Kokain: Drama in fünf Akten

1. Akt: Kokain ist eine Trenddroge, auch bei uns. Erfolgreiche Businessleute und Szenis essen Bio und Max Havelaar, um ihr Gewissen ruhigzustellen, und besorgen sich dafür hie und da bedenkenlos ein Briefchen «Schnee».

2. Akt: Unser Staat sieht in den Drogen ein Übel und verbietet sie – ohne jedoch die Kraft aufzubringen, dieses Verbot auch wirksam durchzusetzen und den Markt zu verhindern. Statt den Handel im Inland zu verhindern, verdonnert er die Entwicklungsländer zur Bekämpfung des Coca-Anbaus, obwohl dieser dort schon lange vor der Entdeckung des Kokains betrieben wurde.

3. Akt: Wo es zahlungskräftige Kunden gibt, gibt es Anbieter. Wird ein lukrativer Wirtschaftszweig verboten, entsteht daraus eine organisierte Kriminalität. Der illegale Anbau, die Herstellung und der Handel des Kokains wird in Banden organisiert.

4. Akt: Drogenkrieg. Organisierte Kriminalität muss der Staat erst recht bekämpfen. Es wird auf allen Seiten aufgerüstet. Killer werden auf jeden angesetzt, der das Geschäft bedrohen könnte. Durch den Krieg wird die wirtschaftliche Misere grösser und dadurch auch die Abhängigkeit von Erträgen vom Drogengeschäft. Man hungert, oder man wir Teil der Mafia. In Mexiko forderte der Drogenkrieg dieses Jahr wohl bereits 5000 Todesopfer, in der Stadt Ciudad Juárez 1700.

5. Akt: Muss noch geschrieben werden. Happy End ist nicht in Sicht.

Zitate mit Substanz – heute: Samantha Geimer

Samantha Geimer, als 13-Jährige Vergewaltigungsopfer von Roman Polanski, schrieb 2003:

Um ehrlich zu sein, war die Aufmerksamkeit des Publikums derart traumatisch, dass die eigentliche Tat im Vergleich längst verblasst ist.»

Wir brauchen ein Justizsystem, das dem Opfer (und potenziellen weiteren Opfern) hilft, und keines, das das öffentliche Voyeur- und Rache-Bedürfnis befriedigt. Und ja, natürlich eines, das dann für alle gilt.
(Quelle Tages-Anzeiger)

Der Kinderschänder als Starregisseur

Ganz selten kommt es vor, dass ein Kinderschänder ein Gesicht in der Öffentlichkeit hat. Wenn es passiert, dann ist man plötzlich erstaunt, dass es gar nicht wie ein Monster aussieht, sondern vielleicht zu einem sehr freundlichen Familienvater und erfolgreichen Regisseur gehört, der sich 30 Jahre nichts mehr zu Schulden kommen liess. Und man ist empört, dass die Gesetze, die man doch für Monster gemacht hat, auch für den netten Herrn gelten.

Roman Polanski floh aus den USA, weil ihm dort eine lebenslängliche Gefängnisstrafe drohte. Wann lernen wir, dass solch drastische Strafen niemandem etwas bringen? Kürzere Strafen bringen oft mehr – und in diesem Fall hätten sie auch vollzogen werden können.

Vorbildliche, faire Schlegis

Die Schweizer Eishockeyligen nähern ihre Regeln der NHL an: Künftig schreiten die Schiedrichter bei Schlägereien nicht mehr ein, solange «fair» gekämpft wird, sondern schauen nur, dass sich keine weiteren Spieler einmischen. Die Schläger werden auch nicht mehr unter die Dusche geschickt, sondern können nach einer kurzen Strafe weiterspielen.

Ob Adolf Ogi («Der Sport ist eine wirkungsvolle und kostengünstige Waffe im Kampf um eine bessere Welt. Er ist eine Lebensschule, Brückenbauer und Friedensförderer.») das eine gute Idee findet? Werden die Schulen künftig Eishockey zum Vorbild nehmen und bei Schlägereien auf dem Pausenplatz dafür sorgen, dass die Schlegi «fair» abläuft, statt zu intervenieren?

Ich finde es ein verheerendes Signal: Diese neue Regel sagt aus, dass es schon ok ist, wenn man seine Emotionen nicht im Griff hat und man ein Problem mit den Fäusten löst. Ich finde eine solche Regel viel problematischer als jede Kampfsportart, denn Kampfsportler haben ihre Emotionen im Griff.

Und dann ist man überrascht, wenn eine Studie zu Schluss kommt, dass Jugendliche, die Sportarten wie Eishockey betreiben, auch im Alltag häufiger Gewalt anwenden.

Einer wagt Kritik am Wegschliess-Extremismus

Wir leben in einer Zeit, in der Empörung erntet, wer es wagt, für einen Kriminellen das Wort zu ergreifen. Wie konnte es nur geschehen, dass die Leute in einem so sicheren Land so viel Angst und Wut haben? Dass sie einem Vergewaltiger praktisch jegliches Recht absprechen?

Da die statistische Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verbrechens zu werden, gering ist, kann man problemlos seine Humanität in billigen Artikeln wie diesem spazieren führen.

Einseitig und tendenziell.

Richtig, diese Geschichte ist empörend! Einmal mehr ein Beitrag aus kriminellenfreundlicher Perspektive.

Vergewaltigung in der Ehe war bis vor wenigen Jahren ein Kavaliersdelikt mit sehr seltenen Verurteilungen. Heute sollen die Täter für die gleiche Tat nie mehr Gefängnismauern verlassen dürfen? Es ist gut, wenn sich endlich jemand wagt, diesem inzwischen weit verbreiteten «Wegschliess-Extremismus» entgegen zu treten.

Staatskinder vs. elterliche Verantwortung

Es gibt Probleme in der Kindererziehung – grosse Probleme. In der Schweiz werden Kinder zu Hunderten misshandelt, vernachlässigt, umhergeschoben, entwurzelt. Muss man das einfach so als unabänderliche Tatache akzeptieren? Nein, natürlich nicht. Trotzdem schafft es die Politik bisher nicht, die Situation zu verbessern, denn: Ebenso heilig wie das Wohl der Kinder ist den Schweizern die Eigenverantwortung der Eltern. Dass der Staat sagt, wie die Kinder erzogen werden sollen, kommt für sie (wie auch für mich) nicht in Frage. Abgesehen davon kann auch der Staat das Wohl der Kinder unter seiner Obhut nicht garantieren.

Was also macht die Politik in diesem Zielkonflikt? Der damals zuständige Bundesrat Blocher hat das Thema einfach auf die lange Bank geschoben. Die jetzt zuständige Bundesrätin Widmer-Schlumpf hat sich der Sache angenommen und jetzt eine Verordnung in die Vernehmlassung geschickt, die für ziemlichen Wirbel sorgte. Sie will eine staatliche Ausbildung und Kontrolle aller Betreuungspersonen (auch der ehrenamtlichen), die Kinder mehr als 20 Stunden pro Woche beaufsichtigen – ausser der Eltern, Partner der Eltern und Grosseltern. Im Falle von richtigen Pflegeeltern, die die elterliche Sorge voll übernehmen, ist dies wohl ziemlich unbestritten.

Die staatliche Ausbildung und Kontrolle von Tageseltern ist hingegen der falsche Ansatz. Ein solcher Kontrollstaat kostet viel, setzt die falschen Anreize (Beaufsichtigung wird auf mehr Personen verteilt, um die 20 Stunden nicht zu überschreiten), und kann viele der Probleme nicht oder nur bedingt lösen. Dass Jacqueline Fehr die Ausbildungs- und Kontrollpflicht für Verwandte damit begründet, dass sexuelle Ausbeutung vorwiegend im Verwandtenkreis geschieht, hätte einen Artikel in der Serie «Zitate ohne Substanz» verdient – es ist reiner Populismus. Der Staat wird keinen einzigen sexuellen Missbrauch verhindern können. Ich wüsste nicht, wie das funktioneren sollte. Andere Formen von Misshandlung, die auf Überforderung der Betreuungspersonen zurückzuführen sind, könnte man mit einer Ausbildung hingegen eindämmen. Es leuchtet aber nicht ein, wieso ausgerechnet die Eltern, die häufigste Tätergruppe, davon ausgenommen sein sollte.

Wenn Ausbildung, dann sollte man beim anspruchs- und verantwortungsvollsten Job beginnen: bei den Eltern. Und weil die Eltern nicht akzeptieren werden, dass der Staat ihnen vorschreibt, wie sie ihre Kinder erziehen sollen, sollte man nicht versuchen, diese Elternausbildung von oben herab zu verordnen.

Erfolgsversprechender wäre eine lokal geregelte Elternunterstützung. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man Eltern dazu verpflichtet, sich mit anderen Eltern zu einer kleinen Gruppe zusammenzuschliessen, die sich regelmässig austauscht, gegenseitig unterstützt, berät, auch ein wenig kontrolliert, und bei Schwierigkeiten oder von Zeit zu Zeit einer Fachperson davon berichtet? Solche institutionalisierten Elterngruppen wären auch ein Ort der Integration. Wenn man einen kleinen Teil der riesigen Verantwortung, die auf elterlichen Schultern lastet, auf andere Eltern verteilt, ist die Chance gross, dass einer Misshandlung oder Vernachlässigung von Kindern vorgebeugt werden kann. Ausserdem könnte die Fachperson auf passende Ausbildungsangebote aufmerksam machen.

Kindererziehung ist keine Staatsaufgabe, aber auch keine Privatsache. Jedes Kind hat Anrecht, nicht vom Fernseher erzogen zu werden. Jedes Kind hat Anrecht auf altersgerechte Förderung und soziale Kontakte. Das Problem sollte dringend angegangen werden – aber nicht mit einer staatlichen Kontrollmentalität.

Die Vermonsterisierung von Pädokriminellen

Die Zürcher Beratungsstelle Castagna hat letztes Jahr 1115 (!) Mädchen und Frauen, die sexuell missbraucht worden sind, beraten. Natürlich war diese Nachricht den Zeitungen wieder einmal nur eine Randnotiz wert, wenn überhaupt. Sie zerren lieber einzelne Fälle auf die Frontseite – am liebsten mit ausländischen Jugendbanden als Tätern. So funktioniert der Entrüstungsjournalismus.

Und wenn es dann wieder einmal soweit ist, sind die Politiker nicht weit, die verlautbaren, sexueller Missbrauch sei das Schlimmste, was man einem Kind antun könne. Politiker, die ein Bild von Monstern zeichnen und drakonische Strafen für die Pädokriminellen fordern – am liebsten lebenslängliche Verwahrung ohne Überprüfung. Nur die Todesstrafe wagen sie noch nicht zu fordern. So funktioniert die Entrüstungspolitik.

Und wie sie funktioniert!: Niemand wagt zu widersprechen. Wer will schon Partei für die Monster ergreifen? Alle wollen sich auf die – vermeintliche – Seite der unschuldigen Kinder schlagen. Nur: In der Realität tun sie mit dieser Vermonsterisierung der Täter keinem Kind einen Gefallen.

Sexuelle Ausbeutung geschieht laut Castagna in den allermeisten Fällen im Familien- und engen Bekanntenkreis. Die Täter sind oft geschätzte, ja beliebte Personen. Welche Auswirkungen hat das nun, wenn pädosexuelle Täter als Monster gelten? Als Monster dazustehen, ist nicht nur für den Täter wohl ein traumatisches Erlebnis – sondern auch für seine Umgebung. Die Familie und Bekanntschaft hat das Interesse, nicht als Monsterfamilie dazustehen. Dadurch erhöht sich der psychische und soziale Druck zum Wegschauen enorm. Darum können Missbrauchsfälle jahre- oder jahrzehntelang unter dem Deckel gehalten werden. Eine Mauer des Schweigens umgibt die Kinder. Dabei ist es genau das, das Wegschauen, das bekämpft werden muss.

Eine pädokriminelle Tat weckt Emotionen. Natürlich zurecht. Kinder verdienen den Schutz vor Übergriffen. Täter müssen streng bestraft unnd Rückfälle unterbunden werden. Eine Vermonsterisierung der Täter ist hingegen äusserst kontraproduktiv.

Kriegerlis spielen

Die Utopie von uns Pazifisten ist eine gewaltlose Welt. Jeder Konflikt soll mit Worten gelöst werden. Waffen und aggressive physische Kraft sollen nicht als Stärke angesehen werden.

Diesen Zivilisationsschritt der Menschheit werden wir nicht miterleben. Die Faszination der Gewalt ist allgegenwärtig. Kinder werden schon von klein auf in einer gewaltgeprägten Welt sozialisiert. Überall wird Kriegerlis gespielt – wobei der spielerische Aspekt mal stärker und mal weniger stark zum Tragen kommt. Comics, Filmhelden, Zeitungen, Spiele auf dem Computer wie auf dem Pausenplatz, Schlachten mit Wasserpistolen oder Tannzapfen, Papa beim «Obligatorischen», und nicht zuletzt die realen Auseinandersetzungen zwischen Erwachsenen – dem Kind diese Eindrücke zu ersparen, ist schlicht nicht möglich.

Wenn sich die Politik darum kümmert, dann pflückt sie sich meist einen kleinen Aspekt heraus und geht damit auf Stimmenfang. Mal sind die Ausländer, mal die Sturmgewehre, mal die Computerspiele, mal die Paintballer schuld, wenn eine Tat die Gesellschaft erschüttert. Meist zielen sie auf Personengruppen ohne starke Lobby. Diese Vorschläge werden uns dann als Allerheilmittel verkauft. Sie werden der Thematik aber nie gerecht. Verbote und Repression ändern an der grundsätzlichen Sache nichts.

Das einzige, was uns in dieser Sache weiterbringt, ist ein gesellschaftliches Umdenken. Bei ganz kleinen, unscheinbaren Geschehnissen im Alltag. Was wollen wir unseren Kindern wirklich vermitteln? Was können wir unseren Kindern zumuten? Welche Verhaltensweisen honorieren wir und welche verurteilen wir? Was leben wir Erwachsenen den Kindern vor? Lassen wir die Kinder als Cowboy an die Fasnacht? Welche Computerspiele lassen wir sie wie lange spielen? Welche Bücher schenken wir ihnen? Welche Filme schauen wir und wie sprechen wir anschliessend darüber? Jeder kann mithelfen, an einer friedlicheren Welt zu bauen. Dass man einen solchen gesellschaftlichen Prozess aber mit Verboten in Gang setzen kann, daran glaube ich nicht.

Aber der Staat könnte gewisse Anstösse geben. Doch, was macht der Staat? In der Schweiz subventioniert er per «Jugend + Sport» die Ausbildung von 10-Jährigen am Sturmgewehr.

In den USA trainieren jugendliche Pfadfinder-Spezialeinheiten den Kampf gegen Terror und illegale Immigranten.

Da sind wir eigentlich gar nicht so weit weg von Gaza.

Ebenfalls zum Thema: Beobachter: Zeit zum Abrüsten