Handlungsbedarf!

Es besteht Handlungsbedarf! 70 Prozent Ausländeranteil in den Gefängnissen! Ein Ausländeranteil von 62 Prozent bei Vergewaltigungen! Alarm, Alarm! Wir müssen etwas tun!

OK, es werden zwar nur 37 Prozent der Gewaltstraftaten von in der Schweiz wohnhaften Ausländern, hingegen 84 Prozent von Männern verübt. Aber wir können doch nicht Massnahmen gegen Männer ergreifen, das würde ja uns selber betreffen. Männer sind einfach anfälliger, das muss man akzeptieren. Härtere Strafen gegen Männer? Das wäre natürlich unfair. Wir haben doch kein Männerproblem, das wäre ja lächerlich! Wir haben ein Ausländerproblem!

Was macht man, wenn man «etwas tun muss», und ausserdem schon bald die nächsten Wahlen anstehen? Dafür haben wir ein Arschloch im Wandschrank, das wir immer dann hervornehmen können, wenn wir vor Problemen stehen, die wir nicht lösen wollen oder können: Die ausländische Wohnbevölkerung! Diese eignet sich immer, um sich abreagieren zu können. Sie kann sich ja nicht wehren. Deren Rechte kann man Stück für Stück beschneiden.

Und auch wenn die Kriminalität damit nicht sinken wird – Hauptsache, wir zeigen uns kompromisslos und handeln!

*Ironie-Modus off*

Schweizer sind 1124-mal krimineller als Ausländer

Obwohl es gegenüber den 6,9 Milliarden Ausländern nur 6,7 Millionen Schweizer Bürger gibt, sind diese für 52,2 % der Straftaten in der Schweiz verantwortlich. Also sind die Schweizer nach Adam Riese 1124-mal krimineller als Ausländer!

Logisch, oder?

Die SVP macht genau diese Rechnung – nur umgekehrt. Obwohl der Ausländeranteil nur 21,7 % betrage (bei anderer Gelegenheit sinds dann plötzlich 27,2 %), seien die Ausländer für 47,8 % der Straftaten verantwortlich. (Oder um noch mehr Eindruck zu machen: 70 % der Gefängnisinsassen sind Ausländer!) Dabei wird absichtlich unterschlagen, dass viele der Delikte von Ausländern verübt werden, die gar keinen Wohnsitz in der Schweiz haben, also in den 21,7 % nicht enthalten sind. Trotzdem wird diese ausländische Wohnbevölkerung zumindest indirekt für alle Straftaten von Ausländern verantwortlich gemacht und eine Gesetzesverschärfung, die genau diese Gruppe betrifft, mit dieser falschen Rechnung begründet.

Korrekt ist, dass 2009 die 21,7 % der Wohnbevölkerung, die keinen Schweizer Pass haben, für 29 % der Verstösse gegen das Strafgesetzbuch beschuldigt wurden. Die 78,3 % Schweizer wurden dagegen für 52 % der Verstösse gegen das Strafgesetzbuch verantwortlich gemacht. (Quelle)

Natürlich ist dieses Verhältnis noch immer nicht schmeichelhaft für die ausländische Wohnbevölkerung. Aber es ist auch kein Grund für die Verbreitung einer Alarmstimmung, wie das die SVP versucht.

Ausländerhetze – heute: «70 Prozent Ausländer in den Gefängnissen»

Nicht weniger als sieben SVP-Redner (Wobmann, Reimann, Glauser, Rickli, Geissbühler, Heer und Schibli) brachten – unwidersprochen – in der gestrigen Nationalratsdebatte zur Ausschaffungsinitiative das Argument, dass 70 % der Gefängnisinsassen Ausländer seien. Doch der Sprung ist nicht nur auf der Schallplatte, sondern auch das Argument selbst ist unbrauchbar:

7 % der Gefängnisinsassen in der Schweiz sind Ausschaffungs- oder Auslieferungshäftlinge. Ausschaffungshäftlinge kommen ins Gefängnis, ohne je kriminell geworden zu sein. Ihr einziges «Verbrechen» ist, dass sie hier sind. Die Zahl hat nichts mit Kriminalität zu tun. Ausserdem ist es gerade die «Leistung» der SVP, dass es sie überhaupt gibt. Diese dann wieder als Argument für Massnahmen gegen die Ausländerkriminalität zu verwenden, ist absurd.

31 % der Gefängnisinsassen sind Untersuchungshäftlinge. Für sie gilt die Unschuldsvermutung, denn sie sind nicht verurteilt. Da man bei Ausländern die Fluchtgefahr höher einschätzt als bei Schweizern, werden Ausländer bei der gleichen Tat viel häufiger in Untersuchungshaft genommen. (Dies ist auch bei Schweizern im Ausland so, siehe z.B. Kachelmann.) Auch diese Zahl hat also herzlich wenig mit der Kriminalitätsrate zu tun, sondern nur mit der Einschätzung der Fluchtgefahr.

59 % der Gefängnisinsassen in der Schweiz sind tatsächlich verurteilte Straftäter. Doch auch bei diesen kann man das Verhältnis zwischen Ausländern und Schweizern nicht mit der Wohnbevölkerung vergleichen. Es gibt viele Ausländer im Gefängnis, die gar keinen Wohnsitz in der Schweiz haben – sogenannte «Kriminalitätstouristen». Sie haben mit den in der Schweiz wohnhaften Ausländern nichts zu tun und sagen nichts über deren Kriminalitätsrate aus.

Von den 1888 Personen in Untersuchungshaft am 2. September 2009 waren 21% Schweizer, 21% Ausländer mit einer Aufenthaltsbewilligung, 7% Personen aus dem Asylbereich und 51% Ausländer ohne Aufenthaltsbewilligung (Touristen, Grenzgänger, Illegale).
(Quelle)

Natürlich ist sich die SVP dieser Sachlage genau bewusst, was sie aber nicht daran hindert, dieses Argument immer und immer wieder hervorzubringen und der Bevölkerung falsche Tatsachen vorzutäuschen. Fazit: Dieses Argument ist allerbilligste Hetze!

785 Kinder, die öffentliche Empörung verdient hätten

Aus aktuellem Anlass könnte ich nochmals das Gleiche schreiben wie am 9. Februar 2009.

Jedes einzelne dieser 785 Kinder, und auch diejenigen, die den Eisberg darunter bilden, hätten Empörung auf der Frontseite verdient. Aber wenn es keinen Priester und keine ausländische Jugendgang gibt, die sich als Feindbilder eignen – wenn es halt einfach nur der nette Familienvater von nebenan ist, dann bleibt einem nur das Schulternzucken. Und das Abdrucken von einer Agenturmeldung auf Seite 9.

Schwieriges Thema, einfach gelöst

Ist doch toll, jetzt kann man wieder einmal auf alle liebgewonnenen Feindbilder einschiessen: Die katholische Kirche, die 68er, die Reformpädagogik, die linken Schriftsteller: Sie vertuschen, sie wiegeln ab, sie verharmlosen, sie nehmen die Täter in Schutz.

Indem man mit dem Finger auf die anderen und sich selbst «schockiert» zeigt, kann man sich ganz einfach davon ablenken, dass man selber vielleicht auch schon unsicher war im Umgang mit Kindern, dass Übergriffe jedem passieren können und in jeder Organisation vorkommen können, handelt sie noch so konsequent und professionell. Man kann sich ganz einfach als Anwalt der Opfer aufspielen und lückenlose Aufklärung, Verfolgung und harte Strafen fordern.

Betroffene Ernst zu nehmen und zu schützen, hat damit aber nichts zu tun.

Vier Fragen an Roland Näf

Roland Näf habe ich in diesem Artikel schon mal vorgestellt. Nachdem der Nationalrat ganz auf seine Linie aufgesprungen ist und auf Telepolis ein paar Hintergründe bekannt geworden sind, ist es Zeit für ein paar Fragen. Herr Näf hat eine ausgeprägtes Sendungsbewusstsein und beantwortet per Mail gestellte Fragen an einem Sonntagmorgen innert 2 Stunden:

Herr Näf, Sie glauben, dass das Spielen von «Killergames» zu realer Gewalt führt. Wie erklären Sie sich dann, dass es in der Schweiz noch keinen einzigen Amoklauf von einem Jugendlichen gab, obwohl die von Ihnen beanstandeten Games zahlreich im Umlauf sind?
«Amokläufe sind sehr seltene, schreckliche Katastrophen. Allein aufgrund der Grösse der Schweiz ist die Wahrscheinlichkeit geringer als zum Beispiel in Deutschland oder in den USA. Doch befürchte ich, dass wir auch hier in absehbarer Zeit unter einem solchen grauenhaften Ereignis werden leiden müssen. Auch in der Schweiz häufen sich allerdings Gewalttaten mit schlimmen Folgen für die Opfer. Signifikant ist dabei der Grad der Verletzungen, welche die Betroffenen davon tragen. Typisch ist, dass Täter so vorgehen wie in Games, z.B. in GTA4: Auf Gegner wird auch noch eingeschlagen und in den Kopf gekickt, wenn sie längst am Boden liegen.»

Mein Kommentar: Herr Näf stellt Amokläufe als schreckliche Katastrophen dar und verkennt, dass die realen Gefahren für unser Leben ganz andere sind. Im Vergleich zu Unfällen und Suiziden sind Todesfälle durch Tötungsdelikte selten. Wieso soll ein Amoklauf grauenhafter sein als ein alltäglicher Verkehrstod? Herr Näf kann die Verhältnismässigkeit seiner Vorstösse nicht untermauern. Auch bei den Verletzten sieht die Statistik ganz anders aus, als Herr Näf den Eindruck erwecken will. GTA4 ist ein Spiel mit sehr offener Spielanlage. Ein Einschlagen auf bereits am Boden liegende Opfer trägt nicht zum Spielerfolg bei. Der Zusammenhang von GTA4 mit «Einschlagen auf bereits am Boden liegende Opfer» ist an den Haaren herbeigezogen.

Eines der nach wie vor beliebtesten Games von exzessiven Gamern ist Counter-Strike, das vor 10 Jahren veröffentlicht wurde. Denken Sie, dass irgendeine Möglichkeit besteht, die Verbreitung dieses Games einzuschränken? Denken Sie, dass ein Verbot etwas bewirken wird, wenn bereits in Umlauf gebrachte Games weiterhin gespielt werden?
«Entscheidend ist aus der Sicht der Forschung die Zeit und Häufigkeit, mit der Jugendliche Killergames spielen. Durch ein Verbot wird in erster Linie eine erhöhte Sensibilisierung in der Gesellschaft und insbesondere bei den Eltern erreicht. Endlich werden sich Eltern bewusst, dass sie ab und zu ein Blick ins Kinderzimmer werfen sollten, was dort abläuft. Sie können also davon ausgehen, dass zwar Killergames ähnlich wie Kinderpornographie nie ganz verschwinden werden, aber es wird weniger Zeit mit Kopf abschlagen, Erstechen und Erschiessen verbracht. Und das ist entscheidend.»

Mein Kommentar: Die Vorstellung, dass ein Verbot automatisch eine gesellschaftliche Ächtung erwirkt, und die Spiele dann nicht mehr gespielt werden, ist in meinen Augen schlicht naiv. Weil bei «Killergames» die Gefahr eine unbewiesene, sehr hypothetische ist, wird sich die gesellschaftliche Ächtung im Gegensatz zur Ächtung der Kinderpornografie nicht durchsetzen.

Wie stehen Sie zur (ehemaligen) Psychosekte VPM, ihrem (ehemaligen) Sprachrohr Zeit-Fragen, sowie ihren (ehemaligen) Mitgliedern, insbesondere den Gründungsmitgliedern Ihrer «Vereinigung gegen mediale Gewalt» (VGMG), Rudolf Hänsel und Willy H. Wahl? Finden Sie deren Vorgehen und Engagement glaubwürdig? Finden Sie es gut, dass von der VGMG-Website auf Zeit-Fragen und auf seniora.org verlinkt wird?
«Ich habe keinen Kontakt mit einer solchen Sekte, ich kenne auch nicht ihre Ziele. Ich habe allgemein eine sehr kritische Distanz gegenüber «religiösen Organisationen, was wohl mit meiner Grundhaltung als linker Politiker zusammenhängt. Herr Wahl und Herr Hänsel kenne ich von ihren Publikationen zu medialer Gewalt. Ihre entsprechenden Äusserungen entsprechen in vielen Punkten auch meiner Auffassung in Bezug auf die Wirkung medialer Gewalt. Wir verlinken grundsätzlich Texte und Publikationen, welche sich kritisch zu medialer Gewalt äussern.»

Mein Kommentar: Haha. Wers glaubt. Wer im Psychologie-Umfeld studiert hat und die Augen nicht total verschlossen hat (was ich Herrn Näf nicht unterstellen würde), dem ist VPM ein Begriff. Wer dann eng mit deren Exponenten zusammenarbeitet, und auch schon mehrmals auf diese Verbindungen angesprochen wurde, der hat sich bestimmt schon Gedanken dazu gemacht, wie er dazu steht. Dass er sich nicht vom VPM distanziert und sich sich in igendwelche unspezifischen Aussagen zu religiösen Organisationen flüchtet, legt die Vermutung nahe, dass Näf Teil von VPM ist.

Sie bringen mehrere Tötungsdelikte der vergangenen Jahre mit dem Spielen von «Killergames» in Verbindung, z.B. der Mord am Hönggerberg. Wie kommen Sie darauf, dass Rekrut Luis W. durch Computergames derart negativ beeinflusst worden sein soll, dass er einen Mord verübt hat – dass aber die Gefechtsschulung im Militär keine derartige Auswirkungen gehabt haben soll?
«Luis W. verbrachte sehr viel Zeit mit dem virtuellen Töten, Killergames waren sein zentrales Hobby. Daneben bin ich überzeugt, dass auch die militärische Ausbildung zu dieser grausamen Tat beigetragen hat. Insbesondere ist es aus meiner Sicht unverantwortlich, dass weiterhin Waffen aus dem Dienst nach Hause mitgenommen werden. Ich bin ein vehementer Befürworter der Waffenschutzinitiative. Allgemein möchte ich festhalten, dass das Verhalten eines Menschen immer von mehreren Faktoren geprägt ist. Dabei stellt mediale Gewalt einen verstärkenden Faktor dar, welcher sich in der Kombination mit problematischen Persönlichkeitsfaktoren fatal auswirkt. Lesen Sie dazu meine Analyse zum Schulamoklauf von Winnenden: http://www.vgmg.ch/artikel_presse/Winnenden_eine_Analyse.pdf?id=93. Abgesehen von aggressivem Verhalten bin ich überzeugt, dass Killergames bei jedem Menschen, der sie häufig spielt, zu einer Senkung des Mitgefühls führen. Fatal für unsere Gesellschaft!»

Mein Kommentar: Konsequent wäre, wenn Herr Näf  die militärische Ausbildung als Ganzes in Frage stellen würde. Tut er aber nicht. Stattdessen beschwört er die Gefahr der «Killergames», obwohl diese These wissenschaftlichen Überprüfungen nicht standhält.

Herr Näf darf sich gerne in den Kommentaren weiter dazu äussern.

Die parlamentarische Games-Geschmackpolizei

Ja, ich finds verstörend, wenn Kinder Ballergames spielen. Ich finde es mindestens ebenso verstörend, wenn 8-Jährigen der Umgang mit Gewehr beigebracht wird. Auch die Spielzeugpistolen finde ich daneben. Ich würde sie meinen eigenen Kindern (wenn ich denn welche hätte) nicht kaufen. Ich habe grosses Verständnis für jeden, der all dies abstossend findet.

Trotzdem muss man sehen, dass die Menschen die Gene von Kämpfern haben. Die Mehrheit der Spiele sind zivilisierte Varianten von Kriegen – von den Tannzapfenschlacht in der Pfadi über das Alle-gegen-Alle bis zum Schach – im Grunde sind es alles Kriegssimulationen. Die Tötung (oder «Eliminierung») des Gegners ist das einfachste Spielprinzip überhaupt.

Der Nationalrat will «Killergames», «in denen grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen und menschenähnliche Wesen zum Spielerfolg beitragen», komplett verbieten, selbst für Erwachsene (Motion Allemann). Der Ständerat wird kommende Woche wohl nachziehen und den Bundesrat beauftragen, eine Gesetzesvorlage dazu auszuarbeiten.

pro-jugendkultur«Killergames» stehen im Verdacht, bei Jugendlichen die Hemmschwelle für Gewalttaten in der realen Welt herabzusetzen. Jedoch ist die wissenschaftlich nicht erhärtet, auch wenn Politiker und Medien oft ein anderes Bild vermitteln – im Gegenteil: Namhafte Wissenschaftler sehen keinen Zusammenhang zwischen Gamern von solchen Spielen und Gewalttaten. Auch der Bundesrat teilt diese Ansicht weitgehend. Ausserdem weist er darauf hin, dass mit Artikel 135 des Strafgesetzbuches (StGB) bereits ein absolutes Verbot von Gewaltdarstellungen, die grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder Tiere beinhalten und die eine gewisse Eindringlichkeit aufweisen, existiert.

Das hielt den Nationalrat aber nicht davon ab, der Motion Allemann mit 139:39 Stimmen zuzustimmen. (Nur die FDP war mehrheitlich dagegen.) Damit verhindert er keine Gewalttaten, sondern betätigt sich als Geschmackpolizei: Er meint, dass die Tatsache, dass die Darstellungen in seinen Augen geschmacklos sind, rechtfertige ein Verbot – auch von Games, die gemäss Gerichtsurteil keine «gewisse Eindringlichkeit» aufweisen.

Da bin ich ganz anderer Meinung und habe deshalb die Petition des Bündnisses für eine selbstbestimmte Jugendkultur unterzeichnet. Wenn überhaupt braucht es statt einem Totalverbot höchstens ein Verkaufsverbot an Kinder und Jugendliche – jedoch halten sich die Händler schon heute an den brancheninternen Code of Conduct, der Verkäufe nur gemäss der PEGI-Klassifizierung erlaubt.

7 Gründe, wieso die Ausschaffungsinitiative angenommen werden wird

Ich prognostiziere eine Annahme der SVP-Ausschaffungsinitiative (oder eines Gegenvorschlages mit vergleichbaren Folgen). Die Bedingungen könnten kaum «besser» sein:

  • Der Mythos von der importierten Kriminalität: Es ist die Vorstellung verbreitet, die höhere Kriminalitätsrate der Ausländer sei auf eine Kultur der Gewalt in den Herkunftsländern zurückzuführen. Es ist ein Mythos: Laut UN-Studie ist die Kriminalitätsrate auf dem Balkan heute tiefer als in Westeuropa. Die Kriminalität wird nicht importiert, sondern hier gezüchtet.
  • Ausländerfeindliche Berichterstattung: Ein Titel wie «Häftlinge in der Schweiz sind zu 70 Prozent Ausländer» zieht Leser an, aber vermittelt ein völlig falsches Bild. (Natürlich sind die 7 % Ausschaffungshäftlinge Ausländer, aber kriminell sind sie deswegen nicht. Die 31 % Untersuchungshäftlinge sind ebenfalls überwiegend Ausländer, dies aber deswegen, weil man bei Ausländern die Fluchtgefahr höher einschätzt. Bei den 59 % wirklich verurteilten Häftlingen müsste man noch die Quote der Kriminaltouristen abzählen, da diese ja mit der ausländischen Wohnbevölkerung nichts zu tun haben.) Es hat sich auch durchgesetzt, dass Täter in der Presse generell mit Nationalitäten verbunden werden – als ob die Nationalität zur Tat führen würde. Damit wird das Terrain bereitet für eine flächendeckende ausländerfeindliche Stimmung.
  • Verbreitetes konservatives Familienbild: Es gehört zum Selbstverständnis von Konservativen, dass das Familienoberhaupt die Familie vor Gefahren von Aussen beschützen muss. Damit diese Rolle aufrecht erhalten werden kann und der Mann nicht überflüssig wird, werden ständig Feindbilder produziert. «Kriminelle Ausländer» eignet sich hervorragend. Weil die Linken dieses Prinzip noch nicht verstanden haben, können sie die Leute argumentativ nicht abholen.
  • Falsche, verfängliche Fragen: Die Initiative wird unlauter auf Fragen heruntergebrochen, um daraus unzutreffende Vorwürfe abzuleiten. Man fragt: «Bist du für oder gegen Kriminelle?» und wirft den Initiativgegnern vor, Kriminelle in Schutz zu nehmen. Man fragt: «Gibt es Integrationsprobleme?» und wirft den Initiativgegnern vor, die Probleme zu ignorieren und nichts gegen sie zu unternehmen. Es ist eine einfache und wirksame Strategie, die Initiativgegner in die Defensive, in die Täterschützer- und «Gutmenschen»-Rolle zu drängen. Die meisten linken Politiker (z.B. Daniel Vischer) durchschauen dies nicht und tappen immer wieder in die gleiche Argumentationsfalle.
  • Falsche Vorstellung des «missbrauchten Gastrechts»: Ausländerkriminalität wird gerne als Missbrauch des Gastrechtes angesehen. Wenn sich ein Gast nicht an die Regeln des Gastgebers hält, kann man ihn rauswerfen – das klingt einleuchtend. Jedoch sind durch die langen Einbürgerungszeiten viele Auländer hier aufgewachsen oder sogar geboren. Für sie ist die Schweiz Heimat- und nicht Gastland. Es ist nicht statthaft, Leute in ihrem Heimatland wie Gäste zu behandeln.
  • Angst vor der SVP: Die Angst vor der SVP ist bei CVP und FDP stärker als die eigenen Prinzipien und Werte, die darum kurzerhand über Bord geworfen werden. Das führt zu Vorschlägen wie jene der CVP, den Schweizer Pass nur noch auf Probe abzugeben. Das ist, mit Verlaub, nichts anderes als Appeasement-Politik und zeitigt die entsprechenden Folgen. Die SVP wird dadurch in ihrem harten Kurs nur noch bestärkt.
  • Abwesenheit der Intellektuellen: Die linken Intellektuellen sind verstummt. Sie melden sich politisch nicht zu Wort, oder wenn, dann schaffen es auch sie nicht, in den Medien ein anderes Menschenbild zu vermitteln. Diejenigen, die nach der Minarettinitiative aufgewacht sind und wirklich etwas zu sagen haben, kann man an einer Hand an einem Finger abzählen. Die Gründe dafür sind mir schleierhaft. Die Zeiten, als man noch Kinderlieder darüber schrieb, sind auch schon seit Jahrzehnten vorbei.

[audio:http://substanz.skroll.ch/wp-content/uploads/2010/03/radio_letten-2009-02-03-75612.mp3]
(«Ciao ciao Svizzera» by Radio Letten)

Die Liste könnte man noch weiterführen. Meine Hoffnung, dass sich an alldem etwas ändern wird, ist wirklich sehr, sehr klein.

Das Problemjugendproblem – eine Fehlersuche

Für den Fall, dass wir uns dafür entscheiden, nach dem Abstecher in die Symbolpolitik uns wieder mit lösungsortientierter Politik um die wirklichen Probleme zu kümmern, mach ich hier mal einen Anfang – angeregt durch eine tolle Diskussion bei Frau Zappadong.

Eines der vielen Probleme, das in die Minarettinitiative hineingespielt hat, ist die Kriminalität, Gewaltbereitschaft und generelle Unangepasstheit von Jugendlichen. Diese Probleme sind bei gewissen Einwanderungsgruppen höher als bei Schweizern, es ist aber überhaupt nicht so, dass sich die Probleme auf einzelne Gruppen beschränken. Wie könnten vernünftige Lösungsansätze aussehen?

  • Kein vernünftiger Lösungsansatz ist, keine solche Leute mehr in die Schweiz zu lassen. Die Leute kommen, um hier jene Arbeiten zu machen, die die Schweizer nicht machen wollen. Zudem sind viele als Kriegsflüchtlinge in die Schweiz gekommen. Ein Rückgängigmachen ist ethisch auch nicht vertretbar. Die Wirtschaft soll zurückhaltend sein mit der Anstellung von Personen aus dem Ausland, aber wenn sie sich dafür entscheidet, dann mit allen Konsequenzen.
  • Die Fehler sind auch nicht in der Kultur der Herkunftsländer zu finden. Die Kriminalitätsrate auf dem Balkan ist laut UN-Studie heute tiefer als in Westeuropa.

Es liegt auf der Hand, dass das Umfeld der Jugendlichen hier in der Schweiz den grössten Einfluss darauf hat, ob sie auf die gerade oder die krumme Bahn gelangen. Der einzig vernünftige Ansatz ist es, hier bei uns nach Fehlern zu suchen.

  • Indem wir das Jugendkriminalität an der Nationalität oder der Religion aufhängen (z.B. auch, indem in den Zeitungen die Nationalität der Täter publiziert wird), machen wir den ersten grossen Fehler. Wir müssen die Problemjugendlichen als Individuen ernst nehmen. Indem wir das Problem der Nation oder Religion anlasten, geben wir den Jugendlichen gar keine Chance, an sich selber zu arbeiten. An ihrer Nationalität oder Religion können sie ja nichts ändern. Indem wir den Jugendlichen als Individuum mit individuellen Stärken und Schwächen betrachten und ihnen das vermitteln, nehmen wir sie ernst und geben ihnen eine Chance, sich als Individuum zu entwickeln. „Ich mag keine Schubladen und wäre einfach gerne ein Mensch“ (Zitat Zappadong) gilt auch für sie.
  • Den zweiten grossen Fehler machen wir, indem wir wegschauen. Wir zeigen zu wenig Zivilcourage. Manche haben durch die Schauergeschichten Angst bekommen, fremdländisch aussehende Jugendliche nur schon anzuschauen. Viele sind aber einfach zu bequem, mitzuhelfen beim Erziehen. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Statt das Gespräch mit störenden Jugendlichen zu suchen, werden heutzutage einfach eine Skate-, Fahr- oder Was-auch-immer-Verbotstafel und Überwachungskameras aufgestellt. Meint man wirklich, man könne mit Verbotstafeln und Videoüberwachung die schwierige Dorfjugend erziehen?
  • Den Problemjugendlichen mangelt es meistens an starken Bezugspersonen. Sie bräuchten eine Ersatzvaterfigur, weil der eigene Vater mit der Situation überfordert ist. Indem wir Klassenlehrer durch Fachlehrer ersetzen (diese Problem hat auch die politische Linke noch nicht verstanden), im Lehrerberuf die Männer fehlen, und wir es nicht schaffen, die Jugendlichen in verbindliche Freizeitangebote einzubinden, machen wir den dritten grossen Fehler.
  • Es gäbe Modelle, mit aufsuchender Jugendarbeit an die Jugendichen heranzukommen. Es gäbe Schulsozialarbeiter, Vorschulangebote, frühe Einschulung, Krippen und Mittagstische. Leider fehlt in den bürgerlichen Kantonen und Gemeinden meist das Verständnis dafür, wie wichtig solche Angebote sind, und sie fallen der Sparwut zum Opfer. Gerade gestern beispielsweise hat sich die SVP im Gemeinderat von Adliswil durchgesetzt und die Einrichtung der Schulsozialarbeit verhindert. Ein anderes Beispiel für blinde Sparwut ist die Jugendanwaltschaft im Kanton Zürich, die mangels genügender Stellenausstattung jahrelang renitente Jugendliche nicht mehr vorladen konnte, sondern sie einfach nach ein paar Monaten (!) schriftlich verwarnte. Die Lösungen müssen wir nicht erfinden, sie wären schon lange vorhanden. Allein der Wille fehlt. Indem die bürgerlichen Parteien am falschen Ort sparen, machen sie den vierten grossen Fehler.
  • Und der fünfte grosse Fehler ist, dass wir dann genau diese Politiker wählen, die der Lösung der Probleme im Weg stehen.

Ich habe keine Illusionen, dass wir diese fünf Fehler in kurzer Zeit ausmerzen können. Ausserdem wird es dann, wenn es einmal soweit sein wird, noch ein paar weitere Jahre gehen, bis Resultate sichtbar sind. Darum wird die SVP-Ausschaffungsinitiative wohl ebenfalls angenommen werden, obwohl sie keines dieser Probleme angeht, sondern genau den Fehler 1 macht, zu einer weiteren Diskriminierung führt und damit die Probleme noch verschärfen wird.