man dazu neigt, sie irgendwann selbst anzueignen, ohne sie noch kritisch zu hinterfragen. Eine solche ist jene von der «Kostenlos-Kultur im Internet». Dabei wird unterstellt, die Leute hätten sich daran gewöhnt, dass im Internet alles gratis zu haben ist. Um für Künstler und Autoren Einnahmen generieren zu können, müsse man die Leute umerziehen. Im Gegensatz zum mit dem vom PC zugegriffenen Internet habe die Benutzung von Mobiltelefonen schon immer etwas gekostet, darum sei die Akzeptanz für kostenpflichtige Angebote dort höher.

Dazu zwei Gedankenexperimente:

  • Das erste spielt am Bahnhof. (Internetsurfen mit Zugfahren zu vergleichen ist deshalb hier besonders geeignet, weil wir es uns erstens definitiv gewöhnt sind, für Zugreisen zu bezahlen, und zweitens, weil ein nicht zahlender Bahnkunde niemandem etwas stiehlt oder einen Zusatzaufwand verursacht, so wie ein Musikkonsument im Internet auch niemandem etwas stiehlt, sondern einfach mitbenützt.) Stell dir also vor du stehst auf dem Perron, und auf beiden Seiten steht ein Zug, der demnächst nach deiner gewünschten Zieldestination fährt. Der Zugverkehr ist komplett liberalisiert, und zwei sich konkurrierende Bahnunternehmen möchten mit Fahrgästen Geld erwirtschaften. Das Unternehmen des Zuges auf Gleis 1 setzt voll auf das Geschäftsmodell Werbung: Du kannst dich gratis transportieren lassen, musst dir aber während der ganzen Fahrt Werbebotschaften ansehen und anhören. Ausserdem ist der Zug schlecht gewartet, stickig, und die Aussicht auf einen Sitzplatz ist minim. Das Unternehmen des Zuges auf Gleis 2 setzt dagegen auf zahlende Kunden. Es werden nur Kunden mit Tickets eingelassen, dafür können diese eine angenehmere, werbefreie Fahrt auf einem Sitzplatz geniessen. Jedoch befindet sich der Ticketautomat im zweiten Stock eines 300 Meter entfernten Gebäudes, zu dem nur Erwachsene Zutritt haben. Welchen Zug würdest du wählen? (Bonusfrage: Welchen Zug würdest du wählen, wenn du beim Zug auf Gleis 2 den Fahrpreis gleich bar beim Einsteigen bezahlen könntest?)
  • Stell dir vor, es gäbe im Internet eine Site namens «Die grössten Schweizer Artikel». Dort erscheinen in einer ständig aktualisierten Rangliste jene journalistischen Texte, für die am häufigsten gevotet werden. Dein Internetbrowser hat neben der Adresszeile einen Vote-Button, mit dem du für die Seite (bzw. den Artikel) voten kannst, auf der du dich gerade befindest. Für jede Stimmabgabe werden deinem Bankkonto 20 Rappen belastet, die dem Autor des Artikels zukommen. Könntest du widerstehen, den Vote-Button zu betätigen, wenn du von einem Artikel begeistert bist?

Fazit: Es gibt keine «Gratiskultur». Es geht nicht um Akzeptanz, Gewohnheit und Erziehung. Es geht um andere Dinge: Um die Hürde für den Bezahlvorgang, um den Mehrwert des Angebots und um die Transparenz des Geldflusses. Punkt.