Zitate ohne Substanz – heute: Ulrich Schlüer

150px-Ulrich_SchluerSVP-Nationalrat Ulrich Schlüer heute in Echo der Zeit zu den Vorschlägen zum Sexualunterricht in Kindergarten und Primarschule:

Wenn das Kind hier mit Dingen konfrontiert wird, mit denen wir als Eltern nicht wollen, dass es konfrontiert wird, dann müssen sie es dispensieren lassen können.

Aha. Mit «wir als Eltern» meint er natürlich «wir Christen als Eltern» und keinesfalls «wir Muslime als Eltern». Wo kämen wir denn hin, wenn sich die Muslime die gleichen Rechte ausbedingen könnten. Bei muslimischen Eltern würde das der schleichende Untergang des Abendlandes bedeuten! Für diese gilt:

Die Schulpflicht gilt hier vollumfänglich – für alle in der Schweiz wohnhaften Menschen. Niemand kann dagegen an der Scharia orientierte Ausnahmen verlangen, etwa die Dispensation vom Schwimmunterricht. Auch für «Burkini», einer Art «Bade-Burkas», ist hier kein Platz.

Immer wieder lustig, wie Konservative sich über noch eine Spur Konservativere empören können.

Was man sich heutzutage so alles anhören lassen muss…

Ich erzähle «völligen Schwachsinn». Habe eine «realitätsfremde Auffassung», nämlich ein «dogmatisches, unrealistisches Ich-sehe-nur-das-Gu​te-im-jeden-Menschen-​Denken». Ich «verharmlose». Ich «täusche» mich «gewaltig». Ich bin «naiv». Anhand meiner «seltsamen Ansichten» lässt sich darauf schliessen, dass ich «selber wohl auch nicht sauber» bin. Ich verbreite «Quatsch». Ich «hetze gegen die Opfer», weil ich von meiner «heuchlerischen, oberfrommen Sicht so vernebelt» bin, dass ich «die Realität gar nicht mehr wahrnehme». Meine «Ansichten sind einfach nur naiv und krank». Ich bin «eine Lachnummer». Was ich schreibe, glaube ich wohl selber nicht. Was ich schreibe beweist, dass ich «von Tuten und Blasen keine Ahnung» habe. Ich «verbohre» mich weiter in meinem «Dogmatismus». Ich lebe in meiner «Traumwelt». Wer «die Täter so in Schutz nimmt» wie ich, «muss ja wirklich belämmert sein». Ich «negiere das Offensichtliche». Was ich abliefere «ist so was von weltfremd, realitätsfern, gefühlskalt, unreif und wirft ein sehr schiefes Bild» auf mich.

Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass anonyme Diskussionen im Internet oft zivilisierter ablaufen als solche mit Realnamen. Und dass in der SVP für weiblichen Nachwuchs gesorgt ist. Ich glaube nicht, dass ihr euch die gesamte Diskussion antun wollt. Meine Meinung dazu habe ich schon im 2009 zusammengefasst.

Schwieriges Thema, einfach gelöst

Ist doch toll, jetzt kann man wieder einmal auf alle liebgewonnenen Feindbilder einschiessen: Die katholische Kirche, die 68er, die Reformpädagogik, die linken Schriftsteller: Sie vertuschen, sie wiegeln ab, sie verharmlosen, sie nehmen die Täter in Schutz.

Indem man mit dem Finger auf die anderen und sich selbst «schockiert» zeigt, kann man sich ganz einfach davon ablenken, dass man selber vielleicht auch schon unsicher war im Umgang mit Kindern, dass Übergriffe jedem passieren können und in jeder Organisation vorkommen können, handelt sie noch so konsequent und professionell. Man kann sich ganz einfach als Anwalt der Opfer aufspielen und lückenlose Aufklärung, Verfolgung und harte Strafen fordern.

Betroffene Ernst zu nehmen und zu schützen, hat damit aber nichts zu tun.

Zitate mit Substanz – heute: Samantha Geimer

Samantha Geimer, als 13-Jährige Vergewaltigungsopfer von Roman Polanski, schrieb 2003:

Um ehrlich zu sein, war die Aufmerksamkeit des Publikums derart traumatisch, dass die eigentliche Tat im Vergleich längst verblasst ist.»

Wir brauchen ein Justizsystem, das dem Opfer (und potenziellen weiteren Opfern) hilft, und keines, das das öffentliche Voyeur- und Rache-Bedürfnis befriedigt. Und ja, natürlich eines, das dann für alle gilt.
(Quelle Tages-Anzeiger)

Der Kinderschänder als Starregisseur

Ganz selten kommt es vor, dass ein Kinderschänder ein Gesicht in der Öffentlichkeit hat. Wenn es passiert, dann ist man plötzlich erstaunt, dass es gar nicht wie ein Monster aussieht, sondern vielleicht zu einem sehr freundlichen Familienvater und erfolgreichen Regisseur gehört, der sich 30 Jahre nichts mehr zu Schulden kommen liess. Und man ist empört, dass die Gesetze, die man doch für Monster gemacht hat, auch für den netten Herrn gelten.

Roman Polanski floh aus den USA, weil ihm dort eine lebenslängliche Gefängnisstrafe drohte. Wann lernen wir, dass solch drastische Strafen niemandem etwas bringen? Kürzere Strafen bringen oft mehr – und in diesem Fall hätten sie auch vollzogen werden können.

Die Vermonsterisierung von Pädokriminellen

Die Zürcher Beratungsstelle Castagna hat letztes Jahr 1115 (!) Mädchen und Frauen, die sexuell missbraucht worden sind, beraten. Natürlich war diese Nachricht den Zeitungen wieder einmal nur eine Randnotiz wert, wenn überhaupt. Sie zerren lieber einzelne Fälle auf die Frontseite – am liebsten mit ausländischen Jugendbanden als Tätern. So funktioniert der Entrüstungsjournalismus.

Und wenn es dann wieder einmal soweit ist, sind die Politiker nicht weit, die verlautbaren, sexueller Missbrauch sei das Schlimmste, was man einem Kind antun könne. Politiker, die ein Bild von Monstern zeichnen und drakonische Strafen für die Pädokriminellen fordern – am liebsten lebenslängliche Verwahrung ohne Überprüfung. Nur die Todesstrafe wagen sie noch nicht zu fordern. So funktioniert die Entrüstungspolitik.

Und wie sie funktioniert!: Niemand wagt zu widersprechen. Wer will schon Partei für die Monster ergreifen? Alle wollen sich auf die – vermeintliche – Seite der unschuldigen Kinder schlagen. Nur: In der Realität tun sie mit dieser Vermonsterisierung der Täter keinem Kind einen Gefallen.

Sexuelle Ausbeutung geschieht laut Castagna in den allermeisten Fällen im Familien- und engen Bekanntenkreis. Die Täter sind oft geschätzte, ja beliebte Personen. Welche Auswirkungen hat das nun, wenn pädosexuelle Täter als Monster gelten? Als Monster dazustehen, ist nicht nur für den Täter wohl ein traumatisches Erlebnis – sondern auch für seine Umgebung. Die Familie und Bekanntschaft hat das Interesse, nicht als Monsterfamilie dazustehen. Dadurch erhöht sich der psychische und soziale Druck zum Wegschauen enorm. Darum können Missbrauchsfälle jahre- oder jahrzehntelang unter dem Deckel gehalten werden. Eine Mauer des Schweigens umgibt die Kinder. Dabei ist es genau das, das Wegschauen, das bekämpft werden muss.

Eine pädokriminelle Tat weckt Emotionen. Natürlich zurecht. Kinder verdienen den Schutz vor Übergriffen. Täter müssen streng bestraft unnd Rückfälle unterbunden werden. Eine Vermonsterisierung der Täter ist hingegen äusserst kontraproduktiv.

Kinder vor Übergriffen schützen

Nachdem ich kundgetan habe, dass ich den Entscheid für die Unverjährbarkeit von «pornographischen Straftaten» an Kindern für keinen guten Entscheid halte, möchte ich auf die konstruktive Ebene wechseln: Wie, wenn nicht mit Unverjährbarkeit, kann man unsere Kinder schützen?

Erst mal: Die allermeisten Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern geschehen durch nahe Bekannte: Eltern, Onkel, Lehrer, Musiklehrer, Trainer, Jugendleiter usw. – relativ enge Bezugspersonen des Kindes.

Es gibt Massnahmen, die beim Täter ansetzen:

  • Hohe Gefängnisstrafen für überführte Täter zur Abschreckung und Bewusstseinsbildung, dass sexuelle Übergriffe keine Kaveliersdelikte sind.
  • Konsequente Überprüfung der Vergangenheit bei der Einstellung von Lehrern, Trainern und anderen Personen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben – damit Täter nicht einfach den Ort wechseln können, wenn es an einem Ort brenzlig wird.
  • Keine Überzeichnung der Täter zum Monster, sondern Ausbau der Hilfestellung für potenzielle Täter, so dass mehr Personen mit einer entsprechenden Veranlagung Unterstützung holen, bevor es zur Tat kommt.
  • Kindern klare Grenzen aufzeigen und unmissverständlich einschreiten, wenn sie Grenzen verletzen – erschreckend viele der Täter sind selber Kinder oder Jugendliche.

Dann gibt es Massnahmen, die bei den Opfern ansetzen:

  • Unbenennende Prävention im Kindergarten und in der Schule, bei der die Kinder lernen, Stopp zu sagen, wenn ihnen etwas nicht passt, und sie lernen, dass ihr Körper ihnen allein gehört.
  • Frühe, altersgerechte Aufklärung, damit die Kinder benennen können, was mit ihnen geschieht.
  • Die Kinder immer ernst nehmen und gut zuhören.
  • Das Kind gute Körperkontakte erfahren lassen.

Und schliesslich sollte man auch im Umfeld ansetzen: Das gesamte Umfeld des Kindes für das Thema sensibilisieren und aufrufen zum Wachsam bleiben. Jedoch auch dafür sensibilisieren, wie wichtig gute Körperkontakte sind.

Grundsätzlich ist man damit auf einem guten Weg. In den letzten Jahren wurden grosse Fortschritte gemacht. Es bleibt aber noch viel zu tun. Die Unverjährbarkeit wird dabei nichts nützen.

Das Schlimmste, was man einem Kind antun kann?

Sorry, dass es jetzt sehr unappetitlich wird. Doch jetzt muss man die Dinge mal benennen.

Nathalie Rickli, SVP-Nationalrätin und Befürworterin der Unverjährbarkeitsinitiative, die aus folgendem Halbsatz besteht: «Unverjährbarkeit der Strafverfolgung und der Strafe bei sexuellen und bei pornografischen Straftaten an Kindern vor der Pubertät» sagt:

Sexueller Missbrauch ist das Schlimmste, was man einem Kind antun kann.»

Was versteht ihr denn unter «pornographischen Straftaten» bzw. «sexuellem Missbrauch»? Was ist denn schlimmer als oder gleich schlimm wie Mord?

  • Ein Baby an den Geschlechtsteilen berühren, um es zu waschen / eine Salbe aufzutragen?
  • Ein Kleinkind an den Geschlechtsteilen berühren, ohne äusserlichen Zweck?
  • Ein Kind zusehen lassen, wie man masturbiert?
  • Einem Kind beim Duschen zuschauen?
  • Ein Kind beim Duschen filmen?
  • Ein Kind das Glied des Mannes anfassen lassen?
  • Den Finger in die Scheide des Mädchens einführen?
  • Das Kind zum Oralsex drängen?
  • Das Kind vergewaltigen?
  • Das Kind regelmässig vergewaltigen?
  • Das Kind vergewaltigen und es zur Geheimhaltung unter grossen psychischen Druck setzen?

Vom 2. Punkt an handelt es sich m.E. um einen Übergriff, spätestens sicher ab dem 5. Punkt handelt es sich um sexuelle Ausbeutung. Aber: Vergleichbar mit Mord sind allenfalls die letzten beiden. Diese Verbrechen können durchaus auch zu Suizid führen.
Daher ist für diese letzten Fälle eine zu Mord vergleichbare Bestrafung und Strafverfolgung angemessen, und weil sich das Kind zuerst emanzipieren muss, auch eine verlängerte Verjährungsfrist.

Für alle Übergriffe Unverjährbarkeit gelten zu lassen, wie es die Initiative zu verlangen scheint, und sie mit Mord zu vergleichen, wie es Nathalie Rickli tut, ist absolut unverhältnismässig und im Falle von Rickli reiner Populismus.

Bauchentscheid zur Unverjährbarkeit

Überraschung? Nein. So kommt es raus, wenn 90% der Bevölkerung aufgrund der vielen Vorlagen weniger als 2 Minuten sich mit dem Thema befasst.

Praktisch niemand hat sich darüber Gedanken gemacht, was das Prinzip der Verjährbarkeit für einen Sinn macht.

Und für Politiker ist es höchst unpopulär, sich gegen übertriebene Bestrafung und Strafverfolgung von Tätern und mutmasslichen Tätern stark zu machen.

Das (in diesem Fall) selbst verschuldete unmündige Volk hat einen Entscheid getroffen.