Die Armee hat ihre Sklaven verloren

Man kann es durchaus so drastisch sehen: Seit einem knappen Jahr sind VBS-Chef Maurer und Armeechef Blattmann keine Sklaventreiber mehr. Denn seither steht es jedem Schweizer Mann offen, ein Zivildienstgesuch zu stellen und damit dem Wehrdienst zu entgehen, falls er dafür bereit ist, einen zivilen Ersatzdienst von eineinhalbfacher Länge zu leisten. Zuvor brauchte mann entweder gesundheitliche Probleme, einige Cleverness und Unehrlichkeit (für den blauen Weg) oder intellektuelles Argumentationsgeschick (für den «Gewissenstest» bei der Zivildienst-Zulassung), um einem Marschbefehl zu entkommen. Darum konnte die Armee mit ihren Sklaven, genannt Soldaten, weitgehend machen was sie wollte. Und sie machte allerhand Unsinn.

Jedenfalls so viel Unsinn, dass sich im vergangenen Jahr viele Männer aus der Armee verabschiedet haben. Der Exodus wird nicht nur den betroffenen Männern gut tun, sondern auch der Armee selber. Sie muss nun die Leute davon überzeugen können, dass die Armee eine wichtige und sinnvolle Aufgabe erledigt. Und sie muss nun auf die Bedürfnisse der Soldaten eingehen und Unannehmlichkeiten, die sie ihnen aufbürdet, rechtfertigen. Denn diese haben nun ein Stück Freiheit wiedererlangt und müssen sich nicht mehr alles bieten lassen. Kann sich die Armee etwas anderes wünschen als Soldaten, die von ihrem Einsatz überzeugt sind? Wenn Sie, Herr Maurer, die «beste Armee der Welt» haben wollen, dann können Sie dies sowieso nur mit Leuten erreichen, die davon überzeugt sind, dass diese Armee eine sinnvolle Aufgabe erledigt. Wenn Sie es nicht schaffen, die Leute zu überzeugen, können Sie es ohnehin vergessen, die Armee aus der Krise zu führen – Zivildienst hin oder her.

Also, Herr Maurer, hören Sie auf zu klagen; nehmen Sie die Soldaten als eigenständige Personen ernst; hören Sie auf, sie wie Sklaven zu behandeln; leisten Sie Überzeugungsarbeit; und machen Sie einfach Ihren Job.

Bürgerwehr vs. Zivis für Konfliktprävention

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer bösen Bürgerwehr in Rom und den lieben Zivis in Wil? Eigentlich machen sie doch dasselbe, mit demselben Anliegen. Die Ähnlichkeiten sind frappant. OK, vielleicht gehen die einen etwas konfrontativer, die anderen etwas professioneller vor. Aber manchmal sollten auch die Linken ihr schwarz-weiss-Denken überdenken.

Den Zivildienst sichtbar machen

Zivis sind Idealisten, Nonkonformisten – Leute, die sich nicht in ein Schema passen wollen. Sie sind selbstständige Denker, die sich keiner Kriegsmaschine und meistens auch keinem hierarchischen System unterordnen wollen. Und diese Zivis sollen nun in einheitlicher Kleidung auftreten? Ist das nicht ein Widerspruch?

Ich bin mir sicher, dass die neue Zivikleidung einigen Zivis stark widerstrebt, weil jegliche Art von Uniform sie an das Militär erinnert. Trotzdem hoffe ich, dass sie sich durchsetzt. Denn der Zivildienst muss in der Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden. Da leisten Tausende Männer jährlich einen wertvollen Einsatz für die Allgemeinheit, und diese Allgemeinheit nimmt kaum Notiz davon – oder schmunzelt gar darüber. Der Zivildienst braucht Gesichter, die in der Öffentlichkeit sichtbar als Zivi auftreten!

Salamitaktik – die politische Evolution

Bei meinen kurzen Recherchen zur Entstehung des Zivildienstes ist es mir wieder einmal aufgefallen: Wer in der Schweiz etwas verändern will, muss die «Politik der kleinen Schritte» wählen. Grosse Würfe haben selten eine Chance.

1977 wurde über die «Münchensteiner Initiative» abgestimmt. Werner Seitz schreibt dazu:

Der Vorschlag des Bundesrates sah einen Zivildienst für Verweigerer aus religiösen und ethischen Gründen vor und legte die Dauer des Zivildienstes auf 18 Monate, das 1 1/2-fache der normalen Militärdienstzeit, fest. Nachdem das Parlament diese Verfassungsänderung gutgeheissen hatte, wurde sie auch dem Souverän unterbreitet: Für die «Münchenstein-Initiative» sprachen sich CVP, EVP, LdU sowie kirchliche und gewerkschaftliche Kreise aus: SP, POCH und PdA vermochten sich für dieses von Bundesrat und Parlament entworfene Projekt nicht zu begeistern und gaben die Stimme frei. Bekämpft wurde die Vorlage von den bürgerlichen und Rechtsparteien einerseits und dem Schweizerischen Friedensrat andererseits, dem die Initiative zu wenig weit ging; er wollte einen Verfassungsartikel, der die freie Wahl zwischen Militär- und Zivildienst vorsah und die Militärpflicht nicht mehr als Normalfall betrachtete. Entsprechend der breiten Gegnerschaft, welche der «Münchensteiner-Initiative» erwachsen war, wurde das Begehren von den Stimmbürgerlnnen mit 886’000 gegen 534’000 (Ständemehr 19 6/2 : 0) verworfen.»

Hätten sich die linken Kreise für die «Salamitaktik» entschieden, hätten sie eine Chance gehabt, den Zivildienst etwa 16 Jahre früher einzuführen. Bestimmt hätten die Bürgerlichen nach einiger Zeit auch eingesehen, dass es keine Gewissensprüfung braucht. Der Punkt, an dem wir heute stehen, wäre bestimmt früher erreicht worden. Weil aber einige linke Kräfte alles auf einmal wollten, torpedierten sie die «Politik der kleinen Schritte» und verzögerten damit die Erreichung der eigenen Anliegen.

Die Politik funktioniert ähnlich wie die Evolution in der Natur: Schrittchen für Schrittchen, Mutation für Mutation, verändert sich das System. Bewährt sich die Änderung, bleibt sie bestehen und entwickelt sich weiter – bis zu etwas so Wertvollem wie dem Auge – bzw. dem Zivildienst ohne Gewissensprüfung. Und immer weiter und weiter.

In der Politik wird das Schlagwort «Salamitaktik» oft von politischen Gegnern verwendet. Sie werfen der Gegenseite vor, weitere Schritte bereits vorbereitet zu haben. «Wehret den Anfängen!» heisst es dann jeweils. Es gibt jedoch keine Alternative zur «Politik der kleinen Schritte» – ausser die des Stillstandes. Erst wenn sich ein kleiner Schritt bewährt hat, wagen die Menschen den nächsten. Und wenn er sich nicht bewährt, haben sie die Möglichkeit, die Notbremse zu ziehen. Das ist auch gut so. Deshalb ist der «Salamitaktik»-Vorwurf kein überzeugendes Argument. Und die Begründung «Das geht mir zuwenig weit» auch nicht.

(Bild von André Karwath)

Aus für die Zivi-Castingshow

1982 sah der Bundesrat bei diesem Szenario nicht weniger als «die demokratische Regierungsform» und «die Gemeinschaft als Ganzes in Gefahr» – für das Szenario eines Zivildienstes, zu dem jeder zugelassen wird, der bereit ist, die eineinhalbfache Dienstdauer zu leisten. Aus der bundesrätlichen Botschaft über die Volksinitiative «für einen echten Zivildienst auf der Grundlage des Tatbeweises»:

Die innere Verbundenheit von Bevölkerung und Armee, die in einem vielgestaltigen und föderativen Staatswesen wichtige Integrationswirkung und – im Falle eines Überganges zu einer Berufsarmee – der bis jetzt selbstverständliche Vorrang der zivilen Gewalt und die demokratische Regierungsform könnten als extreme Auswirkungen des freien Wahlrechtes in Mitleidenschaft gezogen werden.

Die individuelle Freiheit kann und darf nicht so weit getrieben werden, dass es möglich wird, sich der Teilnahme an der Landesverteidigung zu entziehen und dadurch die Gemeinschaft als Ganzes in Gefahr zu bringen.

Um dieser Gefahr vorzubeugen, wurde 14 Jahre später der Zivildienst mit einer Gewissensprüfung eingeführt. Oder, wie Piet Dörflinger sie in der aktuellen «Zivilcourage» treffend nennt: mit einer Castingshow. Denn: Ein Gewissen lässt sich nicht prüfen, ein Gewissenskonflikt lässt sich nicht beweisen. So wurde also 12 Jahre lang mit sehr viel Geld das Argumentationsgeschick der jungen Männer geprüft. Die ungeschicktesten 10 Prozent durften eine Einführung in Rekurs- und Rechtsverfahren geniessen und lernten so immerhin ein wenig fürs Leben, auch wenn sie das Friendship Ticket nicht erhielten und sie zum Militärdienst verdonnert wurden.

Nun, 26 Jahre nach der bundesrätlichen Botschaft, haben bis auf ein paar Ewiggestrige alle gemerkt, dass diese Castingshow die Gemeinschaft nicht rettet. Ab sofort kann man Zivildienstgesuche ohne «Gewissenskonfliktbeweis» einreichen. Schon erstaunlich, zu welchen Entwicklungen die Eidgenossenschaft in 26 Jahren fähig ist, nicht?

Tschau Zivildienst, ich werde dich vermissen

Ich habe letzte Woche meinen 390. Diensttag absolviert und somit meine Zivildienstpflicht erfüllt. Die zusätzlichen 130 Tage (gegenüber dem Militärdienst) und den Aufwand mit der Gesuchstellung und Anhörung habe ich nie bereut. Im Gegenteil: Ich schaue mit etwas Wehmut zurück auf tolle Erfahrungen.

Nie vergessen werde ich «les enfants de Massongex», die Kinder aus Afrika, die ich auf einer schwierigen medizinischen Reise ein Stück weit begleiten durfte, ihre unbändige Lebensfreude und ihr tapferes Ertragen ihres Schicksals.

Nie vergessen werde ich auch die Randständigen, die an der Molkenstrasse eine Bleibe gefunden haben, ihr Leben auf der Schattenseite der Wohlstansgesellschaft.

Nie vergessen werde ich auch die Jugendlichen, die sich zusammengefunden haben, um sich Gedanken um die Zukunft unseres Landes und des Planeten machten, engagiert diskutierten und nach Lösungen suchten.

Es waren tolle Einsätze, von denen ich immer überzeugt war, dass sie sinnvoll sind. Ich durfte meinen kleinen, bescheidenen Beitrag an das Gedeihen unseres Staates und der Welt beitragen. Das erfüllt mich mit Stolz. Ich wünschte mir, diese Möglichkeit stünde allen in der Schweiz wohnhaften Personen offen. Nachdem die «Gewissensprüfung» vereinfacht wurde, sollte man sie ganz abschaffen. Man sollte den Zivildienst auch Frauen und Ausländern zugänglich machen. Und man sollte den blauen Weg erschweren – oder die Dienstpflicht gleich richtig abschaffen.

Ich bin sicher, dass unsere Jugend solchen Ideen früher oder später zum Durchbruch verhelfen wird.