Betrachtungen zu Wikileaks und der Rolle der traditionellen Medien

Wikileaks führt die Probleme der traditionellen Medien deutlich vor Augen. Ein Teil ist unverschuldet, bedingt durch die Entwicklung des Internets. Ein Teil ist aber selbstverschuldet – sie haben schlicht versagt. Als Pirat, der sich eines Freitags inmitten eines Hypes wiederfand, möchte ich ein paar Betrachtungen mit euch teilen.

  • Sehr viele Journalisten haben sehr wenig Ahnung von der grundlegenden Funktionsweise des Internets. Sie können die Domain nicht von der Website unterscheiden. Wenn Wikileaks «plötzlich» von wikileaks.ch aus erreichbar ist, meinen sie, die Website sei nun in der Schweiz gehostet. Und schreiben das so in die Zeitung. Die Berichte waren insbesondere zu Beginn schlicht unbrauchbar. Für korrekte aktuelle Information musste man auf deutsche oder gar englischsprachige Fachmedien ausweichen. Ausserdem waren die traditionellen Medien viel zu langsam. Die Domain wikileaks.ch funktionierte an jenem Freitag um 20.30 Uhr wieder, aber bei Newsnetz prangte noch am nächsten Morgen auf der Frontseite «Wikileaks.ch bereits wieder Vergangenheit». (Übrigens ist es eine Unsitte, die Artikel dann plötzlich umzuschreiben, ohne dass man nachvollziehen kann, was geändert wurde. Wie soll man dann drauf verlinken?)
  • Aus diesen Gründen scheitern die Zeitungen auch, wenn es um die Wertung der Geschichte und ihrer einzelnen Aspekte geht. Wikileaks erscheint plötzlich eine Woche lang täglich auf der Print-Frontseite, aber oftmals mit Nebenschauplätzen. Sie stürzen sie auf Klatsch in den Depeschen, Julian Assange und Schweizbezüge (namentlich die Piratenpartei, die eine Gratis-PR-Kampagne daraus zu machen wusste) und verpassen das Wesentliche.
  • Entsprechend gehen auch die Kommentare daneben. Statt die USA für ihre Verantwortungslosigkeit, vertrauliche Informationen 2 Millionen Amerikanern zugänglich zu machen, zu geisseln, schreibt Walter Niederberger: «Wenn die USA derzeit keine gute Handhabe gegen Wikileaks haben, wie es scheint, müssen sie dies rasch klarstellen und präzisere Gesetze ausarbeiten.» Da fordert ein Journalist doch allen Ernstes die Einschränkung der Pressefreiheit! Und (der sonst geschätzte) Philipp Löpfe findet das Thema nebensächlich, schliesslich sei die Waschmaschine eine wichtigere Erfindung gewesen als Wikileaks. Nur schon die Tatsache, dass statt das Thema selbst auf einer Metaebene dessen Relevanz diskutiert wird, stellt kein gutes Zeugnis aus. Dass dann aber noch so hanebüchen argumentiert wird, zeugt von kompletter Orientierungslosigkeit. Da können wir ja nur noch froh sein, rufen Schweizer Journalisten nicht zur Ermordung von Assange auf, so wie das manche in den USA tun.
  • Den einzigen vernünftigen Kommentar (ausser von der Piratenpartei), den ich lesen konnte, schrieb IT-Unternehmer und FDP-Nationalrat Ruedi Noser: «Medienschaffende veröffentlichen nun mal Dokumente, die ihnen zugespielt werden. Es ist auch ihre Aufgabe, dies zu tun.»
  • Dass das, was Wikileaks macht, eigentlich Aufgabe der traditionellen Medien wäre, und wieso Wikileaks ihnen diese Aufgabe wegnehmen konnte, darüber verlieren die Journalisten anscheinend keinen Gedanken. Die Gründe für den Siegeszug von Wikileaks sind:
    • Die Medien überlegen sich viel zu wenig, wie sie das Internet für ihre Zwecke nutzen könnten. Sie kamen schlicht nicht auf die Idee, selbst eine sichere Whistleblower-Plattform einzurichten.
    • Die traditionellen Medien sind an ein Land gebunden und dadurch unter staatlichem Druck. Eine New York Times kann es sich nicht leisten, eine Sperrung ihrer Domain und ihrer Finanzströme zu riskieren. Daher würden die meisten Informationen nicht an die Öffentlichkeit gelangen, wenn ein traditionelles Medium solche Depeschen zugespielt bekommen würden. In der Schweiz kommt dazu noch der unsägliche Artikel 293 des Strafgesetzbuches, der das «zur Öffentlichkeit bringen» von geheimen amtlichen Informationen und «Gehilfenschaft» dazu unter Strafe stellt. Wikileaks hingegen kann nicht daran gehindert werden, die Informationen zu veröffentlichen.
    • Ausserdem gehören die Medien Konzernen, deren Versprechen nach redaktioneller Unabhängigkeit und Quellenschutz die Whistleblower anscheinend weniger vertrauen als einer anonymen Internet-Organisation. Das sollte ihnen zu denken geben.
  • Das Wesentliche, dem in den Berichten der traditionellen Medien zu wenig Bedeutung zugemessen wird, ist:
    • Die USA geht höchst fahrlässig mit vertraulichen Informationen um. Verräter sind die Botschafter, die vertrauliche Gespräche in eine Datenbank mit zwei Millionen Nutzern schrieben, nicht Wikileaks.
    • Dank Wikileaks wird die Presse- bzw. Informationsfreiheit gestärkt, da es staatlich kaum unter Druck gesetzt werden kann. Wenn dies versucht wird, hat das einen Streisand-Effekt zur Folge. In Windeseile verstreuen sich die Kopien über das ganze Netz, und unzählige Domains verweisen darauf.
    • Die Obama-Administration greift die Informationsfreiheit frontal an, in bester chinesischer Manier. Ohne gesetzliche Grundlagen werden Domains gelöscht und Finanzdienstleistungen eingefroren – bis dahin war das für mich undenkbar. Wikileaks ist für die USA anscheinend viel gefährlicher als rassistische Organisationen wie der Ku-Klux-Klan.
    • Von den Depeschen selbst ist erst ein Bruchteil veröffentlicht worden. Wenn die Veröffentlichungen weiter so schleppend vorangehen, wird es bis ins Jahre 2018 dauern, bis alle Depeschen veröffentlicht sind. Es ist also gar nicht möglich, eine Einschätzung der Relevanz der Inhalte der Depeschen vorzunehmen.
    • Wenn es um staatliche Überwachung der Bürger (z.B. Vorratsdatenspeicherung) geht, sagen Politiker oft: «Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.» Mit Wikileaks wird der Spiess nun umgedreht: «Der Staat, der nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.» Die Behörden werden gezwungen, ehrlicher und transparenter zu werden. Sie müssen sich das Vertrauen ihrer Bürger gewinnen. Das geht nicht durch Geheimhaltung.
  • Wenn Informanten Wikileaks den traditionellen Medien gegenüber bevorzugen, wenn unbekannte Blogger in kürzester Zeit ein Millionenpublikum erreichen, wenn die traditionellen Medien bei der Informationswiedergabe, Wertung und Einordnung scheitern – na, wozu sind sie dann noch da, die Medienhäuser? Das wertvollste, dass sie noch haben, scheint mir ihre etablierte Marke zu sein. Diese sorgt für Reichweite. Doch auch mit ihren Marken gehen sie fahrlässig um. Wer ist glaubwürdiger, der Tages-Anzeiger oder Wikileaks? Ich denke, Wikileaks hat den Tages-Anzeiger in dieser Hinsicht bereits überholt.
  • Weiterhin wird es Medienschaffende brauchen: Experten, Reporter, Rechercheure, Texter, Interviewer, Filmer, Fotografen. Aber werden diese weiterhin auf ein Medienhaus angewiesen sein? Glaubwürdigkeit, Reichweite und Quellenschutz können auch ohne Medienhäuser realisiert werden. Welche Aufgaben bleiben übrig? Rechtsbeistand für die Journalisten? Zielgruppengerechte Aufbereitung der Informationen? Werbeflächenvermarktung? Da müssen sie sich jedenfalls etwas einfallen lassen. Und ihrer Marke mehr Sorge tragen.

«Für Knechtdienste findet die billige Arbeitskraft des Negers Verwendung.»

Schweizer Radio DRS anno 1951:

Für Knechtdienste findet die billige Arbeitskraft des Negers Verwendung

Über welche heutigen Formulierungen werden wir in 60 Jahren den Kopf schütteln? Hoffen wir: «Unterwanderung der christlich-abendländischen Kultur» und «Balkanisierung der Sozialwerke».

(via)

785 Kinder, die öffentliche Empörung verdient hätten

Aus aktuellem Anlass könnte ich nochmals das Gleiche schreiben wie am 9. Februar 2009.

Jedes einzelne dieser 785 Kinder, und auch diejenigen, die den Eisberg darunter bilden, hätten Empörung auf der Frontseite verdient. Aber wenn es keinen Priester und keine ausländische Jugendgang gibt, die sich als Feindbilder eignen – wenn es halt einfach nur der nette Familienvater von nebenan ist, dann bleibt einem nur das Schulternzucken. Und das Abdrucken von einer Agenturmeldung auf Seite 9.

Idée suisse radikal neu denken: fünf Ansätze

Internet und Digitalfernsehen befreien die herkömmlichen Medien von ihren Fesseln: Keine Beschränkung der Anzahl Kanäle, keine Platzknappheit, keinen Zwang zu Linearität und Gleichzeitigkeit, keine Limitierung der Rückkanäle, keinen Zwang zu einem uniformen Massenprodukt, keine geografische Grenzen, keine so starke Trennung von Text, Ton und Bewegtbild mehr. Nur die alten Strukturen und Prozesse hindern die Medienunternehmen, diese bisher undenkbare neue Freiheit zu nutzen. Zwar machen alle irgendwas mit dem Internet. Aber glücklich mit dem Journalismus im Internet ist noch kaum jemand geworden. Nutzer werden zu Klickvieh degradiert, Journalismus wird boulevardisiert und googleoptimiert, die Öffentlichrechtlichen werden limitiert, Einnahmen werden trotzdem kaum generiert. Die Anzeigen finden eigene Kanäle, und die Gebühreneintreibung verliert durch das Internet und die Medienkonvergenz ihre Berechtigung noch vollends. Redaktionen werden zusammengeschlossen, Stellen und Qualität abgebaut, Nachrichtenagenturen sind ebenfalls vom Aussterben bedroht. Die Zukunft des Qualitätsjournalismus sieht wahrlich nicht rosig aus. Rettungsversuche mit Bezahlschranken auf Websites wie jene von Springer sind jämmerlich. Das iPad wird nicht der Heilsbringer für den Journalismus werden, den sich manche erhoffen.

Wie soll das nur weitergehen? Es ist Zeit für einen ziemlich radikalen Neuanfang. Fünf Ansätze für eine Neuordnung:

  • Distribution privatisieren und deregulieren. Mit dem Internet ist die Distribution sehr einfach und günstig und die Begrenzung der Kanäle aufgehoben worden. Produktion und Distribution sind voneinander unabhängig geworden. Die Distribution funktioniert auch ohne Subventionen und ohne gebührenfinanzierte Monopolsender. Die SRG sollte alle ihre Sender schliessen und die Distribution dem Internet und dem freien Markt überlassen.
  • Konvergieren, aber richtig! Eine heutige «Zeitungswebsite» oder «Fernseh-Website» ist wie ein frühes Automobil, das eine motorisierte Kutsche war. Im Internet braucht man weder eine Zeitung noch einen TV-Sender zu imitieren. Wenn man alle bisherigen Möglichkeiten mit den interaktiven und individualisierenden Möglichkeiten des Internets kombiniert, entsteht etwas ganz Eigenes, das auch eine eigene Marke braucht und kein Online-Ableger eines traditionellen Mediums sein kann. Text, Bild, Ton, Film und interaktive Visualisierung sind gleichwertige Basismedien mit je eigenem Einsatzbereich.
  • Gebührenmodell durch Steuermodell ersetzen. Der Staat sollte die Finanzierung von qualitativ hochstehendem Journalismus sicherstellen. Die Empfangsgebühren machten Sinn, als es nur SRG-Sender und nur ein Gerät pro Haushalt gab. Heute sind sie ein Anachronismus, denn ein empfangsfähiges Gerät hat mit tatsächlichem Empfang nichts zu tun. Die Einheitsgebühren pro Haushalt sollten aus Fairnessgründen durch geräteunabhängige, einkommensabhängige Steuern pro Kopf ersetzt werden.
  • Vierte Macht installieren und fokussieren. Journalismus hat eine ungeheuer wichtige Aufgabe im demokratischen Staat. Die Erfüllung dieser Aufgabe sollte nicht dem Zufall (dem Anzeigenmarkt) überlassen werden, sondern institutionell gestärkt werden. Die senderlose SRG könnte man in Redaktionen nach dem Vorbild von Pulitzerpreis-Gewinner ProPublica (jedoch steuerfinanziert) aufsplitten. Diese würden ihre journalistischen Erzeugnisse unter den privatisierten Sendern und Medienhäusern versteigern oder sie ihnen gratis anbieten. Auch die Nachrichtenagentur könnte mit Steuergeldern finanziert werden. Sportübertragungen und Unterhaltungssendungen braucht es aus politischer Sicht hingegen nicht. Diese können vollständig privat finanziert und produziert werden.
  • Mit freien Lizenzen veröffentlichen. Was durch Steuerzahler finanziert wird, sollte der Öffentlichkeit spätestens nach wenigen Tagen zur freien Verwendung überlassen werden, inklusive Rohmaterialien.

Aktuelle Artikel zum gleichen Thema:

7 Gründe, wieso die Ausschaffungsinitiative angenommen werden wird

Ich prognostiziere eine Annahme der SVP-Ausschaffungsinitiative (oder eines Gegenvorschlages mit vergleichbaren Folgen). Die Bedingungen könnten kaum «besser» sein:

  • Der Mythos von der importierten Kriminalität: Es ist die Vorstellung verbreitet, die höhere Kriminalitätsrate der Ausländer sei auf eine Kultur der Gewalt in den Herkunftsländern zurückzuführen. Es ist ein Mythos: Laut UN-Studie ist die Kriminalitätsrate auf dem Balkan heute tiefer als in Westeuropa. Die Kriminalität wird nicht importiert, sondern hier gezüchtet.
  • Ausländerfeindliche Berichterstattung: Ein Titel wie «Häftlinge in der Schweiz sind zu 70 Prozent Ausländer» zieht Leser an, aber vermittelt ein völlig falsches Bild. (Natürlich sind die 7 % Ausschaffungshäftlinge Ausländer, aber kriminell sind sie deswegen nicht. Die 31 % Untersuchungshäftlinge sind ebenfalls überwiegend Ausländer, dies aber deswegen, weil man bei Ausländern die Fluchtgefahr höher einschätzt. Bei den 59 % wirklich verurteilten Häftlingen müsste man noch die Quote der Kriminaltouristen abzählen, da diese ja mit der ausländischen Wohnbevölkerung nichts zu tun haben.) Es hat sich auch durchgesetzt, dass Täter in der Presse generell mit Nationalitäten verbunden werden – als ob die Nationalität zur Tat führen würde. Damit wird das Terrain bereitet für eine flächendeckende ausländerfeindliche Stimmung.
  • Verbreitetes konservatives Familienbild: Es gehört zum Selbstverständnis von Konservativen, dass das Familienoberhaupt die Familie vor Gefahren von Aussen beschützen muss. Damit diese Rolle aufrecht erhalten werden kann und der Mann nicht überflüssig wird, werden ständig Feindbilder produziert. «Kriminelle Ausländer» eignet sich hervorragend. Weil die Linken dieses Prinzip noch nicht verstanden haben, können sie die Leute argumentativ nicht abholen.
  • Falsche, verfängliche Fragen: Die Initiative wird unlauter auf Fragen heruntergebrochen, um daraus unzutreffende Vorwürfe abzuleiten. Man fragt: «Bist du für oder gegen Kriminelle?» und wirft den Initiativgegnern vor, Kriminelle in Schutz zu nehmen. Man fragt: «Gibt es Integrationsprobleme?» und wirft den Initiativgegnern vor, die Probleme zu ignorieren und nichts gegen sie zu unternehmen. Es ist eine einfache und wirksame Strategie, die Initiativgegner in die Defensive, in die Täterschützer- und «Gutmenschen»-Rolle zu drängen. Die meisten linken Politiker (z.B. Daniel Vischer) durchschauen dies nicht und tappen immer wieder in die gleiche Argumentationsfalle.
  • Falsche Vorstellung des «missbrauchten Gastrechts»: Ausländerkriminalität wird gerne als Missbrauch des Gastrechtes angesehen. Wenn sich ein Gast nicht an die Regeln des Gastgebers hält, kann man ihn rauswerfen – das klingt einleuchtend. Jedoch sind durch die langen Einbürgerungszeiten viele Auländer hier aufgewachsen oder sogar geboren. Für sie ist die Schweiz Heimat- und nicht Gastland. Es ist nicht statthaft, Leute in ihrem Heimatland wie Gäste zu behandeln.
  • Angst vor der SVP: Die Angst vor der SVP ist bei CVP und FDP stärker als die eigenen Prinzipien und Werte, die darum kurzerhand über Bord geworfen werden. Das führt zu Vorschlägen wie jene der CVP, den Schweizer Pass nur noch auf Probe abzugeben. Das ist, mit Verlaub, nichts anderes als Appeasement-Politik und zeitigt die entsprechenden Folgen. Die SVP wird dadurch in ihrem harten Kurs nur noch bestärkt.
  • Abwesenheit der Intellektuellen: Die linken Intellektuellen sind verstummt. Sie melden sich politisch nicht zu Wort, oder wenn, dann schaffen es auch sie nicht, in den Medien ein anderes Menschenbild zu vermitteln. Diejenigen, die nach der Minarettinitiative aufgewacht sind und wirklich etwas zu sagen haben, kann man an einer Hand an einem Finger abzählen. Die Gründe dafür sind mir schleierhaft. Die Zeiten, als man noch Kinderlieder darüber schrieb, sind auch schon seit Jahrzehnten vorbei.

[audio:http://substanz.skroll.ch/wp-content/uploads/2010/03/radio_letten-2009-02-03-75612.mp3]
(«Ciao ciao Svizzera» by Radio Letten)

Die Liste könnte man noch weiterführen. Meine Hoffnung, dass sich an alldem etwas ändern wird, ist wirklich sehr, sehr klein.

Repräsentativ? Nicht-repräsentativ? – Spekulativ!

Wir leben in der Ära der nicht- und mässig repräsentativen Umfragen. Umfragen scheinen immer recht zu haben – vor allem die nicht-repräsentativen. Fast im Minutentakt wird auf irgendwelche Umfragen bezug genommen. Oft wird schon gar nicht mehr erwähnt, ob die Umfrage in einem repräsentativen Verfahren zu Stande kam und wie hoch die Abweichung ist. Sätze wie diese sind Standard geworden:

Das jurassische Kantonsparlament sprach sich denn auch mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit für die Aufnahme der Uiguren aus. Dagegen scheint das die jurassische Bevölkerung anders zu sehen: In einer Online-Umfrage des «Quotidien jurassien» waren zwei Drittel der Abstimmenden gegen die Aufnahme der Häftlinge.

Als ob ein Poll auf einer Zeitungswebsite ein repräsentativeres Ergebnis erzielen könnte als die Volksrepräsentanten im Parlament. Ein Poll auf einer Website hat erstens immer ein einseitiges Teilnehmerfeld, und zweitens sind dabei Mobilisierungen von Befürwortern oder Gegnern nie auszuschliessen, was die Umfrage komplett wertlos macht.

Auch sitzen die Medien laufend tendenziös gestalteten Umfragen von PR-Agenturen auf, die schon vor der Umfrage wissen, was für ein Resultat sie gerne hätten. Durch eine tendenziöse Art der Fragestellung kann man Umfragenresultate sehr einfach beeinflussen.

Ausserdem werden in eigentlich repräsentative Umfragen unhaltbare Dinge hineininterpretiert. Wenn dies dann offensichtlich wird, reicht man den Schwarzen Peter schnell weiter.

Liebe Redaktionen: Hört auf mit dem täglichen desinformativen Umfragewahn!

Grösste Schweizerin

Was ist eigentlich peinlicher: Dass unter den wichtigen Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte keine Frauen zu finden sind, oder dass der Tagi dieses Manko mit zwei Quotenfrauenattrapen versucht zu kaschieren und eine davon sogar auf die Frontseite setzt? Bei der Wahl des grössten Intellektuellen gab es immerhin noch zwei richtige Frauen zur Auswahl.
Wie auch immer, immerhin zur Schweizerin des Jahres schafft es manchmal eine Frau.

Vier Tipps für Paid Content

Dank Murdoch und Springer ist Paid Content, die Bereitstellung von journalistischem Inhalt gegen Bezahlung im Internet, wieder in aller Munde. Kann Paid Content den Journalismus retten? Ich finde, ein Versuch ist es Wert. Jedoch wird es nicht funktionieren, für das bisherige Angebot plötzlich Geld zu verlangen. Werden (abgesehen von inhaltlicher Qualität und Quantität) folgende Vorbedingungen erfüllt, könnte es klappen mit Bezahlinhalten:

  • Filter: Je mehr Information vorhanden ist, desto wichtiger ist, dass man leicht eine Auswahl treffen kann. Wir haben unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Geschmäcker, unterschiedliches Grundwissen, unterschiedliche Stimmungen und unterschiedlich viel Zeit und wollen deshalb ganz unterschiedliche Informationen erhalten. Was für den einen hochinteressant ist, ist für den anderen eine Störung. Die Online-Medienportale meinen aber immer noch, sie könnten einer riesigen Zielgruppe den gleichen Einheitsbrei verfuttern. Google News und Google Alert erlauben Individualisierung. Jedoch kann Google zur Individualisierung nur auf eine automatische Textanalyse und das Publikationsdatum zurückgreifen. Online-Medienportale hätten den Vorteil, dass sie weitere Filtermöglichkeiten wie Autorenschaft, Schwierigkeit, genaue thematische, zeitliche und örtliche Einordung, Text-/Videolänge und andere mehr zur Verfügung stellen könnten. Um für ihren Inhalt Geld zu verlangen, müssten sie diesen Konkurrenzvorteil ausnutzen.
  • Verlinkung: Durch Vernetzung entsteht Mehrwert. Wer nicht verlinkt und ergoogelt werden kann, schliesst einen grossen Teil der potenziellen Kundschaft aus. Wer komplett hinter einer Pay-Wall verschwindet, macht sich wohl selbst irrelevant. Google aussperren wird nicht den gewünschten Effekt bringen. Ein verlinkbarer, aussagekräftiger Abstract ist das Mindeste, das man bieten muss, wenn man aufgefunden werden will. Und umgekehrt ist es ein Dienst an der Kundschaft, wenn man externe Inhalte verlinkt. Die Kundschaft kehrt dorthin zurück, wo sie den interessanten Link gefunden hat.
  • Niederschwelligkeit: Mit einer hohen Abogebühr schreckt man die Kundschaft ab. Niederschwelliger wäre Micropayment für einzelne Artikel oder Tage. Der Bezahlprozess muss dabei aber fast unmerklich vonstatten gehen. Nach einem einmaligen Anmeldeprozess sollte ein einziger Klick in der Regel genügen für einen einzelnen Bezahlvorgang.
  • Allgegenwärtigkeit: Das Angebot muss genau dann und dort zugreifbar sein, wenn und wo man ungenutzte Zeit überbrücken muss: Im Zug, in einer Warteschlage, usw. Es sollte also auch für Mobilgeräte optimiert sein. Hier wurden in letzter Zeit Fortschritte gemacht. Wären die Texte auch als gesprochene Audiofiles abrufbar, würde das einen noch unverselleren Einsatz möglich machen.

Die Vermonsterisierung von Pädokriminellen

Die Zürcher Beratungsstelle Castagna hat letztes Jahr 1115 (!) Mädchen und Frauen, die sexuell missbraucht worden sind, beraten. Natürlich war diese Nachricht den Zeitungen wieder einmal nur eine Randnotiz wert, wenn überhaupt. Sie zerren lieber einzelne Fälle auf die Frontseite – am liebsten mit ausländischen Jugendbanden als Tätern. So funktioniert der Entrüstungsjournalismus.

Und wenn es dann wieder einmal soweit ist, sind die Politiker nicht weit, die verlautbaren, sexueller Missbrauch sei das Schlimmste, was man einem Kind antun könne. Politiker, die ein Bild von Monstern zeichnen und drakonische Strafen für die Pädokriminellen fordern – am liebsten lebenslängliche Verwahrung ohne Überprüfung. Nur die Todesstrafe wagen sie noch nicht zu fordern. So funktioniert die Entrüstungspolitik.

Und wie sie funktioniert!: Niemand wagt zu widersprechen. Wer will schon Partei für die Monster ergreifen? Alle wollen sich auf die – vermeintliche – Seite der unschuldigen Kinder schlagen. Nur: In der Realität tun sie mit dieser Vermonsterisierung der Täter keinem Kind einen Gefallen.

Sexuelle Ausbeutung geschieht laut Castagna in den allermeisten Fällen im Familien- und engen Bekanntenkreis. Die Täter sind oft geschätzte, ja beliebte Personen. Welche Auswirkungen hat das nun, wenn pädosexuelle Täter als Monster gelten? Als Monster dazustehen, ist nicht nur für den Täter wohl ein traumatisches Erlebnis – sondern auch für seine Umgebung. Die Familie und Bekanntschaft hat das Interesse, nicht als Monsterfamilie dazustehen. Dadurch erhöht sich der psychische und soziale Druck zum Wegschauen enorm. Darum können Missbrauchsfälle jahre- oder jahrzehntelang unter dem Deckel gehalten werden. Eine Mauer des Schweigens umgibt die Kinder. Dabei ist es genau das, das Wegschauen, das bekämpft werden muss.

Eine pädokriminelle Tat weckt Emotionen. Natürlich zurecht. Kinder verdienen den Schutz vor Übergriffen. Täter müssen streng bestraft unnd Rückfälle unterbunden werden. Eine Vermonsterisierung der Täter ist hingegen äusserst kontraproduktiv.

Albanien – ein Nicht-Thema

In knapp drei Tagen haben genau drei Besucher meinen letzten Artikel zu Albanien angeklickt. Man kann den Artikel zwar auch auf der Startseite oder im Feedreader direkt lesen – trotzdem zeigt es, dass das Interesse am Thema sehr bescheiden ist, denn so wenig wurde schon lange kein Artikel mehr angeklickt. Albanien ist ein Nicht-Thema – es gibt niemanden, der sich dafür interessiert. Schade. Wer kann es den Medien verübeln, dass sie sich der Leserschaft anpassen und das letzte Entwicklungsland Europas ebenfalls ignorieren?