Zivilisierte Marktwirtschaft

Habe mir gerade die Abschlussvorlesung von Peter Ulrich, dem ehemaligen Wirtschaftsethikprofessor der Universität St. Gallen, zu Gemüte geführt und möchte sie hiermit wärmstens weiterempfehlen.

Wer nicht lesen mag, kann sich auch mit der journalistisch-audiovisuellen Aufbereitung begnügen:

Sternstunde Philosophie vom 07.06.2009 (via @susannewiest)

Kopieren ist alles

Wir sind alles nur Kopien. Unser Genom besteht aus der Neukombination des Genoms unserer Eltern. Die Natur kopiert, kombiniert, selektiert, kopiert, kombiniert, selektiert, … immer weiter. In seltenen Fällen kommt es zu «Fehlern» im Kopiervorgang: Mutationen. Aber in erster Linie sind unsere Körperzellen Kopiermaschinen für Gene.

Die über die Jahrtausenden entstandene menschliche Kultur evolviert ähnlich: Wissen, Ideen, Vorstellungen, Sprache und Stile werden von Person zu Person weitergegeben, also kopiert. Wir erhalten permanent von allen Seiten kulturelle Inputs, kombinieren diese neu und geben sie weiter. In seltenen Fällen haben wir eine Idee, die noch niemand vorher hatte. Aber in erster Linie sind wir Kopiermaschinen für Meme.

Kopie und Rekombination sind also quasi Naturgesetze und grundlegende Kulturtechniken. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte war das Kopieren keinen Gesetzen unterworfen. Goethe und Mozart konnten sich noch fleissig bei Werken anderer bedienen. Erst ab dem späten 18. Jahrhundert begann sich die Vorstellung eines «geistigen Eigentums» langsam durchzusetzen. Seit 1886 (Berner Übereinkunft) bis zum Siegeszug den Internets war das Urheberrecht in der westlichen Welt praktisch unbestritten.

Unsere Computer sind Kopiermaschinen. Um ein Programm auszuführen muß es von einem Medium in den Speicher, vom Speicher in den Prozessor kopiert werden, ebenso alle Daten. Ergebnisse werden zurück kopiert. Der Befehlssatz eines jeden Rechners hat circa zehn Mal mehr Kopier- als Rechenbefehle.

Unsere Netze sind Kopiermaschinen. Wir sagen wir ’senden eine Nachricht‘, aber das Wort ist falsch. ‚Senden‘ impliziert, daß die Nachricht sich bewegt und für den „Ab“-Sender nicht mehr da ist. Das ist in der realen Welt so, aber nicht im Netz: Wir kopieren eine Nachricht an die Empfänger.

Das Wesen aller IT ist die Kopie. (Quelle)

Mit der Digitalisierung (fast kostenlose Erstellung von exakten Kopien) und dem Internet (fast kostenlose Verbreitung der Kopien) kommt das Urheberrecht stark unter Druck. Es wird als Behinderung der kulturellen Entwicklung wahrgenommen. Eine gute Dokumentation über die aktuelle Lage beim Urheberrecht ist «Good Copy Bad Copy»:

Aktuell geschehen absurde Dinge. Deutsche Verlage fordern ein diffuses Leistungsschutzrecht, mit dem sie Google dazu zwingen wollen, sie für Textanrisse zu vergüten. Springermedien verstecken ihren Inhalt vor ihren regelmässigen Kunden hinter einer Bezahlschranke – nicht aber vor jenen, die über Google auf die Seiten kommen. Helene Hegemann bedient sich bei Werken anderer, ohne diese Quellen anzugeben oder gar die Rechte einzuholen, und wird damit zum Literatur-Wunderkind erhoben. Plötzlich finden dies zahlreiche Verlage und Kommentatoren in Ordnung.

Zum Glück gibt es noch Leute, die verstehen, worum es geht. Zum Beispiel Peter Sunde, Mitbegründer von The Pirate Bay. Mit Flattr hat er ein Projekt gestartet, mit dem man mit einem Klick Autoren und Künstlern freiwillig etwas bezahlen können soll. Schaut selbst:

Denn: Das Kopieren wird nicht aufzuhalten sein. Das heisst aber nicht, dass Künstler und Autoren nicht vergütet werden sollen oder die Bereitschaft dazu fehlt. Und schon gar nicht, dass die wirklichen Urheber verschwiegen werden sollen.

Meme ohne Substanz – heute: Gratiskultur des Internets

Es gibt Vorstellungen, die werden so inflationär rezipiert, dass man dazu neigt, sie irgendwann selbst anzueignen, ohne sie noch kritisch zu hinterfragen. Eine solche ist jene von der «Kostenlos-Kultur im Internet». Dabei wird unterstellt, die Leute hätten sich daran gewöhnt, dass im Internet alles gratis zu haben ist. Um für Künstler und Autoren Einnahmen generieren zu können, müsse man die Leute umerziehen. Im Gegensatz zum mit dem vom PC zugegriffenen Internet habe die Benutzung von Mobiltelefonen schon immer etwas gekostet, darum sei die Akzeptanz für kostenpflichtige Angebote dort höher.

Dazu zwei Gedankenexperimente:

  • Das erste spielt am Bahnhof. (Internetsurfen mit Zugfahren zu vergleichen ist deshalb hier besonders geeignet, weil wir es uns erstens definitiv gewöhnt sind, für Zugreisen zu bezahlen, und zweitens, weil ein nicht zahlender Bahnkunde niemandem etwas stiehlt oder einen Zusatzaufwand verursacht, so wie ein Musikkonsument im Internet auch niemandem etwas stiehlt, sondern einfach mitbenützt.) Stell dir also vor du stehst auf dem Perron, und auf beiden Seiten steht ein Zug, der demnächst nach deiner gewünschten Zieldestination fährt. Der Zugverkehr ist komplett liberalisiert, und zwei sich konkurrierende Bahnunternehmen möchten mit Fahrgästen Geld erwirtschaften. Das Unternehmen des Zuges auf Gleis 1 setzt voll auf das Geschäftsmodell Werbung: Du kannst dich gratis transportieren lassen, musst dir aber während der ganzen Fahrt Werbebotschaften ansehen und anhören. Ausserdem ist der Zug schlecht gewartet, stickig, und die Aussicht auf einen Sitzplatz ist minim. Das Unternehmen des Zuges auf Gleis 2 setzt dagegen auf zahlende Kunden. Es werden nur Kunden mit Tickets eingelassen, dafür können diese eine angenehmere, werbefreie Fahrt auf einem Sitzplatz geniessen. Jedoch befindet sich der Ticketautomat im zweiten Stock eines 300 Meter entfernten Gebäudes, zu dem nur Erwachsene Zutritt haben. Welchen Zug würdest du wählen? (Bonusfrage: Welchen Zug würdest du wählen, wenn du beim Zug auf Gleis 2 den Fahrpreis gleich bar beim Einsteigen bezahlen könntest?)
  • Stell dir vor, es gäbe im Internet eine Site namens «Die grössten Schweizer Artikel». Dort erscheinen in einer ständig aktualisierten Rangliste jene journalistischen Texte, für die am häufigsten gevotet werden. Dein Internetbrowser hat neben der Adresszeile einen Vote-Button, mit dem du für die Seite (bzw. den Artikel) voten kannst, auf der du dich gerade befindest. Für jede Stimmabgabe werden deinem Bankkonto 20 Rappen belastet, die dem Autor des Artikels zukommen. Könntest du widerstehen, den Vote-Button zu betätigen, wenn du von einem Artikel begeistert bist?

Fazit: Es gibt keine «Gratiskultur». Es geht nicht um Akzeptanz, Gewohnheit und Erziehung. Es geht um andere Dinge: Um die Hürde für den Bezahlvorgang, um den Mehrwert des Angebots und um die Transparenz des Geldflusses. Punkt.

Hasch gegen Haubitzen

Das Kriegsmaterialgeschäft funktioniert wie das Drogengeschäft: Je stärker ein konkretes Geschäft international geächtet wird, desto höher steigt der Preis und der potenzielle Gewinn – nämlich so hoch, bis jemand bereit ist, trotz der Ächtung (und der damit verbundenen Risiken) das Geschäft zu tätigen. Es wird sich immer jemand finden, der Waffen für Kindersoldaten liefert. Es ist nur eine Frage des Preises. Bei Drogen spricht man dann von organisiertem Verbrechen. Bei Waffen manchmal auch, manchmal aber auch von gutschweizerischen Traditionsunternehmen. Alles eine Frage der Perspektive und der nationalen Gesetzgebung und -interpretation.

Während ich eine komplette Drogenlegalisierung für ethisch vertretbar (wenn nicht sogar ethisch zwingend) halte, sehe ich beim Kriegsmaterial nur eine Lösung, nämlich die internationale Ächtung und Kontrolle zu verstärken und damit den Krieg möglichst zu verteuern, auch wenn es dabei immer Profiteuere geben wird.

Mein Vorschlag als ersten Schritt: Kriegsmaterialexportverbot und im Gegenzug Cannabislegalisierung – damit können die verlorenen Arbeitsplätze und Steuerausfälle bestens kompensiert werden. Wieso hat eigentlich damals bei der Cannabislegalisierungsvorlage niemand von den Arbeitsplätzen geredet?

Fünf Fragen an Christoph Blochers Gewissen


(via, via)

Christoph Blocher in Teleblocher über seine Wanderferien in Nordkorea:

Das Leben lang haben mich so Länder interessiert, in die man eigentlich nicht hinkommt oder man nicht hingeht – weil ich lieber etwas [mit eigenen Augen] sehe. Es gibt ein koreanisches Sprichwort, das heisst: «Einmal sehen ist besser als hundertmal hören.» Man hört ja viel über Nordkorea, aber ich wollte mal wissen, wie es eigentlich ist.

Sobald ich konnte, nach der Kulturrevolution, ging ich sofort nach China, um zu schauen, wie das ist. Ich sah, [welche Arbeits- und Wirtschaftskraft] da vorhanden war und unterdrückt wurde durch den Kommunismus, den Sozialismus, was dieser hier kaputt machte.

Sie sehen die Armut, Sie sehen, wie sie wohnen. Das eindrücklichste und bedrückendste ist, dass sich die Leute alles [irgendwie Verwertbare] zusammensuchen. Nach der Reisernte gehen Leute suchen, ob sie noch einzelne Reisrestchen finden.

Herr Blocher, wenn Sie doch das Leben lang an der Politik und an der Lebenssituation der Menschen interessiert waren, dann waren Sie doch bestimmt auch in den Townships in Apartheid-Südafrika, um mit eigenen Augen zu sehen, wohin Sie als Verwaltungsrat der Pavtag Technik AG Zünder exportierten (nachdem Sie erreichten, dass diese nicht als Kriegsmaterial klassiert wurden)?

Wenn es Sie beelendet, wie ärmlich die Bevölkerung in Nordkorea wohnt und sogar hungert, wieso scherten Sie sich nicht um die UNO-Sanktionen gegen Südafrika, und wieso rechtfertigte denn das von Ihnen gegründete ASA-Bulletin den «Immorailty Act» und den «Bantu Education Act»?

Wenn Sie schon die fehlende Medienfreiheit in Nordkorea beklagen: Wie stand es um die Medienfreiheit in Deutschland und den USA, als Sie in den 80er Jahren die «weit verbreitete Desinformation über das südliche Afrika» beklagten und damit die Berichterstattung der FAZ und des Wallstreet Journal kritisierten?

Wie geht das eigentlich überein, dass Sie in der Schweiz einen Mangel an Demokratie konstatieren und deshalb die Volkswahl des Bundesrates fordern, die von Ihnen gegründete «Arbeitsgruppe südliches Afrika» jedoch gegen das Wahlrecht der Schwarzen ins Feld zog und Sie noch 1989 der Schweizer Illustrierten zu Protokoll gaben: «‹Ein Mann, eine Stimme› würde Südafrika ökonomisch und sozial innert kürzester Zeit in ein Chaos stürzen.»?

Wieso behaupteten Sie 2005 in der Zeitung «Südostschweiz», die Apartheid habe Sie nicht interessiert?

AHV für alle

Bis 1948 war Altwerden ein Armutsrisiko. Die Familie musste die Alten durchfüttern und pflegen. Die Betagten waren absolut abhängig von der Familie. Wer keine Nachkommen mit Einkommen hatte, musste auf die Solidarität der Gemeinde oder auf die Pro Senectute hoffen und nicht selten in bitterer Armut sterben.

Die Einführung der AHV änderte dies. Mit 65 ohne schlechtes Gewissen in den Ruhestand – was für eine Befreiung! Ob reich oder arm: Bis ans Lebensende hatte man nun ein gesichertes Einkommen. Als die Idee zur AHV aufkam, galt sie als Utopie von Spinnern. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit.

Das Alter ist nicht das einzige Armutsrisiko. Heute gibt es die AHV, die IV, Ergänzungsleistungen, Erwerbsersatz, die Arbeitslosenversicherung, die berufliche Vorsorge, die Krankenversicherung, Unfallversicherung, Militärversicherung und die Familienzulagen. Ausserdem gibt es Subventionen für die Landwirtschaft, für Kinderbetreuung, Stipendien und manch anderes. Erst wenn dies alles nichts mehr hilft, muss man den Gang nach Canossa, sprich zur Sozialhilfe der Gemeinde, tun.

Damit wurden vielerlei soziale Probleme gelöst. Aber: Schafft das komplizierte System auch die richtigen Anreize? Ist es sinnvoll, dass manche schuften, um die Kinder durchzubringen, und dabei keine Zeit für die Kinderbetreuung haben? Ist es sinnvoll, dass junge Leute aus finanziellen Gründen auf ein Studium verzichten oder als Werkstudenten die Studienzeit verlängern? Ist es sinnvoll, dass jemand sein Leben lang als Müllmann arbeitet, weil er sich keine bessere Ausbildung leisten kann, obwohl er damit seine Talente verschwendet?

Eine radikal andere Herangehensweise ist die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Laut dieser soll jeder Mensch ein Recht auf Einkommen haben. Jeder soll vom Staat jeden Monat ein existenzsicherndes Einkommen erhalten. Quasi eine AHV für die gesamte Bevölkerung. Wie bei der AHV hätte dies eine enorm befreiende Wirkung. Der Zwang zur Arbeit würde wegfallen. Jeder könnte selbst entscheiden, ob er dieses Einkommen mit Arbeit aufbessern will, oder nicht. Anstrengende Arbeit müsste anständig bezahlt werden, damit sie jemand macht. Jeder könnte sich Bildung leisten. Jeder könnte seine Zeit so investieren, wie er es für sinnvoll erachtet: in eine berufliche Karriere, in kulturelle Aktivitäten oder in Kinderbetreuung.

Eine Utopie von Spinnern? Vielleicht. Noch. Die Idee hat immer mehr Anhänger. Vielleicht ist sie in ein paar Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit.

Diese Woche ist die Woche des Grundeinkommens – eine gute Gelegenheit, die Idee weiterzutragen. Und für diejenigen, die ihn noch nicht gesehen haben, ein Anlass, sich 100 Minuten Zeit zu nehmen und den Film zu schauen, der viele Fragen dazu beantwortet:

Fluchtgelder und Fluchtkinder

Nationalkonservative und neoliberale Politiker werben häufig (aktuell im Zusammenhang mit der Pauschalsteuer sowie dem Bankgeheimnis und Steuerhinterziehung) um Verständnis für reiche Ausländer, die ihr Erspartes in die Schweiz bringen, um Steuern zu sparen. Das Problem seien die «Steuerwüsten», die Staaten, die vermögende Personen richtiggehend enteignen würden. Deshalb müsse man Verständnis haben, wenn sie in die Schweiz flüchten.

Die gleichen Politiker werben für eine harte Hand gegenüber Personen, die z.B. mit einer Scheinehe eine Aufenhaltserlaubnis erschwindeln. Doch: Ist es nicht mindestens so verständlich, dass Eltern für ihre Kinder eine möglichst gute Bildung und Aussichten auf ein geregeltes Erwerbsleben wünschen?

In beiden Fällen handelt es sich um Menschen, die die Lebensumstände ihrer Familien verbessern möchten. Sie handeln menschlich und aus marktwirtschaftlichem Antrieb. Dafür sollten wir ihnen das gleiche Verständnis entgegenbringen. Erstere sind nicht die guten Menschen, und letztere sind nicht die bösen.

Ich will damit nicht sagen, dass wir Scheinehen tolerieren sollten. Missbräuche gilt es zu bekämpfen. Die Menschen dagegen, die sollten wir nicht bekämpfen. Wir sollten das Verständnis gegenüber den Handlungen der Menschen nicht davon abhängig machen, ob wir von ihnen profitieren können oder nicht.