Zitate ohne Substanz – heute: Ulrich Giezendanner

Asylbewerber Olivier Cayo (22) kam mit 17 aus der Elfenbeinküste in die Schweiz, lernte deutsch, schaffte es ans Gymnasium und schrieb eine brillante Maturarbeit – Note 6 und Auszeichnung als eine der fünf besten Maturarbeiten im Kanton Aargau. Nun hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass dem Asylgesuch nicht stattgegeben wird, da er in der Elfenbeinküste nicht verfolgt würde, und, Ironie am Rande, die schnelle Integration in der Schweiz zeige, dass er sich auch in der Elfenbeinküste schnell wieder integrieren könne. Dem Bundesverwaltungsgericht blieb wohl auch keine andere Wahl, denn die entsprechenden Gesetze sind ziemlich klar. Auch ein Härtefallgesuch wird bei jemandem, der erst mit 17 in die Schweiz kam, in der Regel abgelehnt.

Nun formiert sich breite Solidarität für Cayo in der Bevölkerung. Und, was machen die SVPler? Nationalrat Ueli Giezendanner findet:

Es ist unfair und unmenschlich, jemanden hier die Matur machen zu lassen, seinen Fall so lange zu verschlampen und ihn dann nach Hause zu schicken.

Das Gleiche geschah im Fall der Comagic-Zwillinge, wo sich die SVPler um Mauro Tuena für ein Bleiberecht aussprachen. Die SVP fordert immer schärfere Gesetze, aber wenn es dann eine sympathische Person mit Rückhalt in der Bevölkerung trifft, dann haben sie nicht die Eier, die Anwendung dieser Gesetze zu fordern, sondern wollen eine «Kuscheljustiz».

Weiter findet Giezendanner:

Allerdings darf man Olivier Cayo nicht bevorzugen, weil er intelligent ist.

Er solle bleiben dürfen, weil er den Willen gezeigt habe, sich zu integrieren. Das müsste also heissen: Jeder, der den Willen zur Integration zeigt und es schafft, den Ausweisungsentscheid fünf Jahre zu verzögern, soll hier bleiben dürfen. Das würde sehr viele Leute betreffen, die nach heutigen Regeln ausreisen müssen.

Herr Giezendanner, wenn Sie es damit wirklich ernst meinen: Wieso machen Sie keinen entsprechenden Vorstoss im Parlament? Oder meinten Sie das gar nicht so, sondern dass man Asylsuchenden gar nicht die Möglichkeit nach Bildung und Betätigung geben sollte, so dass sie gar nicht zeigen können, ob sie einen Willen zur Integration haben, und dadurch auch keine Solidarität in der Bevölkerung entstehen kann? Wäre das dann weniger «unmenschlich»?

Valzeina–Syrien einfach

Im Mai berichtete die SF Rundschau von der syrischen Familie im Ausreisezentrum Flüeli in Valzeina, wo die Frau mit den vier Kindern in prekären Umständen lebte. Der Mann sass in Ausschaffungshaft. Obwohl man die Familie in unmenschlichen Verhältnissen leben liess, kam für diese eine Ausreise nicht in Frage:

Rundschau vom 26.05.2010

Der Chef des Bundesamtes für Migration, Alard du Bois-Reymond, sagte dazu auf dem Rundschau-Stuhl (Zweites Video ab 4:30):

Diese könnten morgen zurück und haben kein wirkliches Problem in Syrien. Dieser Familie muss ich sagen: Du musst zurück. Ich kann verstehen, dass es in Syrien nicht so gut ist wie in der Schweiz, aber es ist kein Flüchtlingsgrund. Diese Familie ist nun auf dem Weg zu merken, dass das [der Aufenthalt in der Schweiz] nicht die Lösung ist. Meine Prognose ist, dass diese Familie in ein paar Wochen oder Monaten zurück in Syrien sein wird.

Rundschau vom 26.05.2010

Der letzte Teil der Prognose trifft nun anscheinend zu. Jedoch nicht, weil die Familie sich doch für eine Rückkehr entschieden hätte. Denn der Verein Miteinander Valzeina berichtet von der brutalen Ausschaffung der Familie:

Ein Strafgefangener des Gefängnisses Sennhof Chur berichtet: «(…) Kurz darauf hörte ich Schreie und Lärm. Da sah ich einen Mann mit Gesichtsmaske, Handschellen und Fussfesseln, eine Frau mit Gesichtsmaske, Handschellen und Fussfesseln und vier kleine Kinder. Die Gesichtsmasken waren von der Art, die im Mund-Nasenbereich Luftlöcher haben und auch Augenlöcher, den Rest des Gesichtes aber verdecken. Der Mann schrie fortwährend: ‚Lasst mich frei, lass mich frei!’ Die Frau schrie nur, ohne dabei etwas zu sagen. Alle vier Kinder weinten. (…) Die gefesselte Frau hielt den Kopf mit der Gesichtsmaske gegen oben gewandt, wiegte ihn die ganze Zeit hin und her und schrie. Die Kinder weinten in Panik. Dann hob ein Polizeibeamter die Frau hoch und warf sie wie ein Spielzeug in den Bus. Die Frepo-Beamtin packte die Kinder von hinten und warf sie hinterher. Einfach so, wie Puppen, warfen die beiden Beamten die Frau und die Kinder in den Bus – sie haben sie sicher verletzt dabei. (…) Wir konnten nicht glauben, was wir da gesehen hatten. Er war wie in einem Horrorfilm und ich sehe diesen Film in Gedanken nach wie vor immer wieder. In dieser Nacht hat sicher niemand von uns geschlafen. (…)»

Ich sag nur: Arme reiche Schweiz.

(via)

Was machen die Tamilen besser als die Muslime?

Angesichts der Tatsache, dass

ist es doch irgendwie verwunderlich, dass die Tamilen heute (anders als in den 1980er-Jahren) als vorbildliche Ausländer gelten – im Gegensatz zu den Muslimen, denen insbesondere die SVP praktisch die gleichen Dinge vorwirft, obwohl diese Probleme bei den Muslimen weniger verbreitet sind.

Wieso haben die Tamilen ein vergleichsweise gutes Image? Was machen sie denn «besser» als die Muslime? Ich vermute folgende Gründe:

  • Es gibt von ihnen weltweit nicht so viele. Deshalb haben die Leute keine Angst vor einer «Tamilisierung» der Schweiz oder gar Europas.
  • Sie verhalten sich unauffällig und vordergründig angepasst, nehmen den öffentlichen Raum nicht ein und exponieren sich nicht mit ihren Ansichten.
  • Sie sind eine homogene Gruppe und können deshalb mit einer Stimme sprechen, und man kann ihnen keine Probleme ankreiden, die sie gar nicht betreffen. (Den Muslimen kann man z.B. Mädchenbeschneidung oder Gesichtsverschleierung vorwerfen, obwohl das die allermeisten hiesigen Muslime, die aus dem Balkan und der Türkei kommen, überhaupt nicht betrifft.)
  • Sie sind anscheinend fleissige Arbeitskräfte und beschweren sich nicht, wenn sie für einen Hungerlohn schuften müssen.
  • Es gab keine tamilischen Terroranschläge in westlichen Ländern, weshalb auch diesbezüglich keine Ängste bestehen.

Daraus schliesse ich, dass die Muslime nicht wegen «Parallelgesellschaften» und mangelnder Integration, wegen Kopftüchern, Mädchenbeschneidungen, Minaretten, Zwangsheiraten, Schulabsenzen oder wegen der Scharia angefeindet werden. Das alles würde noch drinliegen, ohne Aufsehen zu erregen. Zum Feindbild werden sie, weil sie auf der Welt in grösserer Zahl vorkommen, weil sie sich weniger verstecken, weil sie eine heterogene Gruppe sind und weil es in westlichen Ländern Terroranschläge gab, mit denen sie in Verbindung gebracht werden. Erst daraus lässt sich eine Bedrohung heraufbeschwören.

Weitere Artikel zum Thema

Zitate ohne Substanz – heute: Daniel Brélaz

Es ist für mich unbegreiflich und unverzeihlich, wenn Daniel Brélaz, der grüne Stadtpräsident von Lausanne, zu den Problemen mit den Roma sagt:

Avec les Gitans, c’est inévitable. C’est dans leurs mœurs. Un trait de caractère profond.
(Mit den Zigeunern ist das unvermeidlich. Das sind ihre Sitten. Ein tiefgründiger Wesenszug.)

Auch wenn er es später zurücknimmt und meint, er hätte statt «Wesenszug» «Sitten und Gebräuche» sagen sollen: Bei einem so heiklen Thema wie den Roma sollte ein Politiker genug sensiblisiert sein, um nicht der Stigmatisierung Vorschub zu leisten – ob nun beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Europa wird noch lange an Lösungen für die Roma arbeiten müssen, und Aussagen im Sinne von «Die sind einfach so» bringen die Gesellschaft definitiv nicht näher ans Ziel.

Schweizer sind 1124-mal krimineller als Ausländer

Obwohl es gegenüber den 6,9 Milliarden Ausländern nur 6,7 Millionen Schweizer Bürger gibt, sind diese für 52,2 % der Straftaten in der Schweiz verantwortlich. Also sind die Schweizer nach Adam Riese 1124-mal krimineller als Ausländer!

Logisch, oder?

Die SVP macht genau diese Rechnung – nur umgekehrt. Obwohl der Ausländeranteil nur 21,7 % betrage (bei anderer Gelegenheit sinds dann plötzlich 27,2 %), seien die Ausländer für 47,8 % der Straftaten verantwortlich. (Oder um noch mehr Eindruck zu machen: 70 % der Gefängnisinsassen sind Ausländer!) Dabei wird absichtlich unterschlagen, dass viele der Delikte von Ausländern verübt werden, die gar keinen Wohnsitz in der Schweiz haben, also in den 21,7 % nicht enthalten sind. Trotzdem wird diese ausländische Wohnbevölkerung zumindest indirekt für alle Straftaten von Ausländern verantwortlich gemacht und eine Gesetzesverschärfung, die genau diese Gruppe betrifft, mit dieser falschen Rechnung begründet.

Korrekt ist, dass 2009 die 21,7 % der Wohnbevölkerung, die keinen Schweizer Pass haben, für 29 % der Verstösse gegen das Strafgesetzbuch beschuldigt wurden. Die 78,3 % Schweizer wurden dagegen für 52 % der Verstösse gegen das Strafgesetzbuch verantwortlich gemacht. (Quelle)

Natürlich ist dieses Verhältnis noch immer nicht schmeichelhaft für die ausländische Wohnbevölkerung. Aber es ist auch kein Grund für die Verbreitung einer Alarmstimmung, wie das die SVP versucht.

Ausländerhetze – heute: «70 Prozent Ausländer in den Gefängnissen»

Nicht weniger als sieben SVP-Redner (Wobmann, Reimann, Glauser, Rickli, Geissbühler, Heer und Schibli) brachten – unwidersprochen – in der gestrigen Nationalratsdebatte zur Ausschaffungsinitiative das Argument, dass 70 % der Gefängnisinsassen Ausländer seien. Doch der Sprung ist nicht nur auf der Schallplatte, sondern auch das Argument selbst ist unbrauchbar:

7 % der Gefängnisinsassen in der Schweiz sind Ausschaffungs- oder Auslieferungshäftlinge. Ausschaffungshäftlinge kommen ins Gefängnis, ohne je kriminell geworden zu sein. Ihr einziges «Verbrechen» ist, dass sie hier sind. Die Zahl hat nichts mit Kriminalität zu tun. Ausserdem ist es gerade die «Leistung» der SVP, dass es sie überhaupt gibt. Diese dann wieder als Argument für Massnahmen gegen die Ausländerkriminalität zu verwenden, ist absurd.

31 % der Gefängnisinsassen sind Untersuchungshäftlinge. Für sie gilt die Unschuldsvermutung, denn sie sind nicht verurteilt. Da man bei Ausländern die Fluchtgefahr höher einschätzt als bei Schweizern, werden Ausländer bei der gleichen Tat viel häufiger in Untersuchungshaft genommen. (Dies ist auch bei Schweizern im Ausland so, siehe z.B. Kachelmann.) Auch diese Zahl hat also herzlich wenig mit der Kriminalitätsrate zu tun, sondern nur mit der Einschätzung der Fluchtgefahr.

59 % der Gefängnisinsassen in der Schweiz sind tatsächlich verurteilte Straftäter. Doch auch bei diesen kann man das Verhältnis zwischen Ausländern und Schweizern nicht mit der Wohnbevölkerung vergleichen. Es gibt viele Ausländer im Gefängnis, die gar keinen Wohnsitz in der Schweiz haben – sogenannte «Kriminalitätstouristen». Sie haben mit den in der Schweiz wohnhaften Ausländern nichts zu tun und sagen nichts über deren Kriminalitätsrate aus.

Von den 1888 Personen in Untersuchungshaft am 2. September 2009 waren 21% Schweizer, 21% Ausländer mit einer Aufenthaltsbewilligung, 7% Personen aus dem Asylbereich und 51% Ausländer ohne Aufenthaltsbewilligung (Touristen, Grenzgänger, Illegale).
(Quelle)

Natürlich ist sich die SVP dieser Sachlage genau bewusst, was sie aber nicht daran hindert, dieses Argument immer und immer wieder hervorzubringen und der Bevölkerung falsche Tatsachen vorzutäuschen. Fazit: Dieses Argument ist allerbilligste Hetze!

Zitate ohne Substanz – heute: Alard du Bois-Reymond

Der neue Direktor des Bundesamts für Migration, Alard du Bois-Reymond, hat ein «Problem mit den Nigerianern». In der «NZZ am Sonntag» erklärte er:

99,5 Prozent von ihnen [stellen ein Asylgesuch] ohne die geringste Chance, in der Schweiz bleiben zu können. Sie kommen nicht als Flüchtlinge hierher, sondern um illegale Geschäfte zu machen. […] Ein grosser Teil von ihnen driftet in die Kleinkriminalität ab oder betätigt sich im Drogenhandel. Das ist eine traurige Tatsache.

Ein Sprayer wollte an den Tod eines Ausschaffungshäftlings vor einem Monat erinnern, wurde dabei aber wohl gestört.
Ein Sprayer wurde wohl dabei gestört, als er an den Tod eines Ausschaffungshäftlings erinnern wollte.

Der BfM-Chef unterstellt also allen chancenlosen Asylsuchenden aus Nigeria, illegale Geschäfte machen zu wollen. Dies ausgerechnet in einer Zeit, in der die Beziehungen zu Nigeria durch den Tod eines nigerianischen Ausschaffungshäftlings in Kloten belastet sind. Nun hat Nigeria reagiert und das Rücknahmeabkommen ausser Kraft gesetzt. Es scheint, als müsse Nigeria die Schweiz zur Raison bringen. Das mit 140 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Land Afrikas hat an sich kein Interesse an den Ausschaffungsflügen. Wieso sollte Nigeria kooperieren, wenn die Schweiz nicht einmal die Sicherheit seiner Landsleute garantieren kann? Wenn bürgerliche Politiker von SVP-Fehr über FDP-Müller bis CVP-Darbellay «unverzügliche Wiederaufnahme der Rückschaffungen» fordern, sind sie auf dem falschen Dampfer. Ohne den Kooperationswillen von Nigeria geht gar nichts. Ausserdem: Wenn ein Schweizer in Libyen festgehalten wird, reisst man eine diplomatische Krise vom Zaun – wenn hingegen ein Nigerianer in Schweizer Haft stirbt, zuckt man mit den Schultern und möchte so rasch wie möglich zum Normalzustand zurückkehren.

Die Äusserung du Bois-Reymonds ist aber nicht nur diplomatisch unklug, sondern auch für die Nigerianer in der Schweiz stigmatisierend, wenn nicht gar rassistisch. Diese protestieren zurecht. Nigerianer kommen nicht in die Schweiz, um kriminell zu werden – dies könnten sie auch in Nigeria, wenn das ihre Motivation wäre. Die Motivation ist natürlich, aus der Armut zu entfliehen und den Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen. Kann man das irgendjemandem übel nehmen? Wenn sie dabei kriminell werden, liegt das daran, dass sie sonst keine Chance haben, und dass sie nichts zu verlieren haben. Ausser dem Leben.

Die Aussagen du Bois-Reymonds sind noch zu einem dritten Grund falsch. Der BfM-Chef erweckt damit den Eindruck, das Drogenproblem sei ein importiertes Problem, das man mit Ausländer- und Aussenpolitik in den Griff kriegen könnte. Solange es aber Schweizer Kokain-Konsumenten gibt, wird es immer jemanden geben, der die Drogen auch anbietet. Und solange es Kokain-Prohibition gibt, werden Leute, die nichts zu verlieren haben, mit Kokain dealen. Will man das Problem in den Griff kriegen und die Sisyphus-Arbeit der Polizei beenden, muss man Schritte in die Legalisierung unternehmen sowie versuchen, die Prävention zu verbessern. Alles andere ist aussichtslose Symptom-Bekämpfung.

Fazit: Wir haben kein «Nigerianerproblem», sondern ein Chefbeamtenproblem.

Übrigens bin ich beim googeln noch auf einen interessanten Artikel über die politische Situation in Nigeria gestossen: Experten loben Nigeria – Deutsche Welle.

7 Gründe, wieso die Ausschaffungsinitiative angenommen werden wird

Ich prognostiziere eine Annahme der SVP-Ausschaffungsinitiative (oder eines Gegenvorschlages mit vergleichbaren Folgen). Die Bedingungen könnten kaum «besser» sein:

  • Der Mythos von der importierten Kriminalität: Es ist die Vorstellung verbreitet, die höhere Kriminalitätsrate der Ausländer sei auf eine Kultur der Gewalt in den Herkunftsländern zurückzuführen. Es ist ein Mythos: Laut UN-Studie ist die Kriminalitätsrate auf dem Balkan heute tiefer als in Westeuropa. Die Kriminalität wird nicht importiert, sondern hier gezüchtet.
  • Ausländerfeindliche Berichterstattung: Ein Titel wie «Häftlinge in der Schweiz sind zu 70 Prozent Ausländer» zieht Leser an, aber vermittelt ein völlig falsches Bild. (Natürlich sind die 7 % Ausschaffungshäftlinge Ausländer, aber kriminell sind sie deswegen nicht. Die 31 % Untersuchungshäftlinge sind ebenfalls überwiegend Ausländer, dies aber deswegen, weil man bei Ausländern die Fluchtgefahr höher einschätzt. Bei den 59 % wirklich verurteilten Häftlingen müsste man noch die Quote der Kriminaltouristen abzählen, da diese ja mit der ausländischen Wohnbevölkerung nichts zu tun haben.) Es hat sich auch durchgesetzt, dass Täter in der Presse generell mit Nationalitäten verbunden werden – als ob die Nationalität zur Tat führen würde. Damit wird das Terrain bereitet für eine flächendeckende ausländerfeindliche Stimmung.
  • Verbreitetes konservatives Familienbild: Es gehört zum Selbstverständnis von Konservativen, dass das Familienoberhaupt die Familie vor Gefahren von Aussen beschützen muss. Damit diese Rolle aufrecht erhalten werden kann und der Mann nicht überflüssig wird, werden ständig Feindbilder produziert. «Kriminelle Ausländer» eignet sich hervorragend. Weil die Linken dieses Prinzip noch nicht verstanden haben, können sie die Leute argumentativ nicht abholen.
  • Falsche, verfängliche Fragen: Die Initiative wird unlauter auf Fragen heruntergebrochen, um daraus unzutreffende Vorwürfe abzuleiten. Man fragt: «Bist du für oder gegen Kriminelle?» und wirft den Initiativgegnern vor, Kriminelle in Schutz zu nehmen. Man fragt: «Gibt es Integrationsprobleme?» und wirft den Initiativgegnern vor, die Probleme zu ignorieren und nichts gegen sie zu unternehmen. Es ist eine einfache und wirksame Strategie, die Initiativgegner in die Defensive, in die Täterschützer- und «Gutmenschen»-Rolle zu drängen. Die meisten linken Politiker (z.B. Daniel Vischer) durchschauen dies nicht und tappen immer wieder in die gleiche Argumentationsfalle.
  • Falsche Vorstellung des «missbrauchten Gastrechts»: Ausländerkriminalität wird gerne als Missbrauch des Gastrechtes angesehen. Wenn sich ein Gast nicht an die Regeln des Gastgebers hält, kann man ihn rauswerfen – das klingt einleuchtend. Jedoch sind durch die langen Einbürgerungszeiten viele Auländer hier aufgewachsen oder sogar geboren. Für sie ist die Schweiz Heimat- und nicht Gastland. Es ist nicht statthaft, Leute in ihrem Heimatland wie Gäste zu behandeln.
  • Angst vor der SVP: Die Angst vor der SVP ist bei CVP und FDP stärker als die eigenen Prinzipien und Werte, die darum kurzerhand über Bord geworfen werden. Das führt zu Vorschlägen wie jene der CVP, den Schweizer Pass nur noch auf Probe abzugeben. Das ist, mit Verlaub, nichts anderes als Appeasement-Politik und zeitigt die entsprechenden Folgen. Die SVP wird dadurch in ihrem harten Kurs nur noch bestärkt.
  • Abwesenheit der Intellektuellen: Die linken Intellektuellen sind verstummt. Sie melden sich politisch nicht zu Wort, oder wenn, dann schaffen es auch sie nicht, in den Medien ein anderes Menschenbild zu vermitteln. Diejenigen, die nach der Minarettinitiative aufgewacht sind und wirklich etwas zu sagen haben, kann man an einer Hand an einem Finger abzählen. Die Gründe dafür sind mir schleierhaft. Die Zeiten, als man noch Kinderlieder darüber schrieb, sind auch schon seit Jahrzehnten vorbei.

[audio:http://substanz.skroll.ch/wp-content/uploads/2010/03/radio_letten-2009-02-03-75612.mp3]
(«Ciao ciao Svizzera» by Radio Letten)

Die Liste könnte man noch weiterführen. Meine Hoffnung, dass sich an alldem etwas ändern wird, ist wirklich sehr, sehr klein.

Kopftuchstreit: die absurdesten Argumente

Da die St. Galler Rheintaler sowieso schon seit Wochen mein Blog stürmen, kann es nicht schaden, mich auch noch in den Rheintaler Kopftuchstreit einzumischen. Dort wird nämlich über einen Fall an der Oberstufeschule Mittelrheintal in Heerbrugg gestritten, bei dem einer 15-jährigen Schülerin verboten wird, mit dem Kopftuch zur Schule zu gehen. Ich könnte jetzt wieder ein Voting machen, welches denn das absurdeste Argument für ein Kopftuchverbot sind, aber ich sehe diesmal davon ab, da es der Diskussion nicht dient. Absurd oder zumindest unüberlegt sind die Argumente in meinen Augen aber gleichwohl:

  • Unsere Regeln (wie dieses Verbot von Kopfbedeckungen im Unterricht) gelten für alle!
    Ich bin sicher, dass in anderen Fällen Ausnahmen gemacht würden. Käme ein Kind von einer Chemotherapie und wünschte sich eine Kopfbedeckung, um die Glatze zu kaschieren – der Schulleiter wäre ganz bestimmt nicht vor der Schulzimmertür gestanden und hätte den Eintritt verweigert. Es stimmt also nicht, dass eine solche Regel für alle gilt. Die Frage ist, ob sie für Mädchen mit Kopftüchern gilt (obwohl sie ursprünglich für Jungs mit Baseballcaps gemacht wurde).
  • Die Muslime müssen den Rechtstaat anerkennen!
    Ja, das müssen sie. Eine Schulordnung ist aber nicht der Rechtsstaat, und dieser hängt auch nicht von einer Schulordnung ab. In einem Rechtsstaat gibt es auch die Möglichkeit, Regeln, die nicht mehr für sinnvoll erachtet werden, in Frage zu stellen und zu ändern. Mit einer Schulordnung in Konflikt zu geraten, kann auch einer urschweizerischen Familie passieren – dahinein eine Ablehnung des Rechtsstaates zu interpretieren, ist völlig unverhältnismässig.
  • Muslime haben sich uns anzupassen (nicht wir uns ihnen)!
    Wir haben in der Schweiz schon seit jeher eine kulturelle und religiöse Vielfalt. Das Land verträgt auch eine noch stärkere Vielfalt. Solange sich Muslime sich an die demokratischen und rechtsstaatlichen Regeln halten, haben sie die rechtsstaatlich zugesicherte individuelle Freiheit, ihre Kultur so zu leben, wie es ihnen passt – so wie wir unsere Kultur so leben dürfen, wie es uns passt. Wir brauchen keine Assimilierung/Verbünzlisierung/Mainstreamisierung/Gleichmacherei.
  • Muslime müssen sich integrieren!
    Oftmals wird Integration mit Assimilation verwechselt. Eine kulturelle Andersartigkeit erschwert wohl manchmal Integration, ist aber eine leichte Hürde – vorausgesetzt, es ist auf beiden Seiten die Bereitschaft vorhanden, diese Andersartigkeit zu akzeptieren und tolerieren. Oftmals erschwert oder verhindert die Mehrheitsgesellschaft eine erfolgreiche Integration, weil sie der kulturelle Andersartigkeit mit Ablehnung und Ausgrenzung begegnet. So wie ein Hippie-Junge mit langen Haaren in eine Klasse integriert werden kann, kann auch ein Mädchen mit Kopftuch integriert werden.
  • Es muss verhindert werden, dass Mädchen unterdrückt werden!
    Ja, es soll für Gleichbereichtigung gekämpft werden. Gleichberechtigung findet aber im Kopf und nicht auf dem Kopf statt. Jungs werden auch Hosen aufgezwungen, obwohl sie vielleicht lieber Röcke tragen würden, wenn sie eine echte Wahl hätten. Unser Leben ist voller Zwänge. Man kann nicht jemand von einem Zwang befreien, indem man ihn einem anderen Zwang unterwirft. Freiheitliche, aufklärerische, humanistische Vorstellungen können wir nicht mit Regeln aufzwingen, wir müssen sie mit Argumenten vermitteln. Dies könnte am einfachsten in der Schule geschehen, jedoch werden Bemühungen für entsprechende Lehrinhalte bisher oftmals erfolgreich von genau jenen Leuten bekämpft, die bei einem Kopftuch am lautesten aufschreien: der konservativ-christlichen Mehrheit. Ausserdem sollten wir ein Mädchen, das zur Erkenntnis gelangt ist, dass es kein Kopftuch tragen möchte, kräftig unterstützen, dass ihr das Kopftuch nicht trotzdem aufgezwungen wird.

Schweizer Geiseln

Die Schweiz sorgt sich um Rachid Hamdani und Max Göldi. Zurecht. Aber: Es gibt auch umgekehrte Schweizer Geiseln. Geiseln der Schweiz.

Zum Beispiel Jugendliche, die bis zu 12 Monate in Ausschaffungshaft – also völlig unschuldig – gehalten werden, in der Hoffnung, sie würden dadurch so zermürbt, dass sie in eine Rückkehr dahin, wo sie geflüchtet sind, irgendwann doch einwilligen. Dass dies gegen die Kinderrechtskonvention verstösst, ist den Schweizern egal.

Oder solche wie zum Beispiel ein Junge namens Abdirashid, der nach Italien ausgeschafft wurde, wo er ganz ohne staatliche Hilfe einfach seinem Schicksal überlassen wurde.

An ihrer Situation könnten wir etwas ändern. Allein der Wille und das Interesse fehlt. Es sind Flüchtlinge, gefangen in der Festung Europa, ohne Ausweg, ohne Perspektive. «Sie sollen wissen, dass wir alleine sind und ständig Angst haben.»