Zitate ohne Substanz – heute: Ulrich Schlüer

150px-Ulrich_SchluerSVP-Nationalrat Ulrich Schlüer heute in Echo der Zeit zu den Vorschlägen zum Sexualunterricht in Kindergarten und Primarschule:

Wenn das Kind hier mit Dingen konfrontiert wird, mit denen wir als Eltern nicht wollen, dass es konfrontiert wird, dann müssen sie es dispensieren lassen können.

Aha. Mit «wir als Eltern» meint er natürlich «wir Christen als Eltern» und keinesfalls «wir Muslime als Eltern». Wo kämen wir denn hin, wenn sich die Muslime die gleichen Rechte ausbedingen könnten. Bei muslimischen Eltern würde das der schleichende Untergang des Abendlandes bedeuten! Für diese gilt:

Die Schulpflicht gilt hier vollumfänglich – für alle in der Schweiz wohnhaften Menschen. Niemand kann dagegen an der Scharia orientierte Ausnahmen verlangen, etwa die Dispensation vom Schwimmunterricht. Auch für «Burkini», einer Art «Bade-Burkas», ist hier kein Platz.

Immer wieder lustig, wie Konservative sich über noch eine Spur Konservativere empören können.

Liebe Frau Keller-Messahli

Ich bewundere Ihre Bereitschaft, sich zu exponieren. Das Land braucht Leute, die in der Öffentlichkeit zu schwierigen Themen intelligent und verständlich Stellung beziehen und nicht einfach im Mainstream schwimmen. Dafür gebührt Ihnen Dank.

Jedoch scheint mir, dass Sie sich in der «Burka-» und Kopftuchdebatte etwas in die Nesseln gesetzt haben. Grundsätzlich verstehe ich die Argumentation für ein Kopftuchverbot an Schulen aus einem laizistischen Standpunkt heraus. Ich teile Ihr Anliegen, dass Kinder nicht in religiöse, sexuelle oder andere Schemen gepresst werden sollen. Sie sagen: «Kinder sollen möglichst frei sein von religiöser Programmierung.» Damit bin ich absolut einverstanden. Jedoch liegen Sie meines Erachtens in vier Punkten daneben:

  1. Sie definieren Kinder als Unter-18-Jährige und sprechen ihnen praktisch jegliche Mündigkeit ab. Sie übersehen, dass Jugendliche in vielen Bereichen schon früh viel Verantwortung für sich und andere übernehmen. Ab 10 sind sie strafmündig, können also von Richtern für ihre Handlungen verantwortlich gemacht werden. Mit 14 lässt man sie mit einem Traktor auf die Strasse. Mit 16 können sie Sex haben mit wem sie wollen, sogar gegen Geld. Einige werden Gruppenleiter im Jugendverband, babysitten oder übernehmen anderswo Verantwortung für Jüngere. Und Sie behaupten: «Kein Kind trägt die Kopfbedeckung freiwillig», und beziehen das auf Unter-18-Jährige. Und weiter: «Sie möchten Teil einer Gemeinschaft von Gleichen sein.» Sie irren. Jugendliche in der Pubertät wollen zwar nicht ausgegrenzt werden, aber sich abgrenzen und zu einer eigenen Identität finden wollen sie sehr wohl. Manche finden Identität in der Hip-Hop-Kultur und kleiden sich entsprechend. Andere finden Identität in einer Religion und kleiden sich entsprechend. Beides ist ihr gutes Recht und findet sicher nicht nur unter Zwang statt. Klar, man kann sich auf den laizistischen Standpunkt stellen, dass Hiphopper wie Religiöse ihre Insignien nicht in die Schule mitnehmen sollen. Aber: Ihre Begründung ist falsch.
  2. Sie sagen: «Kinder möchten so wie die andern Kinder sein» und verweisen auf den gruppendynamischen Druck auf Anpassung. Damit akzeptieren und legitimisieren Sie diesen Gruppendruck. Müssten wir die Kinder nicht vielmehr zu Toleranz erziehen und ihnen beibringen, dass man Andersartige nicht ausschliesst? Dunkelhäutige, übergewichtige, behinderte oder anders von der «Norm» abweichende Kinder können sich auch nicht einfach anpassen. Es ist nicht ok, wenn Kinder wegen ihrer Andersartigkeit ausgegrenzt werden. Und es ist noch weniger ok, wenn Erwachsene diesen Anpassungsdruck noch verstärken, so wie Sie das tun.
  3. Sie stärken Stefan Kölliker und anderen konservativen (bis fundamentalistischen) Politikern den Rücken. Diese argumentieren aber nicht laizistisch wie Sie, sondern sind getrieben von der Angst vor der Islamisierung. Ihr Ziel ist nicht ein laizistischer Staat, sondern ein christlicher Staat. Sie wollen die Tradition bewahren und nicht die Kinder entscheiden lassen. Wenn sie von Integration reden, meinen sie komplette Assimilation. Klar, man könnte argumentieren, Sie könnten nichts dafür, wenn andere aus anderer Motivation die gleiche Forderung stellen. Aber: Sie setzen sich absichtlich mit solchen Leuten ins Boot. Sie grenzen sich nicht von Ihnen ab.
  4. Wäre es Ihnen ernst mit dem laizistischen Standpunkt, müssten Sie sich gleichermassen auch gegen die Einflussnahme von anderen Religionen und Traditionen wehren. Unsere Gesellschaft, und auch die Schule, ist weit davon entfernt, die Kinder nicht religiös zu beeinflussen. Sie befürworten «eine Massnahme gegen den immer sichtbarer werdenden Islam in der Schweiz», aber das omnipräsente Christentum scheint Sie anscheinend nicht zu stören. Auch nicht, dass mit dieser Argumentation auch das Minarettverbot gerechtfertigt werden kann, das Sie doch so engagiert bekämpften. Die Glaubwürdigkeit Ihres Anliegens leidet darunter, dass Sie die Forderungen einseitig gegen muslimische Konservative richten und die christlichen Konservativen, die jüdischen Konservativen, die tamilischen Konservativen und alle anderen Konservativen unerwähnt lassen.

So bleibe ich leider mit dem Eindruck zurück, dass es Ihnen nicht wirklich um Laizismus und um die Rechte von Kindern und Jugendlichen geht, sondern einzig um die Bekämpfung von konservativen islamischen Vorstellungen. Schade.

Die Scheinhumanisten – 16 Vorwürfe mit Gegenfragen

Ich finde Fundamentalisten abstossend, seien sie nun christlich, muslimisch oder was weiss ich. Die Idee, auserwählt zu sein für ein Jenseits im Paradies, da man Regeln befolgt und an «Wahrheiten» glaubt, die Menschen vor Hunderten oder Tausenden von Jahren aufgeschrieben haben, finde ich ziemlich widerlich. Als gefährlich für die Gesellschaft oder den freiheitlichen Staat würde ich sie aber nicht einschätzen – ob sie nun Nicolas Blancho, Ivo Sasek oder Vitus Huonder heissen.

Noch widerlicher empfinde ich Leute, die sich zu Kämpfern gegen die Fundamentalisten und zu Verteidigern der Aufklärung und der individuellen Freiheit aufspielen, obwohl sie sich selbst nicht von diesen alten Zwängen befreit haben. Es sind die Scheinhumanisten. Sie haben keine Hemmungen, sich mit den christlichen Fundamentalisten zusammenzutun und im Kulturkampf, den sie als Verteidigung der Freiheit tarnen, eben genau diese individuellen Freiheiten und Menschenrechte aufs Spiel zu setzen.

Die SF Arena vom letzten Freitag bot ausgezeichnetes Anschauungsmaterial dazu. Aus der Argumentation der Scheinhumanisten (in Person von Oskar Freysinger, SVP VS, Gerhard Pfister, CVP ZG und Hans Lieberherr) habe ich 16 Vorwürfe herausdestilliert, die sie an Blancho richteten. Diese sind sicher teilweise berechtigt – aber unglaubwürdig aus den Mündern der Herren Freysinger, Pfister und Lieberherr. Daher ist es Zeit für ein paar Gegenfragen (bei denen es nicht darum geht, Blancho zu verteidigen, sondern um die Integrität und Glaubwürdigkeit der genannten Herren):

  • Vorwurf 1: Ablehnung von Sexualkunde und Evolutionslehre (Freysinger, 4:15)
    Gegenfrage: Ist dies bei Christen kein Problem? Falls doch, ist dagegen auch bei Christen etwas zu unternehmen? Was unternehmen Sie konkret dagegen?
  • Vorwurf 2: Befürwortung der Polygamie (Freysinger, 4:30)
    Gegenfrage: Wer lebt denn heute monogam in der Schweiz? Ist es denn fortschrittlich und freiheitlich, wenn der Staat vorschreibt, welche Beziehungen zwischen erwachsenen Menschen erlaubt sind? Wieso soll Polygamie ein Problem sein?
  • Vorwurf 3: Ablehnung der Homosexualität (Freysinger, 4:30)
    Gegenfrage: Wie ist denn Ihre Einstellung zur Homosexualität? Sie selbst warfen in einer Interpellation der Aids-Hilfe vor, für Homosexualität zu werben – ist Homosexualität also in Ihren Augen unmoralisch? Denken Sie, dass gläubige Christen ein kleineres Problem haben mit Homosexualität wie gläubige Muslime?
  • Vorwurf 4: Rechtfertigung von häuslicher Gewalt (Freysinger, 4:30 und 5:30)
    Gegenfrage: Distanzieren Sie sich denn von jeglichen Körperstrafen in der Erziehung? Also auch z.B. von den Aussagen von Hans Fehr, der in «Leben Live» am 17.4.2007 Körperstrafen rechtfertigte? Und Ihre Wählerschaft auch?
  • Vorwurf 5: Provokativer visueller Auftritt (Brennwald, 13:10), Besetzung des öffentlichen Raumes (Freysinger, 17:00)
    Gegenfrage: Soll in einem freiheitlichen Staat nicht jeder sich so kleiden und frisieren dürfen, wie er möchte, ohne deswegen angefeindet oder diskriminiert zu werden? Ist es denn in einem freiheitlichen Staat angemessen, dass christiche Gemeinschaften ein Monopol auf die Besetzung des öffentlichen Raumes haben?
  • Vorwurf 6: Konservatives Familien-/Rollenbild, fehlende Emanzipation (Einspieler, 15:25)
    Gegenfrage: Lehnen Sie dieses traditionelle Rollenmodell ab? Fördern Sie ein egalitäres Rollenmodell?
  • Vorwurf 7: Im Islam gibt es einen kollektiven Druck, bei uns ist der Glaube privatisiert (Freysinger, 17:30)
    Gegenfrage: Worin unterscheidet sich der kollektive Druck in evangelikalen, strengkatholischen oder jüdisch-orthodoxen Kreisen von jenen in fundamentalistisch-muslimischen Kreisen? Im Ihrem Kanton Wallis gilt jedes neugeborene Kind automatisch als Katholik – ist das mit einem privatisierten Glauben vereinbar? In Ihrem Kanton Wallis muss jeder, der keine Kirchensteuern zahlen will, jedes Jahr eine Anpassung der Steuern verlangen – ist das mit einem privatisierten Glauben vereinbar? Bekämpfen Sie diese Regelungen? Wieso ist nicht jedes Kind so lange konfessionslos, bis es selbst einer Religionsgruppe beitritt? Wieso müssen in vielen Kantonen Unternehmen Kirchensteuern zahlen?
  • Vorwurf 8: Scheidung, wenn die Frau zum Christentum wechseln würde (Freysinger, 20:10)
    Gegenfrage: Wäre es denn für Sie kein Problem, wenn Ihre Frau zum Islam konvertieren und sich nach dem Koran richten würde? Ist es Aufgabe eines liberalen Staates, Ehen zu schützen?
  • Vorwurf 9: Nicht-Akzeptanz von anderen Weltvorstellungen, Missionierung/Bekehrung von «Ungläubigen» (Pfister, 23:15), Überzeugungen anderen aufzwingen (Pfister, 24:00)
    Gegenfrage: Wie viele male wurden Sie schon von muslimischen Missionaren angesprochen? Und wie viele Male von christlichen? Wie viele Male von christlichen Plakaten, und wie viele Male von islamischen Plakaten? Teilen Sie die Einschätzung nicht, dass Christen immer noch viel offensiver am Missionieren sind?
  • Vorwurf 10: Kein Tatbeweis zur Akzeptanz der Rechtsordnung (Pfister, 23:20 und Freysinger, 31:45)
    Gegenfrage: Ist das nicht eine – rechtsstaatlich unerlaubte – Umkehrung der Unschuldsvermutung in eine Generalverdächtigung, wenn jemand zuerst beweisen soll, dass er den Rechtsstaat akzeptiert? Wie soll er diesen Tatbeweis erbringen? Haben Sie selber einen solchen Tatbeweis in irgend einer Weise erbracht?
  • Vorwurf 11: Keine Distanzierung von Steinigungen und Frauenbeschneidungen (Pfister und Freysinger, 24:45)
    Gegenfrage: Und wie steht es um die Verwahrungsinitiative und die Ausschaffungsinitiative, die sich ebenfalls nicht mit den europäischen Menschenrechten übereinbringen lassen – distanzieren Sie sich davon? Verlangen Sie auch eine Distanzierung der Bischöfe vom Kondomverbot des Papstes?
  • Vorwurf 12: Keine Beugung den gesellschaftlichen Regeln, Gebetszeiten im Militär (Brennwald/Pfister, 27:45)
    Gegenfrage: Ist es in unserer Demokratie nicht das Recht jedes einzelnen, sie für die Anpassung der gesellschaftlichen Regeln zu engagieren?
  • Vorwurf 13: Bild von Osama Bin Laden (Pfister, 57:20)
    Gegenfrage: Ist ein Bild von Osama Bin Laden schlimmer als ein Bild von Che Guevara, Slobodan Milosevic oder George W. Bush (alle drei haben ausserhalb der Schweiz Menschenrechte verletzt)?
  • Vorwurf 14: Islam will eine Monokultur erreichen (Freysinger, 46:40)
    Gegenfrage: Bekennen Sie sich denn zur multikulturellen Schweiz?
  • Vorwurf 15: Rechte von Christen in muslimischen Ländern (Lieberherr, 1:07:00)
    Gegenfrage: Kann denn eine Ungerechtigkeit durch eine andere Ungerechtigkeit gerechtfertigt werden? Entspricht dies einem schweizerischen Rechtsverständnis?
  • Vorwurf 16: Der Islam hat keine Entwicklung der Aufklärung durchlaufen (Freysinger, 1:10:00)
    Gegenfrage: Hat denn die katholische Kirche weltweit die Aufklärung durchlaufen?

7 Gründe, wieso die Ausschaffungsinitiative angenommen werden wird

Ich prognostiziere eine Annahme der SVP-Ausschaffungsinitiative (oder eines Gegenvorschlages mit vergleichbaren Folgen). Die Bedingungen könnten kaum «besser» sein:

  • Der Mythos von der importierten Kriminalität: Es ist die Vorstellung verbreitet, die höhere Kriminalitätsrate der Ausländer sei auf eine Kultur der Gewalt in den Herkunftsländern zurückzuführen. Es ist ein Mythos: Laut UN-Studie ist die Kriminalitätsrate auf dem Balkan heute tiefer als in Westeuropa. Die Kriminalität wird nicht importiert, sondern hier gezüchtet.
  • Ausländerfeindliche Berichterstattung: Ein Titel wie «Häftlinge in der Schweiz sind zu 70 Prozent Ausländer» zieht Leser an, aber vermittelt ein völlig falsches Bild. (Natürlich sind die 7 % Ausschaffungshäftlinge Ausländer, aber kriminell sind sie deswegen nicht. Die 31 % Untersuchungshäftlinge sind ebenfalls überwiegend Ausländer, dies aber deswegen, weil man bei Ausländern die Fluchtgefahr höher einschätzt. Bei den 59 % wirklich verurteilten Häftlingen müsste man noch die Quote der Kriminaltouristen abzählen, da diese ja mit der ausländischen Wohnbevölkerung nichts zu tun haben.) Es hat sich auch durchgesetzt, dass Täter in der Presse generell mit Nationalitäten verbunden werden – als ob die Nationalität zur Tat führen würde. Damit wird das Terrain bereitet für eine flächendeckende ausländerfeindliche Stimmung.
  • Verbreitetes konservatives Familienbild: Es gehört zum Selbstverständnis von Konservativen, dass das Familienoberhaupt die Familie vor Gefahren von Aussen beschützen muss. Damit diese Rolle aufrecht erhalten werden kann und der Mann nicht überflüssig wird, werden ständig Feindbilder produziert. «Kriminelle Ausländer» eignet sich hervorragend. Weil die Linken dieses Prinzip noch nicht verstanden haben, können sie die Leute argumentativ nicht abholen.
  • Falsche, verfängliche Fragen: Die Initiative wird unlauter auf Fragen heruntergebrochen, um daraus unzutreffende Vorwürfe abzuleiten. Man fragt: «Bist du für oder gegen Kriminelle?» und wirft den Initiativgegnern vor, Kriminelle in Schutz zu nehmen. Man fragt: «Gibt es Integrationsprobleme?» und wirft den Initiativgegnern vor, die Probleme zu ignorieren und nichts gegen sie zu unternehmen. Es ist eine einfache und wirksame Strategie, die Initiativgegner in die Defensive, in die Täterschützer- und «Gutmenschen»-Rolle zu drängen. Die meisten linken Politiker (z.B. Daniel Vischer) durchschauen dies nicht und tappen immer wieder in die gleiche Argumentationsfalle.
  • Falsche Vorstellung des «missbrauchten Gastrechts»: Ausländerkriminalität wird gerne als Missbrauch des Gastrechtes angesehen. Wenn sich ein Gast nicht an die Regeln des Gastgebers hält, kann man ihn rauswerfen – das klingt einleuchtend. Jedoch sind durch die langen Einbürgerungszeiten viele Auländer hier aufgewachsen oder sogar geboren. Für sie ist die Schweiz Heimat- und nicht Gastland. Es ist nicht statthaft, Leute in ihrem Heimatland wie Gäste zu behandeln.
  • Angst vor der SVP: Die Angst vor der SVP ist bei CVP und FDP stärker als die eigenen Prinzipien und Werte, die darum kurzerhand über Bord geworfen werden. Das führt zu Vorschlägen wie jene der CVP, den Schweizer Pass nur noch auf Probe abzugeben. Das ist, mit Verlaub, nichts anderes als Appeasement-Politik und zeitigt die entsprechenden Folgen. Die SVP wird dadurch in ihrem harten Kurs nur noch bestärkt.
  • Abwesenheit der Intellektuellen: Die linken Intellektuellen sind verstummt. Sie melden sich politisch nicht zu Wort, oder wenn, dann schaffen es auch sie nicht, in den Medien ein anderes Menschenbild zu vermitteln. Diejenigen, die nach der Minarettinitiative aufgewacht sind und wirklich etwas zu sagen haben, kann man an einer Hand an einem Finger abzählen. Die Gründe dafür sind mir schleierhaft. Die Zeiten, als man noch Kinderlieder darüber schrieb, sind auch schon seit Jahrzehnten vorbei.

[audio:http://substanz.skroll.ch/wp-content/uploads/2010/03/radio_letten-2009-02-03-75612.mp3]
(«Ciao ciao Svizzera» by Radio Letten)

Die Liste könnte man noch weiterführen. Meine Hoffnung, dass sich an alldem etwas ändern wird, ist wirklich sehr, sehr klein.

Werteprogressivismus

Es ist klar, dass die Annahme der Antiminarettinitiative auch viel zu tun hat mit der Orientierungslosigkeit und Identitätskrise unserer Bevölkerung. Gemeinsame Werte geben Halt, ein gemeinsames Feindbild verleiht einer Gesellschaft Identität. Das Problem ist, dass Leute, die nach Orientierung suchen, diese meist in konservativen Werten finden. Alternativen dazu sind bisher schwer zu vermitteln. Das sollten wir versuchen zu ändern, findet Robert Misik:

„Werte“ werden im saloppen Sprachgebrauch beinahe automatisch mit „konservativen Werten“ gleichgesetzt. „Wertekonservativismus“ ist ein gebräuchlicher Begriff, von einem „Werteprogressismus“ oder „Werteprogressivismus“ hat noch nie jemand gehört, es fällt einem schon schwer, das Wort überhaupt auszusprechen.

Wird im besinnlichen Ton eine „Renaissance der Werte“ herbeigesehnt, oder in einem eher alarmistischen Ton der „Verfall der Werte“ beklagt, dann entstehen wie von selbst Assoziationsreihen im Kopf. Wer von „Werten“ spricht hält meist die traditionelle Familie hoch und ein hergebrachtes Frauenbild. Sehr oft kommt dann schnell die Rede auf „maskulinisierte Emanzen“, auf die Werte des „christlichen Europa“ und wie von selbst fügt sich dann, beispielsweise, die Ablehnung der Homo-Ehe ein, weil die ja die Verbindlichkeit der Ehe zwischen Mann und Frau relativiere. „Relativismus“, „Werterelativismus“ – die Lieblingsvokabel von Papst Benedikt XVI. -, machte in den vergangenen Jahren regelrecht Karriere. Dabei behauptet die These vom Werterelativismus nicht einmal ein Wachstum der Unmoral, sondern nur einen Verlust allgemein verbindlicher Werte. Diese These behauptet zunächst ja nicht mehr als: die einen haben diese, die anderen haben jene Werte, und es gibt keine Instanz mehr, die eine Hierarchie an Werten gewissermaßen verordnen könnte. Dennoch ist das Wort auch eine Schmähvokabel, denn sie insinuiert gleichzeitig: Die Moral von uns ist moralisch, die Moral der anderen ist relativ.

Weiter bei Robert Misik…

Politik der Paranoia – heute: Islamisierung

Konservative brauchen eine Bedrohung von aussen, einen Feind. Konservative Männer sehen es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben an, ihre Familie und ihr Land vor jeglicher Bedrohung zu schützen und verteidigen. Das ist Teil ihres Weltbildes. Ohne Feind wäre nicht nur die Armee, sondern der Mann an sich überflüssig geworden, oder zumindest weniger wichtig. Beim Ende des Kalten Krieges ist den Konservativen der gemeinsame Feind verloren gegangen. Zum «Glück» haben sie rasch einen Ersatz gefunden.

Hegten frühere Konservative noch Ressentiments gegenüber der westlichen Moderne, Amerika und den Juden, haben sich die Neukonservativen nun der bedingungslosen Solidarität mit Israel und den republikanischen USA verschrieben. Nun gilt es, das «christlich-jüdische Abendland» gegenüber dem Islamismus – oder besser: «Islamofaschismus» – zu verteidigen.

Ein gemeinsamer Feind dient zur Einigung in den eigenen Reihen (in schweren Zeiten muss man «zusammenstehen») und zur Ausgrenzung von Abweichlern. Der Feind wird über lange Zeit aufgebaut, je grösser und furchterregender, desto besser. Sie ziehen auf der Seite des Guten in den Kampf gegen das Böse – und bezeichnen Leute, die dieses Schwarz-weiss-Denken ablehnen, als «Gutmenschen». Oder sie werfen ihnen gar «Appeasment» vor, Beschwichtigungspolitik wie die Engländer damals, als sie das Naziregime auf diplomatischem Weg in die Schranken weisen wollten.

So wird also die «islamische Gefahr» tagtäglich beschworen. Jasmin Hutter sieht uns «täglich aufs Neue islamisiert». Walter Wobmann kommt aus einem «minarettgeschädigten Kanton». Die Neukonservativen fordern, dass die Muslime «unsere Spielregeln lernen», reden von der Verteidigung der Freiheit, möchten aber gleichzeitig nicht nur alle muslimischen Symbole aus der Öffentlichkeit verbannen, sondern den Muslimen in der Schule noch christliche Weihnachten aufzwingen. Alles andere wäre für Lukas Reimann eine «Perversion der Toleranz». Eine kinderreiche christliche Familie ist für sie ein Glück, eine kinderreiche türkische Familie hingegen ein Clan, eine Gefahr. Wenn es darum geht, den bösen Feind zu diskreditieren, spielen sie sich ungeniert auch als Anwälte für Homosexuelle und Frauen auf, deren Gleichberechtigung sie selbst so lange verhindert haben und weiter verhindern. Sie zeichnen die Aufklärung als aus dem Christentum hervorgegangene Errungenschaft, und verkehren damit die historische Realität, dass sich die Aufklärung nämlich trótz dem Christentum und gégen deren Vertreter durchsetzen konnte.

Wenn es darum geht, den Wehrmännern das Gewehr und die Munition nicht mehr nach Hause zu geben, sprechen sie von «Generalverdacht». Man könne nicht aus einigen wenigen [hunderten] Fällen auf die Gesamtheit schliessen. Wenn es um Muslime geht, argumentieren und handeln sie aber genau nach diesem Prinzip: Generalverdacht.

Wer sich im Kampf gegen das Böse befindet, kann locker über die grössten Widersprüchen hinweg sehen. Anschauungsmaterial gefällig? Voilà:

In einer losen Serie thematisiere ich Thesen des (empfehlenswerten!) Buches «Politik der Paranoia» von Robert Misik – adaptiert auf die politische Situation in der Schweiz.

Politik der Paranoia – heute: Staatskinder

Die «traditionelle Familie» ist der Grundstein im Weltbild der Konservativen. Ein Mann als Oberhaupt, der sie beschützt und das Geld nach Hause bringt, ein paar Kinder und eine Frau, die für die Kinder da ist und dafür sorgt, dass sie sich wohlbehütet entwickeln können. Ohne diese traditionelle Familie wäre in ihren Augen das christliche Abendland dem Untergang geweiht. Sie ist der zentrale «Wert» im Wertesystem von der SVP, der EDU, den SD bis hin zur CVP und EVP. Nun sehen sie dieses Ideal bedroht von links, und sie haben einen Namen dafür: «Verstaatlichung der Kindheit».

Die Neukonservativen sind gegen staatliche oder staatlich geförderte Betreuungseinrichtungen und für eine möglichst späte Einschulung. Sie haben Angst, diese Betreuungspersonen würden ihren Kindern nicht die «wahren Werte» vermitteln. Sie argumentieren, man wolle den Kindern die Kindheit wegnehmen. Paradoxerweise sind sie dann aber, sobald die Kinder in der Schule sind, für die Durchsetzung von Disziplin und Leistung, für Notendruck ab dem ersten Tag (Schlagwort «Kuschelpädagogik»). Als ob das den Kindern die unbeschwerte Kindheit nicht wegnehmen würde. «Die Kindheit wegnehmen» ist ein leeres Schlagwort; die Neukonservativen denken nicht von den Bedürfnissen des Kindes aus, sondern ordnen einfach alles der Verteidigung der «traditionellen Familie» unter. Ob diese den Bedürfnissen der Kinder gerecht wird, stellen sie niemals in Frage. In ihren Augen ist die «traditionelle Familie» gar gottgewollt und daher nicht verhandelbar.

Mit den Anti-HarmoS-Plakaten mit den weinenden Kindern spielen sie sich als deren Anwälte auf. Dass aber viele Kinder oft alleine zu Hause sind, weil aus finanziellen Gründen beide Elternteile erwerbstätig sind – dass insbesondere ausländische Kinder zu Hause ungenügend gefördert und mit einem Entwicklungsrückstand in die Schule kommen – dass viele Eltern überfordert sind und die Kinder darunter leiden – dass vermögende Eltern ihre Kinder dann trotzdem in Frühförderkurse schicken – dass Krippenkinder in der Entwicklung den anderen Kindern voraus sind – dass aus beruflichen und wirtschaftlichen Überlegungen immer weniger Paare Kinder kriegen wollen – all das ignorieren die Neukonservativen einfach. Denn es passt nicht in ihr Weltbild.

Es ist nicht alles gut, was an Erziehungs- und Schulreformen aufgegleist wird. Diese würden eine schonungslose, vertiefte Diskussion erfordern. Die religiös-konservative Herangehensweise verunmöglicht aber eine sachliche Diskussion. Und schadet damit unseren Kindern.

In einer losen Serie thematisiere ich Aspekte des (empfehlenswerten!) Buches «Politik der Paranoia» von Robert Misik – adaptiert auf die politische Situation in der Schweiz.