Kein Internet unter 9 Jahren?

Ich bin ohne TV zu Hause (und bis 14 ohne Computer) aufgewachsen. Ich betrachte das als keine gute Erfahrung. Der TV bot meinen Klassenkameraden reichlich Diskussionsstoff in den Pausen, aber nicht nur: Der TV war Teil ihrer Alltagskultur, und ich war von dieser ausgeschlossen. Heutige 2.-Klässler tanzen Gangnam Style – die Netzkultur hat längst die Primarschule erobert. Wer seinem 8-jährigen Kind das Internet verwehrt, schliesst es aus von der Kultur seiner Kameraden. Genau das aber empfiehlt «Jugend und Medien», das nationale Programm zur Förderung von Medienkompetenzen. Eine ihrer 10 «goldenen Regeln» lautet:

3-6-9-12-Faustregel: Kein Bildschirm unter 3 Jahren, keine eigene Spielkonsole vor 6, kein Internet vor 9 und kein unbeaufsichtigtes Internet vor 12.

Das alles ist spätestens mit den Smartphones und Tablets unrealistisch geworden. Wer als Eltern eine solche Regel durchsetzen will, braucht sich nicht zu wundern, wenn das Kind dann bei Freunden ins Internet geht – ohne die Begleitung seiner Eltern. Und auch nicht, wenn das Kind dann zu Hause nichts davon erzählt und sich daran gewöhnt, in Sachen Medienkonsum ein Geheimnis zu machen. So bleiben die offenen Gespräche aus, und das Kind kann dann nicht einmal von den Erfahrungen der Eltern profitieren. Daher halte ich die Faustregel und jegliche Altersbegrenzungen kontraproduktiv. Sie steht im Widerspruch zu den anderen «goldenen Regeln» wie zum Beispiel «Begleitung ist besser als Verbote», «Kinder brauchen medienkompetente Vorbilder» und «Offene Gespräche sind besser als Filtersoftware».

Mein Vorschlag für eine goldene Regel als Ersatz der 3-6-9-12-Faustregel:

Nutzen Sie die Neugier Ihres Kindes! Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, das zu entdecken, wofür es sich interessiert, und helfen Sie ihm, jene Dinge zu umschiffen, für die es sich (noch) nicht interessiert.

Dass ich mit meiner Einschätzung nicht alleine bin, zeigt meine Umfrage auf Twitter:

Liebe Frau Keller-Messahli

Ich bewundere Ihre Bereitschaft, sich zu exponieren. Das Land braucht Leute, die in der Öffentlichkeit zu schwierigen Themen intelligent und verständlich Stellung beziehen und nicht einfach im Mainstream schwimmen. Dafür gebührt Ihnen Dank.

Jedoch scheint mir, dass Sie sich in der «Burka-» und Kopftuchdebatte etwas in die Nesseln gesetzt haben. Grundsätzlich verstehe ich die Argumentation für ein Kopftuchverbot an Schulen aus einem laizistischen Standpunkt heraus. Ich teile Ihr Anliegen, dass Kinder nicht in religiöse, sexuelle oder andere Schemen gepresst werden sollen. Sie sagen: «Kinder sollen möglichst frei sein von religiöser Programmierung.» Damit bin ich absolut einverstanden. Jedoch liegen Sie meines Erachtens in vier Punkten daneben:

  1. Sie definieren Kinder als Unter-18-Jährige und sprechen ihnen praktisch jegliche Mündigkeit ab. Sie übersehen, dass Jugendliche in vielen Bereichen schon früh viel Verantwortung für sich und andere übernehmen. Ab 10 sind sie strafmündig, können also von Richtern für ihre Handlungen verantwortlich gemacht werden. Mit 14 lässt man sie mit einem Traktor auf die Strasse. Mit 16 können sie Sex haben mit wem sie wollen, sogar gegen Geld. Einige werden Gruppenleiter im Jugendverband, babysitten oder übernehmen anderswo Verantwortung für Jüngere. Und Sie behaupten: «Kein Kind trägt die Kopfbedeckung freiwillig», und beziehen das auf Unter-18-Jährige. Und weiter: «Sie möchten Teil einer Gemeinschaft von Gleichen sein.» Sie irren. Jugendliche in der Pubertät wollen zwar nicht ausgegrenzt werden, aber sich abgrenzen und zu einer eigenen Identität finden wollen sie sehr wohl. Manche finden Identität in der Hip-Hop-Kultur und kleiden sich entsprechend. Andere finden Identität in einer Religion und kleiden sich entsprechend. Beides ist ihr gutes Recht und findet sicher nicht nur unter Zwang statt. Klar, man kann sich auf den laizistischen Standpunkt stellen, dass Hiphopper wie Religiöse ihre Insignien nicht in die Schule mitnehmen sollen. Aber: Ihre Begründung ist falsch.
  2. Sie sagen: «Kinder möchten so wie die andern Kinder sein» und verweisen auf den gruppendynamischen Druck auf Anpassung. Damit akzeptieren und legitimisieren Sie diesen Gruppendruck. Müssten wir die Kinder nicht vielmehr zu Toleranz erziehen und ihnen beibringen, dass man Andersartige nicht ausschliesst? Dunkelhäutige, übergewichtige, behinderte oder anders von der «Norm» abweichende Kinder können sich auch nicht einfach anpassen. Es ist nicht ok, wenn Kinder wegen ihrer Andersartigkeit ausgegrenzt werden. Und es ist noch weniger ok, wenn Erwachsene diesen Anpassungsdruck noch verstärken, so wie Sie das tun.
  3. Sie stärken Stefan Kölliker und anderen konservativen (bis fundamentalistischen) Politikern den Rücken. Diese argumentieren aber nicht laizistisch wie Sie, sondern sind getrieben von der Angst vor der Islamisierung. Ihr Ziel ist nicht ein laizistischer Staat, sondern ein christlicher Staat. Sie wollen die Tradition bewahren und nicht die Kinder entscheiden lassen. Wenn sie von Integration reden, meinen sie komplette Assimilation. Klar, man könnte argumentieren, Sie könnten nichts dafür, wenn andere aus anderer Motivation die gleiche Forderung stellen. Aber: Sie setzen sich absichtlich mit solchen Leuten ins Boot. Sie grenzen sich nicht von Ihnen ab.
  4. Wäre es Ihnen ernst mit dem laizistischen Standpunkt, müssten Sie sich gleichermassen auch gegen die Einflussnahme von anderen Religionen und Traditionen wehren. Unsere Gesellschaft, und auch die Schule, ist weit davon entfernt, die Kinder nicht religiös zu beeinflussen. Sie befürworten «eine Massnahme gegen den immer sichtbarer werdenden Islam in der Schweiz», aber das omnipräsente Christentum scheint Sie anscheinend nicht zu stören. Auch nicht, dass mit dieser Argumentation auch das Minarettverbot gerechtfertigt werden kann, das Sie doch so engagiert bekämpften. Die Glaubwürdigkeit Ihres Anliegens leidet darunter, dass Sie die Forderungen einseitig gegen muslimische Konservative richten und die christlichen Konservativen, die jüdischen Konservativen, die tamilischen Konservativen und alle anderen Konservativen unerwähnt lassen.

So bleibe ich leider mit dem Eindruck zurück, dass es Ihnen nicht wirklich um Laizismus und um die Rechte von Kindern und Jugendlichen geht, sondern einzig um die Bekämpfung von konservativen islamischen Vorstellungen. Schade.

Subventionitis infantilis (Wie soll ich abstimmen?)

Ja, ich finde Krippen (neudeutsch Kitas) ein gute Sache. Die Eltern gewinnen Freiheiten, und die Kinder können gut gefördert und integriert werden. Und der SP-Werbespot zur bevorstehenden kantonalzürcherischen Abstimmung ist ja hübsch und einleuchtend:

Aber: Sind einkommensabhängige Subventionen das richtige Mittel? Damit gehen jene Eltern leer aus, die selber zu den Kindern schauen oder Grosseltern oder Tagesmütter engagieren. Und sie schmälern den Anreiz zu einem höheren Einkommen – im Extremfall wird es sich für Eltern nicht lohnen, mehr zu arbeiten, weil der zusätzliche Lohn durch höhere Krippenbeiträge (sowie dem Entfallen weiterer Subventionen wie z.B. Prämienverbilligung oder Alimentenbevorschussung) direkt wieder abgezogen wird.

Eine parlamentarische Initiative der EVP wollte die Vielzahl von Vergünstigungen und Leistungen von Arbeitgebern, Bund, Kantonen und Gemeinden (Kinderzulagen, Verbilligung der Krankenkassenprämien, Zusatz- und Ergänzungsleistungen zur AHV/IV, Alimentenbevorschussung, Kleinkinder-Betreuungsbeiträge, Subventionen für familienergänzende Angebote, Kinderabzüge und Abzug der Fremdbetreuungskosten bei den Einkommens- und Vermögenssteuern) abschaffen und durch ein Kindergeld ersetzen, das für alle Eltern gleich hoch ist. Das ist in meinen Augen der richtige Weg, da jedes Kind dem Staat gleich viel Wert sein soll, und weil dies falsche Anreize für die Eltern verhindert und die Bürokratie stark verkleinert. Leider hat die bürgerliche Mehrheit des Nationalrates die Vorlage heute gebodigt.

Jetzt bin ich im Dilemma: Soll ich die Initiative «Kinderbetreuung Ja» nun ablehnen oder ihr zustimmen, wenn ich eigentlich ein Kindergeld statt der grassierenden Subventionitis möchte? Vielleicht hat mir jemand einen Ratschlag?

Näf/VPM-Nachbereitung

leserbrief_naef

Herr Näf, Sie brauchen den VPM nicht in die rechtsextreme Ecke zu stellen. Das macht Ihre Distanzierung nicht glaubwürdiger. Dafür warte ich noch auf eine Erklärung, wieso denn die Links zu Seiten von VPM-Exponenten auf Ihrer Website als «bewährte Links» aufgeführt waren, und wieso sie sich doch nicht bewährt haben. Und wenn sie einfach aus Leichtgläubigkeit da landeten, könnte es dann auch sein, dass die Studien, auf die Sie sich beziehen, einer genaueren Überprüfung unterzogen werden müssten?

Schwieriges Thema, einfach gelöst

Ist doch toll, jetzt kann man wieder einmal auf alle liebgewonnenen Feindbilder einschiessen: Die katholische Kirche, die 68er, die Reformpädagogik, die linken Schriftsteller: Sie vertuschen, sie wiegeln ab, sie verharmlosen, sie nehmen die Täter in Schutz.

Indem man mit dem Finger auf die anderen und sich selbst «schockiert» zeigt, kann man sich ganz einfach davon ablenken, dass man selber vielleicht auch schon unsicher war im Umgang mit Kindern, dass Übergriffe jedem passieren können und in jeder Organisation vorkommen können, handelt sie noch so konsequent und professionell. Man kann sich ganz einfach als Anwalt der Opfer aufspielen und lückenlose Aufklärung, Verfolgung und harte Strafen fordern.

Betroffene Ernst zu nehmen und zu schützen, hat damit aber nichts zu tun.

Vier Fragen an Roland Näf

Roland Näf habe ich in diesem Artikel schon mal vorgestellt. Nachdem der Nationalrat ganz auf seine Linie aufgesprungen ist und auf Telepolis ein paar Hintergründe bekannt geworden sind, ist es Zeit für ein paar Fragen. Herr Näf hat eine ausgeprägtes Sendungsbewusstsein und beantwortet per Mail gestellte Fragen an einem Sonntagmorgen innert 2 Stunden:

Herr Näf, Sie glauben, dass das Spielen von «Killergames» zu realer Gewalt führt. Wie erklären Sie sich dann, dass es in der Schweiz noch keinen einzigen Amoklauf von einem Jugendlichen gab, obwohl die von Ihnen beanstandeten Games zahlreich im Umlauf sind?
«Amokläufe sind sehr seltene, schreckliche Katastrophen. Allein aufgrund der Grösse der Schweiz ist die Wahrscheinlichkeit geringer als zum Beispiel in Deutschland oder in den USA. Doch befürchte ich, dass wir auch hier in absehbarer Zeit unter einem solchen grauenhaften Ereignis werden leiden müssen. Auch in der Schweiz häufen sich allerdings Gewalttaten mit schlimmen Folgen für die Opfer. Signifikant ist dabei der Grad der Verletzungen, welche die Betroffenen davon tragen. Typisch ist, dass Täter so vorgehen wie in Games, z.B. in GTA4: Auf Gegner wird auch noch eingeschlagen und in den Kopf gekickt, wenn sie längst am Boden liegen.»

Mein Kommentar: Herr Näf stellt Amokläufe als schreckliche Katastrophen dar und verkennt, dass die realen Gefahren für unser Leben ganz andere sind. Im Vergleich zu Unfällen und Suiziden sind Todesfälle durch Tötungsdelikte selten. Wieso soll ein Amoklauf grauenhafter sein als ein alltäglicher Verkehrstod? Herr Näf kann die Verhältnismässigkeit seiner Vorstösse nicht untermauern. Auch bei den Verletzten sieht die Statistik ganz anders aus, als Herr Näf den Eindruck erwecken will. GTA4 ist ein Spiel mit sehr offener Spielanlage. Ein Einschlagen auf bereits am Boden liegende Opfer trägt nicht zum Spielerfolg bei. Der Zusammenhang von GTA4 mit «Einschlagen auf bereits am Boden liegende Opfer» ist an den Haaren herbeigezogen.

Eines der nach wie vor beliebtesten Games von exzessiven Gamern ist Counter-Strike, das vor 10 Jahren veröffentlicht wurde. Denken Sie, dass irgendeine Möglichkeit besteht, die Verbreitung dieses Games einzuschränken? Denken Sie, dass ein Verbot etwas bewirken wird, wenn bereits in Umlauf gebrachte Games weiterhin gespielt werden?
«Entscheidend ist aus der Sicht der Forschung die Zeit und Häufigkeit, mit der Jugendliche Killergames spielen. Durch ein Verbot wird in erster Linie eine erhöhte Sensibilisierung in der Gesellschaft und insbesondere bei den Eltern erreicht. Endlich werden sich Eltern bewusst, dass sie ab und zu ein Blick ins Kinderzimmer werfen sollten, was dort abläuft. Sie können also davon ausgehen, dass zwar Killergames ähnlich wie Kinderpornographie nie ganz verschwinden werden, aber es wird weniger Zeit mit Kopf abschlagen, Erstechen und Erschiessen verbracht. Und das ist entscheidend.»

Mein Kommentar: Die Vorstellung, dass ein Verbot automatisch eine gesellschaftliche Ächtung erwirkt, und die Spiele dann nicht mehr gespielt werden, ist in meinen Augen schlicht naiv. Weil bei «Killergames» die Gefahr eine unbewiesene, sehr hypothetische ist, wird sich die gesellschaftliche Ächtung im Gegensatz zur Ächtung der Kinderpornografie nicht durchsetzen.

Wie stehen Sie zur (ehemaligen) Psychosekte VPM, ihrem (ehemaligen) Sprachrohr Zeit-Fragen, sowie ihren (ehemaligen) Mitgliedern, insbesondere den Gründungsmitgliedern Ihrer «Vereinigung gegen mediale Gewalt» (VGMG), Rudolf Hänsel und Willy H. Wahl? Finden Sie deren Vorgehen und Engagement glaubwürdig? Finden Sie es gut, dass von der VGMG-Website auf Zeit-Fragen und auf seniora.org verlinkt wird?
«Ich habe keinen Kontakt mit einer solchen Sekte, ich kenne auch nicht ihre Ziele. Ich habe allgemein eine sehr kritische Distanz gegenüber «religiösen Organisationen, was wohl mit meiner Grundhaltung als linker Politiker zusammenhängt. Herr Wahl und Herr Hänsel kenne ich von ihren Publikationen zu medialer Gewalt. Ihre entsprechenden Äusserungen entsprechen in vielen Punkten auch meiner Auffassung in Bezug auf die Wirkung medialer Gewalt. Wir verlinken grundsätzlich Texte und Publikationen, welche sich kritisch zu medialer Gewalt äussern.»

Mein Kommentar: Haha. Wers glaubt. Wer im Psychologie-Umfeld studiert hat und die Augen nicht total verschlossen hat (was ich Herrn Näf nicht unterstellen würde), dem ist VPM ein Begriff. Wer dann eng mit deren Exponenten zusammenarbeitet, und auch schon mehrmals auf diese Verbindungen angesprochen wurde, der hat sich bestimmt schon Gedanken dazu gemacht, wie er dazu steht. Dass er sich nicht vom VPM distanziert und sich sich in igendwelche unspezifischen Aussagen zu religiösen Organisationen flüchtet, legt die Vermutung nahe, dass Näf Teil von VPM ist.

Sie bringen mehrere Tötungsdelikte der vergangenen Jahre mit dem Spielen von «Killergames» in Verbindung, z.B. der Mord am Hönggerberg. Wie kommen Sie darauf, dass Rekrut Luis W. durch Computergames derart negativ beeinflusst worden sein soll, dass er einen Mord verübt hat – dass aber die Gefechtsschulung im Militär keine derartige Auswirkungen gehabt haben soll?
«Luis W. verbrachte sehr viel Zeit mit dem virtuellen Töten, Killergames waren sein zentrales Hobby. Daneben bin ich überzeugt, dass auch die militärische Ausbildung zu dieser grausamen Tat beigetragen hat. Insbesondere ist es aus meiner Sicht unverantwortlich, dass weiterhin Waffen aus dem Dienst nach Hause mitgenommen werden. Ich bin ein vehementer Befürworter der Waffenschutzinitiative. Allgemein möchte ich festhalten, dass das Verhalten eines Menschen immer von mehreren Faktoren geprägt ist. Dabei stellt mediale Gewalt einen verstärkenden Faktor dar, welcher sich in der Kombination mit problematischen Persönlichkeitsfaktoren fatal auswirkt. Lesen Sie dazu meine Analyse zum Schulamoklauf von Winnenden: http://www.vgmg.ch/artikel_presse/Winnenden_eine_Analyse.pdf?id=93. Abgesehen von aggressivem Verhalten bin ich überzeugt, dass Killergames bei jedem Menschen, der sie häufig spielt, zu einer Senkung des Mitgefühls führen. Fatal für unsere Gesellschaft!»

Mein Kommentar: Konsequent wäre, wenn Herr Näf  die militärische Ausbildung als Ganzes in Frage stellen würde. Tut er aber nicht. Stattdessen beschwört er die Gefahr der «Killergames», obwohl diese These wissenschaftlichen Überprüfungen nicht standhält.

Herr Näf darf sich gerne in den Kommentaren weiter dazu äussern.

Die parlamentarische Games-Geschmackpolizei

Ja, ich finds verstörend, wenn Kinder Ballergames spielen. Ich finde es mindestens ebenso verstörend, wenn 8-Jährigen der Umgang mit Gewehr beigebracht wird. Auch die Spielzeugpistolen finde ich daneben. Ich würde sie meinen eigenen Kindern (wenn ich denn welche hätte) nicht kaufen. Ich habe grosses Verständnis für jeden, der all dies abstossend findet.

Trotzdem muss man sehen, dass die Menschen die Gene von Kämpfern haben. Die Mehrheit der Spiele sind zivilisierte Varianten von Kriegen – von den Tannzapfenschlacht in der Pfadi über das Alle-gegen-Alle bis zum Schach – im Grunde sind es alles Kriegssimulationen. Die Tötung (oder «Eliminierung») des Gegners ist das einfachste Spielprinzip überhaupt.

Der Nationalrat will «Killergames», «in denen grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen und menschenähnliche Wesen zum Spielerfolg beitragen», komplett verbieten, selbst für Erwachsene (Motion Allemann). Der Ständerat wird kommende Woche wohl nachziehen und den Bundesrat beauftragen, eine Gesetzesvorlage dazu auszuarbeiten.

pro-jugendkultur«Killergames» stehen im Verdacht, bei Jugendlichen die Hemmschwelle für Gewalttaten in der realen Welt herabzusetzen. Jedoch ist die wissenschaftlich nicht erhärtet, auch wenn Politiker und Medien oft ein anderes Bild vermitteln – im Gegenteil: Namhafte Wissenschaftler sehen keinen Zusammenhang zwischen Gamern von solchen Spielen und Gewalttaten. Auch der Bundesrat teilt diese Ansicht weitgehend. Ausserdem weist er darauf hin, dass mit Artikel 135 des Strafgesetzbuches (StGB) bereits ein absolutes Verbot von Gewaltdarstellungen, die grausame Gewalttätigkeiten gegen Menschen oder Tiere beinhalten und die eine gewisse Eindringlichkeit aufweisen, existiert.

Das hielt den Nationalrat aber nicht davon ab, der Motion Allemann mit 139:39 Stimmen zuzustimmen. (Nur die FDP war mehrheitlich dagegen.) Damit verhindert er keine Gewalttaten, sondern betätigt sich als Geschmackpolizei: Er meint, dass die Tatsache, dass die Darstellungen in seinen Augen geschmacklos sind, rechtfertige ein Verbot – auch von Games, die gemäss Gerichtsurteil keine «gewisse Eindringlichkeit» aufweisen.

Da bin ich ganz anderer Meinung und habe deshalb die Petition des Bündnisses für eine selbstbestimmte Jugendkultur unterzeichnet. Wenn überhaupt braucht es statt einem Totalverbot höchstens ein Verkaufsverbot an Kinder und Jugendliche – jedoch halten sich die Händler schon heute an den brancheninternen Code of Conduct, der Verkäufe nur gemäss der PEGI-Klassifizierung erlaubt.

Schweizer Geiseln

Die Schweiz sorgt sich um Rachid Hamdani und Max Göldi. Zurecht. Aber: Es gibt auch umgekehrte Schweizer Geiseln. Geiseln der Schweiz.

Zum Beispiel Jugendliche, die bis zu 12 Monate in Ausschaffungshaft – also völlig unschuldig – gehalten werden, in der Hoffnung, sie würden dadurch so zermürbt, dass sie in eine Rückkehr dahin, wo sie geflüchtet sind, irgendwann doch einwilligen. Dass dies gegen die Kinderrechtskonvention verstösst, ist den Schweizern egal.

Oder solche wie zum Beispiel ein Junge namens Abdirashid, der nach Italien ausgeschafft wurde, wo er ganz ohne staatliche Hilfe einfach seinem Schicksal überlassen wurde.

An ihrer Situation könnten wir etwas ändern. Allein der Wille und das Interesse fehlt. Es sind Flüchtlinge, gefangen in der Festung Europa, ohne Ausweg, ohne Perspektive. «Sie sollen wissen, dass wir alleine sind und ständig Angst haben.»

Das Problemjugendproblem – eine Fehlersuche

Für den Fall, dass wir uns dafür entscheiden, nach dem Abstecher in die Symbolpolitik uns wieder mit lösungsortientierter Politik um die wirklichen Probleme zu kümmern, mach ich hier mal einen Anfang – angeregt durch eine tolle Diskussion bei Frau Zappadong.

Eines der vielen Probleme, das in die Minarettinitiative hineingespielt hat, ist die Kriminalität, Gewaltbereitschaft und generelle Unangepasstheit von Jugendlichen. Diese Probleme sind bei gewissen Einwanderungsgruppen höher als bei Schweizern, es ist aber überhaupt nicht so, dass sich die Probleme auf einzelne Gruppen beschränken. Wie könnten vernünftige Lösungsansätze aussehen?

  • Kein vernünftiger Lösungsansatz ist, keine solche Leute mehr in die Schweiz zu lassen. Die Leute kommen, um hier jene Arbeiten zu machen, die die Schweizer nicht machen wollen. Zudem sind viele als Kriegsflüchtlinge in die Schweiz gekommen. Ein Rückgängigmachen ist ethisch auch nicht vertretbar. Die Wirtschaft soll zurückhaltend sein mit der Anstellung von Personen aus dem Ausland, aber wenn sie sich dafür entscheidet, dann mit allen Konsequenzen.
  • Die Fehler sind auch nicht in der Kultur der Herkunftsländer zu finden. Die Kriminalitätsrate auf dem Balkan ist laut UN-Studie heute tiefer als in Westeuropa.

Es liegt auf der Hand, dass das Umfeld der Jugendlichen hier in der Schweiz den grössten Einfluss darauf hat, ob sie auf die gerade oder die krumme Bahn gelangen. Der einzig vernünftige Ansatz ist es, hier bei uns nach Fehlern zu suchen.

  • Indem wir das Jugendkriminalität an der Nationalität oder der Religion aufhängen (z.B. auch, indem in den Zeitungen die Nationalität der Täter publiziert wird), machen wir den ersten grossen Fehler. Wir müssen die Problemjugendlichen als Individuen ernst nehmen. Indem wir das Problem der Nation oder Religion anlasten, geben wir den Jugendlichen gar keine Chance, an sich selber zu arbeiten. An ihrer Nationalität oder Religion können sie ja nichts ändern. Indem wir den Jugendlichen als Individuum mit individuellen Stärken und Schwächen betrachten und ihnen das vermitteln, nehmen wir sie ernst und geben ihnen eine Chance, sich als Individuum zu entwickeln. „Ich mag keine Schubladen und wäre einfach gerne ein Mensch“ (Zitat Zappadong) gilt auch für sie.
  • Den zweiten grossen Fehler machen wir, indem wir wegschauen. Wir zeigen zu wenig Zivilcourage. Manche haben durch die Schauergeschichten Angst bekommen, fremdländisch aussehende Jugendliche nur schon anzuschauen. Viele sind aber einfach zu bequem, mitzuhelfen beim Erziehen. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Statt das Gespräch mit störenden Jugendlichen zu suchen, werden heutzutage einfach eine Skate-, Fahr- oder Was-auch-immer-Verbotstafel und Überwachungskameras aufgestellt. Meint man wirklich, man könne mit Verbotstafeln und Videoüberwachung die schwierige Dorfjugend erziehen?
  • Den Problemjugendlichen mangelt es meistens an starken Bezugspersonen. Sie bräuchten eine Ersatzvaterfigur, weil der eigene Vater mit der Situation überfordert ist. Indem wir Klassenlehrer durch Fachlehrer ersetzen (diese Problem hat auch die politische Linke noch nicht verstanden), im Lehrerberuf die Männer fehlen, und wir es nicht schaffen, die Jugendlichen in verbindliche Freizeitangebote einzubinden, machen wir den dritten grossen Fehler.
  • Es gäbe Modelle, mit aufsuchender Jugendarbeit an die Jugendichen heranzukommen. Es gäbe Schulsozialarbeiter, Vorschulangebote, frühe Einschulung, Krippen und Mittagstische. Leider fehlt in den bürgerlichen Kantonen und Gemeinden meist das Verständnis dafür, wie wichtig solche Angebote sind, und sie fallen der Sparwut zum Opfer. Gerade gestern beispielsweise hat sich die SVP im Gemeinderat von Adliswil durchgesetzt und die Einrichtung der Schulsozialarbeit verhindert. Ein anderes Beispiel für blinde Sparwut ist die Jugendanwaltschaft im Kanton Zürich, die mangels genügender Stellenausstattung jahrelang renitente Jugendliche nicht mehr vorladen konnte, sondern sie einfach nach ein paar Monaten (!) schriftlich verwarnte. Die Lösungen müssen wir nicht erfinden, sie wären schon lange vorhanden. Allein der Wille fehlt. Indem die bürgerlichen Parteien am falschen Ort sparen, machen sie den vierten grossen Fehler.
  • Und der fünfte grosse Fehler ist, dass wir dann genau diese Politiker wählen, die der Lösung der Probleme im Weg stehen.

Ich habe keine Illusionen, dass wir diese fünf Fehler in kurzer Zeit ausmerzen können. Ausserdem wird es dann, wenn es einmal soweit sein wird, noch ein paar weitere Jahre gehen, bis Resultate sichtbar sind. Darum wird die SVP-Ausschaffungsinitiative wohl ebenfalls angenommen werden, obwohl sie keines dieser Probleme angeht, sondern genau den Fehler 1 macht, zu einer weiteren Diskriminierung führt und damit die Probleme noch verschärfen wird.