Was man sich heutzutage so alles anhören lassen muss…

Ich erzähle «völligen Schwachsinn». Habe eine «realitätsfremde Auffassung», nämlich ein «dogmatisches, unrealistisches Ich-sehe-nur-das-Gu​te-im-jeden-Menschen-​Denken». Ich «verharmlose». Ich «täusche» mich «gewaltig». Ich bin «naiv». Anhand meiner «seltsamen Ansichten» lässt sich darauf schliessen, dass ich «selber wohl auch nicht sauber» bin. Ich verbreite «Quatsch». Ich «hetze gegen die Opfer», weil ich von meiner «heuchlerischen, oberfrommen Sicht so vernebelt» bin, dass ich «die Realität gar nicht mehr wahrnehme». Meine «Ansichten sind einfach nur naiv und krank». Ich bin «eine Lachnummer». Was ich schreibe, glaube ich wohl selber nicht. Was ich schreibe beweist, dass ich «von Tuten und Blasen keine Ahnung» habe. Ich «verbohre» mich weiter in meinem «Dogmatismus». Ich lebe in meiner «Traumwelt». Wer «die Täter so in Schutz nimmt» wie ich, «muss ja wirklich belämmert sein». Ich «negiere das Offensichtliche». Was ich abliefere «ist so was von weltfremd, realitätsfern, gefühlskalt, unreif und wirft ein sehr schiefes Bild» auf mich.

Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass anonyme Diskussionen im Internet oft zivilisierter ablaufen als solche mit Realnamen. Und dass in der SVP für weiblichen Nachwuchs gesorgt ist. Ich glaube nicht, dass ihr euch die gesamte Diskussion antun wollt. Meine Meinung dazu habe ich schon im 2009 zusammengefasst.

Betrachtungen zu Wikileaks und der Rolle der traditionellen Medien

Wikileaks führt die Probleme der traditionellen Medien deutlich vor Augen. Ein Teil ist unverschuldet, bedingt durch die Entwicklung des Internets. Ein Teil ist aber selbstverschuldet – sie haben schlicht versagt. Als Pirat, der sich eines Freitags inmitten eines Hypes wiederfand, möchte ich ein paar Betrachtungen mit euch teilen.

  • Sehr viele Journalisten haben sehr wenig Ahnung von der grundlegenden Funktionsweise des Internets. Sie können die Domain nicht von der Website unterscheiden. Wenn Wikileaks «plötzlich» von wikileaks.ch aus erreichbar ist, meinen sie, die Website sei nun in der Schweiz gehostet. Und schreiben das so in die Zeitung. Die Berichte waren insbesondere zu Beginn schlicht unbrauchbar. Für korrekte aktuelle Information musste man auf deutsche oder gar englischsprachige Fachmedien ausweichen. Ausserdem waren die traditionellen Medien viel zu langsam. Die Domain wikileaks.ch funktionierte an jenem Freitag um 20.30 Uhr wieder, aber bei Newsnetz prangte noch am nächsten Morgen auf der Frontseite «Wikileaks.ch bereits wieder Vergangenheit». (Übrigens ist es eine Unsitte, die Artikel dann plötzlich umzuschreiben, ohne dass man nachvollziehen kann, was geändert wurde. Wie soll man dann drauf verlinken?)
  • Aus diesen Gründen scheitern die Zeitungen auch, wenn es um die Wertung der Geschichte und ihrer einzelnen Aspekte geht. Wikileaks erscheint plötzlich eine Woche lang täglich auf der Print-Frontseite, aber oftmals mit Nebenschauplätzen. Sie stürzen sie auf Klatsch in den Depeschen, Julian Assange und Schweizbezüge (namentlich die Piratenpartei, die eine Gratis-PR-Kampagne daraus zu machen wusste) und verpassen das Wesentliche.
  • Entsprechend gehen auch die Kommentare daneben. Statt die USA für ihre Verantwortungslosigkeit, vertrauliche Informationen 2 Millionen Amerikanern zugänglich zu machen, zu geisseln, schreibt Walter Niederberger: «Wenn die USA derzeit keine gute Handhabe gegen Wikileaks haben, wie es scheint, müssen sie dies rasch klarstellen und präzisere Gesetze ausarbeiten.» Da fordert ein Journalist doch allen Ernstes die Einschränkung der Pressefreiheit! Und (der sonst geschätzte) Philipp Löpfe findet das Thema nebensächlich, schliesslich sei die Waschmaschine eine wichtigere Erfindung gewesen als Wikileaks. Nur schon die Tatsache, dass statt das Thema selbst auf einer Metaebene dessen Relevanz diskutiert wird, stellt kein gutes Zeugnis aus. Dass dann aber noch so hanebüchen argumentiert wird, zeugt von kompletter Orientierungslosigkeit. Da können wir ja nur noch froh sein, rufen Schweizer Journalisten nicht zur Ermordung von Assange auf, so wie das manche in den USA tun.
  • Den einzigen vernünftigen Kommentar (ausser von der Piratenpartei), den ich lesen konnte, schrieb IT-Unternehmer und FDP-Nationalrat Ruedi Noser: «Medienschaffende veröffentlichen nun mal Dokumente, die ihnen zugespielt werden. Es ist auch ihre Aufgabe, dies zu tun.»
  • Dass das, was Wikileaks macht, eigentlich Aufgabe der traditionellen Medien wäre, und wieso Wikileaks ihnen diese Aufgabe wegnehmen konnte, darüber verlieren die Journalisten anscheinend keinen Gedanken. Die Gründe für den Siegeszug von Wikileaks sind:
    • Die Medien überlegen sich viel zu wenig, wie sie das Internet für ihre Zwecke nutzen könnten. Sie kamen schlicht nicht auf die Idee, selbst eine sichere Whistleblower-Plattform einzurichten.
    • Die traditionellen Medien sind an ein Land gebunden und dadurch unter staatlichem Druck. Eine New York Times kann es sich nicht leisten, eine Sperrung ihrer Domain und ihrer Finanzströme zu riskieren. Daher würden die meisten Informationen nicht an die Öffentlichkeit gelangen, wenn ein traditionelles Medium solche Depeschen zugespielt bekommen würden. In der Schweiz kommt dazu noch der unsägliche Artikel 293 des Strafgesetzbuches, der das «zur Öffentlichkeit bringen» von geheimen amtlichen Informationen und «Gehilfenschaft» dazu unter Strafe stellt. Wikileaks hingegen kann nicht daran gehindert werden, die Informationen zu veröffentlichen.
    • Ausserdem gehören die Medien Konzernen, deren Versprechen nach redaktioneller Unabhängigkeit und Quellenschutz die Whistleblower anscheinend weniger vertrauen als einer anonymen Internet-Organisation. Das sollte ihnen zu denken geben.
  • Das Wesentliche, dem in den Berichten der traditionellen Medien zu wenig Bedeutung zugemessen wird, ist:
    • Die USA geht höchst fahrlässig mit vertraulichen Informationen um. Verräter sind die Botschafter, die vertrauliche Gespräche in eine Datenbank mit zwei Millionen Nutzern schrieben, nicht Wikileaks.
    • Dank Wikileaks wird die Presse- bzw. Informationsfreiheit gestärkt, da es staatlich kaum unter Druck gesetzt werden kann. Wenn dies versucht wird, hat das einen Streisand-Effekt zur Folge. In Windeseile verstreuen sich die Kopien über das ganze Netz, und unzählige Domains verweisen darauf.
    • Die Obama-Administration greift die Informationsfreiheit frontal an, in bester chinesischer Manier. Ohne gesetzliche Grundlagen werden Domains gelöscht und Finanzdienstleistungen eingefroren – bis dahin war das für mich undenkbar. Wikileaks ist für die USA anscheinend viel gefährlicher als rassistische Organisationen wie der Ku-Klux-Klan.
    • Von den Depeschen selbst ist erst ein Bruchteil veröffentlicht worden. Wenn die Veröffentlichungen weiter so schleppend vorangehen, wird es bis ins Jahre 2018 dauern, bis alle Depeschen veröffentlicht sind. Es ist also gar nicht möglich, eine Einschätzung der Relevanz der Inhalte der Depeschen vorzunehmen.
    • Wenn es um staatliche Überwachung der Bürger (z.B. Vorratsdatenspeicherung) geht, sagen Politiker oft: «Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.» Mit Wikileaks wird der Spiess nun umgedreht: «Der Staat, der nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.» Die Behörden werden gezwungen, ehrlicher und transparenter zu werden. Sie müssen sich das Vertrauen ihrer Bürger gewinnen. Das geht nicht durch Geheimhaltung.
  • Wenn Informanten Wikileaks den traditionellen Medien gegenüber bevorzugen, wenn unbekannte Blogger in kürzester Zeit ein Millionenpublikum erreichen, wenn die traditionellen Medien bei der Informationswiedergabe, Wertung und Einordnung scheitern – na, wozu sind sie dann noch da, die Medienhäuser? Das wertvollste, dass sie noch haben, scheint mir ihre etablierte Marke zu sein. Diese sorgt für Reichweite. Doch auch mit ihren Marken gehen sie fahrlässig um. Wer ist glaubwürdiger, der Tages-Anzeiger oder Wikileaks? Ich denke, Wikileaks hat den Tages-Anzeiger in dieser Hinsicht bereits überholt.
  • Weiterhin wird es Medienschaffende brauchen: Experten, Reporter, Rechercheure, Texter, Interviewer, Filmer, Fotografen. Aber werden diese weiterhin auf ein Medienhaus angewiesen sein? Glaubwürdigkeit, Reichweite und Quellenschutz können auch ohne Medienhäuser realisiert werden. Welche Aufgaben bleiben übrig? Rechtsbeistand für die Journalisten? Zielgruppengerechte Aufbereitung der Informationen? Werbeflächenvermarktung? Da müssen sie sich jedenfalls etwas einfallen lassen. Und ihrer Marke mehr Sorge tragen.

SF und die Anonymisierung

Liebes Schweizer Fernsehen

Ist ja toll, dass ihr euch bis vor Bundesgericht für die Anonymität eines Kommentar-Verfassers auf eurer Website kämpft, obwohl ihr für dessen Aussagen dann selbst geradestehen müsst. Ich finde es gut, dass IP-Adressen ab heute ein wenig besser geschützt sind.

Aber wenn euch der Datenschutz doch so wichtig ist, wieso sendet ihr dann am gleichen Tag in der Rundschau einen Bericht über einen mutmasslichen Sexualstraftäter «Hans W.» und zeigt dabei Screenshots von seiner Präsentation auf einer Website, so dass man sich seinen richtigen Namen innert Sekunden ergoogeln kann? Ist Datenschutz plötzlich nicht mehr wichtig, wenn es nicht um Quellen geht? Oder habt ihr einfach das Internet noch nicht begriffen? (Ausserdem finde ich, dass ihr in dem Bericht die Forderung nach einem öffentlichen Sexualstraftäterverzeichnis zu unkritisch im Raum stehen lässt und dann sogar noch mit der Plattitüde kommentiert: «Der Täterschutz wird höher gewichtet als der Schutz der Patienten.»)

Meiner Meinung nach ist sowas ein Fall für den Presserat, wenn nicht für die Gerichte.

sexuelle_uebergriffe

Warum das «Anti-Piraterie-Abkommen» ad acta gelegt werden muss

Werden Kriminelle schon bald so aussehen?:

Wenn Unterhaltungskonzerne westlichen Regierungen einflüstern, wie sie die Gesetze machen sollen, dann kommt ein internationales Abkommen heraus, das Urheberrechtsverstösse (wie zu Beispiel der obige) zu kriminellen Taten machen will.

Mit dem Internet haben Kulturtechniken wie Remixing und Sharing einen grossen Stellenwert erhalten. Unterhaltungskonzernen ist dies ein Dorn im Auge, denn sie drohen überflüssig zu werden. Um dies zu verhindern, verhandeln die USA, die EU, die Schweiz und 10 weitere Staaten über ein Abkommen namens Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA), das noch dieses Jahr abgeschlossen werden soll. Nachdem jahrelang im Geheimen verhandelt wurde, wurde im April erstmals ein Entwurf veröffentlicht.

stopp-actaNGOs, Schwellenländer, Internetprovider, Auktionshändler, Bürgerrechtler und Netzaktivisten kritisieren den Abkommensentwurf scharf:

  • Mit der Verschiebung auf die internationale Ebene wird versucht, nationale Gesetzgebungsprozesse und Debatten zu umgehen. Auf nationaler Ebene wird dann argumentiert, das sei ein internationales Abkommen, bei dem man nicht aussen vor stehen könne. Die Regierungen geben die Verantwortung nach «oben» ab. Die Zivilgesellschaft hat fast keine Chance, eine öffentliche Debatte anzustossen – bei so trockenen Themen wie ACTA erst recht nicht. Solch undemokratisches Vorgehen nennt man neudeutsch «policy laundering».
  • Nichtkommerzielle Aktivitäten, die für den Zugang zu Wissen und Kultur, für Innovation und Meinungsfreiheit wichtig sind, werden in einen Topf geworfen mit kommerzieller Produktefälscherei und auch entsprechend verfolgt. So sollen am Zoll Laptops und andere digitale Geräte auf Vermutung hin nach urheberrechtlich geschütztem Material durchsucht und diese Geräte beschlagnahmt werden können. Die Umgehung von DRM (zum Beispiel, wenn ich einen gekauften Film auf das iPad kopieren will) soll verfolgt werden. Internet-Anbieter sollen in die Verantwortung genommen werden für das, was ihre Kunden tun. Sie werden zu Hilfspolizisten des Staates, die ihre Kunden überwachen und bei mehrmaligem Verstoss ihnen gar das Internet abstellen müssen. Ruinös hohe Entschädigungszahlungen sollen durchgesetzt werden und den Konzernen so neue Einkünfte bringen.
  • Es soll ein neuer Straftatbestand Beihilfe oder Anstiftung zu Urheberrechtsverletzungen geschaffen werden. Damit könnten im Extremfall sogar Verlinkungen bestraft werden.
  • Der ACTA-Entwurf sieht Sanktionen für Patentverletzungen vor, die den Handel von Generikamedikamenten in Entwicklungs- und Schwellenländern (und damit den Zugang zu Medikamenten für ihre Bevölkerung) einschränken können. Darum versucht Indien nun, eine Allianz von Staaten zu bilden, die gegen das ACTA-Abkommen sind.
  • Mit den ACTA-Verhandlungen werden die UN-Institution WIPO und die WTO absichtlich umgangen, weil die Vorschläge dort nicht mehrheitsfähig sind. Später sollen die Regelungen dann schrittweise weiteren Staaten aufgedrängt werden. Damit wollen die westlichen Staaten ihre Vorstellungen weltweit durchsetzen.

Die nächste ACTA-Verhandlungsrunde findet ab dem 28. Juni 2010 in Luzern statt. Darum plant die Piratenpartei an diesem Tag eine Kundgebung auf dem Bahnhofplatz Luzern (sowie am Tag zuvor in anderen europäischen Städten). Dort wird dann auch die Petition übergeben, die hier unterzeichnet werden kann. Wer hilft mit, ein Zeichen zu setzen?

Links zum Thema

Politiker online im Dialog (oder auch nicht)

Das Internet ist ein Dialogmedium. Es ermöglicht persönliche Gespräche wie am Telefon, die man aber so zugänglich machen kann wie eine Zeitung. Man könnte sich denken, dass sich die Politiker auf diese Möglichkeit stürzen und ihr Dialogfähigkeit und Basisnähe unter Beweis stellen wollen.

Leider ist dem nicht so. Ein echter Dialog zwischen Politikern und Bürgern findet im Internet bisher selten statt. Kaum ein Politiker lässt sich öffentlich auf kritische Fragen von Bürgern ein. Dies ist das Resultat meiner kleinen Surftour:

Parteiübergreifende Plattformen

Es haben sich verschiedene parteiübergreifende Webplattformen herausgebildet. Parteiübergreifende Plattformen sind meistens  kontroverser und damit auch unterhaltsamer als parteispezifische Plattformen.

  • NZZ Votum: Das scheint mir die älteste parteiübergreifende Dialogplattform zu sein. Eine kleine Auswahl von Politikern oder Experten wird jeweils eingeladen, zu einem aktuellen Thema zu «bloggen». Die meisten von ihnen zeigen sich an den Kommentaren jedoch gänzlich uninteressiert. Kadenz: sehr hoch: Kommentare: viele. Dialog: selten vorhanden.
  • Wahlbistro: An bisher drei Wahlen in Bern und Zürich wurde das Wahlbistro betrieben. Politiker und Bürger konnten gleichberechtigt zu vorgegebenen Themen Stellung beziehen. Es entstanden dadurch echte Dialoge zwischen Poltikern und Bürgern und zwischen Politikern verschiedener Parteien. Jedoch ist es schwierig, für eine so kurze Wahlkampfzeit eine Plattform bekannt zu machen, weshalb ich vermute, dass die Reichweite relativ bescheiden war. Kadenz: auf Eis gelegt. Kommentare: viele. Dialog: intensiv.
  • Politnetz: Sowohl Politiker wie Bürger können Themen lancieren, ihre besten Argumente einbringen und die Argumente der anderen kommentieren und bewerten. Während den Berner und Zürcher Kantonalwahlen haben sich viele Kandidaten beteiligt, und manche sind sogar weiterhin aktiv. National bekannte Politiker fehlen jedoch bisher. Obwohl die Plattform nicht optimal ist für längere Dialoge, finden solche zahlreich statt. Kadenz: hoch. Kommentare: viele. Dialog: intensiv.
  • Vimentis Dialog Eine neue, überparteiliche Blogplattform für Politiker, die bereits gut genutzt wird. Auch die Bestrebung ist gut: «Verwickeln Sie unsere Politiker in eine Diskussion!» Leider ignorieren die Politiker die entsprechenden Versuche von Kommentierern. Es droht dieselbe One-Way-Kommunikationswüste wie bei NZZ Votum. Kadenz: sehr hoch. Kommentare: viele. Dialog: Nicht vorhanden.
  • Links bis rechts: Die Präsidenten der Jungparteien bloggten gemeinsam, anscheinend auf Einladung von news1.ch. Konnte sich keine grosse Reichweite erarbeiten und wurde anscheinend eingestellt. Kadenz: auf Eis gelegt. Kommentare: wenige. Dialog: nicht vorhanden.

Plattformen der Parteien

Verschiedene nationale, kantonale und lokale Parteien versuchen auf unterschiedliche Weise, einen Dialog mit der Parteibasis und der Bevölkerung zu ermöglichen.

  • FDP: Die FDP betreibt verschiedene Blogs, manche davon nur während dem Wahlkampf. Auch auf ihrer neuen nationalen Website gibts einen. Jedoch werden sie von den meisten Politikern nur als Publikationskanal, nicht aber als Dialogplattformm genutzt. Auch die Facebook-Page nicht.
    • FDP Schweiz: Kadenz: mittel. Kommentare: wenige. Dialog: nicht vorhanden.
    • FDP Schweiz auf Facebook: Kadenz: hoch. Kommentare: wenige. Dialog: kaum vorhanden.
    • FDP Luzern: Kadenz: sehr hoch. Kommentare: wenige. Dialog: nicht vorhanden.
    • FDP St. Gallen: Kadenz: mittel. Kommentare: wenige. Dialog: kaum vorhanden.
    • FDP Bern: Kadenz: auf Eis gelegt. Kommentare: einige. Dialog: vorhanden.
    • FDP Biel-Seeland: Kadenz: auf Eis gelegt. Kommentare: keine.
  • SP: Auf lokaler Ebene findet man SP-Blogs, die wirklich für einen Dialog genutzt werden. Der nationale SP-Blog wurde wohl definitiv eingestampft bzw. durch die Facebook-Page ersetzt. Das Blog der SP Stadt Zürich findet man seltsamerweise weder über sp-zuerich.ch noch über spstadtzh.ch (und wieso gibts diese beiden Websites?).
    • SP Schweiz auf Facebook: Kadenz: hoch. Kommentare: einige. Dialog: vorhanden.
    • Juso: Kadenz: mittel. Kommentare: viele. Dialog: vorhanden.
    • SP Bern: Kadenz: mittel. Kommentare: wenige. Dialog: nicht vorhanden.
    • SP Zürich: Kadenz: hoch. Kommentare: wenige. Dialog: vorhanden.
    • SP Schaffhausen: Kadenz: sehr hoch. Kommentare: wenige. Dialog: selten vorhanden.
    • SP Uster: Kadenz: tief. Kommentare: wenige. Dialog: vorhanden.
    • SP Arlesheim: Kadenz: tief. Kommentare: wenige. Dialog: vorhanden.
  • Grüne: Auch auf grünen Blogs finden teilweise Dialoge statt.
  • CVP: Von der CVP habe ich keine Blogs gefunden ausser diesen, dessen Darstellung/Navigation irgendwie fehlerhaft ist:
  • SVP, BDP, EVP, GLP etc.: Scheinen das mit dem Online-Dialog auf Parteiebene aufgegeben oder noch nie versucht zu haben.

Persönliche Blogs von Politikern

Solche gibt es, jedoch eher vereinzelt, mit tiefer Reichweite und kaum mit kritischen Dialogen (jedenfalls nicht von national bekannten Politikern). Am ehesten scheint man einige auf Facebook in eine Diskussion verwickeln zu können.

Idée suisse radikal neu denken: fünf Ansätze

Internet und Digitalfernsehen befreien die herkömmlichen Medien von ihren Fesseln: Keine Beschränkung der Anzahl Kanäle, keine Platzknappheit, keinen Zwang zu Linearität und Gleichzeitigkeit, keine Limitierung der Rückkanäle, keinen Zwang zu einem uniformen Massenprodukt, keine geografische Grenzen, keine so starke Trennung von Text, Ton und Bewegtbild mehr. Nur die alten Strukturen und Prozesse hindern die Medienunternehmen, diese bisher undenkbare neue Freiheit zu nutzen. Zwar machen alle irgendwas mit dem Internet. Aber glücklich mit dem Journalismus im Internet ist noch kaum jemand geworden. Nutzer werden zu Klickvieh degradiert, Journalismus wird boulevardisiert und googleoptimiert, die Öffentlichrechtlichen werden limitiert, Einnahmen werden trotzdem kaum generiert. Die Anzeigen finden eigene Kanäle, und die Gebühreneintreibung verliert durch das Internet und die Medienkonvergenz ihre Berechtigung noch vollends. Redaktionen werden zusammengeschlossen, Stellen und Qualität abgebaut, Nachrichtenagenturen sind ebenfalls vom Aussterben bedroht. Die Zukunft des Qualitätsjournalismus sieht wahrlich nicht rosig aus. Rettungsversuche mit Bezahlschranken auf Websites wie jene von Springer sind jämmerlich. Das iPad wird nicht der Heilsbringer für den Journalismus werden, den sich manche erhoffen.

Wie soll das nur weitergehen? Es ist Zeit für einen ziemlich radikalen Neuanfang. Fünf Ansätze für eine Neuordnung:

  • Distribution privatisieren und deregulieren. Mit dem Internet ist die Distribution sehr einfach und günstig und die Begrenzung der Kanäle aufgehoben worden. Produktion und Distribution sind voneinander unabhängig geworden. Die Distribution funktioniert auch ohne Subventionen und ohne gebührenfinanzierte Monopolsender. Die SRG sollte alle ihre Sender schliessen und die Distribution dem Internet und dem freien Markt überlassen.
  • Konvergieren, aber richtig! Eine heutige «Zeitungswebsite» oder «Fernseh-Website» ist wie ein frühes Automobil, das eine motorisierte Kutsche war. Im Internet braucht man weder eine Zeitung noch einen TV-Sender zu imitieren. Wenn man alle bisherigen Möglichkeiten mit den interaktiven und individualisierenden Möglichkeiten des Internets kombiniert, entsteht etwas ganz Eigenes, das auch eine eigene Marke braucht und kein Online-Ableger eines traditionellen Mediums sein kann. Text, Bild, Ton, Film und interaktive Visualisierung sind gleichwertige Basismedien mit je eigenem Einsatzbereich.
  • Gebührenmodell durch Steuermodell ersetzen. Der Staat sollte die Finanzierung von qualitativ hochstehendem Journalismus sicherstellen. Die Empfangsgebühren machten Sinn, als es nur SRG-Sender und nur ein Gerät pro Haushalt gab. Heute sind sie ein Anachronismus, denn ein empfangsfähiges Gerät hat mit tatsächlichem Empfang nichts zu tun. Die Einheitsgebühren pro Haushalt sollten aus Fairnessgründen durch geräteunabhängige, einkommensabhängige Steuern pro Kopf ersetzt werden.
  • Vierte Macht installieren und fokussieren. Journalismus hat eine ungeheuer wichtige Aufgabe im demokratischen Staat. Die Erfüllung dieser Aufgabe sollte nicht dem Zufall (dem Anzeigenmarkt) überlassen werden, sondern institutionell gestärkt werden. Die senderlose SRG könnte man in Redaktionen nach dem Vorbild von Pulitzerpreis-Gewinner ProPublica (jedoch steuerfinanziert) aufsplitten. Diese würden ihre journalistischen Erzeugnisse unter den privatisierten Sendern und Medienhäusern versteigern oder sie ihnen gratis anbieten. Auch die Nachrichtenagentur könnte mit Steuergeldern finanziert werden. Sportübertragungen und Unterhaltungssendungen braucht es aus politischer Sicht hingegen nicht. Diese können vollständig privat finanziert und produziert werden.
  • Mit freien Lizenzen veröffentlichen. Was durch Steuerzahler finanziert wird, sollte der Öffentlichkeit spätestens nach wenigen Tagen zur freien Verwendung überlassen werden, inklusive Rohmaterialien.

Aktuelle Artikel zum gleichen Thema:

Flatterst du schon?

Es gibt ja so viele grossartige Dinge im Netz – Unterhaltendes, Inspirierendes, Informatives, Anregendes. Wenn ich etwas toll finde, kann ich dies vielerorts in den Kommentaren kundtun. Und ich kann den Link dazu weiterverbreiten. Beides ist mit einem gewissen Aufwand verbunden. Man kann damit seine Wertschätzung zeigen – aber wirklich etwas davon haben tut der Urheber des grossartigen Dings nicht.

Bis jetzt. Ein neuer Micropayment-Dienst namens Flattr ist nun in der geschlossenen Beta-Phase, und wer sich sputet, kriegt vielleicht dafür noch einen Zugang. Flattr ermöglicht mir drei Dinge: Ich kann damit Wertschätzung zeigen, ich kann damit einen Link promoten, und: Ich kann den Urheber mit richtigem Geld unterstützen. Und jetzt kommt der Clou: Dies alles mit einem einzigen Klick! Ich finde das ein vielversprechender Ansatz.

Wer also einen Flattr-Account hat, darf mich ab sofort unterstützen – und im Gegenzug werde ich auf meinen Surftouren stets nach einem Flattr-Button Ausschau halten.

Übrigens, ja, es gibt auch noch Kachingle, bei dem Ronnie auf dem 4. und Frau Zappadong auf dem 9. Platz der deutschsprachigen Charts liegen. Jedoch habe ich Kachingle nicht eingerichtet, weil mich zwei Dinge stören: Es wird dabei quasi ein Surfprofil meines Surfverhaltens erstellt, und man kann nicht im Anschluss an das Lesen/Hören/Anschauen entscheiden, ob man einen Beitrag unterstützen möchte – sondern es werden einfach die Anzahl Besuche gezählt, die man auf einer unterstützten Website abstattet.

Kopieren ist alles

Wir sind alles nur Kopien. Unser Genom besteht aus der Neukombination des Genoms unserer Eltern. Die Natur kopiert, kombiniert, selektiert, kopiert, kombiniert, selektiert, … immer weiter. In seltenen Fällen kommt es zu «Fehlern» im Kopiervorgang: Mutationen. Aber in erster Linie sind unsere Körperzellen Kopiermaschinen für Gene.

Die über die Jahrtausenden entstandene menschliche Kultur evolviert ähnlich: Wissen, Ideen, Vorstellungen, Sprache und Stile werden von Person zu Person weitergegeben, also kopiert. Wir erhalten permanent von allen Seiten kulturelle Inputs, kombinieren diese neu und geben sie weiter. In seltenen Fällen haben wir eine Idee, die noch niemand vorher hatte. Aber in erster Linie sind wir Kopiermaschinen für Meme.

Kopie und Rekombination sind also quasi Naturgesetze und grundlegende Kulturtechniken. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte war das Kopieren keinen Gesetzen unterworfen. Goethe und Mozart konnten sich noch fleissig bei Werken anderer bedienen. Erst ab dem späten 18. Jahrhundert begann sich die Vorstellung eines «geistigen Eigentums» langsam durchzusetzen. Seit 1886 (Berner Übereinkunft) bis zum Siegeszug den Internets war das Urheberrecht in der westlichen Welt praktisch unbestritten.

Unsere Computer sind Kopiermaschinen. Um ein Programm auszuführen muß es von einem Medium in den Speicher, vom Speicher in den Prozessor kopiert werden, ebenso alle Daten. Ergebnisse werden zurück kopiert. Der Befehlssatz eines jeden Rechners hat circa zehn Mal mehr Kopier- als Rechenbefehle.

Unsere Netze sind Kopiermaschinen. Wir sagen wir ’senden eine Nachricht‘, aber das Wort ist falsch. ‚Senden‘ impliziert, daß die Nachricht sich bewegt und für den „Ab“-Sender nicht mehr da ist. Das ist in der realen Welt so, aber nicht im Netz: Wir kopieren eine Nachricht an die Empfänger.

Das Wesen aller IT ist die Kopie. (Quelle)

Mit der Digitalisierung (fast kostenlose Erstellung von exakten Kopien) und dem Internet (fast kostenlose Verbreitung der Kopien) kommt das Urheberrecht stark unter Druck. Es wird als Behinderung der kulturellen Entwicklung wahrgenommen. Eine gute Dokumentation über die aktuelle Lage beim Urheberrecht ist «Good Copy Bad Copy»:

Aktuell geschehen absurde Dinge. Deutsche Verlage fordern ein diffuses Leistungsschutzrecht, mit dem sie Google dazu zwingen wollen, sie für Textanrisse zu vergüten. Springermedien verstecken ihren Inhalt vor ihren regelmässigen Kunden hinter einer Bezahlschranke – nicht aber vor jenen, die über Google auf die Seiten kommen. Helene Hegemann bedient sich bei Werken anderer, ohne diese Quellen anzugeben oder gar die Rechte einzuholen, und wird damit zum Literatur-Wunderkind erhoben. Plötzlich finden dies zahlreiche Verlage und Kommentatoren in Ordnung.

Zum Glück gibt es noch Leute, die verstehen, worum es geht. Zum Beispiel Peter Sunde, Mitbegründer von The Pirate Bay. Mit Flattr hat er ein Projekt gestartet, mit dem man mit einem Klick Autoren und Künstlern freiwillig etwas bezahlen können soll. Schaut selbst:

Denn: Das Kopieren wird nicht aufzuhalten sein. Das heisst aber nicht, dass Künstler und Autoren nicht vergütet werden sollen oder die Bereitschaft dazu fehlt. Und schon gar nicht, dass die wirklichen Urheber verschwiegen werden sollen.

Meme ohne Substanz – heute: Gratiskultur des Internets

Es gibt Vorstellungen, die werden so inflationär rezipiert, dass man dazu neigt, sie irgendwann selbst anzueignen, ohne sie noch kritisch zu hinterfragen. Eine solche ist jene von der «Kostenlos-Kultur im Internet». Dabei wird unterstellt, die Leute hätten sich daran gewöhnt, dass im Internet alles gratis zu haben ist. Um für Künstler und Autoren Einnahmen generieren zu können, müsse man die Leute umerziehen. Im Gegensatz zum mit dem vom PC zugegriffenen Internet habe die Benutzung von Mobiltelefonen schon immer etwas gekostet, darum sei die Akzeptanz für kostenpflichtige Angebote dort höher.

Dazu zwei Gedankenexperimente:

  • Das erste spielt am Bahnhof. (Internetsurfen mit Zugfahren zu vergleichen ist deshalb hier besonders geeignet, weil wir es uns erstens definitiv gewöhnt sind, für Zugreisen zu bezahlen, und zweitens, weil ein nicht zahlender Bahnkunde niemandem etwas stiehlt oder einen Zusatzaufwand verursacht, so wie ein Musikkonsument im Internet auch niemandem etwas stiehlt, sondern einfach mitbenützt.) Stell dir also vor du stehst auf dem Perron, und auf beiden Seiten steht ein Zug, der demnächst nach deiner gewünschten Zieldestination fährt. Der Zugverkehr ist komplett liberalisiert, und zwei sich konkurrierende Bahnunternehmen möchten mit Fahrgästen Geld erwirtschaften. Das Unternehmen des Zuges auf Gleis 1 setzt voll auf das Geschäftsmodell Werbung: Du kannst dich gratis transportieren lassen, musst dir aber während der ganzen Fahrt Werbebotschaften ansehen und anhören. Ausserdem ist der Zug schlecht gewartet, stickig, und die Aussicht auf einen Sitzplatz ist minim. Das Unternehmen des Zuges auf Gleis 2 setzt dagegen auf zahlende Kunden. Es werden nur Kunden mit Tickets eingelassen, dafür können diese eine angenehmere, werbefreie Fahrt auf einem Sitzplatz geniessen. Jedoch befindet sich der Ticketautomat im zweiten Stock eines 300 Meter entfernten Gebäudes, zu dem nur Erwachsene Zutritt haben. Welchen Zug würdest du wählen? (Bonusfrage: Welchen Zug würdest du wählen, wenn du beim Zug auf Gleis 2 den Fahrpreis gleich bar beim Einsteigen bezahlen könntest?)
  • Stell dir vor, es gäbe im Internet eine Site namens «Die grössten Schweizer Artikel». Dort erscheinen in einer ständig aktualisierten Rangliste jene journalistischen Texte, für die am häufigsten gevotet werden. Dein Internetbrowser hat neben der Adresszeile einen Vote-Button, mit dem du für die Seite (bzw. den Artikel) voten kannst, auf der du dich gerade befindest. Für jede Stimmabgabe werden deinem Bankkonto 20 Rappen belastet, die dem Autor des Artikels zukommen. Könntest du widerstehen, den Vote-Button zu betätigen, wenn du von einem Artikel begeistert bist?

Fazit: Es gibt keine «Gratiskultur». Es geht nicht um Akzeptanz, Gewohnheit und Erziehung. Es geht um andere Dinge: Um die Hürde für den Bezahlvorgang, um den Mehrwert des Angebots und um die Transparenz des Geldflusses. Punkt.